solidarität 4/15

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Magazin von Solidar Suisse

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  • Ausgabe November 4/2015

    Das Magazin von

    THEMAArbeitsmigration

    AKTUELLFlchtlingskrise

  • Esther MaurerGeschftsleiterin Solidar Suisse

    2 EDITORIAL

    MEDIENSCHAU

    Liebe Leserin, lieber Leser, Der Flughafen von Beirut ist wie jeder andere einer grsseren Stadt: erfllt von Geschftigkeit und Kommerz. Nichts weist darauf hin, dass wir in einem Land angekommen sind, in dem jeder vierte Mensch ein Flchtling ist. Libanon ist ein Land mit mittlerem Durchschnittseinkommen und auch auf dem Weg in unser Einsatzgebiet im Sden sind wir nicht mit unbersehbarer Armut konfrontiert. Wo also sind die 1,2 Millionen Menschen, die ihre Heimat Syrien verlassen haben und nun als Flchtlinge im Libanon leben?Flchtlingslager fr SyrerInnen sind offiziell verboten. Im Sden leben ganze Grossfamilien auf engstem Raum in Garagen, Htten, Hinterhfen. Solidar finanziert die Ausstattung von Rohbauten, um sie fr Flchtlingsfamilien bewohnbar zu machen, im Gegenzug knnen diese ein Jahr lang mietfrei dort wohnen (siehe Seite 17). Die zustzliche Untersttzung aus dem World Food Programme ist in den letzten Monaten massiv gekrzt worden: von 27 Dollar pro Person und Monat auf 13 Dollar fr hchstens fnf Mitglieder pro Familie. Deutlich zu wenig, um Hunger zu vermeiden.

    Man sieht die syrischen Flchtlinge nicht auf den ersten Blick und auch nicht auf den zweiten: Teilweise sind sie seit drei oder vier Jahren auf der Flucht, zuerst innerhalb von Syrien, und nun in den Nachbarlndern. Sie haben gelernt, sich unsichtbar zu machen. Und sie sind zutiefst in ihrem Stolz verletzt, da

    sie ohne Untersttzung nicht berleben knnten. In Syrien bleibt ihnen nichts als ihre Erinnerungen. Und auf die Frage, ob sie eines Tages zurckkehren wollen, gibt es unterschiedliche Reaktionen: Jene, die Todesopfer zu beklagen haben, sagen nicht viel und schlucken Trnen hinunter. Hier wie dort ist ihre Situation ohne jede Perspektive. Angehrige des Mittelstandes hingegen, die von der Hilfe abhngig sind, weil sie im Libanon nicht arbeiten drfen, mchten auf jeden Fall zurck in ihr frheres Leben.

    Rund 250 000 syrische Flchtlinge sind unterwegs nach Europa oder bereits hier angekommen. Vier Millionen hingegen leben in den Nachbarlndern Syriens. Vergessen wir diese Relationen nicht, wenn wir in der Schweiz von einer Flchtlingskrise sprechen! Esther Maurer

    6.9.2015Vor Ort helfenVerschiedene Schweizer Hilfswerke sind in den Nachbarlndern Syriens ttig, wo immer noch Millionen von Flchtlingen aus dem Kriegsgebiet in unterversorgten Lagern ausharren. Engagiert sind hier unter anderem die Caritas, Solidar Suisse oder das evangelische Hilfswerk HEKS. () Die Glckskette sammelt ebenfalls fr Flchtlinge. Mit dem gesammelten Geld untersttzt sie Schweizer Hilfswerke, die in den Nachbarlndern Syriens und entlang der Fluchtrouten helfen. Spenden sind ber die Homepages verschiedener Hilfswerke mglich.

