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Download Helga UllricH-ScHeyda »ich habe 40 Jahre meine .»ich habe 40 Jahre ... muss ich ihm hoch an-erkennen.«

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    Geschichte

    Mit der Deportation der 1941 noch in Kleve lebenden Juden in die Ghettos und Vernichtungslager war fr die hiesigen Behrden die Arbeit noch nicht getan. Nachdem die Gestapo bzw. in deren Auftrag die Kriminalpolizei die Wohnrume versiegelt hatte, war es die Aufgabe des Finanzamtes, die zurckgebliebene Habe der Deportierten zu verwerten und den Erls der Oberfinanzdirektion Dsseldorf zuzufhren. Die Wiedergutmachungsverfahren, in denen die berlebenden nach dem Krieg versuchten, zumindest teilweise eine Entschdigung fr verfolgungsbedingte Einbuen zu erhalten, geben einen detaillierten Einblick in die damaligen Vorgnge. Ein Zeuge in diesen Verfahren war Gottlieb Brodowski, der als Vollziehungsbeamter des Finanzamtes Kleve fr die Einziehung von Steuern und Abgaben, aber auch fr die Einziehung und Verwertung des jdischen Besitzes nach der Deportation zustndig gewesen war.

    Biografisches

    Gottfried Brodowski wurde am 14. November 18872 in Pissanitzen3 (pol. Pisanica) in Ostpreuen im heutigen Polen geboren. Nach eigenen Angaben besuchte er nach der Volksschule von 1905 bis 1908 die kniglichpreuische Unteroffiziersschule im badischen Ettlingen. Als Berufssoldat nahm er am Ersten Weltkrieg teil und erhielt 1914 das Eiserne Kreuz II. Klasse. 1919 heiratete er in Knigsberg4 und machte dort 1920 eine Prfung fr den nichttechnischen mittleren Eisenbahndienst. Seit 1925 war er beim Finanzamt in Kleve beschftigt. Im Klever Adressbuch von 1927 wird er in der Liste der in Kleve ansssigen Behrden unter den Steueras

    Helga UllricH-ScHeyda

    ich habe 40 Jahre meine Pflicht getanein Klever Finanzbeamter und seine Verstrickung in den Nationalsozialismus

    Ich habe 40 Jahre unter smtlichen Regierungen meine Pflicht getan und wenn man mich nicht entlassen htte, wrde ich meine Pflicht heute genauso erfllen, wie auch frher. Ich bin in den vierzig Jahren nie bestraft gewesen.1

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    GeschichteIch habe 40 Jahre meine Pflicht getan

    sistenten aufgefhrt. Ende 1930 wurde er Vollziehungsbeamter. Zudem war er Waren eingangsbuchprfer und Ende 1944 Kassenleiter.Am 1. Januar 1931 trat er der NSDAP bei. Den Parteieintritt begrndete er 1948 im Entnazifizierungsverfahren damit, dass er als Vollziehungsbeamter die wirtschaftliche Not der Landwirte, Gewerbetreibenden, Handwerker und Kaufleute, aber auch die berschuldung der Beamten kennengelernt und er die Hoffnung gehabt habe, die NSDAP knne die Lage verbessern. In der Partei selbst bekleidete er keine mter, umso mehr engagierte er sich in den nationalsozialistischen Beamtenorganisationen. Ebenfalls am 1. Januar 1931 trat er der NSBeamtenarbeitsgemeinschaft (NSBA) bei und wurde ihr Leiter. Mit der Machtbernahme der Nationalsozialisten 1933 erlebte die NSBA einen starken Mitgliederzulauf und umfasste bis zum Ende des Jahres fast die gesamte Beamtenschaft. Dies machte eine Neuorganisation notwendig, die zur Grndung des Reichsbundes der Deutschen Beamten (RDB) am 1. Januar 1934 fhrte. Brodowski bernahm hier das Amt des Kreiswalters. Der RDB hatte die Rechtsstellung eines eingetragenen Vereins, gehorchte aber ganz der nationalsozialistischen Ideologie. Er war gleichgeschaltet. Um den Einfluss auf die Beamten noch weiter zu strken, wurde innerhalb der Partei das Amt fr Beamte (AfB) geschaffen, in dem Brodowski seit dem 6. Oktober 1933 Kreisamtsleiter und seit dem 1. Januar 1934 auch Ortsamtsleiter

