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diplomarbiet Lukas Dietrich

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  • P A R A // A X E N

    S C h N I T T S T E L L E N V O N V I S U E L L E M D E S I G N U N D M U S I K .

  • P A R A L L A X E N Schnittstellen von visuellem Design und Musik. Ein Reisebericht.

  • 7///////////////////////////////

    E I N L E I T U N G

    Legt man zwei identische Tonsignale bereinander und invertiert deren

    Phase, lschen sich die Tonsignale gegenseitig aus (destruktive Interfer-

    enz1), man hrt: Stille. berlagert man mittels additiver Farbmischung2

    drei Grundfarben R(ed), G(reen) und B(lue) erhlt man eine farblose

    Flche Wei.

    Abb. 1: Additive Farbmischung RGB

    Physikalische Parallelen zwischen Bild und Ton sind ohne weiteres

    festzustellen. Doch vom Bild zur Grafik und vom Ton zur Musik ist es

    noch ein groer Schritt. Ist Wei die grafische Reprsentanz von Stille?

    Oder msste es eher Schwarz sein? Wieso werden tiefe Frequenzen

    oft als dunkel empfunden, und hohe als hell? Bereits hier kommen

    Wahrnehmung, Prgung und Interpretation ins Spiel. Sowohl Musik als

    auch Grafik bedienen sich mehr oder weniger strikter Regelwerke, was

    Form und Ausdruck anbelangt. So entspringt jede Visualisierung von

    Musik einem Paradigma, einer Vorstellung davon, wie Musik aussehen

    knnte Abbildung einer Wellenform, Equalizer, Bhnenlicht ebenso

    in der Umkehrung, der Vertonung von grafischem Material von der

    Notenschrift bis zum Film.

    In der vorliegenden Arbeit soll es primr nicht darum gehen, Musik zu

    visualisieren, ebenso wenig soll Grafisches musikalisch interpretiert

    werden, wenngleich solche bersetzungsversuche zwangslufig Be-

    standteile der visuellen und auditiven Experimente sind. Vielmehr geht

    es darum, Gemeinsamkeiten, berschneidungen und Divergenzen der

    Genres in Konzeption, Entstehung und im Ergebnis zu destillieren.3 Was

    1 Bertelsmann Taschen Lexikon, Band IJ, S. 65

    2 Kppers, Farbenlehre S. 175 ff.

    3 Vgl. Motte-Haber, Musik und Bildende Kunst S. 75 f.

    meint der Gestalter, wenn er vom Rhythmus eines Entwurfs spricht?

    Wie verwendet und hrt ein Musiker den Begriff (Klang)Farbe? Wie

    klingt eine Improvisation zur Farbe Blau? Und wie wrde ebendiese Im-

    provisation in einer visuellen Umsetzung aussehen? Universeller: Wann

    ist ein Bild eine Komposition? Kann ein Musikstck eine Farbe haben?

    Was knnten visuelle Korrelate von forte und piano sein? Wann ist

    eine Melodie gut proportioniert? Kann Typografie grooven?

    Diese Fragen sind Teil des Traggersts dieser experimentellen Arbeit:

    Sichtweisen von unterschiedlichen Standpunkten, auf die Versuchsob-

    jekte in Form von Begriffen Parallaxen, die mgliche Zugnge aufzei-

    gen, aber die berschneidung nicht erklren oder allgemein gltige

    Antworten liefern wollen.

    Abb. 2: Phasenauslschung

    x

    y

  • 8K O N Z E P T

    Die zehn Begriffe Improvisation, Komposition, Form, Tempo, Rhythmus,

    Dynamik, Farbe, Skizze, Strung und Pause bilden einen konzeptuel-

    len Rahmen fr diese Arbeit. Es ist bemerkenswert, dass Musik und

    visuelles Design ein gemeinsames Vokabular teilen. Kriterium fr die

    Auswahl der zehn Begriffe war es, ein mglichst breites Spektrum

    an Analogien aufzudecken: Whrend sich Begriffe wie Komposition,

    (Klang-)Farbe oder Rhythmus relativ direkt bersetzen lassen, werfen

    andere, wie etwa From, Dynamik oder Pause Fragen auf, die im Zuge des

    theoretischen Teils errtert werden. Insgesamt lassen die Begriffe sich

    entweder wrtlich bernehmen oder antipodisch gegenberstellen, wie

    in den Buchklappen zu Beginn und am Ende des Buches illustriert.

    Entstanden sind im Rahmen dieser Arbeit einhundert Einzelwerke, die

    sich mit den Parallelbegriffen auseinandersetzen. Diverse Techniken

    oder Stilmittel, alleine oder in Kombination, fanden dabei Anwendung:

    Zeichnung mit Stift oder mit Ton

    Fotografie digital und analog

    Programmierung Generative Grafik4

    Malerei mit Farbe oder mit Licht

    Installationen Inszenierungen, Collagen

    Gesprch Reflexion

    Text Theorieteil, Essays und Zitate

    Typografie Satz und Zeichnung

    Tongenerierung mittels analogem oder virtuellem Instrument

    Tonverarbeitung Aufnahme und Editierung

    Der Fokus lag dem Studium und Studieninhalt entsprechend auf der

    visuellen Gestaltung als Hauptmedium, parallel dazu sind einige

    musikalische Werke entstanden.

