Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft 1957

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  • Schrifttumsschau und Kongrel}bericht

    Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft 1957

    In den R~umen der Hochschule fiir Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu N~rnberg land vom 9. bis 11. Oktober 1957 die 28. Hauptversammlung der DStG start. Zeitlich vorausgegangen war, wie ~blich, die Tagung des Verbandes Deutscher St~dtestatistiker. Zahlreiche Vertreter der Statistik des In- und Auslandes, der amtlichen und privaten Stafistik waren erschienen. Erstmals wieder seit Jahren hatte das Intemationale Stafistische Institut mit Sitz im Haag eine offizielle Vertrettmg entsandt. Am Vorabend der Hanpt- versammlung gab die Stadt N~mberg einen Empfang, bei dem sie Beispiele ihrer alt- bew~ihrten gastronomischen Spezialit~ten bot.

    Den Festvortrag hielt im Rahmen der Hauptversammlung Privatdozent Dr. Meimberg/ Gieflen ~ber das Thema ,,Probleme der modernen Agrarstatistik in volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Sicht". Meimberg wies einleitend darauf bin, daft sich der Wande! im wirtschaftlichen Bereich nicht kontinuierlich, sondem in Spr~ngen voUzieht. Man k6nne daher bestimmte Abschnitte der Entwicklung unterscheiden. Bei der land- wirtsehaftlichen Statistik seien in j~ngster Zeit neue ImpOse in zweifacher Richttmg zu erkennen~ 1. von innen: ~ndertmg der Stellung der Landwirtschaft im Wirtschafts- und Gesell-

    schaftsleben, 2. yon anBen: Auftreten aktueller Fragen durch das Agrarprogramm der Regierung und

    den internationalen Markt. W~hrend im vorigen Jahrhundert die Einf~hrung der mineralischen D~Lngung einen groBen Aufschwung fur die Landwirtschaft gebracht hat mit dem Bestreben, m6gliehst viel zu produzieren und bei Absatzschwierigkeiten staatliche Hilfe in Anspruch zu neh- men, wird in der neuen Auffassung vom Wesen der Landwirtschaft diese als gleich- wertiger funktionsf~ihiger Bestandteil der Gesamtwirtschaft angesehen. Demzufolge ist ein dreifacher Wandel zu erkennen: Dutch Integrationstendenzen, in der landwirtschaft- lichen Politik, im Denken der landwirtschaftlichen Bev61kerung, insbesondere in der N~he yon GroBwirtschaftszentren. Die Landwirtschaft k6nne keine eigene Gesetzlichkeit mehr beanspruchen, sondem sei Tell der Wettbewerbswirtschaft. Der Mensch sol! daher die gleichen M~glichkeiten in der Landwirtschaft linden wie in den anderen Wirtschats- zweigen. Aus diesem Wesenswandel ergebcn sich neue Aufgaben der landwirtsehaftlichen Statistik als Mittel zur Messung der Produktion, zur Feststellung der Wettbewerbsf~hig- keit und der Einkommensbildung sowie der Aufzeigung der Reaktion auf andcre wirtschaftliche Einwirkungen. Hierbei treten fur die Statistik besondere Schwierigkeiten auf, da ein groBer Unterschied in der Marktwirksamkeit zwischen Klein- und GroBbetrieb besteht. Doch k6nne auch bei einem kleineren Betrieb eine ausschlieBliche Marktorientie- rung gegeben sein. Schwierig ist auch die Abgrenzung gegen~ber anderen Erwerbs- zweigen, da sowohl Produktionsmittel wie Arbeitskr~fte h~ufig in verschiedenen Er- werbszweigen eingesetzt werden. Hierdurch werden die sozialen Merkmale beeinfluBt, die beim Bauem Sicherheit bei geringem Einkommen, beim Arbeiter h6heres Einkommen mit Wechsel der Arbeitsst~tte sin& Die Verzahnung yon Hauswirtschaft, Landwirtschaft und Gewerbe sei statistisch noch nicht gen~gend aufgehdlt. Dies sowie eine Beurteilung der Ertragslage sei nur m6glich, wenn man die iiuBere und irmere Struktur: Betriebsgr6Be, Betriebsaufbau, Bodennutzungssystem, Arbeitskriiftebesatz kennt. Die w6chentlichen

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  • Arbeitszeiten gehen beim Bauern oft fiber 60, bei der Biiuerin oft fiber 80 Stunden hinaus. Ziel der landwirtschaftlichen Statistik sei die Aufstellung einer Gesamtrechnung der Landwiztschaft mit AnschluB an die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, was zur Stiir- kung der Stellung der Landwirtschaft irmerhalb der Gesamtwirtschaft ffihren werde.

