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  • Manfred Theisen • Gesucht: Anne Bonny, Piratin

  • Manfred Theisen wurde 1962 in Köln geboren. Er studierte Germanistik, Anglistik und Po- litik, forschte zwei Jahre für das deutsche Innenministe- rium in der Sowjetunion, grün- dete einen Entwicklungshilfe- Verein in Äthiopien, arbeitete als Redakteur und leitete eine Kölner Zeitungsredaktion. Heu- te lebt er als freier Autor in

    Bonn und Köln. Für seine Jugendbücher hat er zahlreiche Sti- pendien und Auszeichnungen erhalten.

    Weitere lieferbare Titel von Manfred Theisen:

    Amok (30175) Checkpoint Jerusalem (30249)

    DER AUTOR

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  • Manfred Theisen

    Gesucht: Anne Bonny, Piratin

  • cbt – C. Bertelsmann Taschenbuch Der Taschenbuchverlag für Jugendliche Verlagsgruppe Random House

    Umwelthinweis: Alle bedruckten Materialien dieses Taschenbuches sind chlorfrei und umweltschonend.

    1. Auflage Erstmals als cbt Taschenbuch Februar 2006 Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform © 2001 ELEFANTEN PRESS/ C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagfoto: AKG, Berlin Umschlagkonzeption: init.büro für gestaltung, Bielefeld lf · Herstellung: CZ Satz: Agentur Marina Siegemund, Berlin Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN-10: 3-570-30373-X ISBN-13: 978-3-570-30373-3 Printed in Germany

    www.cbj-verlag.de

  • Ein Wort vorab

    Piraten haben Handys und tragen Baseballmützen mit der Aufschrift Coca Cola. Sie klemmen sich mor- gens nach dem Frühstück ihr Maschinengewehr unter den Arm, setzen sich ins Schnellboot und überfallen Öltanker. Sie nehmen Geiseln und verlangen Lösegeld. Es gibt heute mehr Piraten denn je, sie kapern Schif- fe im südchinesischen Meer oder beteiligen sich am Drogenhandel in Südamerika und in der Karibik. Oft kommen sie aus armen Familien und haben nie eine Schule besucht.

    Die Freibeuter tragen keine Augenklappen, sie ha- ben kein Holzbein und nur selten einen Papagei auf der Schulter. Sie kennen vermutlich nicht einmal die Geschichte von der Schatzinsel. Nur das Entermesser an ihrem Gürtel erinnert an die Tage, als Klaus Stör- tebeker, Francis Drake und Kapitän Schwarzbart die Weltmeere unsicher machten.

    Einer der wohl ungewöhnlichsten und mutigsten Piraten im 18. Jahrhundert war eine Frau: die Piratin Anne Bonny. Ihre Geschichte spielt in der Karibik, auf der Insel New Providence.

    Wer heute als Tourist dorthin fliegt, kann nur ah- nen, was sich vor dreihundert Jahren in diesem Pa- radies abgespielt hat, als hunderte von Piraten dort hausten. Vieles über ihre Zeit wissen wir aus Berich- ten wie dem von Pater Labat. Außerdem widmete

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  • Daniel Defoe, der Autor des weltberühmten Romans Robinson Crusoe, Anne Bonny ein Kapitel in seinem Buch über die Allgemeine Geschichte der Piraterie. Leider ist es recht kurz geraten, und das vermutlich mit Absicht: Anne Bonny lebte damals noch und Da- niel Defoe wollte ihr wohl nicht schaden. Daher plau- derte er nur wenig über sie aus. Bis heute gibt es aber – neben einigen Forschern – in der Karibik viele Er- zähler und Maler, die von der fintenreichen Seeräu- berin berichten und den Funken historische Wahrheit in ihren Worten und Bildern bewahren.

    Wer glaubt, Piraterie sei nur was für Männer, dem jedenfalls sei gleich vorweg gesagt: Unter den Kappen und Hüten verbarg so manche Piratin ihr langes Haar. Viele von ihnen nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab.

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  • Bill stand im Ausguck und legte die Hände zueinem Trichter um den Mund. Er rief denMatrosen an Deck etwas zu, was sie sofort in Aufregung versetzte. Anne war unten in der Kajüte und konnte ihn nicht hören. Aber die Neuigkeit drang schnell durch die offenen Luken hinab ins Schiff, ging von Mund zu Mund, verbreitete sich in den muffigen Gängen, wo die Luft nach Teer und Nässe, Küchen- dunst und Schweiß roch, kroch unter den Türen hin- durch in die Kajüten.

    »Land in Sicht!« William Cormac wollte seinen Ohren zuerst nicht

    trauen. Doch als er die funkelnd grünen Augen sei- ner Tochter sah, wusste er, dass sie es ebenfalls ge- hört hatte. Anne fiel ihm um den Hals. Dann drehte sie sich zu ihrer Mutter um, die im Bett lag: »Mama, wach auf!«

    Ihr Vater hielt sie zurück. »Lass sie schlafen«, meinte er. »Sie hat das Pulver vom Schiffsarzt genom- men. Komm, wir gehen an Deck und sehen uns Ame- rika an. Es ist besser, sie ruht sich aus, bis wir morgen anlegen.«

    Die meisten Passagiere drängten sich schon vor- ne an der Reling und sahen rechts und links von der Bugspriet hinaus aufs Meer. Die Segel der Wing wa- ren gewölbt wie ein riesiger Bierbauch. Anne Cormac

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  • rannte zu den anderen Kindern und suchte mit den Augen den Horizont ab. Hinter den Wellenkämmen, die weiß auf dem grünblauen Meer lagen, musste Land zu sehen sein. Aber sie konnte nichts entdecken: kein Grün, kein Braun, kein Land. Nur Wasser. Wie jeden Abend versank die Sonne am Horizont, nur um am nächsten Morgen gegenüber wieder aus dem nas- sen Bett aufzusteigen.

