solidarität 2/2016

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Magazin von Solidar Suisse

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  • Ausgabe Mai 2/2016

    Das Magazin von

    THEMABurkina Faso

    AKTUELLSchmutzige Pfannenin Schweizer Lden

  • Esther MaurerGeschftsleiterin Solidar Suisse

    2 EDITORIAL

    MEDIENSCHAU

    Liebe Leserin, lieber LeserHappy Birthday, Solidar Suisse! Mit 80 Jahren sind wir eines der ltesten Hilfswerke der Schweiz und stehen trotz Tradition und unvernderten Werten nach wie vor fr Dynamik, Erneuerung und Innovation. Es gibt aber keine Geburtstagsparty, kein Jubilumsfest, Bankett oder Memoirenbuch. Denn uns ist nicht zum Feiern: In Bern und in den Medien wird wchentlich die Wirkung der Entwicklungszusammenarbeit grundstzlich in Frage gestellt. Miss erfolge aus den Lndern des Sdens werden geschildert und liefern jenen Argumente, die seit jeher nach Grnden suchten, das eigene Portemonnaie nicht fr andere zu ffnen. So wird das Terrain von gewissen politischen Krften vorbereitet, um vom Grundsatzentscheid abzuweichen, den das Parlament vor fnf Jahren gefllt hat: dass sich die Schweiz als reiches Industrieland verpflichtet, schritt weise 0,5 % des BIP an die Benachteiligten in den rmsten Lndern zu entrichten. Und es zeichnet sich ab, dass das Parlament bis zum Erscheinen dieser Nummer in verantwortungsloser Weise drastische Sparmassnahmen in der Entwicklungszusammenarbeit verabschieden wird.

    Kein Zweifel: Es gibt sie, die weissen Elefanten und unverkennbaren Misserfolge. In der Entwicklungsarbeit, und auch in den Industrielndern. Aber ich frage mich, wovon auszugehen ist: Wenn wir es bis heute in der Schweiz nicht schaffen, die Lehrplne zu standardisieren weshalb glauben wir, dass dies in

    Westafrika innerhalb von drei oder fnf Jahren gemacht werden kann? Wenn Schweizer Berggemeinden absolut berdimensionierte Forststrassen bauen, nur weil sie mit Bundesgeldern gebaut werden knnen, weshalb wundern wir uns dann ber einen vollstndig fremdfinanzierten Wasserturm, der in SubsaharaAfrika am falschen Ort steht?Auch in der 80jhrigen Geschichte von Solidar gab es Misserfolge. Aber wir und unsere Partnerorganisationen lernten und lernen aus Fehlern. Auch das ist Entwicklung. Und das Gesamtresultat darf sich sehen lassen! Zum Beispiel in Burkina Faso.

    Wir freuen uns nicht ber unser Alter. Wir freuen uns ber unsere gemeinsame Geschichte, unsere gemeinsamen Werte, unser gemeinsames Engagement. Wir freuen uns ber Ihre Treue und Verbundenheit.

    Esther Maurer

    16.3.2016ber 22 Millionen Franken fr Wiederaufbau in NepalEin Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal ist der Wiederaufbau in vollem Gange. Die drei Schweizer Hilfswerke Caritas, Helvetas und Solidar Suisse haben sich fr zahlreiche Projekte zusammengeschlossen und knnen gegenwrtig 22,3 Millionen Franken einsetzen. Das Geld wird hauptschlich fr den Bau von erdbebensicheren Wohn und Schulhusern verwendet, wie aus einer Mitteilung von gestern hervorgeht.

    27.1.2016Schmutzige Pfannen Endlose berzeit, miserable Sozialleistungen, ungengende Schutzkleidung: Unter solchen Bedingungen produzieren Arbeiter in China Pfannen auch fr den Schweizer Markt. () Die Organisationen China Labor Watch und Solidar Suisse haben letztes Jahr whrend zweier Monate in chinesischen Fabriken die Arbeitsbedin gungen recherchiert. Darunter in fnf Fabriken in der Provinz Guangdong. Die Pfannen aus den kritisierten Fabriken () sind Produkte von Ikea, WMF und Greenpan. Alle Schweizer Hndler versichern, die Kritik ernst zu nehmen.

