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  • BegegnungenBegeegegnungenBegeggegnungenBegegnegnungenBegegnungnungenBegegnungnungenBegegnungeeneungenBegegnungenngenBegegnungengenBegegnungenBegegnungenen BegegnungenenB

    Solidaritt

    Wir sind geboren, um gemeinsam zu leben. Und unsere Gesellschaft hnelt einem Gewlbe, in dem die Steine einander

    am Fallen hindern.Lucius Annaeus Seneca,

    ca. 4 v.Chr. 65 n.Chr. rmischer Philosoph und Schriftsteller

    August 2014

  • Begegnungen 2/2014 Inhalt

    EDITORIAL Renate Bhler 1SCHWERPUNKT Schwerpunkt: SOLIDARITT Was heisst Solidaritt? 3 Solidaritt 4 Solidaritt und Mystik 8 Die christlichen Wurzeln der Solidaritt 11 Solidaritt, ein Lernprozess 13 Einige Thesen zur Solidaritt zum Weiterdenken 15 Interna 16WETTBEWERB Rtselauflsung aus den Begegnungen 1/2014 LICHT 17

    Informationen vom LeuenbergTagungsort der reformierten Kirche4434 Hlstein/BL

    ImpressumRedaktion Renate BhlerGestaltung Schaub Medien AGDruck Schaub Medien AG, LiestalPapier naturweiss, Cyclus Offset 80gm2

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    Editorial

    Renate BhlerStudienleiterin Leuenberg

    Gehren Sie zum Kreis der 20 minuten- Le serinnen und Leser? Ich lese sie immer wieder gerne und finde berraschende Bei-trge. In der 20-minuten vom 12. Juni 2014 las ich z.B. von der Wettbewerbskampagne der Glckskette. Die Glckskette, die sich als Ausdruck der Solidaritt der Schweizer Bevlkerung versteht, lancierte den soge-nannten Solfie-Wettbewerb mit dem Ziel, Solidaritt als einen tragenden Wert unserer Gesellschaft herauszustellen. Dies ist auch erkennbar in ihrem neuen Motto Die solida-rische Schweiz und in ihrem berarbeiteten Logo: Zwei ineinander verschlungene S symbolisieren die solidarische Schweiz in Form von zwei Gliedern einer Kette:

    Der Solfie-Wettbewerb bestand darin, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr Selfie d.h. ihr digitales Selbstportrait mit einem Statement zur Solidaritt abga-ben. Die Angaben wurden von Leserinnen und Lesern von 20-minuten bewertet und auf diese Art und Weise eine Gewinnerin ermittelt. Fr diese bedeutet Solidaritt Untersttzung der rmeren und Akzeptanz der Herkunft, Hautfarbe oder Behinderung.Solidaritt war frher und ist gegenwrtig offensichtlich ein aktuelles Thema. So habe ich z.B. in den 80iger Jahren Solidaritt in den traditionellen Demonstrationen am Ersten Mai, dem Tag der Arbeit erlebt; er verstand sich als Kampftag der Arbeiter-bewegung. Im Kanton Basellandschaft ist es ein gesetzlich verankerter Feiertag. Aber nur ein immer geringer werdender Teil der Bevlkerung fhlt sich an diesem Tag aufge-rufen an Solidarittskundgebungen teilzu-nehmen. Der Ausdruck der Soli daritt be-schrnkt sich heute eher auf das Sammeln von Unterschriften, auf verbale Solidaritts-erklrungen oder auf das Spenden von Geld