    12.7.2015Verfall des Rubels verteuert die WM fr RusslandDie Fifa knpft die WMVergaben an Garantien. So musste Russland zusichern, dass das Arbeitsgesetz vor und whrend der WM flexibel gehandhabt wrde. () Durch den Kurszerfall sind die Lhne der Wanderarbeiter so stark gesunken, dass viele nach Neujahr nicht mehr auf die Baustellen zurck kehrten. Nun knnten Strafgefangene die Lcken fllen. Solidar Suisse verlangt von der Fifa, auf die Garantien zu verzichten, denn es ist eine Steilvorlage fr die WMAustragungslnder, die Rechte der Arbeiter zu verletzen, sagt Eva Geel von Solidar Suisse.

    4.9.2015Der Impact-Check der WerbewocheDie Redaktion hat fnf Filme ausgewhlt, die in den letzten Wochen hufig am Bildschirm zu sehen waren. () Bei der Befragung wurde getestet, wie gut die TVSpots erinnert werden (Awareness) und wie sie hinsichtlich der zentralen Eigenschaften Gefllt mir (Likeability), Hebt sich von anderen TVWerbungen ab (Uniqueness) und Passt zu meinem Bild von diesem Absender (Brand Fit) auf einer sechsstufigen Skala abschneiden. () Der Spot fr Solidar Suisse gefllt den Befragten mit 14,9 % verhltnismssig gut (Likeability). Awareness 51,0 %, Uniqueness 12,0 %, Brand Fit 9,2 %.

  • Herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zrich, Tel. 044 444 19 19, EMail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 801881 Mitglied des europischen Netzwerks SolidarRedaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Rosanna Clarelli, Eva Geel, Lionel Frei, Cyrill Rogger

    Layout: Binkert Partner, www.binkertpartner.ch / Spinas Civil Voicesbersetzungen: Ursula Gaillard, JeanFranois ZurbriggenKorrektorat: Jeannine Horni, Milena HrdinaDruck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 SchaffhausenErscheint vierteljhrlich, Auflage: 37 000

    Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 70., Organisationen mindestens Fr. 250. pro Jahr). Gedruckt auf umweltfreundlichem RecyclingPapier.Titelbild: Auslndische Arbeiter in ihrer Unterkunft in Doha, Qatar. Foto: Stringer. Rckseite: Mit dem Kauf einer SolidarGeschenkkarte untersttzen Sie unsere weltweiten Entwicklungsprogramme.

    IMPRESSUM

    AKTUELL Auch nach vier Jahren zeichnet sich kein Ende des Kriegs in Syrien ab. Die Flchtlinge sind auf unsere Untersttzung angewiesen.

    THEMAArbeitsmigrantInnen sind hufig wenig willkommen, obwohl sie zum Wirtschaftswachstum beitragen. Ihre Arbeitsbedingungen sind prekr, mit dem geringen Lohn mssen sie die Familie zuhause ernhren. 4

    THEMA Arbeitsmigration 4 Die Hoffnungen von ArbeitsmigrantInnen auf ein besseres Leben zerschlagen sich allzu oft 6 Gefhrliche Arbeitsbedingungen machen ArbeiterInnen in China krank. Entschdigung erhalten sie kaum 8 Von Vermittlungsagenturen bers Ohr gehauen: Srilankische MigrantInnen im Nahen Osten 10 Der amerikanische Traum vieler Menschen aus El Salvador erfllt sich nicht 13 SansPapiers in der Schweiz arbeiten viel und leben unter prekren Bedingungen 15 AKTUELL Die Schweiz muss mehr tun: Die syrischen Flchtlinge brauchen unsere Untersttzung 17 EINBLICK Die Perspektiven von Jugendlichen in Bosnien und Herzegowina sind dster: Samir engagiert sich, anstatt wegzugehen 18 KOLUMNE 9 NOTIZEN 12 & 16 PINGPONG 14 NETZWERK 14

    17

  • 4ARBEITS- MIGRATIONOb aus El Salvador, Sri Lanka oder Nicaragua, ob in Qatar, China oder in der Schweiz: Seit jeher suchen Menschen in anderen Lndern ein besseres Leben. Und wer wrde bei uns die Kinder betreuen und die Alten pflegen, wenn es keine auslndischen Arbeitskrfte gbe? Wer produzierte in den Fabriken der Multis in China, wenn nicht die Wander arbeiterInnen vom Land? Doch ArbeitsmigrantInnen arbeiten hufig unter prekren Bedingungen, sie leben in stndiger Angst vor Aus schaffung, und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben zerschlgt sich allzu oft. Foto: Joshua Lott

  • THEMA

    5Eine Puppe hngt am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA.