    Die anschfieBenden Kurzreferate und die Diskussionsbeitr~ge bescb~tigten sich besonders mit den Problemen der statistischen Erfassung der landwirtschaftlichen Einkommen und der begrifflichen Abgrenzung. GroBe Schwierigkeiten treten z. 13. auf bei der Feststellung des Eigenverbrauchs und des Mietwerts der Wohnung; Richtsiitze k6nnten hier wenig helfen. Die in Vorbereitung befindliche neue Einheitsbewertung gebe nur Anhaltspunkte, da sie normale Verh~lmisse unterstellt. Auch die Einkommensteuer-Statistik bietet keine geeignete Grundlage; es werden im Schnitt schiitzungsweise nur 10~o der landwirtschaft- lichen Betriebe yon ihr betroffen. Etwa die Hiilfte sind Nebenerwerbsbetriebe. Es wiiren daher nicht nur die rein landwirtschaftlichen, sondern auch die gemischten Betriebe statistisch zu erfassen. Man dfirfe aber nicht jedes kleinste Stfick Bodenfliiche als land- wirtschaftlichen Betrieb auffassen; die Leistung ffir den Markt solle den Ausschlag geben.

    Im Zusammenhang mit der Hauptversammlung tagten die verschiedenen Ausschfisse und Unterausschiisse der DStG, wobei unseren Leserkreis besonders die Themen der gemein- samen Sitzung der Ausschfisse ,,Anwendung statistischer Methoden in der Industrie" und ,,Stichprobenverfahren" interessieren dfirften: LinderlGenf sprach iiber ,,Ziele und Methoden des indischen National Sample Survey". Diese Stichprobenerhebung wurde als Bev61kerungs-, Gewerbe-, Preis- und Lohnstatistik ab Oktober 1950 durchgefiihrt. GroBe Schwierigkeiten waren durch die gewaltige Aus- dehnung des Landes, die Gr6Be der Bev61kerung und die vielerlei Sprachen gegeben. Die Befragten hiitten oft keinen Zeitbegriff; nur ein geringer Prozentsatz konnte das Geburtsdatum belegen. HorstmannllViesbaden gab in einem Diskussionsbeitrag ,,Der deutsche Mikrozensus im Vergleich zum indischen National Sample Survey" bekannt, dab in den niichsten Tagen (ab 14. Oktober) die erste Woche ffir den deutschen Mikro- zensus beginnt. Es handelt sich dabei im wesentlichen um eine Volks- und Berufsziihlung, also um eine engere Aufgabenstellung als in Indien. In dem folgenden Referat ,,Zum Ausfaliproblem bei Stichprobenerhebungen" wies Bosse] IVien auf die groBen Gefahren der Ausfiille ffir das Ergebnis bin, da sic Verzerrungen verursachen. Beispielsweise ge- h6ren bei einer Verbrauchserhebung die ,,Verweigerer" wahrscheinlich h6heren Ein- kommensschichten an. Es handelt sich hier um systematische Fehler, die mathematisch schwer behandelt werden k6nnen. Eine Substitution der Ausfiille dutch andere Einheiten ist nicht zuliissig, sondern es mfissen Wiederholungen der Besuche durcli die Interviewer mSglichst so lange durchgeffihrt werden, bis alle Fragen beantwortet sind. Scbwenzner yon der Gesellschaft fiir Marktforschung, Hamburg, referierte fiber ,,Probleme und Methoden der betriebswirtschaftlichen Marktforschung, erliiutert an ausgewiihlten Bei- spielen". Er stellte fest, dab die Betriebe noch zu viel nach innen, die Marktforscher noch zu viel nach auBen schauen wfirden. Immer sei eine Ergiinzung der Analyse des eigenen Betriebes dutch eine solche der gesamten Branche erforderlich; denn nut so k6nne be- urteilt werden, oh das innerbetriebliche Geschehen konform oder nicht konform zum Marktgeschehen verl~iuft. Anderson/Hamburg steUte hierzu Ergebnisse yon Erhebungen dar und wies u. a. auf den EinfluB des Wetters, des Tageslichts und der Begleitperson beim Einkauf hin. Die bei der Markt- und Meinungsforschung gegebenen groBen Schwierigkeiten fanden in dem umgepriigten Bonmot Ausdruck: ,,Die Statistik lfigt sehr, die Marktforscher noch mehr, die Meinungsforscher am meisten." Raabe[ Wiesbaden sprach zum Thema ,,Obereinstimmung und Unterschiede in der Definition und Messung der Abschreibungen in betrieblicher und volkswirtschaftlicher Sicht". Am Beispiel der Grund- konten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gab er einen Einblick in den Jahres- abschluB der Unternehmen in fiberbetrieblicher Sicht. Er wies darauf bin, dab sich bei auBergew6hnlichen Verm6gensverlusten ein bemerkenswerter Unterschied in der betrieb- lichen und volkswirtschaftlichen Beurteilung ergibt; die Risikopriimie ffir die Schaden- versicherung mfisse als erh6hte Abschreibung gebucht werden. Die beiden folgenden Referate besch~iftigten sich mit der Qualitiitskontrolle. RempellIVupperlal-Elberfeld sprach fiber ,,QualitiitskontroUe, eine Voraussetzung bei der neuzeitlichen Serienfertigung",

