totem und tabu - .sigmund freud totem und tabu einige Übereinstimmungen im seelenleben der wilden

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  • Sigmund Freud

    Totem und Tabu

    Einige bereinstimmungenim Seelenleben der Wilden und der Neurotiker

    Unter Mitwirkung von Marie Bonaparte,Prinzessin Georg von Griechenland

    herausgegeben von Anna Freud, Edward Bibring und Ernst Kris1940 by Imago Publishing Co., Ltd., London

    ISBN 3-10-022710-7

    InhaltsverzeichnisVorwort .................................................................................................................................................... 2

    1 Die Inzestscheu ............................................................................................................................ 3

    2 Das Tabu und die Ambivalenz der Gefhlsregungen ..................................................... 13

    3 Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken ............................................................. 46

    4 Die infantile Wiederkehr des Totemismus ......................................................................... 60

    Funoten ................................................................................................................................................ 93

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    VorwortDie nachstehenden vier Aufstze, die unter dem Untertitel dieses Buches in den beidenersten Jahrgngen der von mir herausgegebenen Zeitschrift Imago erschienen sind, ent-sprechen einem ersten Versuch von meiner Seite, Gesichtspunkte und Ergebnisse derPsychoanalyse auf ungeklrte Probleme der Vlkerpsychologie anzuwenden. Sie ent-halten also einen methodischen Gegensatz einerseits zu dem gro angelegten Werkevon W. Wundt, welches die Annahmen und Arbeitsweisen der nicht analytischen Psy-chologie derselben Absicht dienstbar macht, und anderseits zu den Arbeiten der Zri-cher psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme der Individualpsychologiedurch Heranziehung von vlkerpsychologischem Material zu erledigen streben.1 Es seigern zugestanden, da von diesen beiden Seiten die nchste Anregung zu meinen eige-nen Arbeiten ausgegangen ist.Die Mngel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will diejenigen nicht berhren,die von dem Erstlingscharakter dieser Untersuchungen abhngen. Andere aber erfordernein Wort der Einfhrung. Die vier hier vereinigten Aufstze machen auf das Interesseeines greren Kreises von Gebildeten Anspruch und knnen eigentlich doch nur vonden wenigen verstanden und beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer Ei-genart nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, Sprachforschern, Folklo-risten usw. einerseits und Psychoanalytikern anderseits vermitteln und knnen dochbeiden nicht geben, was ihnen abgeht: den ersteren eine gengende Einfhrung in dieneue psychologische Technik, den letzteren eine zureichende Beherrschung des derVerarbeitung harrenden Materials. So werden sie sich wohl damit begngen mssen,hier wie dort Aufmerksamkeit zu erregen und die Erwartung hervorzurufen, da ein f-teres Zusammentreffen von beiden Seiten nicht ertraglos fr die Forschung bleibenkann.Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den Namen geben, der Totemund das Tabu, werden darin nicht in gleichartiger Weise abgehandelt. Die Analyse desTabu tritt als durchaus gesicherter, das Problem erschpfender Lsungsversuch auf. DieUntersuchung ber den Totemismus bescheidet sich zu erklren: Dies ist, was die psy-choanalytische Betrachtung zur Klrung der Totemprobleme derzeit beibringen kann.Dieser Unterschied hngt damit zusammen, da das Tabu eigentlich noch in unsererMitte fortbesteht; obwohl negativ gefat und auf andere Inhalte gerichtet, ist es seinerpsychologischen Natur nach doch nichts anderes als der kategorische ImperativKants, der zwangsartig wirken will und jede bewute Motivierung ablehnt. Der To-temismus hingegen ist eine unserem heutigen Fhlen entfremdete, in Wirklichkeitlngst aufgegebene und durch neuere Formen ersetzte religis-soziale Institution, wel-che nur geringfgige Spuren in Religion, Sitte und Gebrauch des Lebens der gegenwr-tigen Kulturvlker hinterlassen hat, und selbst bei jenen Vlkern groe Verwandlungenerfahren mute, welche ihm heute noch anhngen. Der soziale und technische Fort-schritt der Menschheitsgeschichte hat dem Tabu weit weniger anhaben knnen als demTotem. In diesem Buche ist der Versuch gewagt worden, den ursprnglichen Sinn desTotemismus aus seinen infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen, in denen erin der Entwicklung unserer eigenen Kinder wieder auftaucht. Die enge Verbindung zwi-schen Totem und Tabu weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, undwenn diese am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so ergibt dieser Charakternicht einmal einen Einwand gegen die Mglichkeit, da sie mehr oder weniger nahe andie schwierig zu rekonstruierende Wirklichkeit herangerckt sein knnte.Rom, im September 1913.