    Formale Regeln

    Um das Versuchsgebiet zustzlich einzugrenzen, wurden vorab einige

    formale Regeln festgelegt, was die Konzeption des Buches anbelangt,

    so entspricht ein Werk einer Einzelseite im vorliegenden Buch, jede der

    4 Im Speziellen mit den Open Source Programmen Processing und Nodebox

    genannten Techniken wird mindestens einmal mit einem der 10 Schls-

    selworte verbunden, weiters wird jede Technik mindestens einmal mit

    der anderen verbunden. Eine Technikkombination sollte hchsten neun

    Mal im Buch verwendet werden. Quasi als Joker darf gegen jede der

    aufgestellten Regeln einmal verstossen werden.

    Zum Medium Buch

    Zurecht stellt sich die Frage, ob ein Buch das richtige Medium ist.

    Gerade die multimodalen Arbeiten, die Bild und Ton kombinieren,

    wrden eine andere Umsetzung, zum Beispiel in Form einer Webseite,

    nahelegen. Aus unterschiedlichen Grnden habe ich mich dennoch fr

    das Medium Buch beziehungsweise eine Kombination von Buch und

    Webseite entschieden. Zum einen bietet ein Buch eine ganz andere

    haptische und taktile Qualitten, man kann es in die Hand nehmen

    und darin blttern, querlesen und das Lese- oder Sichttempo prziser

    steuern. Das Buch funktioniert autark, unabhngig von Stromquellen

    und ist transportabel. Typografisch und gestalterisch tun sich Mglich-

    keiten auf, die in dieser Form in einer reinen Bildschirmumsetzung

    nicht gegeben sind.

    Dennoch habe ich mich dazu entschieden, es nicht bei diesem Buch

    zu belassen, sondern ergnzend zum Buch eine Website zu gestalten.

    Der Entscheidung fr eine Website ging eine Entscheidung gegen eine

    beigelegte Audio-CD voraus. Auch hierfr spielten unterschiedliche

    berlegungen eine Rolle. Zum einen wrde die Autarkie des Buches

    darunter leiden, setzt doch das Abspielen einer CD ein Abspielgert und

    einen geeigneten Raum respektive rumliche Gegebenheiten voraus,

    wie sie etwa in einer Bibliothek nicht zwangslufig gegeben sind, mit

    anderen Worten kann sich eine beigelegte CD schlichtweg als unprak-

    tisch erweisen. Zum anderen handelt es sich bei der Audio CD um

    ein aussterbendes Medium, dass nach und nach durch andere digitale

    Datenformate abgelst wird, allen voran der Audiodatei im kodierten

    und komprimierten MP3 Format.

    Das eigentliche Hauptargument zur Ausarbeitung einer begleitenden

    Website war jedoch die Mglichkeit, die Musik unmittelbar an das

    visuelle Ergebnis zu koppeln was mit der CD schlichtweg unmglich

    ist. Neben der Kopplung knnen auch zeitliche Ablufe prziser

    gesteuert werden, ich kann genau festlegen, wie lange etwa ein Bild

    D A T E N F O R M A T E

    Das MP3 Format ist hier nur als Synonym fr eine Vielzahl verfg-barer Formate wie etwa ALAC (Apple Lossless Encoding), ATRAC (Ad-vanced Lossless), FLAC, MPEG-4, WavPack oder WMV genannt.

  • 9zur abgespielten Musik gezeigt wird und umgekehrt. Daneben tun sich

    zustzliche Mglichkeiten der Hypertextualitt (die allerdings auch im

    Buch Anwendung finden soll), der Interaktion und der Transmodalitt

    (Beispiel: Animation eines statischen Bildes aus dem Buch, Aufzeigen

    eines Entstehungsprozesses) auf.

    Entstanden ist auf diese Weise ein Buch, das 100 Werke auf 100 Einzel-

    seiten abbildet. Die Nummerierung erfolgt in Form einer dreistelligen

    Zahl mit fhrender Null pro Werk. Parallel zur Enstehung des Buches

    wurde die Domain www.parallaxen.net registriert, und jedes Werk hat

    eine Reprsentanz auf der Website; die spezifische URL ergibt sich

    aus der Seitennummerierung, das heit die URL parallaxen.net/001

    entspricht dem Werk 001, parallaxen.net/002 dem Werk 002 im Buch

    etc. Dieses einfach System soll eine stringente Navigation zwischen

    Buch und Website ermglichen, ohne das man sich komplizierte URL-

    Schemas abtippen oder merken muss.

    Zum Titel der Arbeit Parallaxen

    Um das Motiv der vorliegenden Arbeit besser zu verstehen, hilft die

    Klrung des Begriffs der Parallaxe: Im herkmmlichen Sinn versteht

    man darunter die scheinbare nderung der Position eines Objekts,

    wenn der Beobachter seine Position verndert5. In der Astronomie

    dient die Parallaxe zu Entfernungsmessung von Sternen. Je weiter der

    Stern entfernt ist, desto kleiner ist die Parallaxe, der Winkel zwischen

    den gedachten Linien (siehe Abb. rechts).

    Von der dieser naturwissenschaftlichen Definition abgesehen, bes-

    chreibt beispielsweise Slavoj iek gleich mehrere magebliche Erschei-

    nungsformen der Parallaxe: Die ontologische Differenz, die als letzte

    Parallaxe unseren Bezug zur Wirklichkeit bestimmt; die wissenschaftli-

    che Parallaxe, die in der gegenwrtigen Hirnforschung den berwind-

    baren Graben zwischen der phnomenalen Erfahrung der Wirklichkeit

    und ihrer wissenschaftlichen Erklrung markiert; und die politische

    Parallaxe, die als gesellschaftlicher Antagonismus jeden gemeinsamen

    Grund verwehrt6.

    5 dtv Taschen-Lexikon, Band D, S. 39f.

    6 iek, Parallaxe, Klappentext

    entfernter Ste