  • 6Das Ganze ist eine Blackbox: Niemand weiss, wie viele auslndische ArbeiterInnen es weltweit gibt. Auch die UNO kann nur eine allgemeine Schtzung machen und beziffert die Anzahl aller MigrantInnen auf rund 232 Millionen. Dazu gehren aber nicht nur legale und illegale Arbeitskrfte, sondern auch Asylsuchende, FamiliennachzgerInnen und Kinder auf der Flucht.

    Angst vor AusschaffungWie die Gesamtzahl der ArbeitsmigrantInnen, ist auch ihre Realitt nicht einfach zu fassen: Whrend sich hierzulande englischsprachige Expats auf Internet

    foren Tipps zu Steuerfragen und Recycling geben, frchten sich zimbabwische ArbeiterInnen in Sdafrika vor Ausweisung und Gewalt. Beispielsweise Benhilda Masarirambi. Sie ist Haus angestellte in Kapstadt. Die sdafrikanischen Behrden verweigerten ihr die Erneuerung der Arbeitserlaubnis, nachdem sie ihre alte bei einem Autounfall verloren hatte. Seit dem Nein der Behrden lebt sie in stndiger Angst, dass sie ausgeschafft wird. Und sie frchtet sich mit gutem Grund: Die behrdliche Willkr ist gross, und

    auch fremdenfeindliche Gewaltausbrche sorgen in Sdafrika immer wieder fr Schlagzeilen. Viele ArbeitsmigrantInnen leben in solch unsicheren Verhltnissen auch in der Schweiz (siehe Seite 15). Die UNOKommission zum Schutz von Arbeits migrantInnen hat festgestellt, dass diese besonders hufig Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung ausgesetzt sind. Probleme haben Arbeitskrfte aber auch, wenn sie im ei

    genen Land wandern: In China beispielsweise reisen die ArbeiterInnen schnell mal 2000 Kilometer in eine grosse Stadt in einer anderen Provinz, um Arbeit zu finden, da sie in ihrem kleinen Dorf nicht berleben knnen und wenn sie auf

    Ein Mann am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA, nachdem er

    ausgeschafft wurde.

    ArbeitsmigrantInnen nehmen gefahrvolle Wege auf sich, sind von Ausbeutung bedroht und hufig Diskriminierung ausgesetzt. Text: Eva Geel, Foto: BBC Worldservice

    VOM REGEN IN DIE TRAUFE

    ArbeitsmigrantInnen sind ein Jungbrunnen fr lter werdende Gesellschaften.

  • 7THEMA 7

    grund von schdlichen Arbeitsbedingungen krank werden, erhalten sie weder Behandlung noch Kompensation (siehe Seite 8).

    Hoffnung auf ein besseres LebenAuslndische Arbeitnehmende hoffen bei ihrer Ausreise vor allem auf eines: bessere Perspektiven als zu Hause, hhere Lhne und die Mglichkeit, die Familie zu ernhren. Sie schicken denn auch einen guten Teil des auswrts verdienten Lohnes zu ihren Familien. Diese

    sogenannten Rimessen machen heute bei klassischen Auswanderungsstaaten einen wesentlichen Teil der Volkswirtschaft aus, im Extremfall wie in Tadschikistan sogar 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts (siehe Grafik). Die Entsendestaaten profitieren durch diese Devisen vom Zugang zu interna tionalen Kapitalmrkten und von besseren Bildungs und Entwicklungsmglichkeiten im Land. Doch vielfach wandern dabei auch gleich die besten Krfte ins Ausland ab. Davon wiederum profitieren die Empfngerl