solidarität 2/2014

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Solidar Suisse

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  • Ausgabe Mai 2/2014

    Das Magazin von

    themaFr eine faire WMPaKIStaNKinderarbeit

  • Esther MaurerGeschftsleiterin Solidar Suisse

    2 EDITORIAL

    MEDIEnschAu

    Liebe Leserin, lieber Leser, Allen Unkenrufen zum Trotz habe ich mir whrend einiger Mona-te vorgestellt, dass ich im Februar nach Brasilien fliege und dort in einer Mediationsrolle den Fifa-Prsidenten himself an einen Tisch bringe mit den brasilianischen Interessenverbnden der StrassenverkuferInnen und den Comi-tes Populares der WM-Austragungsstd-te. Ob ich denn tatschlich so naiv sein konnte, werden Sie sich nun fragen

    Nun, ich hatte im Oktober 2013 die Zusa-ge von Sepp Blatter erhalten, dass er per-snlich an einem solchen Runden Tisch teilnehmen und gemeinsam mit mir die Medienkonferenz in Brasilien durchfhren wrde, an der man bekannt geben knnte, dass mit den genannten Organisationen eine Einigung zu deren Anliegen erreicht wurde. Wir hatten Stillschweigen verein-bart, denn wir wussten, dass ein solches Treffen nur dann stattfinden und zu einem guten Resultat fhren kann, wenn die Medien nicht mitmischen, Druck machen und jeden Schritt kommentieren. Ich habe mich ans Stillschweigen gehalten, selbst dann noch, als im Januar 2014 die Absage des Fifa-Prsidenten kam. Und als ich am 18. Mrz gemeinsam mit der internationalen Bau- und Holz-

    gewerkschaft BHI bei der Fifa zum Gesprch ber die menschen-verachtenden Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter in Qatar einge-laden war, glaubte ich einen Silberstreifen am Horizont zu erkennen, weil der Fifa-Prsident mit Theo Zwanziger einen Delegierten fr

    Menschenrechtsfragen eingesetzt hatte, der uns allen glaubwrdig erschien. Seine Positionen klangen durchdacht, und wir hofften, dass man ihm Handlungskompe-tenzen einrumen wrde. Doch nur zwei Tage spter wurden wir eines Besseren belehrt: Die Medienmitteilung zum Meeting des Fifa-Executive-Commitee, bei dem der Bericht zur Menschenrechtssituation in Qatar behandelt wurde, war wieder ganz im bekannten Fifa-Stil: Alles ist bestens dank Fussball und Fifa, und wo dies nicht der Fall ist, sollen es Politik und Wirtschaft richten!

    Ja, es war naiv, an eine nderung zu glauben. Aber es soll mich nicht daran hindern, weiterhin dafr einzustehen, dass Giga-Fussballevents, ob in Russland, Brasili-en oder Qatar, nur noch stattfinden drfen, wenn die Fifa ihre soziale und kologische Verantwortung wahrnimmt, und nicht nur ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzt. Nachhaltige Entwicklung eben! Esther Maurer

    6.3.2014Mit der Bevlkerung vor OrtEin Steuerprozent wendet die Stadt Ill-nau-Effretikon jhrlich fr Entwicklungs-hilfe auf. () Nicht zuletzt auch wegen der guten Projektauswahl findet die Ent-wicklungszusammenarbeit von Illnau-Ef-fretikon nationale Beachtung. Solidar Suisse, das frhere Schweizerische Ar-beiterhilfswerk, verlieh der Gemeinde sehr gute Noten. Die Non-Profit-Organi-sation bewertete vergangenes Jahr das soziale Engagement von 88 Schweizer Gemeinden und Stdten. () Die Ge-samtschweiz gibt im Vergleich wenig Geld fr Entwicklungshilfe aus.

