solidarität 3/11

Download Solidarität 3/11

Post on 28-Mar-2016

217 views

Category:

Documents

4 download

Embed Size (px)

DESCRIPTION

Magazin von Solidar Suisse

TRANSCRIPT

  • Ausgabe September 3/2011

    Das Magazin von

    themaArbeitsrechte frHausangestellteBURKINa FaSOZweisprachige Bildung fr alle

  • Medienschau

    4.6.2011Petition gegen Fifa-steuerprivilegienDer Weltfussballverband Fifa soll nicht mehr von Steuerprivilegien profitieren drfen. Dies fordern die Juso Schweiz und das Hilfswerk Solidar Suisse in einer gemeinsamen Petition. () Angesichts der Korruptionsskandale, Bestechungs-vorwrfe und der Ignoranz gegenber von Menschenrechten sei es nicht mehr zu rechtfertigen, die Fifa als gemeinntzi-ge Organisation zu privilegieren. ()

    14.6.2011Zrich am fairsten und solidarischsten () Die Stdte Zrich und Genf stecken gemessen am Steuerertrag am meis-ten Geld in Projekte der Entwicklungshil-fe und kaufen am fairsten ein. Das zeigt eine Studie von Solidar Suisse, die 88 Schweizer Gemeinden untersucht hat. Auf dem letzten Platz liegt Kniz BE.Die Zrcher Stadtprsidentin Corine Mauch freut sich ber die gute Bewer-tung: Solidaritt ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung fr das gute Zusammenleben in einer Gesellschaft. Doch nicht nur grosse Stdte liegen im Ranking vorne. Die Urner Gemeinde Alt-dorf etwa mischt im oberen Drittel mit. ()

    25.5.2011die Regierung verschliesst die augenSeit 1984 untersttzt Solidar Suisse Projekte in Mosambik. Angestrebte Ziele sind unter anderem die Strkung von Ba-sis- und Gemeindeorganisationen fr eine aktive Partizipation (). Jorge Lampiao () schickt seine Mitar-beiter in die lndlichen Regionen, um dort vor Ort mit den Menschen in den Drfern in Kontakt zu treten und ihnen im Grundsatz ihre Rechte klarzumachen und ihnen zu zeigen, wie sie fr ihre Rechte einstehen sollen. Das Schwieri-ge dabei ist die Tatsache, dass so ein Umdenken nicht von heute auf morgen geschieht. Es ist ein langwieriger Pro-zess, der Geduld verlangt. ()

    Liebe Leserin, lieber Leser, Bestimmt hatten Sie schon mit der guten Seele in der Kche, der Putzfee im Haus zu tun: Die Rede ist von Frauen, die in unseren Haushalten bezahlte Arbeit leisten und manchmal gar ein bisschen zur Familie gehren. Andererseits lesen wir gele-gentlich von Situationen, wo Hausange-stellte in vlliger Abhngigkeit von ihren ArbeitgeberInnen leben bis hin zu skla-venhnlichen Zustnden.

    Das Gemeinsame daran: Es hngt allein von der Moral und dem Willen der Arbeit-gebenden ab, wie sie ihre Hausange-stellten behandeln. Die meisten sind Frauen und sehr oft Migrantinnen. Vielen werden Arbeitsrechte und die Anerken-nung ihres Berufsstandes vorenthalten. Regelungen gab es bis vor kurzem kaum.

    Zusammen mit seinen Partnern setzt sich Solidar Suisse seit einigen Jahren dafr ein, dass das The-ma in der Schweizer ffentlichkeit diskutiert und auf gesetzli-cher Ebene Massnahmen getroffen werden. Einige Erfolge

    wurden erzielt: Seit 2011 gibt es in der Schweiz einen Normal-arbeitsvertrag, und im Juni wurde auf internationaler Ebene eine ILO-Konvention fr Hausangestellte verabschiedet (siehe S. 4 11).

