Aeschlimann Corti Stipendium 2013

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Zeitung des AC Stipendium 2013

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  • Liebe Leserin, lieber LeserDie Anerkennung meiner knstlerischen Arbeit durch das AC-Stipendium war eine besttigende und ermutigende Erfahrung. Die dadurch ermglichte Zeit finanziell abge- sicherten Arbeitens erwies sich fr mich nach langem Aufenthalt im Ausland als sehr frderlich bei der Wieder-verortung in der Schweiz. Die Finanzierung knstlerischer Recherche und Produk- tion ist aufwndig und eine oft mhselige Arbeit. Nicht alle Werke entstehen finanziert durch Ausstellungsbudgets oder Frderungen. KnstlerInnen arbeiten mit viel Risiko-bereitschaft und investieren oft bis an die Grenzen ihrer Mglichkeiten.Umso willkommener sind gutdotierte Stipendien: Sie ver-schaffen Zeit fr vertiefte Reflexion und neue Ideen; zudem leisten sie auch einen Beitrag zur Selbstvermarktung als Eintrag in der Biografie. Und umso schner ist es fr eine Knstlerin, unverhofft ein zeit-intensives, abgeschlosse-nes Projekt in dieser Form ausgezeichnet zu sehen.Die AC-Zeitung wurde 2010 als Information zum Stipen- dienwettbewerb lanciert. Mit ihrer sorgfltigen Gestal-tung, der grosszgigen Bebilderung, den vertieften Texten zu den Haupt- und Frderpreistrgern und den prmierten Werken stellt die Publikation die Arbeiten in einen Kontext mit ihrer Entstehung und dem Schaffen der KnstlerInnen. Den sorgfltig verfassten Text zu meiner Arbeit konnte ich als Ergnzung zu meiner Dokumentation verwenden. So untersttzten Stipendium und Zeitung wesentlich die Ver-breitung und die inhaltliche Rezeption meiner Arbeit.

    hnliche positive Auswirkungen wnsche ich auch meinen Kollegen, die mit dem AC-Stipendium 2013 ausgezeichnet wurden.

    Maia GusbertiKnstlerin, AC-Stipendium Hauptpreistrgerin 2010

    Titelseite:Stefan Guggisberg Aus der Werkgruppe Entfernung zur Sonne, 2011-2013. l auf Papier, verschiedene Masse.

    EDITORIAL

    AC-2013 Aeschlimann Corti Stipendium der Bernischen Kunstgesellschaft, Ausgabe 2013, Web-Version

  • Preistrger

    Hauptpreise: je CHF 25 000Stefan Guggisberg (* 1980) Matthias Wyss (* 1985)

    Frderpreise: je CHF 10 000Lukas Hoffmann (* 1981)Antal Thoma (* 1981)

    Zur Ausstellung eingeladene Kunstschaffende:Lena Amuat und Zo MeyerLivio BaumgartnerTashi BrauenBrigitte DtwylerJonas EtterRamon FellerStefan GuggisbergLukas HoffmannClaude HohlAlexander JaquemetAlain JenzerMatthias LiechtiNicole MichelGil PellatonSelina ReberNadin Maria RfenachtMarietta SchenkAnja SchoriFrancisco SierraAntal ThomaPhilippe GlatzStefan WegmllerMatthias WyssAline Zeltner

    Kuratorin der Ausstellung: Claudine Metzger

    Leitung administrative Verwaltung AC-Stipendium: Reina Gehri

    Ausstellungsort 2013

    Kunstmuseum BernHodlerstrasse 8 -123000 Bern 7T +41 (0)31 328 09 44info@Kunstmuseumbern.ch www. Kunstmuseumbern.ch

    ffnungszeiten

    Dienstag, 10 - 21 UhrMittwoch bis Sonntag, 10 - 17 UhrMontag geschlossen

    Ausstellungsdauer

    24. April bis 2. Juni 2013

    AC Jurymitglieder 2013:Annick HaldemannKuratorin, Juryprsidentin Aeschlimann Corti-Stipendium (Vorsitz)Peter AerschmannKnstler, Bern, Vorstandsmitglied BKG Dr. Matthias FrehnerDirektor Kunstmuseum Bern Oliver KielmayerKurator Kunsthalle WinterthurBarbara Meyer CestaKnstlerin, Biel