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    1 Die Inzestscheu

    Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er durchlaufenhat, durch die unbelebten Denkmler und Gerte, die er uns hinterlassen, durch dieKunde von seiner Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder di-rekt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und Mrchen erhalten haben,durch die berreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebruchen. Au-erdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen, vondenen wir glauben, da sie den Primitiven noch sehr nahestehen, viel nher als wir, indenen wir daher die direkten Abkmmlinge und Vertreter der frheren Menschen er-blicken. Wir urteilen so ber die sogenannten Wilden und halbwilden Vlker, derenSeelenleben ein besonderes Interesse fr uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhalte-ne Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen drfen.Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der Psychologieder Naturvlker, wie die Vlkerkunde sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers,wie sie durch die Psychoanalyse bekannt geworden ist, zahlreiche bereinstimmungenaufweisen mssen, und wird uns gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuemLichte zu sehen.Aus ueren wie aus inneren Grnden whle ich fr diese Vergleichung jene Vlker-stmme, die von den Ethnographen als die zurckgebliebensten, armseligsten Wildenbeschrieben worden sind, die Ureinwohner des jngsten Kontinents, Australien, der unsauch in seiner Fauna soviel Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet, die wederphysisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nchsten Nachbarn, den melanesi-schen, polynesischen und malaiischen Vlkern erkennen lt. Sie bauen weder Husernoch feste Htten, bearbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund,kennen nicht einmal die Kunst der Tpferei. Sie nhren sich ausschlielich von demFleische aller mglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die sie graben. Knigeoder Huptlinge sind bei ihnen unbekannt, die Versammlung der gereiften Mnner ent-scheidet ber die gemeinsamen Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob manihnen Spuren von Religion in Form der Verehrung hherer Wesen zugestehen darf. DieStmme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den hrtesten Le-bensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stcken primitiver zu sein als dieder Kste nahewohnenden.Von diesen armen, nackten Kannibalen werden wir gewi nicht erwarten, da sie imGeschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen Trieben ein hohesMa von Beschrnkung auferlegt haben. Und doch erfahren wir, da sie sich mit ausge-suchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhtung inzestuser Geschlechtsbe-ziehungen zum Ziele gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieserAbsicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein.An Stelle aller fehlenden religisen und sozialen Institutionen findet sich bei den Au-straliern das System des Totemismus. Die australischen Stmme zerfallen in kleinereSippen oder Clans, von denen sich jeder nach seinem Totem benennt.Was ist nun der Totem? In der Regel ein Tier, ein ebares, harmloses oder gefhrliches,gefrchtetes, seltener eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in ei-nem besonderen Verhltnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens derStammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der ihnen Orakelsendet, und wenn er sonst gefhrlich ist, seine Kinder kennt und verschont. Die Totem-genossen stehen dafr unter der heiligen, sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung,ihren Totem nicht zu tten (vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses,

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    den er sonst bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem Einzeltieroder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. Von Zeit zu Zeit werdenFeste gefeiert, bei denen die Totemgenossen in zeremonisen Tnzen die Bewegungenund Eigenheiten ihres Totem darstellen oder nachahmen.Der Totem ist entweder in mtterlicher oder in vterlicher Linie erblich; die erstere Artist mglicherweise berall die ursprngliche und erst spter durch die letztere abgelstworden. Die Zugehrigkeit zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungendes Australiers, setzt sich einerseits ber die Stammesangehrigkeit hinaus und drngtanderseits die Blutsverwandtschaft zurck.2

    An Boden und rtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen wohnenvoneinander getrennt und mit den Anhngern anderer Totem friedlich beisammen.3

    Und nun mssen wir endlich jener Eigentmlichkeit des totemistischen Systems geden-ken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fastberall, wo der Totem gilt, besteht auch das Gesetz, da Mitglieder desselben Totemnicht in geschlechtliche Beziehungen zueinander treten, also auch einander nicht heira-ten drfen. Das ist die mit dem Totem verbundene Exogamie.Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwrdig. Es wird durch nichts vorberei-tet, wa