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  • O rthopädie und U

    nfallchirurgie M itteilungen und N

    achrichten • 6/12

    Dezember 2012

    Orthopädie und Unfallchirurgie Mitteilungen und Nachrichten

    Herausforderung Personalbesetzung

    DKOU 2012 EndoCert am Start

  • 633

    Editorial

    Orthopädie und Unfallchirurgie Mitteilungen und Nachrichten | Dezember 2012

    Wohl kaum, denn die deutsche Orthopä- die und Unfallchirurgie scheint in letzter Zeit zunehmend zum Sprungbrett für Politiker zu werden: Daniel Bahr hat die Öffentlichkeitskampagne des BVOU im Herbst 2010 als Schirmherr begleitet – und wurde im Mai 2011 Bundesgesund- heitsminister. Dr. Joachim Gauck hielt im Herbst 2011 die bewegende Mittags- vorlesung „Freiheit als Verantwortung“ – und wurde im März 2012 zum Bundes- präsidenten gewählt.

    Gleichzeitig scheint die inhaltliche Leis- tung von O und U mehr und mehr hin- terfragt zu werden: So wird im aktuellen Krankenhausreport 2013 der AOK mit dem Schwerpunktthema „Mengendy- namik: mehr Menge - mehr Nutzen?“ dargestellt, dass sich zum Beispiel die Operationszahlen bei Wirbelsäulenope- rationen zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt haben. Und es geht gleich weiter: Die Techniker Krankenkasse be- richtet, dass „85 Prozent aller Rücken- operationen in Deutschland unnötig sind.“

    Wer erschrocken nach der Originalpu- blikation sucht, tut sich zunächst ein- mal schwer: In der wissenschaftlichen Literatur findet man keine Arbeit mit diesem Ergebnis. Schlussendlich findet sich die Quelle dieser von vielen Medien zitierten Zahl im TK-Rückenreport. Dort wird das TK-Angebot „Zweitmeinung vor Wirbelsäulen-Operation“, bei der sich Versicherte vor einer Rückenoperation eine kostenlose Zweitmeinung holen können, ausgewertet: „In einem von 30 bundesweit eingerichteten Schmerzzen- tren untersucht ein Expertenteam aus Physio-, Schmerz- und Psychotherapeu- ten den Patienten erneut und empfiehlt gegebenenfalls eine Alternativtherapie. (…) In knapp zwei Jahren haben bereits mehr als 500 Patienten dieses Angebot genutzt. Bei über 420 von ihnen konn- ten die Experten Alternativen zur Ope- ration wie zum Beispiel Physio- oder Schmerztherapie empfehlen.“ Auf sol- chen Analysen – erhoben von Perso- nen mit zum Teil sicherlich fraglicher

    muskuloskelettaler Kernkompetenz in einem hochselektierten Versicherten- kollektiv – basiert also die Aussage, dass 85 Prozent der jährlichen Eingriffe an der Wirbelsäule, das sind circa 550.000, nicht indiziert sind. …

    Die AOK stellt dann dar, dass Deutschland international an der Spitze steht – bei der Versorgung mit Hüft- und Knieendopro- thesen (296 bzw. 213 je 100.000 Einwoh- ner) – und vergleicht diese Zahlen mit dem Durchschnitt der OECD-Länder, der bei etwa der Hälfte liegt (154 bzw. 118). Hierbei muss man sich über die OECD- Mitglieder im Klaren sein: Dazu zählen zum Beispiel auch Griechenland (140 je 100.000), Ungarn (99), Estland (88), Slo- wakei (78), Polen (44), Chile (19), Süd- korea (17) und Mexiko (8). Ganz ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, warum wir uns nicht darüber freuen und stolz sind, in einem Land zu leben, in dem der Mo- bilitätserhalt – nicht nur durch die PKW- Quote – ein große Rolle spielt.

    Höhere Fallzahlen in allen westlichen Ländern

    Der Krankenhausreport der AOK berich- tet weiter, „dass sich Mengenentwicklun- gen vor allem in denjenigen Fallgruppen vollziehen, die wirtschaftlichen Gewinn versprechen“, im Vordergrund ständen beispielsweise die Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems mit einem Fall- zahlanstieg von 302.000 zwischen 2007 und 2011. Erstaunlich ist in diesem Zu- sammenhang nur, dass dieser deutliche Fallzahlanstieg muskuloskelettaler Er- krankungen in allen westlichen Ländern zu verzeichnen ist, genauso wie der deut- liche Anstieg der Operationszahlen bei Endoprothesen und Wirbelsäuleneingrif- fen – also auch in Ländern wie Skandi- navien oder England, in denen der wirt- schaftliche Gewinn durch die Akteure im Gesundheitssystem nicht unmittelbar abgezogen werden kann. Möglicherwei- se spielen ja doch andere Komponenten, wie technischer Fortschritt oder einfach das höhere Bedürfnis der Patienten, eine Einbuße an Mobilität und Lebensqualität

    nicht zu akzeptieren, sofern es adäquate Instrumente gibt, eine wesentliche Rolle.

    Zudem wird über erhebliche regionale Unterschiede berichtet: So sei die Wahr- scheinlichkeit, eine Hüft-TEP zu bekom- men, in einigen Regionen zwei- bis drei- mal höher als in anderen. Dass es sich hierbei allerdings nicht um eine oft un- terstellte angebotsinduzierte Nachfrage handelt, belegt der Versorgungsatlas, der gerade in den Regionen mit den meis- ten niedergelassenen Orthopädenpra- xen eine geringere Operationsfrequenz aufweist – ein Hinweis auf kompetente konservative Versorgungsmöglichkeiten in einigen Regionen bei möglicherweise fehlender ausreichender Kompetenz in anderen. Parallel wird dann aber in vie- len Diskussionen im Bereich der Kosten- träger und der KVen hinterfragt, ob eine verbesserte Honorierung der konservati- ven Leistungen im ambulanten und stati- onären Bereich gerechtfertigt sei.