    Vorschau AC-Stipendium 2014

    Anmeldung: Publik ab Ende 2013 unter www.kunstgesellschaft.ch

    AC-2013

    AC-2013 Aeschlimann Corti Stipendium der Bernischen Kunstgesellschaft, Ausgabe 2013, Web-Version

  • Die Bildrume, die Stefan Guggisberg mit und in seinen Gemlden ffnet, lassen an Traumrume denken. Sie sind kaum verortbar und doch przise gesetzt. Sie erzhlen et-was, ohne dass dies benennbar wre. Sie lassen also etwas erahnen, das nicht auf den Begriff zu bringen ist, wie denn der Knstler selbst sagt, er gehe von Ahnungen aus. Die ausgefeilte Maltechnik trgt dabei das Ihre dazu bei, dass das Auge in die oft auch kleinformatigen Gemlde eintau-chen und sich darin verlieren will.

    Hauptpreis Beginn lautet der Titel eines neuen Gemldes von Stefan Guggisberg (*1980). Es hngt ungerahmt an der Wand, das Papier mit den Massen 250 auf 203 Zentimeter ein Grossformat also hngt leicht. Weniger leicht ist es, wie berhaupt im Werk von Guggisberg, zu definieren oder gar zu begreifen, was zu sehen ist oder hier: was an jenem Beginn beginnt. Die Farben scheinen hell und klar, je nachdem sogar gleissend; Licht durchdringt den Bildraum. Ein dunkles Ding in der oberen Bildhlfte scheint emporzuschweben oder fllt es hinunter? Fllt es hinunter in jenen wolkenhnlichen Strudel, der sich vom Boden emporwindet? Oder wird das dunkle Ding von diesem Strudel in den Kosmos getragen, der sich im Bildraum ffnet?Beginn: Das kann heissen, es sei der Beginn einer Schpfung, einer Weltgenese oder zumindest der Beginn eines irgendwie gearteten Phnomens, das von ferne an die schaumgeborene Venus erinnert, wie sie Sandro Botticelli malte. Nur ist kei-ne Figur / Person zu sehen, es sind Figurationen, die sich der Fassbarkeit entziehen, Figurationen, die in ein dramatisches Geschehen involviert sind. Es passiert irgendetwas.

    Das gewisse und przise Irgendetwas Nur: Irgendetwas, das ist nicht Guggisbergs Sache, wie er in den vergangenen Jahren in Ausstellungen der Kunsthalle Bern oder im Kunst-museum Thun gezeigt hat. Die Bilder des in Leipzig lebenden Knstlers sind in zweierlei Hinsicht unverkennbar: einerseits wegen des Bildkosmos, der sich hier ffnet in jenes Irgend-etwas hinein, das immer ein rtselhaftes oder gar geheim-nisvolles Etwas ist; andererseits wegen der Maltechnik, die Guggisberg mit einer gewissen Akribie entwickelt hat. Auf den ersten Blick knnte man meinen, es handle sich bei diesen Bildern um Heliogravren, also um Lichtdrucke, bei denen das Licht und die bergnge stets in einer weichen Nuan-ciertheit aufscheinen und eine Art von im besten Sinne weich zeichnendem Flou bewirken.

    Dabei aber verwendet der Knstler die Technik der lmale-rei, freilich mit einer besonderen Methode und Schichtung. In seiner 2008 an der Hochschule fr Gestaltung und Buchdruck in Leipzig eingereichten Diplomarbeit schildert er genau, wie er vorgeht und zeigt die enge, berraschende und zugleich originelle Relation von Technik, Form und Inhalt. Dass er da-bei hnlich komplex vorgeht wie der international hoch ge-

    handelte Neo Rauch, bei dem er spter Meisterschler war, spricht nicht etwa von Epigonentum, sondern im Gegenteil offensichtlich von einer ausgeprgten Eigenstndigkeit.