    war.Im Klever Adressbuch von 1936 findet man unter der Kreisleitung des AfB den Namen Brodowskis mit der Adresse des Finanzamts in Kleve.5 Als Leiter des RDB steht Brodowski mit seiner Privatadresse. Als weitere Organisationen, in denen er Mitglied war, gab er die NSVolkswohlfahrt (NSV), den Reichstreubund (1.10.191930.8.1936) und daran anschlieend den Soldatenbund sowie den Reichsluftschutzbund (RLB) und den Volksbund fr das Deutschtum im Ausland (VDA) beides seit 1936 an. 1937 trat Brodowski aus der evangelischen Kirche aus. Er begrndete dies 1948 damit, dass die evangelische Kirche es abge

    lehnt habe, ihm die Kirchensteuer aufgrund einer finanziellen Notlage zu erlassen. Seine Behrde und der RDB htten ihm dagegen eine Beihilfe gegeben.Wahrscheinlich erfolgte in dieser Zeit auch die Befrderung Brodowskis zum Obersteuersekretr.

    Auf Anordnung der Militrregierung wurde Brodowski am 6. August 1945 gem der Anweisung an finanzielle Unternehmen und Regierungsfinanzbehrden Nr. 3 seines Postens enthoben. Von Anfang Mrz 1946 bis zum 23. August 1947

    Seit etwa 1935 befand sich das Finanzamt in einem Neubau an der Hohenzollernstrae. Nach dem Umzug des Finanzam-tes in das 1977 errichtete Gebude in Kleve-Kellen wird der Bau von der Staatsanwaltschaft genutzt. Stadtarchiv Kleve, Foto: Annegret Gossens

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    war er im Internierungslager Recklinghausen inhaftiert bzw. interniert. Hierzu schrieb er 1948:

    1945 habe ich als Arbeiter bei der Reichsbahn Kleve einen Fragebogen abgegeben und die Frage Reden halten und Verffentlichungen herausgegeben mit nein beantwortet. Weil ich bei den Versammlungen des RDB dieselben erffnet und wenn der Redner die Rede gehalten hat die Versammlung wieder geschlossen habe, wurde ich mit sechs Monaten Gefngnis we-gen Reden halten, bestraft. ber ein Monat wurde mir ohne dass ich ein Gesuch eingereicht habe erlassen. 1947 wurde ich durch die Spruchkammer Recklinghausen mit drei Monaten Gefngnis bestraft, verbsst durch die Inhaftierung, weil ich gewusst habe, dass die Juden zu ihrer Kennzeichnung einen Stern tragen mussten und weil ich wusste, dass die Juden evaku-iert worden sind.

    Das Entnazifizierungsverfahren

    Fr das Entnazifizierungsverfahren gelang es Brodowski, einige Leumundszeugnisse zu erhalten. Eine Geschftsfrau aus Kellen fhrte aus, Brodowski habe 1943 als Wareneingangsbuchprfer des Finanzamtes festgestellt, dass ihre Bcher nicht in Ordnung waren.

    Wre Herr Brodowski ein so bler Nazi gewesen so wre er nicht vier oder fnfmal gekommen und [htte] mir immer wieder Frist gegeben, er htte mich dem Finanzamt zur Bestrafung gemeldet und da[ss] er das nicht gemacht hat, muss ich ihm hoch an-erkennen.

    Eine frhere Nachbarin aus der Spyckstrae hob hervor, dass Brodowski im Herbst 1944 ihren jdischen Schwager, der verbotenerweise bei ihr gewohnt habe, keiner deutschen Dienststelle gemeldet habe.

    Ich hatte keine Schwierigkeiten und mein Schwager, der auch keinen Judenstern trug, war keiner Verfolgung ausgesetzt. Wre Herr Brodowski ein bler Nazi gewesen und htte er der Gestapo den Aufenthalt meines Schwagers mitgeteilt, so wre dieser heute vielleicht nicht mehr am Leben.