    12.3.2014Zara muss wegen Lohndumping 450 000 Franken bereitstellenAuf der Zara-Baustelle an der Bahnhof-strasse wird wieder gearbeitet. Unia und der Textilriese Inditex haben den Arbeits-konflikt beendet. () Goa Invest ber-nimmt die Verantwortung fr Subunter-nehmen, stellt die Einhaltung der geltenden Vertrge fr die gesamte Bau-dauer sicher und richtet ein Sperrkonto fr offene Lohnnachzahlungen ein. () Die Firma Goa Invest will als Zeichen ihrer sozialen Verantwortung eine Spende von 150 000 Franken leisten. Unia hat dafr das Hilfswerk Solidar vorgeschlagen.

    15.2.2014Mehr solidaritt mglichIn einer Interpellation will Gemeinderat Simon Jacoby (SP) vom Stadtrat wissen, ob dieser sich im Gemeinderating der so-lidarischen Stdte verbessern will. Dieses fhrte die Organisation Solidar Suisse ein. () Im letzten Rating erreichte Adlis-wil 27,5 von 100 mglichen Punkten. Deshalb bittet Jacoby den Stadtrat um die Beantwortung folgender Fragen: Wie beurteilt der Stadtrat das Resultat? Was wurde unternommen, um das globale Verantwortungsbewusstsein zu verbes-sern? Rechnet der Stadtrat damit, das nchste Mal besser abzuschneiden?

  • herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zrich, Tel. 044 444 19 19, E-Mail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 80-188-1 Mitglied des europischen Netzwerks SolidarRedaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Rosanna Clarelli, Eva Geel, Alexandre Marithoz, Cyrill Rogger

    Layout: Binkert Partner, www.binkertpartner.ch / Spinas Civil Voicesbersetzungen: Milena Hrdina, Interserv SA Lausanne, Jean-Franois ZurbriggenKorrektorat: Jeannine Horni, Milena HrdinaDruck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 SchaffhausenErscheint vierteljhrlich, Auflage: 37 000

    Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 50.,Organisationen mindestens Fr. 250. pro Jahr).Gedruckt auf umweltfreundlichem Recycling-Papier.

    Titelbild: Die Fifa macht Druck, das Tempo auf den Baustellen fr die Fussball-WM in Brasilien zu erhhen: Unflle sind vorprogrammiert. Foto: Ueslei Marcelino. Rckseite: Schluss mit den Fouls der Fifa fr eine faire WM. Foto: Enrique Marcaian.

    AKTuELL Viele Kinder in Pakistan mssen arbeiten, damit ihre Eltern ber die Runden kommen. Ein Solidar-Projekt will dafr sorgen, dass sie trotzdem eine Ausbildung bekommen. 14

    EInBLIcKIn Sdafrika ist die Situation von Arbeiterinnen speziell prekr. Trotzdem opfern die Gewerkschaften Frauenanlie-gen hufig als Erstes. Dagegen kmpft Mary Nxumalo. 19

    KuLTuRELL Mit der Verbindung von Sport, Kultur und Prvention bietet der Club Unidos venceremos Jugendlichen eine Perspektive.

    12

    ThEMADie Fifa foutiert sich um ihre Verantwortung zur Wahrung von Arbeits- und Menschen-rechten rund um Fussball-Weltmeisterschaften. Solidar bleibt dran. 4

    IMPREssuM

    3

    ThEMA (Un)faire Fussball-Weltmeister-schaften 4 WM von Sdafrika bis Qatar: Wenige profitieren, die Zeche bezahlt die Bevlkerung 6 Brasilien: Vertreibungen im Vorfeld der WM bedrohen die Existenz der Strassenhndle rInnen 8 sTAnDPunKT Stefan Grass: Knnen Sport-Gross-veranstaltungen bald nur noch in Diktaturen durchgefhrt werden? 11 KuLTuRELL Moambique: Ein Solidar-Projekt zeigt, was Sport abseits von Gigan-tismus und Profit bewirken kann 12 AKTuELL In Pakistan arbeiten 12 Millionen Kinder statt zur Schule zu gehen: Perspektivlosigkeit ist die Folge 14 KOLuMnE 13 PInGPOnG 16 nETZWERK News aus den SAH-Vereinen 17 EInBLIcK Sdafrika: Mary Nxumalo kmpft dafr, dass sich ihre Gewerkschaft fr die Anliegen von Arbeiter innen einsetzt 18

