archithese 6.12 - architektur  / architecture

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    architheseJacques Blumer: Yes, Anna, there is a Santa Claus

    Luigi Snozzi: Es lebe der Widerstand

    Mario Botta: Architettura e Spazio Sacro

    Truman Show: Das Vermeintliche der Schweiz

    Georgien Architektur der modernen Seidenstrasse

    Benedikt Boucsein: Architektur und Modus

    Hannes Stiefel: Der Auftrag

    Under Tomorrows Sky: A fictional city of the future

    Grafton: Approaching the unknown from the common

    The Dissimulating Faade

    Die gesellschaftliche Dimension der Architektur

    Erlsungs- und Verdammungsarchitekturen

    Markus Lscher: Die Insel einer Insel

    Autonome und absolute Architektur

    Die Geschichte des IAUS, New York

    Ein Abschied mit Rckblick und Ausblick

    Restaurierung des Hauses Tugendhat, Brnn

    Eun Young Yi Stadtbibliothek Stuttgart

    6. Architekturgesprch in Einsiedeln

    Anna Viebrock: Das Mansion am Sdpol

    6.2012

    Internationale Zeitschrift und Schriftenreihe fr Architektur

    International thematic review for architecture

    Architektur / Architecture

    51921_AR06-12_UG.indd 3 04.12.12 13:18

  • E D I T O R I A L

    Architektur

    Architektur und ... Eines Tages stellten wir fest, dass wir als Redakteure an

    Architektur interessiert sind, aber sie nie zum Thema machen. Dabei ist es Archi-

    tektur, worber wir schreiben und nachdenken wollen; Architektur ist, was wir

    verndern, verbessern wollen, wofr wir uns verantwortlich fhlen. Wir sind

    keine Anhnger der Idee einer autonomen Disziplin, aber wir sind auch nicht al-

    lein am Digitalen, am Material, an einer Zeichnung, an einem Bild interessiert es

    sei denn, es geht eine intensive Beziehung mit der Architektur ein oder knnte

    eine solche eingehen; knnte selbst zur Architektur werden.

    Wir sind auf der Suche nach Impulsen, die den Weg der Architektur fortschrei-

    ben. Dennoch und da sind wir vielen Architekturzeitschriften hnlich fhlen

    wir die stndige Notwendigkeit, bei der Themenwahl der Architektur etwas hin-

    zuzufgen oder im Detail zu suchen: Architektur und Kunst, Architektur und

    Biologie, Architektur und Ingenieur, Architektur und Alkohol, Alternativ wird

    das Thema auf ein Fragment oder Element, auf ein Material, Dcher, Scripting,

    Farbe, eine Funktion reduziert als ob die jeweiligen Elemente unabhngig be-

    trachtet werden knnten. So entstand die Idee, ein Heft nur ber die Architektur

    zu machen, um unseren Enthusiasmus dafr zu verdeutlichen und das hufig

    bemngelte Selbstbewusstsein unseres breit angelegten Metiers zu strken.

    Handelt es sich also um das ultimative Heft? Zumindest versuchen wir die

    Profession in ihrer Gesamthaftigkeit zu verstehen, um der Verunsicherung durch

    eine sich rasant entwickelnde Spezialisierung als Resultat einer fortschreitenden

    Professionalisierung entgegenzuwirken. Zu beobachten ist hierbei eine konserva-

    tive Tendenz, welche sich an den Begriff der Disziplin klammert und so den Her-

    ausforderungen aus zwei Jahrzehnten Globalisierung zu begegnen versucht. Doch

    kann diese Rckbesinnung auf den klassischen Begriff der Architektur die Ent-

    wicklung aufhalten? Oder ist es mglicherweise allein eine Illusion, welche den

    Fortschritt, die Macht der Vernderung zu kaschieren versucht wie jngst auf

    der Biennale geschehen?

    Architektonische Meisterwerke mgen dennoch eine Hilfestellung bieten,

    denn sie verdeutlichen uns, dass Architektur tatschlich berhren kann, die Wir-

    kung der Architektur sprbar ist, einen Wert erhlt und dass diese Qualitt nicht

    allein der Traum von nach Weltmacht strebenden Architekten ist. Das weist auf

    die innige Beziehung von Mensch und Architektur hin und fhrt zur sozialen Di-

    mension der Architektur, ohne die letztlich auch die Form ihre Legitimitt verliert.

    Hilfreich ist darber hinaus der Blick auf das, was misslang, auf das schlecht

    Bewertete ermglicht es doch oft Einblicke in das dahinterstehende, solche

    Leistungen begnstigende System. Darber hinaus werden unterschiedliche

    Begriffe und Kategorien genauso wie die Kunst des Entwerfens untersucht. Letz-

    tere wirft die Frage auf, was denn heute den Unterschied zwischen Bauen und

    Architektur ausmacht.

    Was und wer gehrt also noch zur Profession der Architektur? Und welche

    Rollen spielen dabei die Schulen, Universitten und die Ausbildung? Bedeutet die

    jungen Generationen zu unterrichten, einen Blick in die Zukunft zu erhaschen

    oder nur Wissensvermittlung? Findet man die Zukunft mittlerweile gar in der

    Praxis, also am anderen Ende? archithese fragt, was Architektur ist und sein

    knnte. Wo fngt die Architektur an und wo hrt sie auf?