    17.2.2016Hilfswerk zeigt falschen BlatterDas Hilfswerk Solidar Suisse hat gestern vier Videos verffentlicht, in denen Sepp Blatter (79) als Figur auftritt. Darin spricht sich der gesperrte FifaPrsident fr Scheich Salman als seinen Nachfolger aus: Er kann die FifaKritiker fr immer zum Schweigen bringen. () Der Walliser wird von Walter Andreas Mller parodiert. Die Verffentlichung verbindet das Hilfswerk mit dem Aufruf, einen Brief an den knftigen FifaPrsidenten zu unterzeichnen, in dem dieser aufgefordert wird, sich um faire Arbeitsbedingungen fr jene zu kmmern, die die WMStadien in Russland und Katar bauen.

  • Herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zrich, Tel. 044 444 19 19, EMail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 801881 Mitglied des europischen Netzwerks SolidarRedaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Rosanna Clarelli, Eva Geel, Lionel Frei, Cyrill Rogger

    Layout: Binkert Partner, www.binkertpartner.ch / Spinas Civil Voicesbersetzungen: Evelyne Carrel, Petra Varilek und JeanFranois ZurbriggenKorrektorat: Jeannine Horni, Catherine VallatDruck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 SchaffhausenErscheint vierteljhrlich, Auflage: 37 000

    Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 70., Organisationen mindestens Fr. 250. pro Jahr). Gedruckt auf umweltfreundlichem RecyclingPapier.Titelbild: Eine Burkinab beim Besuch des Alphabetisierungskurses. Foto: Andreas Schwaiger. Rckseite: Senden Sie uns Ihre Erinnerungsfotos! Fotos: Solidar

    IMPRESSUM

    AKTUELL Exzessive berstunden, Akkordlhne, mangelnder Arbeitsschutz: Unsere Pfannen werden hufig unter unwrdigen Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken hergestellt.

    THEMAAnalphabetismus, Jugend arbeitslosigkeit, Klimawandel und eine aktive Zivilgesellschaft prgen die vielfltige Realitt Burkina Fasos. 4

    THEMA Burkina Faso 4 Burkina Faso: Entdecken Sie ein facettenreiches Land 6 Landwirtschaftliche Techniken helfen im Kampf gegen Erosion und die Auswirkungen des Klimawandels 8 AKTUELL Das Leiterlispiel zu 80 Jahren Solidar Suisse 10 Die Schweiz droht die Chance zu verpassen, faire Beschaffung gesetzlich zu verankern 13 Nepal: Ein Jahr nach dem Erdbeben hat der Wiederaufbau begonnen 15 SolidarReport deckt auf: Schweizer Pfannen werden oft unter miserablen Bedingungen in chinesischen Fabriken produziert 17 EINBLICK Die 23jhrige Burkinab Abzeta Koana hat eine Ausbildung als Spenglerin gemacht und will ihr eigenes Geschft grnden 18 KOLUMNE 9 NOTIZEN 12 & 16 PINGPONG 14

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  • 4Viele Kinder in Burkina Faso mssen arbeiten, um ihre Eltern zu untersttzen zum Beispiel als Kuhhirten.