  • 4

  • 5Ob fr die WM in Sdafrika 2010 oder in Brasilien 2014: Die Arbeitsbedingungen auf den Stadionbaustellen sind hufig prekr.ThEMA

    Solidar Suisse kmpft seit Jahren gegen Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen rund um die Fussball-Weltmeister-schaften. Sei es in Sdafrika, Brasilien oder im Hinblick auf Russland und Qatar. Bis anhin foutiert sich die Fifa um ihre Verantwortung. Gleichzeitig werden sportliche Grossanlsse immer gigantischer ebenso die Profite von Fifa, Grossinve s-toren und Sponsorinnen. Den Austragungslndern und ihren Bevlkerungen hingegen bleiben lediglich Verluste. Wie sieht die Situation in Brasilien vor dem Anpfiff aus? Werden Mega- Sportanlsse bald nur noch in Diktaturen durchgefhrt? Hat das Engagement von Solidar in Sdafrika etwas bewirkt? Lesen Sie mehr dazu auf den nchsten Seiten.Foto: Joachim Merz

    FaIReWm

  • die Fussball-WM 2022 gar weit ber 100 Mrd. investieren.

    Verluste fr die ffentliche hand, Gewinne fr die FifaVolkswirtschaftlich knnen diese Gross-ereignisse niemals halten, was die Aus-tragungslnder sich und der Bevlkerung versprechen. Die Kosten fr die sdafri-kanische Regierung waren um ein Vielfa-ches hher als geplant. Fr die ffentli-che Hand resultierte ein Netto-Verlust von 2,8 Mrd. Franken, den die Steuerzah-lerInnen begleichen mssen. Errungen-schaften wie neue Arbeitspltze, bessere Wohnungen oder Spitler hingegen blie-ben keine zurck. Geschweige denn we-niger Armut und soziale Ungleichheit. Die Fifa hingegen strich 2,35 Mrd. Ge-winn ein, die beteiligten Bauunternehmen

    35 Mrd. Schweizer Franken investiert die ffentliche Hand laut einer eher konservativen Schtzung des brasiliani-schen Senats fr die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016: in Stadien, Strassen, Flughfen und die Rumung unansehnlicher Favelas in der Nhe der Spielsttten. Eine auch fr ein boomendes Schwellenland wie Brasili-en nicht einfach aufzubringende Sum-me. Und sie bersteigt die gesamten Kosten der drei letzten Fuss ball -Weltmeister schaften in Sdkorea/Ja-pan, Deutschland und Sdafrika. Inter-nationale Sportanlsse werden immer gigantischer und teurer: Die Olympi-schen Winterspiele 2014 in Sotschi liess sich Putin rund 50 Mrd. Franken kosten genaue Zahlen sind nicht be-kannt. Das Wstenemirat Qatar wird fr

    1,4 Mrd. Solidar hat sich bereits im Vorfeld der WM in Sdafrika 2010 fr faire Ar-beitsbedingungen auf den Stadionbau-stellen, gegen Vertreibungen und fr die Einhaltung der Menschenrechte einge-setzt. Einerseits mit einer Petition an die Fifa, andererseits in Zusammenarbeit mit sdafrikanischen Gewerkschaften. Auch vor der WM in Brasilien forderte Solidar die Fifa mit diversen Aktionen auf, fr eine faire WM zu sorgen. Denn es zeichnet sich dasselbe Debakel ab wie in Sdafrika. Auf Druck der Fifa hatte der brasilianische Fiskus dem Fussballverband massive Steuergeschenke gemacht. Der Verlust fr den Staat betrgt, vorsichtig geschtzt, rund 750 Mio. Franken. Ausserdem wur-den Favela-BewohnerInnen vertrieben und StrassenhndlerInnen ihre Existenz-grundlage entzogen (siehe Artikel S. 8).

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    SPoRteReIgNISSe: ImmeR gRSSeR, teuReR, uNFaIReR? Ob in Sdafrika, Brasil