    Die Redaktion

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    t8005 Zrich:

    Hier realisiert Allrealdas WohnhochhausEscher-Terrassen

    www.escherterrassen.ch

    4 archithese 6.2012

    In eigener Sache:

    Nach 15 Jahren verlsst unser Redaktor Hubertus Adam mit

    diesem Heft die archithese, um seine neue Herausforderung

    als Direktor des Schweizer Architekturmuseums anzuneh-

    men. Auf Seite 86 blickt er auf seine Zeit bei der archithese

    zurck. Trotz seines Abschieds wird er uns und Ihnen als

    Autor der archithese erhalten bleiben. Wir danken Hubertus

    fr den langjhrigen leidenschaftlichen Einsatz und wn-

    schen ihm fr die neue Aufgabe viel Kraft sowie weiterhin

    Visionen und Scharfsicht fr eine prgnante Themensetzung.

    51921_AR06-12_IH_s004-009.indd 4 04.12.12 11:19

  • 12 archithese 6.2012

    A R C H I T E K T U R A K T U E L L

    Ich baue um der Architektur Willen

    Elemente in Erscheinung: einem knstlichen Pla-

    teau, einer Dachplatte ber einer Sttze, einer

    nichttragenden, membranhaft gespannten Milch-

    glaswand sowie einem monumentalen Kamin-

    schacht.

    Gottfried Semper hatte in seinem Buch Die vier

    Elemente der Baukunst die Elemente Erdaufwurf

    oder Terrasse, Dach, Wand und Herd mit

    jeweils unterschiedlichen Materialien in Beziehung

    gesetzt. Auch wenn nicht zu klren ist, inwieweit

    sich Mies mit dieser Theorie auseinandergesetzt

    hatte, kann sie dennoch helfen, seine Architektur

    zu analysieren. Auch bei der Neuen Nationalgalerie

    sind Podium, Dach, Glaswand und Versorgungs-

    schchte, welche durch Metallgitter wie zwei riesi-

    ge Kamine erscheinen, klar voneinander abge-

    setzt. Semper hob den nichttragenden Charakter

    der Wand hervor. Dach und Tragwerk stellen das

    gleiche Element dar, whrend das Wesen der

    Wand einen textilen Ursprung habe. Semper

    schrieb: Die Ausdrcke Wand und Gewand sind

    einer Wurzel entsprossen. Sie bezeichnen den ge-

    webten oder gewirkten Stoff, der die Wand bildet.1

    Zum Wohngeschoss des Hauses fhrt eine

    Treppe hinab. Dieser Weg fhrt zwar direkt auf ei-

    ZUR RESTAURIERUNG DES HAUSES

    TUGENDHAT

    Das von Mies van der Rohe entworfene Haus

    strahlt wieder in neuem Glanz als sei es

    gerade erst erbaut. Nach langem Ringen

    hatte sich die Position durchgesetzt, smt-

    liche zerstrten Elemente akribisch nach-

    zubilden, sodass nicht mehr erkennbar ist,

    was neu und was alt ist. Die musealisierte

    Architektur wird zur Ausstellung und

    sie stellt sich selbst aus.

    Autor: Carsten Krohn

    Das an einen steilen Hang gebaute Haus kehrt dem

    ffentlichen Strassenraum den Rcken zu. Die

    ffnung des Bauwerks zum Garten ist so kompro-

    misslos umgesetzt, dass sich die Zugangsseite

    komplett vor Einblicken abschottet. Sogar die

    Haustr liegt versteckt. Dennoch geht von der

    Zugangssituation eine Sogwirkung aus, denn es

    wird ein gerahmtes Panorama prsentiert, mit ei-

    nem Ausblick ber die Dcher der Stadt bis zur weit

    entfernten Burg auf einem Berg am Horizont. Es

    ist ein offenes Belvedere geschaffen. Der Bau tritt

    durch unterschiedliche, klar voneinander getrennte

    nen Tisch in der Bibliothek zu, der wie der Schreib-

    tisch des Hausherrn erscheint, doch ffnet sich

    pltzlich eine weitrumige Wohnlandschaft. Durch

    die Mglichkeit, die Glaswnde per Knopfdruck in

    den Boden zu versenken, lsst sich auch dieser

    zentrale Raum in eine offene Terrasse transformie-

    ren. Der Raum erscheint als ein Gesamtkunstwerk,

    da Haus und Mblierung als Einheit konzipiert

    sind. Mies entwarf nicht nur speziell fr diesen Bau

    eigene Mbel wie den Brno-Stuhl und den Brno-

    Sessel, sondern legte auch deren Platzierung fest.

    Sogar der runde Esstisch ist im Boden verankert.

    ber den Bauherrn usserte sich Mies spter:

    Er sagte, dass er den offenen Raum nicht mge;

    es wre zu strend; Menschen wren zugegen,

    wenn er sich mit seinen wichtigen Gedanken in der

    Bibliothek aufhielte. Er war ein Geschftsmann,

    glaube ich. Ich sagte, gut, wir werden es auspro-

    bieren. Falls er es wnsche, knnten wir die Rume

    auch wieder schlieen. Wir knnten Glaswnde

    einbauen. Das wre das gleiche. Und wir testeten

    es. Wir bauten Holzgerste auf. Er horchte in sei