charlotte rogan: in einem boot (leseprobe)

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ab 16. September 2013 im Handel, 336 Seiten, ISBN 978-3-8390-0150-9. – Damit die einen überleben, müssen die anderen sterben. Grace ist frisch verheiratet mit Henry Winter, einem jungen Mann aus reichem Hause, als sie sich am Vorabend des ersten Weltkriegs auf der Zarin Alexandra einschifft. Doch nach einer mysteriösen Explosion sinkt der Ozeandampfer, und Henry erkauft seiner Frau einen Platz in einem Rettungsboot. Den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, treibt das überladene Boot wochenlang auf offener See. In einer Atmosphäre aus Misstrauen und unterdrückter Aggression stellen sich existentielle Fragen. Sollen die Stärkeren sich opfern, damit die Schwächeren überleben können? Oder besser umgekehrt? Wer darf das entscheiden? Und sitzt Grace überhaupt zu Recht in diesem Boot? Grace überlebt die Katastrophe, findet sich aber Wochen später vor einem Gericht in New York wieder. Die Anklage lautet auf Mord.

TRANSCRIPT

  • Aus dem Amerikanischen bersetzt von Alexandra Ernst

    Charlotte Rogan

    IN EINEM BOOT

    Roman

  • ISBN 978-3-8390-0150-91. Au" age 2013

    Erschienen unter dem Originaltitel e Lifeboatbei Reagan Arthur Books / Little, Brown and Company

    in der Verlagsgruppe Hachette Book Group Copyright fr die Originalausgabe 2012 Charlotte Rogan

    Copyright fr die deutsche Ausgabe: script5 2013script5 ist ein Imprint der Loewe Verlag GmbH, BindlachAus dem Amerikanischen bersetzt von Alexandra Ernst

    Umschlagdesign: Emma Graves / Little, Brown Book GroupUmschlagmotive: Mark Owen / Arcangel Images (Meer),

    $ e Francis Frith Collection / SuperStock (Boot)Umschlaggestaltung: Christian Keller

    Printed in Germany

    www.script5.de

  • Fr Kevin.

    Und fr Olivia, Stephanie und Nick.

    In Liebe

  • Ich werde allen Menschen von der Flut knden. Hrt zu!

    Atrahasis-Epos, letzte Zeile

  • 9Prolog

    Die Anwlte waren schockiert ber mein Benehmen. Es

    berraschte mich, welche Wirkung ich auf sie hatte. Als wir

    heute das Gerichtsgebude verlieen, um ein Mittagessen

    zu uns zu nehmen, ging ein Gewitter nieder. Eilig suchten

    die Herren Schutz unter der Markise eines Gesch& s, damit

    ihre Anzge nicht nass wurden, whrend ich mitten auf der

    Strae stehen blieb, mein Gesicht nach oben gewandt, den

    Mund weit ge* net. Ich war wieder dort, erlebte noch ein-

    mal jenen anderen Regen, der uns in einen grauen Mantel

    hllte. Ich hatte diesen Regenguss erlebt, aber dort auf der

    Strae sprte ich zum ersten Mal, dass ich ihn wieder erle-

    ben, dass ich erneut eintauchen konnte und dass es wieder

    der zehnte Tag war. An diesem Tag hatte es angefangen zu

    regnen.

    Der Regen war kalt, aber wir hieen ihn willkommen.

    Anfangs war es nicht mehr als ein san& es Nieseln, aber je

    weiter der Tag fortschritt, desto strker regnete es. Wir ho-

    ben unsere Gesichter, rissen die Mnder auf und wsserten

    unsere geschwollenen Zungen. Mary Ann konnte oder

    wollte den Mund nicht * nen, weder um zu trinken noch

    um zu sprechen. Sie war etwa in meinem Alter. Hannah,

    die nur unwesentlich lter war, schlug sie fest ins Gesicht

  • 10

    und sagte: Mach den Mund auf oder ich mache es! Dann

    packte sie Mary Ann und hielt ihr die Nase zu, bis sie ge-

    zwungen war, nach Lu& zu schnappen. Lange Zeit saen

    die beiden in einer groben und erbarmungslosen Umar-

    mung da. Hannah drckte Mary Anns Kiefer auseinander,

    damit der graue, rettende Regen in sie " ieen konnte, ein

    Tropfen nach dem anderen.