    Liebe Leserinnen und Leser

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    an humanitre Hilfswerke oder Stiftungen wie die Glckskette. Handeln wir heute weniger solidarisch? Was bedeutet uns dieser ehemals wichtige Wert? Ist Solidaritt weiterhin ein tragender Wert in unserer Gesellschaft? Und was versteht man eigentlich genau unter Solidaritt?Der Leuenberg, Tagungsort der Reformier-ten Kirche Basellandschaft, wurde aufgrund des solidarischen Handelns vieler engagier-ter Menschen im Jahr 1945 als Verein ge-grndet. Seitdem stehen an diesem land-schaftlich wunderschn gelegenen Ort zwi-schenmenschliche Begegnungen im Vorder-grund. Nicht zuletzt aus diesem Grund trgt die Haus-Broschre des Leuenbergs den Namen Begegnungen. Auf dem Leuenberg sind die Menschen ge-meinsam unterwegs: in Seminaren oder Workshops, bei Vortrgen oder Tagungen, auf der Suche nach einem Mehr an Lebens-qualitt, beim Erleben von Spiritualitt, bei Diskussionen ber bestimmte Themen an einem Frytigobe uf em Leuebrg, oder wenn sie die Gastfreundschaft geniessen und Familienfeste in einem angenehmen Ambiente feiern. Der Leuenberg bietet also

    vielen Menschen die Mglichkeit, sich zu begegnen, zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen, sich gegenseitig zu helfen und zu untersttzen. Somit leistet der Leuenberg einen wichtigen Beitrag fr das soziale Leben und eine solidarische Gemeinschaft. Dies sind fr mich als Studienleiterin vom Leuenberg alles gute Grnde, um sich in die-ser Ausgabe von Begegnungen mit dem Thema Solidaritt zu beschftigen. Ich freue mich, Ihnen verschiedene Beitrge zum Thema Solidaritt zu prsentieren. So wird deutlich, dass Solidaritt ein weites Bedeutungsfeld umfasst. Die Beitrge sollen zum Nachdenken und zum Diskutieren an-regen. Gerne mchte ich Sie an dieser Stelle auf die diesem Heft beigelegte Selfie-Karte hin-weisen. Inspiriert durch den Solfie-Wett-bewerb der Glckskette bitte ich Sie, die Karte mit Ihren Angaben auszufllen. Schrei-ben Sie uns kurz, warum Sie sich mit dem Leuenberg solidarisch verbunden fhlen. Wenn Sie mgen, dann versehen Sie die Karte mit ihrem Selfie, d.h. mit einem Schnappschuss, welchen Sie von sich selbst vielleicht sogar auf dem Leuenberg auf-

    nehmen. Schicken Sie uns Ihr Selfie ent-weder per Post auf den Leuenberg oder bringen Sie es persnlich vorbei. Dann offerieren wir Ihnen als kleines Dankeschn einen Kaffee, Tee oder ein Erfrischungs-getrnk Ihrer Wahl. Alle Statements werden auf dem Leuenberg sichtbar aufgehngt. Am Sonntag, dem 28. September 2014 werden sie im Rahmen des Erntedankfestes auf dem Leuenberg gewrdigt. Ich bin gespannt auf Ihre Statements und freue mich ber Ihre aktive Teilnahme!

    Renate Bhler

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    EtymologieDer Begriff Solidaritt leitet sich her aus dem lateinischen Adjektiv solidus mit der Bedeutung fest, ganz, sicher gegrndet oder solidum, was mit fester Grund und Boden zu bersetzen ist. Seine sprachgeschichtlichen Wurzeln liegen im Bereich des rmischen Rechts. Der Aus-druck obligatio in solidum, wrtlich zu ber-setzen mit Schuld fr das Ganze, wurde im Rahmen des rmischen Schuldrechts verwen-det. Dieser Grundsatz im Sinne von einer fr alle und alle fr einen beinhaltete, dass die Mitglieder einer Gemeinschaft fr die Schul-den der ganzen Gemeinschaft aufzukommen hatten und ebenso natrlich die Gemein-schaft fr die Schulden einzelner Mitglieder einstehen musste.

    BegriffsgeschichteErst im 18. Jahrhundert wird der Begriff solida-rit in der franzsischen Sprache gebruchlich. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich von ei-nem juristischen Fachterminus zu einem poli-tisch-ethischen Leitbegriff. Im Kern beibehal-ten hat er den Verweis auf gegenseitige Unter-sttzung und Verantwortung und die Vorstel-lung von einer gerechten Ordnung.