    »Da ist Land! Ich hab’s mit eigenen Augen gese- hen. Es ist grün.«

    Bill, der Schiffsjunge, der eben noch im Ausguck gestanden hatte, hockte plötzlich neben Anne und blickte sie schräg von unten an.

    Doch ehe sie etwas sagen konnte, fuhr die scharfe Stimme eines Matrosen dazwischen: »Quatschst du schon wieder die Passagiere voll? Wenn du nicht so ein Jungspunt wärst, würde ich dir die Hölle zeigen!«

    »Ich komme ja«, antwortete Bill. Und Anne flüs- terte er zu: »Wir treffen uns später.«

    Sie nickte, obwohl Bill schon verschwunden war. Anne schaute wieder hinaus aufs Meer. Seit sechs

    Wochen nichts als Wasser. Das letzte Land waren ein paar bewaldete Inseln vor der portugiesischen Küste gewesen. Anne hatte sich die Überfahrt nach Amerika anders vorgestellt. Die meiste Zeit verbrachten alle unter Deck in den muffigen Kajüten und starrten auf die Öllampen, die wie die Pendel einer Uhr hin und her schwangen. Im Unterdeck stand das Wasser, das durch die Luken in den Rumpf schwappte, und die Feuchtigkeit zog wie ein unaufhaltsamer Geist durch das ganze Schiff. Selbst die Decken für die Nacht waren klamm wie Scheuerlappen.

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  • »Ich gehe hinunter. Gleich ist es ohnehin dunkel«, sagte der Vater.

    Anne folgte ihm. William Cormac war ein hoch gewachsener, vornehmer Mann, der auch während der Fahrt stets korrekt gekleidet war – er rasierte sich regelmäßig und selbst die Schnüre, mit denen seine Hosen unter den Knien zugebunden wurden, waren an den Rändern glatt und nicht aufgeriffelt. Trotz der Hitze trug er seine hellbraune Weste über dem wei- ßen Hemd und das Gesicht eines jeden, der mit ihm sprach, spiegelte sich in den blank polierten Messing- knöpfen seiner Jacke.

    »Sie schläft noch«, sagte Cormac leise, als sie die gemeinsame Kajüte betraten. Der Raum maß gerade zwei Schritte in der Breite und drei in der Länge. Die Luft war erdrückend schwül und schwer.

    Für Annes Mutter Mary war die Reise eine Flucht und ein Fluch zugleich. Wie konnte William glauben, dass es in Charles Town besser würde als in Irland?

    »Ab morgen wird sich dein Leben ändern, An- ne.« Cormac setzte sich auf die Bank und betrachtete Anne, die in der Tür stand. »Du wirst Kleider tragen, eine Schule besuchen und Freundinnen haben wie andere Mädchen. Und du wirst Milton lesen und ler- nen, wie man mit dem Fächer umgeht.«

    »Kann ich noch mal nach oben?«, fragte Anne, die davon nichts hören wollte.

    »Wenn du morgen dein Kleid anziehst.« Cormac streifte mit einem Blick ihre viel zu weiten grauen Hosen, in denen sie wie ein Junge aussah.

    Sie versprach es widerwillig. Kleider und Röcke waren ihr ebenso verhasst wie die schwarzköpfigen

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  • Maden im Essen. Zwei Jahre lang hatte sie sich wie ein Junge benehmen müssen, hatte nicht mit Freun- dinnen, nicht mit Puppen spielen dürfen. Alle hatten sie in den vergangenen Jahren Andrew und nicht An- ne genannt, weil niemand wissen durfte, dass sie ein Mädchen und die uneheliche Tochter des angesehenen Anwalts Cormac war. In der neuen Welt sollte sie ein neuer Mensch sein, von einem Tag auf den anderen aus dem Jungen Andrew das feine Mädchen Anne Cormac werden. Statt ihren Vater in den Hafen zu begleiten wie früher, würde sie Spinett üben und sich die Wangen pudern müssen. Es gruselte sie bei dem bloßen Gedanken.

    Anne stürmte die Stufen hinauf an Deck. Das eng- lische Schiff war ein Dreimaster und besaß siebzehn Geschützpforten. Nur hinter dreien standen tatsäch- lich Kanonen. Kapitän Winter wollte so viele Passa- giere wie nur irgend möglich nach Amerika mitneh- men. Schließlich bekam er von jedem einen Batzen Geld für die Überfahrt. Er hatte daher nicht genügend Matrosen, um die Geschütze zu bedienen. Aber wel- ches Piratenschiff würde schon einen Segler mit einem Haufen Siedler entern? Sie hatten weder Gewürze noch Gold geladen. Für die paar Pfund im Gepäck der englischen, schottischen und irischen Auswanderer lohnte es sich nicht, das Leben zu riskieren.

    »Na, wieder mal auf Entdeckungstour?« Wood war der Steuermann. Er stammte aus Wales

    und sein Kinn glich einem Schiffskiel. Anne mochte ihn. Vier Jahre war er auf einem Walfänger über die Weltmeere gefahren und er konnte die spannendsten Geschichten erzählen. Laut Kapitän Winter war er der

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  • beste Navigator, den es zwischen dem ost- und dem westindischen Wasser gab. Seine Augen wol