    Viel zu diesem Erfolg beigetragen haben die Gewerkschaften der Hausangestell-ten, vor allem aus Entwicklungs- und Schwellenlndern. Solidar Suisse unter-sttzt deren Arbeit in Sdafrika (siehe S. 6) und in Bolivien. Im Zentrum stehen Informations- und Lobbyarbeit. Eine be-sonders grosse Herausforderung ist die Organisierung der Hausangestellten, da es oft schwierig ist, Arbeiterinnen im Pri-vathaushalt zu erreichen. Unsere Partner vernetzen sich auch auf internationaler Ebene, um Rechte fr Hausangestellte zu erkmpfen. Wir solidarisieren uns mit

    ihrem Kampf und setzen uns fr eine Ratifizierung der Konven-tion in der Schweiz ein. Ruth daellenbach

    Ruth Daellenbach, Geschftsleiterin Solidar Suisse

    2 ediTORiaL

  • herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zrich, Tel. 044 444 19 19, E-Mail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 80-188-1 Mitglied des europischen Netzwerks SolidarRedaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Rosanna Clarelli, Christian Engeli, Alexandre Marithoz, Cyrill Rogger

    Layout: Binkert Partner, www.binkertpartner.ch / Spinas Civil Voicesbersetzungen: Irene Bisang, Ursula Gaillard, Milena Hrdina, Walter Roselli, Jean-Franois ZurbriggenKorrektorat: Stphane Cusin, Jeannine Hornidruck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 SchaffhausenErscheint vierteljhrlich, Auflage: 37 000

    Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 50.,Organisationen mindestens Fr. 250. pro Jahr).Gedruckt auf umweltfreundlichem Recycling-Papier.

    Titelbild: Hausangestellte in Sdafrika arbeiten rund um die Uhr und verdienen einen Bruchteil des Mindestlohns. Foto: SadsawuRckseite: Solidar Suisse setzt sich gegen Ausbeutung im Kaffeehandel ein. Foto: Spinas Civil Voices

    aKTueLL Die Resultate des Solidar- Gemeinderatings lassen erkennen, wie unterschiedlich Gemeinden ihre globale Verantwortung wahrnehmen. 15

    KuLTuReLLes Die Ausstellung Die andere Seite der Welt zeigt die humanitre Schweiz aus der Perspektive ihrer AkteurInnen. 16

    einBLicK Jelena Mijovic bekmpft die negativen Folgen der Privatisierungen in Serbien, indem sie die SozialpartnerInnen an einen Tisch holt.

    18

    TheMa100 Millionen Frauen arbeiten weltweit als Hausangestellte: In einem der prekrsten Arbeitsbereiche sollen endlich Mindeststandards gelten. 4

    iMPRessuM

    3

    TheMa Hausarbeit ist international einer der prekrsten Arbeitsbereiche 4 Sadsawu engagiert sich fr Hausangestellte in Sdafrika 6 Endlich Mindeststandards fr Haus-angestellte dank ILO-Konvention und Normalarbeitsvertrag 8 Serge Gaillard: Wie setzt sich das SECO fr wrdige Arbeits-bedingungen ein? 11 aKTueLL Burkina Faso: Die Erziehungsministe-rin will die zweisprachige Bildung aufs ganze Land ausdehnen 12 Solidar-Gemeinderating: Die globale Verantwortung wird unterschiedlich wahrgenommen 15 KOLuMne 7 nOTiZen 10 PinGPOnG 14 KuLTuReLLes Ausstellung Die andere Seite der Welt 16 neTZWeRK Neuigkeiten aus den SAH-Vereinen 17 einBLicK Jelena Mijovic: mit Sozialdialog die konomische Krise in Serbien berwinden 18

  • 4

  • 5TheMa

    Hausarbeit ist einer der prekrsten Arbeitsbereiche weltweit. Oft unterbezahlt, ohne geregelte Arbeitszeit, ohne Vertrag, ohne Sozialversicherung. Der Anteil an Schwarzarbeit ist hoch. Millionen Frauen migrieren von armen in reiche Lnder, vom Land in die Stadt, um in fremden Haushalten zu arbeiten. Ihre eigenen Kinder lassen sie zurck in der Obhut von Grossmttern, Schwestern, Tanten oder von Migrantinnen aus noch rmeren Lndern. Ein grosser Teil ihrer Einkommen geht zurck an die Familien zuhause unverzichtbar, um zum Beispiel die Ausbildung der Kinder zu ermglichen. Fortsetzung auf S. 9