  • THEMA

    BURKINA FASOBurkina Faso ist eines der rmsten Lnder der Welt. Mehr als die Hlfte der Menschen sind AnalphabetInnen, viele Kinder verlassen die Schule bereits nach wenigen Jahren. Kinderarbeit ist weit verbreitet in den Goldminen, auf den Strassen Ouagadougous, auf den Feldern. Die Jugend arbeitslosigkeit ist hoch. Zudem bedroht der Klimawandel insbesondere jene 80 Prozent der Bevlkerung, die von der Landwirtschaft leben. Trotz dieser Schwierigkeiten haben die Burkinab in den letzten eineinhalb Jahren unblutig ein autokratisches Regime gestrzt und demokratisch einen Prsidenten gewhlt. Entdecken Sie das facetten reiche Land, in dem Solidar Suisse seit mehr als 40 Jahren aktiv ist. Foto: Jrg Gasser

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  • 6Thomas Sankara, Prsident von 1983 bis 1987, gab dem damaligen Obervolta den Namen Land der Aufrechten (siehe Solidaritt 3/15). Diesem stolzen Titel wurden die Burkinab in den letzten eineinhalb Jahren mehr als gerecht: Im Oktober 2014 verjagten sie Prsident Blaise Compaor, weil er sich nach 27 Jahren autokratischem Regime mit einer Verfassungsnderung im Amt halten wollte. Nach einem Putschversuch im letzten September versammelten sich

    die Menschen sofort in der Hauptstadt und die Ruecratie die Macht der Strasse verbreitete sich in Windeseile im ganzen Land. Sogar die rmsten KleinhndlerInnen, fr deren entgangene Einknfte niemand aufkommt, beteiligten sich am Generalstreik. Nach einer Woche Protest und Unsicherheit war der Spuk vorbei das Land kehrte zu einer zivilen Regierung zurck und erkor im November 2015 in einer demokratischen Wahl Roch Marc Kabor zum neuen

    Prsidenten. All dies ist Ausdruck einer Kultur von zivilem Ungehorsam und hohem moralischen Anspruch an die Politik. Die grosse Siegerin dieser Wahlen ist die Demokratie. Man muss die Reife der burkinischen Bevlkerung loben, resmiert SolidarLandeskoordinator Dieudonn Zaongo. Solidar Suisse hat zur Beteiligung in den Gemeinden beigetragen, indem die Bevlkerung informiert und ermutigt wurde, sich ins Wahlregister einzutragen. Im Vergleich zu 2012 hat

    Armut, hohe AnalphabetInnenrate und eine Zivil gesellschaft, die erfolgreich fr ihre Rechte kmpft: Burkina Faso ist ein Land mit vielen Widersprchen.Text: Katja Schurter, Foto: Ricus Jacometti

    RUECRATIE IM LAND DER AUFRECHTEN

    Ein Mdchen beim Schul unterricht in ihrer Muttersprache in Burkina Faso keine Selbstverstndlichkeit.

    Burkina Faso

  • sich die Zahl der registrierten WhlerInnen im Plateau Centrale um 27 Prozent erhht.

    Ein Schulunterricht, den die Kinder verstehenBurkina Faso ist eines der rmsten Lnder der Welt. Mehr als die Hlfte der Bevlkerung lebt von weniger als 1,25 Dollar

    pro Tag und 65 Prozent sind AnalphabetInnen. Das Problem: Die meisten Schulkinder verstehen die offizielle Schulsprache nicht. Denn obwohl in Burkina Faso 49 verschiedene Sprachen gesprochen werden, findet der Schulunterricht meist auf Franzsisch statt in der alten Kolonialsprache. Um dies zu ndern, hat Solidar Suisse 1994 die mehrsprachi ge Bildung initiiert, in der parallel in einer Landessprache und in Franzsisch unterrichtet wird. Eine Erfolgsgeschichte: Die Resultate der ersten Pilotprojekte waren so positiv, dass Solidar das Modell von der Primarschule auf Kindergarten und Sekundarschule ausweitete und im ganzen Land verbreitete. 2007 wurde die mehrsprachige Grundbildung im burkinischen Bildungsgesetz verankert. Dieses SolidarBildungsprojekt gilt als einer der erfolgreichsten Reformanstze im afrikanischen Kontext. Der Durchbruch steht nun kurz bevor. Zwar haben bis Ende 2015 erst 220 ffentliche Primarschulen,

    das heisst zwei Prozent, die mehrsprachige Bildung bernommen. Doch mi