    Zur politischen Parole wurde Solidaritt mit der entstehenden Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts und der Arbeiterbewegung nach 1848. Die schlechte soziale Lage auf-grund der verheerenden Arbeitsverhltnisse der Arbeiter in den Fabriken verlangte, sich gegenseitig zu untersttzen, zu helfen und freinander einzutreten. Solidaritt geschah in den Brderlden, die die Vorlufer der heutigen Sozialversicherungen bildeten. Der Begriff Solidaritt wurde zunchst als Syno-nym fr Brderlichkeit gebruchlich.Ebenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts ent-wickelte sich Solidaritt zu einem Sozialprinzip der christlichen Gesellschaftslehre und zum Zentralwert einer christlichen Lebenspraxis. Seither fordert Solidaritt die Anerkennung des anderen Menschen um seiner selbst willen, den Einsatz fr Gerechtigkeit, Wrde und Frieden fr alle Menschen. Solidaritt wird zu einem Verhltnis unter Gleichgesinnten, Gleichbetrof-fenen und Gleichgestellten. Solidaritt wird zur Basis im Humanisierungsprozess der Zeit.

    Emil Durkheim und seine SolidarittstheorieEmil Durkheim (18581917), einer der Grn-dungsvter der Soziologie, entwickelt in sei-

    Was heisst Solidaritt?Renate Bhler

    nem Buch ber die soziale Arbeitsteilung eine der ersten Solidarittstheorien und beein-flusst massgeblich die Bedeutung des Begriffs. Durkheim erkennt bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts, dass sich mit dem Wandel sozialer Strukturen auch die Solidarittsfor-men verndern. Solidaritt ist fr ihn eine der grundlegenden Existenzbedingungen einer Gesellschaft, da Individuen nur eine gesell-schaftliche Ordnung eingehen knnen, wenn sie sich gegenseitige Opfer bringen. Fr Durk-heim gilt die soziale Ordnung einer Gesell-schaft als das zentrale Problem in Bezug auf das Zusammenleben der Menschen. Es resul-tiert aus dem Spannungsverhltnis zwischen den individuellen Interessen und den gesell-schaftlichen Anforderungen.Durkheim erkennt aber nicht nur das Problem, sondern empfiehlt eine Lsung: Das Indivi-duum msse durch entsprechende Normen zu einem Handeln im Hinblick auf Ziele, die nicht seine Ziele sind, zu Konzessionen, zu Kom-promissen, zur Bercksichtigung hherer Inter-essen als seiner eigenen verpflichtet werden. Als Quellen dienten: Solidarit als interkultureller Lernprozess. Hrg.v. Albert Biesinger, Mnster 2015.Ulf Tranow, Das Konzept der Solidaritt, Wiesbaden 2012.

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    SolidarittAnnemarie Pieper

    Annemarie Pieper 1981 bis 2001 Professorin fr Philosophie an der Universitt Basel, Schwerpunkt Ethik

    Solidaritt eine menschliche Spezialitt?Solidaritt treffen wir nur beim Menschen an. Tiere verhalten sich nicht solidarisch. Das Rudel ist streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze steht das Alpha-Tier der Platz-hirsch zum Beispiel oder der Leitwolf. Das Alpha-Tier ist das strkste, dem alle anderen sich unterwerfen. Nun ist es keineswegs so, dass wir Menschen diese Form des animali-schen Miteinanders berwunden htten. Auch wir kennen rudel- oder herdenhnliche Grup-penbildungen. Hierarchien sind uns nicht fremd; sie sind allenthalben im Berufsleben, aber auch im Vereins- und Verbandswesen so-wie in Familienclans anzutreffen. Konzern-chefs, Generle, Prsidenten, Ppste, Patriar-chen usf. heissen unsere Alpha-Tiere, die er-warten, dass ihre Anordnungen von den ihnen Untergebenen umstandslos befolgt werden. Der Unterschied zu tierischen Populationen besteht darin, dass die menschlichen Alphas