    Ein Kalkarer berichtete: In der Unterhaltung ber die Ereignisse in der NSDAP hat er sich fter sehr hart u. scharf gegen sie ausgedrckt, so da ich ihn sogar gewarnt habe, dies nicht so laut u. ffentlich zu tun. Insbesondere hat er die Behandlung der Juden scharf kritisiert. Meines Erachtens kann Herr Brodowski kein so bler Nazi gewesen sein, sonst htte er derartige scharfe uerungen gegenber einem Nicht-P.G. wohl nicht getan. Ich habe auch nie ge-hrt da Herr Brodowski an den wsten Saufereien der Nazifhrer teilgenommen hat.

    Ein frherer Verwaltungsarbeiter bei Klever Finanzamt erklrte:B. war der einzige Beamte auf dem Finanzamt Kleve, der die Not eines Kriegsbesch-digten Arbeiters zu wrdigen wute, und wo er konnte auch untersttzte. Ich habe ge-hrt, das B. auch Beamte der unteren Gruppen und Arbeiter aus schwer arbeitenden Betrieben an die Mosel zur Erholung schickte, ich glaube nicht, dass das ein anderer

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    Beamter des Kreises Kleve, der heute noch im Dienst ist aufzuweisen hat. Es ist mir per-snlich unverstndlich, da ein Beamter, der seine Pflicht so getan hat, von der Behrde entlassen und bestraft wird, nur weil er der Partei angehrt hat.

    Im Entnazifizierungsverfahren wurde Gottlieb Brodowski am 21. Oktober 1948 in die Kategorie III (Minderbelastete) eingestuft. Er wurde in den Ruhestand versetzt, mit der Hlfte der Pension, die er in seiner Stellung vor 1933 also als Steuersekretr erhalten htte. Zugleich wurde ihm verboten, eine Stellung im ffentlichen und halbffentlichen Dienst oder in einem bedeutenden Privatunternehmen anzunehmen oder eine Ttigkeit im Bereich des Personalwesens auszuben.

    Als Begrndung fhrte der Entnazifizierungsausschuss fr den Kreis aus:Seiner Grundeinstellung, Sympathie fr den Soldatenstand, ostpreuischen Charakter, sein ehrgeiziges Streben, war es zuzuschreiben, dass er sich schon sehr frh (1.1.1931) der Partei zuwandte. Seine Aktivitt nach der Machtbernahme war sehr eifrig. Be-kannt als [leiter des NSBa, als Kreis- und Ortsamtsleiter im afB und Kreiswalter im rdB] war er Wegbereiter u. eifriger Verfechter u. Anhnger der Idee Hitlers. Dass er aus der Kirche austrat, ist demnach selbstverstndlich. Er tat jedoch alles, gewissermassen blind im treuen Glauben an die Richtigkeit der Din-ge ohne Nutzen und Schaden.

    Im Berufungsverfahren lie Brodowski sich zunchst durch einen Anwalt vertreten. Dieser beantragte die Aufhebung des ersten Bescheides und eine Einstufung wenigstens in die Kategorie IV b sowie eine Versetzung in den Ruhestand mit der Pension eines Obersteuersekretrs. Es gelang nun, einen honorigen Leumundszeugen zu gewinnen, den Klever Landrat und Mitglied des Landtages Peter Albers:

    [Brodowski] war als Vollziehungsbeamter mit der Einziehung von flligen Kirchen-steuern fr die katholischen Kirchengemeinden der Stadt Kleve beschftigt. Diese T-tigkeit hat er sachlich und objektiv ausgebt. Nie ist mir zu Ohren gekommen, da Herr Brodowski Steuerpflichtige wegen der Nichtzugehrigkeit zur NSDAP etwa un-terschiedlich behandelt htte. [] Trotzdem dem Herrn Brodowski meine Einstellung zum Nationalsozialismus bekannt war, benahm er sich mir gegenber stets hflich und zuvorkommend.

    Bei genauem

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