    So kommen Sie doch!, rief Mr Reichmann, der die

    kleine Gruppe von Anwlten leitet, die von meiner Schwie-

    germutter angeheuert wurde nicht etwa, weil ihr etwas an

    mir liegt, sondern weil sie der Meinung ist, dass meine Ver-

    urteilung ein schlechtes Licht auf ihre Familie werfen wr-

    de. Mr Reichmann und seine Kollegen versuchten vom

    Gehsteig aus, mich zum Herkommen zu bewegen, aber ich

    tat so, als wrde ich sie nicht hren. Sie wurden wtend,

    weil sie sich nicht beachtet fhlten oder besser gesagt: weil

    ich ihnen nicht gehorchte. Und das ist fr Leute, die es ge-

    wohnt sind, von einem Podium aus zu sprechen, und die

    sich der Aufmerksamkeit von Richtern und Geschworenen

    sicher sein knnen und von Menschen, die unter Eid ste-

    hen oder zum Schweigen verp" ichtet sind und deren Frei-

    heit davon abhngt, welche Wahrheit sie sich entscheiden

    zu erzhlen, geradezu eine Ungeheuerlichkeit. Als ich mich

    schlielich von dem Regen losriss und mich zu ihnen ge-

    sellte, zitternd und bis auf die Knochen durchnsst, aber

    insgeheim voller Freude, weil ich die kleine Freiheit meiner

    Einbildungskra& wiedergefunden hatte, fragten sie mich:

    Was sollte das denn? Was haben Sie gemacht, Grace? Sind

    Sie verrckt geworden?

  • 11

    Mr Glover, der immer am nettesten ist, legte seinen Man-

    tel um meine tropfnassen Schultern, und kurz darauf war

    das feine Seidenfutter ebenfalls vllig durchnsst. Ich war

    zwar von Mr Glovers Geste gerhrt, aber es wre mir lieber

    gewesen, wenn der gut aussehende, etwas stmmige Mr

    Reichmann meinetwegen seinen Mantel im Regen ruiniert

    htte.

    Ich hatte Durst, sagte ich. Ich war immer noch durstig.

    Aber das Restaurant ist gleich um die Ecke. Es ist nur

    noch ein halber Block bis dahin. In ein paar Minuten knnen

    Sie trinken, was Sie wollen, sagte Mr Glover, whrend die

    anderen in die Richtung deuteten, in der das Restaurant lag,

    und mir ermutigend zunickten. Aber mich drstete nach

    Regen und Salzwasser, nach der endlosen Weite des Ozeans.

    Das ist sehr komisch, sagte ich und lachte ber den

    Umstand, dass ich mir aussuchen konnte, was ich trinken

    wollte, wo mich doch nach nichts dergleichen verlangte.

    Ich hatte die vergangenen zwei Wochen im Gefngnis ver-

    bracht, und man lie mich nur fr die Verhandlung hinaus.

    Ich konnte das Lachen nicht unterdrcken. Es schwappte

    in meinem Inneren hin und her und brach aus mir heraus

    wie haushohe Wellen.

    Ich dur& e die Anwlte nicht in den Speisesaal des Res-

    taurants begleiten, sondern musste meine Mahlzeit in der

    Garderobe einnehmen, wo ein Kanzleigehilfe von einem

    Stuhl in der Ecke aus ber mich wachte, whrend ich an

    meinem Sandwich knabberte. Wir saen da wie zwei Vgel,

    und ich kicherte vor mich hin, bis mir die Seiten wehtaten

    und ich befrchten musste, mich zu bergeben.