    Seelische Gesundheit leidet zunehmend

    Während auf der einen Seite – im Be- reich der muskuloskelettalen Erkran- kungen und Verletzungen – über viel zu viel Leistungserbringungen geklagt wird, wird auf der anderen Seite mit großer Besorgnis in der Bevölkerung und der Politik wahrgenommen, dass die seeli- sche Gesundheit der Nation zunehmend leidet: Die Zahl der Krankschreibungen

    Hat die Orthopädie und Unfallchirurgie ein „Imageproblem“?

    Prof. Dr. Karsten Dreinhöfer, BVOU-Vizepräsident

  • Editorial

    Orthopädie und Unfallchirurgie Mitteilungen und Nachrichten | Dezember 2012634

    aufgrund eines Burnouts sind nach einer Studie der Bundespsychotherapeuten- kammer (BPtK) seit 2004 um 700 Pro- zent, die Zahl der betrieblichen Fehltage sogar um fast 1.400 Prozent (!) gestiegen. Gleichzeitig betont der zukünftige Präsi- dent der Deutschen Gesellschaft für Psy- chiatrie, Psychotherapie und Nervenheil- kunde (DGPPN), dass „Burnout für sich genommen keine Krankheit, aber ein Ri- sikozustand für die psychische und phy- sische Gesundheit (ist) und deshalb sehr ernst genommen und untersucht werden (muss).“ Nach Ansicht der DGPPN han- delt es sich beim Burnout primär um ein Problem der Arbeitswelt.

    Eine aktuelle repräsentative Umfrage der Siemens-Betriebskrankenkasse belegt, dass „95 Prozent der Menschen Burnout für eine ernste Erkrankung halten und jeder Dritte schon Symptome verspürt hat, seit so viel darüber geredet wird“. Während ich es einerseits begrüße, dass durch die „breite Berichterstattung und das neue Bewusstsein für psychische Krankheiten erste Warnsignale wie Er- schöpfung und innere Gleichgültigkeit (eher) beachtet werden“, erscheint es mir andererseits wichtig zu sehen, dass nicht jedes festgestellte Stress-Syndrom ein „Burnout“ sein muss. Bei einem Blick auf die ambulanten Diagnosedaten der TK zeigt sich, dass jedem fünften Studen- ten und jungen Erwerbstätigen mindes- tens einmal pro Jahr eine psychische Di- agnose gestellt wird. Jede fünfte Pille, die ein Hochschüler verschrieben bekommt, ist ein Medikament zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems.

    Parallele Entwicklungen mit gegensätz- lichen Interpretationen in der Öffent- lichkeit: Während die psychischen Er- krankungen als offensichtlich lange Zeit unterschätzt eingeordnet werden und viel Unterstützung benötigen, scheinen muskuloskelettale Erkrankungen schon immer ausreichend und kompetent be- handelt worden zu sein und die Leis- tungserbringer in diesem Bereich bei einer Behandlungsverdichtung nur Ge- winnmaximierung betreiben zu wollen.

    Muskuloskelettale Erkrankungen und Verletzungen werden unterschätzt

    Die Orthopädie und Unfallchirurgie scheint ein Imageproblem zu haben – und leider erscheinen auch musku- loskelettale Krankheiten und Verlet- zungen vielen als nicht bedrohlich und „un-sexy“. Während Erschöpfung von jedem Hausarzt und den meisten Betrof- fenen als Alarmzeichen angesehen wird, werden osteoporotische Erstfrakturen weiterhin nur von 20 Prozent als Risiko- faktor für weitere Frakturen und gegebe- nenfalls massives Leiden eingeschätzt.

    Es scheint sich damit aber auch ganz we- sentlich um ein Darstellungsproblem des Faches zu handeln. Die Orthopädie und Unfallchirurgie ist in der sehr speziellen Lage, bei vielen gesundheitlichen Pro- blemen eine deutliche Verbesserung zu erzielen. Es gibt aber häufig keine stan- dardisierten Schwarz-Weiß-Kriterien, wann welche Maßnahme angebracht ist, sondern vielmehr ist der Gesundheitszu- stand des einzelnen Patienten ebenso zu

    berücksichtigen wie seine Erwartungen und Befürchtungen. Hierfür benötigen wir – neben Leitlinien und Indikations- kriterien – Orthopäden und Unfallchi- rurgen, die sich Zeit nehmen für den einzelnen Menschen, um die wirklichen Belange zu verstehen – und denen die- se Leistung auch entsprechend vergütet wird.

    Sicherlich ist es Aufgabe der Fachgesell- schaften und Berufsverbände, die Ent- wicklungen im Fach eng zu beobachten und gegebenenfalls positiv zu steuern. Das Engagement von BVOU und DGOU zeigt sich neben vielen anderen Aktivi- täten zum Beispiel auch in der Ausrich- tung des Deutschen Kongresses für Ver- sorgungsforschung 2013, in dem gerade Fragen der Über-, Unter- und Fehlversor- gung analysiert und diskutiert werden sollen.

    Es ist aber vor allem Aufgabe eines jeden Einzelnen – Arztes, Kassenvertreters, Po- litikers und auch