    Ausser Fassung Der Titel dieser Arbeit lautet: Ausser Fassung. Mein malerischer Arbeitsprozess mit dem Dia-gramm . Dabei ist der Prozess ebenso kompliziert oder genauer: vielschichtig wie dieser Titel. Der Beginn heisst Grundierung wie bei vielen Techniken. Die Grundierung, die Guggisberg verwendet, ist aber speziell. Er stupft in drei oder mehr Schichten mit einem borstigen Pinsel feinste Rasterun-gen aus Ocker, Rot und Blau auf das Blatt. Darber folgt eine weitere, monochrom erscheinende, jedoch farblich nuancier-te Grauschicht, manchmal auch ein Cyan-Blau, je nach Atmo-sphre, die dem Knstler vorschwebt oder die sich ihm im Akt des Bildaufbaus und der Bildschichtung aufdrngt. Aus diesem Feld Guggisberg nennt es Mglichkeitsfeld entpuppt sich nach und nach das Bild. Der Maler schaut sich in die Bildflche hinein, bis sie sich in einen Bildraum zu verwan-deln beginnt, in dem sich Bewegungen und Krftewirkungen abspielen. Er setzt da und dort und in vielen Arbeitsschritten durch Hinzufgen oder Wegradieren von Farbe Akzente, die Konturen annehmen. Er malt also das Bild in das Bild hinein, in einem Zustand offensichtlich, der nicht von rationalen ber-legungen gelenkt sein soll, sondern durch das konzentrierte Hineinsehen oder durch das, was der Knstler etwas mystisch Ahnung nennt und was eben mit jenem Ausser Fassung korrespondiert. Es ist eine fassungslose Bildfindung, in der das Assoziative mitsamt seinen Verwerfungen wichtiger Mo-tor ist, sich aber nicht zu einer surrealistischen vermeintli-chen criture automatique formt. Denn dafr ist der Umgang mit der Maltechnik zu diszipliniert.

    Der Raum des Unfassbaren Ausser Fassung: Das nun er-klrt, weswegen hier eigentlich Unfassbares zu sehen ist, eben jenes Irgendetwas, etwas, das nicht auf diesen oder jenen Begriff zu bringen wre wobei der Begriff des Un-fassbaren ja eben dieses auf den ausserhalb des Bildes stehenden Begriff zu bringen versucht. Aber die Metapher des Unfassbaren drngt sich nicht etwa deswegen auf, weil der Bilderkosmos von Guggisberg in die Abstraktion gleiten und kippen wrde oder ungegenstndlich wre. Es sind sehr wohl Dinge zu sehen, die Erinnerungen wecken, wie sich in der kleinformatigen Serie Entfernung zur Sonne zeigt: da ein Brett, da ein feuerhnlicher, jedoch tiefblauer Wirbel, dort eine Tr, ein Glas, herumliegende Textilien und das alles taucht in Rumen auf, die perspektivisch materialisiert sind und teils klare Konturen haben, also in Zimmern oder in einer Art Landschaft (wie beim Gemlde Beginn).Die Betrachtenden treten in Szenerien ein, die zugleich Ge-schichten sein knnten, vielleicht auch Trume, Alptrume: Etwas geschieht, etwas ist geschehen, etwas knnte gesche-hen so sagt das Gefhl, ohne dieses Geschehen benennen

    HAUPTPREIS AC-2013

    DAS BILD ALS DISPOSITIV DES UNFASSBAREN

    AC-2013 Aeschlimann Corti Stipendium der Bernischen Kunstgesellschaft, Ausgabe 2013, Web-Version

  • zu knnen. So genau-vage und unverortbar die Rume, so unidentifizierbar die Geschichten. Die Bilder sind derart sehr narrativ um sich dem Narrativen sogleich wieder zu entzie-hen. Sie scheinen illustrativ, der Text aber ist unwiederbring-lich verloren gegangen, der hier zu den Bildern gefhrt haben knnte. Denn es gibt keinen Text. Es gibt nur das Bild. Und das Bild schweigt. Dabei knnen, dabei sollen die Bildtitel nicht auf die Sprnge helfen. Es ist paradox: Der Beginn zeigt alle Anzeichen der Katastrophe, die Entfernung zur Sonne ist meilenweit, mehr als hunderttausende von Kil