  • 12

    Nun, sagte Mr Reichmann, als die Anwlte ihr Mittag-

    essen beendet hatten und mich abholten, wir haben dar-

    ber geredet, und es scheint uns gar nicht so weit hergeholt,

    wenn wir auf nicht zurechnungsfhig pldieren. Die Idee,

    mich als geisteskrank zu deklarieren, erfllte sie mit frhli-

    chem Optimismus. Waren sie vor dem Essen noch nervs

    und niedergeschlagen gewesen, so zndeten sie sich nun

    Zigarren an und gratulierten sich gegenseitig zu gewonne-

    nen Fllen, von denen ich noch nie gehrt hatte. Sie hatten

    o* ensichtlich die Kpfe zusammengesteckt, meinen Geis-

    teszustand unter die Lupe genommen und entschieden,

    dass die eine oder andere Schraube locker sein knnte, und

    nachdem der erste Schock ber mein Benehmen abgeklun-

    gen war und sie berlegt hatten, ob man die Sache nicht

    vielleicht wissenscha& lich erklren und zum Nutzen des

    Verfahrens ausschlachten knnte, ttschelten sie mir nach-

    einander den Arm und sagten: Machen Sie sich keine Sor-

    gen, meine Liebe. Immerhin haben Sie einiges durch-

    gemacht. berlassen Sie alles uns, wir kennen uns damit

    bestens aus. Es 6 el der Name eines gewissen Dr. Cole, und

    man versicherte mir, dass er uerst mitfhlend sei.

    Dann ratterten sie eine Liste von Titeln und Spezialgebie-

    ten herunter, die mir alle berhaupt nichts sagten.

    Ich wei nicht, wer auf die Idee kam vielleicht war es

    Glover oder Reichmann, vielleicht auch der mausgraue

    Ligget , dass ich mich hinsetzen und versuchen sollte, die

    Ereignisse jener einundzwanzig Tage zu rekonstruieren.

    Das Tagebuch sollte dann als eine Art Entlastungsmate-

    rial dem Gericht prsentiert werden.

  • 13

    Aber in dem Fall sollte sie besser geistig gesund sein,

    ansonsten wird das Dokument doch nicht zugelassen,

    meldete sich Mr Ligget vorsichtig zu Wort, als htte er

    Angst, einen Misston in die Diskussion einzubringen.

    Da haben Sie vermutlich recht, meinte Mr Reichmann

    und strich sich ber das lange Kinn. Warten wir ab, was

    dabei herauskommt, bevor wir uns fr einen Weg entschei-

    den. Sie lachten und stachen mit ihren Zigarrenspitzen in

    die Lu& und redeten ber mich, als ob ich gar nicht da

    wre, whrend wir gemeinsam zum Gerichtsgebude zu-

    rckgingen, wo ich mit zwei weiteren Frauen, Hannah

    West und Ursula Grant, wegen Mordes auf der Ankla-

    gebank sa. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt. Ich war

    zehn Wochen verheiratet gewesen und seit sechs Wochen

    Witwe.

  • Teil I

  • 17

    Erster Tag

    Am ersten Tag im Rettungsboot waren wir sehr still. Wir

    waren viel zu sehr damit besch& igt, entweder das Drama

    zu verarbeiten, das sich in dem schumenden Meer rings-

    um abspielte, oder es zu verdrngen. John Hardie, ein krf-

    tiger und fhig wirkender Seemann und das einzige Mit-

    glied der Mannscha& an Bord des Rettungsboots Nr. 14,

    bernahm sofort das Kommando. Er verteilte die Leute

    entsprechend ihres Gewichts auf die einzelnen Sitzpltze,

    und da das Boot sehr tief im Wasser lag, untersagte er es

    uns allen, ohne seine Erlaubnis aufzustehen oder he& igere

    Bewegungen zu machen. Dann zog er ein Steuer unter den

    Sitzen hervor, befestigte es in seiner Verankerung am hin-

    teren Ende des Bootes und fragte schlielich, wer von den

    Insassen rudern knne. Drei Mnnern und einer kr& igen

    Frau namens Mrs Grant wurden die vier langen Ruder an-

    vertraut, und Hardie gab Anweisung, das Boot so schnell

    wie mglich so weit wie mglich von dem sinkenden Schi*

    wegzubringen. Rudert, was das Zeug hlt, befahl er,

    wenn ihr nicht mit ins Verderben gerissen werden wollt!

    Mr Hardie stand mit gespreizten Beinen und wachsamen

    Augen im Boot und steuerte geschickt um jedes Hindernis

    herum, das uns vor den Bug geriet, whrend meine vier

  • 18

    Gef