    WRdIge aRBeIt FR haUSaNgeStellte

  • Wir sind alles in einem, erklrt Phumzile Tsabalala. Wir rumen auf, wir putzen, wir kochen, wir jten, wir ziehen die Kin-der auf, wir pflegen die Kranken, wir kau-fen ein, wir beantworten das Telefon, wir waschen und bgeln, wir unterhalten den Besuch Aber wir sind niemand. Wir sind unsichtbar. An einem Workshop zur Vorbereitung der ILO-Konvention, der von der Gewerkschaft der Hausange-stellten Sadsawu (siehe Kasten) und dem Labour Research Service im Juli 2010 durchgefhrt wurde, machte Phumzile Tsabalala die Realitt von Hausangestellten deutlich.

    Wenig Lohn und keine PrivatsphreIn Sdafrika gibt es ber eine Million Hausangestellte. Viele von ihnen verdie-nen nicht einmal den gesetzlichen Mini-mallohn von 1500 Rand. Gemss dem sdafrikanischen Amt fr Statistik erhal-ten die bestbezahlten fnf Prozent 2500 Rand (etwa 300 Franken) und die am schlechtesten bezahlten fnf Prozent 300 Rand (36 Franken) im Monat. Der mittlere Lohn betrgt 1000 Rand (etwa 120 Franken) von dem ein grosser Teil bereits fr die Reise zur Arbeit draufgeht. Hausangestellte, die bei den Arbeitge-benden wohnen, haben wiederum sehr wenig Privatsphre und mssen oft mehr als zehn Stunden pro Tag arbeiten. Wir sind die ersten, die aufwachen: Um fnf Uhr stehen wir auf, um das Frhstck fr die Familie zu bereiten. Wir gehen erst zu Bett, nachdem alle gegessen haben und der letzte Teller gesplt ist oft nach zehn Uhr. Wir knnen jederzeit entlassen werden, wenn jemand in der Familie w-tend auf uns ist, auch wenn das Gesetz Grundstze fr eine faire Behandlung festhlt, veranschaulicht Phumzile Tsa-balala ihre Arbeitsbedingungen.

    schwierige OrganisierungDie Arbeit, die Hausangestellte verrich-ten, ist lebenswichtig. Dies zeigt sich auch an ihrer grossen Zahl. Sie machen sieben bis acht Prozent aller Anstel-

    lungsverhltnisse in Sdafrika aus. Aber die hohe Arbeitslosigkeit macht Hausan-gestellte anfllig fr physische, emotio-nale und sexuelle Ausbeutung. Es ist eine grosse Herausforderung,xHaus-angestellte x zu organisieren. Denn die Arbeitgebe rInnen wollen nicht, dass Sad-sawu mit den Hausangestellten spricht. Manchmal drohen sie sogar, ihre Ange-stellten zu entlassen, wenn sie der Ge-werkschaft beitreten. Sadsawu gibt den Hausangestellten eine Stimme, indem sie sich ans Arbeitsministerium wendet und die Arbeiterinnen bei Mediationen oder Schiedsgerichtsverfahren vertritt.

    iLO-Konvention durchgebrachtDie im Juni 2011 angenommene ILO-Konvention fr Hausangestellte ist ein grosser Erfolg, und Sadsawu wird ihn nutzen, um fr die Rechte und Wrde von Hausangestellten zu kmpfen. Was wir schon immer gewusst haben, wird nun auch von der ILO anerkannt: Hausange-stellte sind Arbeiterinnen, meinte Hes-ter Stevens, die Prsidentin von Sadsa-wu, nach der Annahme der Konvention in Genf. Der Sieg ist den Organisationen der Hausangestellten zu verdanken, die nicht mde wurden, bei Regierungen und in der Geschftswelt fr die Konvention zu lobbyieren. ber zwei Jahre lang wa-ren wir damit beschftigt und engagier-ten uns beharrlich in Kommissionen und

    Hausangestellte in Sdafrika kmmern sich um alles,