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  • Koller/[Viesbaden fiber ,,QualitiitskontroUe von Stichproben". Anschliel3end erstattete Kol- ler einen Bericht fiber die Tiitigkeit des Arbeitskreises ftir Fragen der mathematischen Methodik. Das letzte Referat der sich fiber einen ganzen Tag erstreckenden Sitzung hielt Nicolas/Berlin fiber das Thema ,,Neue Methoden der Saisonbereinigung". Er wies dabei auf den Wandel in den wirtschaftlichen Erscheinungen hin; es scheine heute eigentliche Konjunkturschwankungen nicht mehr zu geben. Der Referent stellte verschiedene Me- thoden der Saisonbereinigung kritisch dar, die in den ,,Monatsberichten der Bank deut- scher Liinder", Miirz 1957 und in ,Wirtschaft und Statistik", April 1957 behandelt sind. AuBerdem erliiuterte er ein im deutschen Institut ffir Wirtschaftsforschung, Berlin, aus Ansiit.zen yon Donner entwickeltes Verfah~en der Harmonischen Analyse durch Ein- ffihrung yon Sinusschwingungen, dessen vorteilhafte mathematische Handhabung er besonders hervorhob. Bei der Mitgliederversammlung gab der Vorsitzende der DStG, Priisident Dr. Wagner, einen l~3berblick fiber die Beteiligung der Geselischaft an ausl~ndischen Tagungen und fiber die Ver6ffendichungen sowie die T~ttigkeit der verschiedenen Ausschfisse. Zur 30. Tagung des Intemationalen Statistischen Instituts, die vom 8. bis 15. August in Stockholm stattfand, wird ein Bericht in dem Organ der Gesellschaft, dem ,,Allgemeinen Statistischen Archly", ver6ffentlicht werden. Die Zahl der Abonnenten dieser Zeitschrift betritgt z. Z. 345, wovon ein Drittel Ausl/inder sind, wiihrend die Gesellschaft fiber rd. 400 pers6nliche Mitglieder und 37 korporative Mitglieder verfiigt. Sehr begriiBt wurde yon der Mitgliederversammlung, dab der AusschuB ,Stichprobenverfahren" auf eine breitere Grundlage gesteUt und in ,,Ausschul3 fiir neue statistische Methoden" um- benannt wird, sowie dab die Veranstaltungen der Ausschfisse und Unterausschfisse, welche im Zusammenhang mit der Jahresversammlnng stattfmden, wieder allen Mit- gliedern ohne weiteres zug'~haglich gemacht werden. Die niichste Jahresversammlung soll in K61n am 16./17. Oktober 1958 stattfmden. Als Themen ffir die Hauptversammlung sind vorgesehen: ,,Methoden und Probleme des internationalen PJ:eisvergleichs" mit Referaten yon Jacobs/Bremen und Wagenffihr/Luxemburg, ,,Das Untemehmen als Objekt der Statistik" mit Referaten yon Herrmann und Weisser, beide K61n.

    Paula Schweiger (Karisruhe)

    Schweizerische Lebensversicfierungs- und Kentenanstalt 1857--1957

    Jubiliiumsschrift, Zfirich 1957

    AnlaBlich ihres hundertjiihrigen Bestehens legt die Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt eine etwa 250 Seiten umfassende Jubiliiumsschrift vor; der Verfasser dieses schon iiul3erlich ansprechenden, grol3zfigig mit Aquarellen, Portrittzeichnungen und graphischen Darstellungen ausgestatteten Werkes ist Prof. Dr. Hans Wyss. Im ersten Tell wird das ,,Werden und Wachsen" der Rentenanstalt geschildert und det Zusammerdaang mit der Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Verb.iilmisse in der Sehweiz land den im Gesch/iftsbereich liegenden Nachbarliindem eingehend dar- gelegt. Der zweite Tell der Schrfft geht in umfassender Weise auf die in der Lebens- und Renten- versicherung auftretenden Detailfragen ein: Tarifgestaltung, Risikobeurteilung, Priimien- inkasso, Rechnungswesen, Kapitalanlagen, OberschuBverteilung usw. Wir woUen z. B. das Kapitel Priimieninkasso herausgreifen. Im GroBlebensgesch~t erwies es sich anfangs als vorteilhaft, nur Jahrespr~imien mit dem 1. Januar als Fiilligkeitstag zuzulassen, bis sich mit der Zunahme des Geschiiftsumfangs die Hiiufung der Inkassoarbeiten fiber den Jahreswechsel so st6rend auswirkte, dab die Priimiermahlung spiiter auf den Beginn des Abschlul3monats abgestelit wurde. Ffir das Kleinlebensinkasso wurde zuniichst die folgende originelle L6sung gefunden. Der Ver- sicherungsnehmer kaufte w6chentlich eine seinem Beitrag entsprechende Briefmarke und klebte sie auf eine Beitragskarte. Das Eidgen6ssische Postdepartement kaufte die ftir ihre Zwecke unbrauchbar gewordenen Briefmarken zurfick. Dieses Verfahren wurde nach Aufnahme des Postscheckdienstes um die Jahrhundertwende yon diesem abgel6st.

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