Aeschlimann Corti Stipendium 2012

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Magazin des Aeschlimmann Corti Stipendiums der Bernischen Kunstgesellschaft

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  • Liebe Leserin, lieber LeserDie Bernische Kunstgesellschaft BKG hat sich der Frde-rung von Berner Knstlerinnen und Knstlern verschrie-ben bereits seit ihrer Grndung 1813. Mit der Vergabe des Aeschlimann Corti Stipendiums wurde ein privates Fr-derinstrument geschaffen, das sich als Ergnzung zu den Zuwendungen durch die ffentliche Hand an die Kunst-schaffenden versteht. Nebst der Organisation des Wettbe-werbs und der damit verbundenen Ausstellung engagiert sich die BKG fr die Vermittlung des aktuellen Kunstschaf-fens und untersttzt Aktivitten im Raum Bern.

    Vor exakt siebzig Jahren wurde das erste Stipendium ver-geben: Es waren tausend Franken und sie gingen an Max von Mhlenen. Seither konnte die BKG ber 210 Stipendien und Frderpreise an herausragende Jungtalente berrei-chen. Dank der Suche nach weiteren Donatoren betrgt die jhrliche Preissumme seit 2005 CHF 70 000. Jobst Wagner, dem ehemaligen Prsidenten der BKG, gebhrt ein grosser Dank fr seine langjhrigen Beitrge an die Preissumme. Mittlerweile ist das AC-Stipendium das bestdotierte priva-te Kunststipendium in der Schweiz.

    Mein Dank gilt auch allen BKG-Mitgliedern, Institutionen und Gnnern, die das AC-Stipendium, die AC-Zeitung und die BKG untersttzen. Ohne deren vielfltiges Engagement wren die BKG und das AC-Stipendium nicht, was sie sind.

    Mit dieser AC-Zeitung stellen wir Ihnen die Preistrgerin-nen und den Preistrger des diesjhrigen Wettbewerbs vor. Ich wnsche Ihnen eine ergiebige Lektre.

    Annick HaldemannJuryprsidentin Aeschlimann Corti StipendiumVorstandsmitglied BKG und Stiftungsrtin der Aeschlimann Corti Stiftung

    Titelseite:Olivia NotaroAusschnitt aus der Installation Augenblick, 2011. Acryl und l auf gefundene Gemlde.

    EDITORIAL

    AC-2012 Aeschlimann Corti Stipendium der Bernischen Kunstgesellschaft, Ausgabe 2012, Web-Version

  • Preistrgerinnen und Preistrger

    Hauptpreis: je CHF 30 000Sarah Hugentobler (* 1981) Olivia Notaro (* 1975)

    Frderpreis: CHF 10 000Nino Baumgartner (* 1979)

    Ausstellende KnstlerInnen:Nino BaumgartnerSarah BernauerTashi BrauenKaspar BucherManuel BurgenerMarianne EngelAndrea GerberSam GrafStefan GuggisbergPatrick HarterKatrin HotzSarah HugentoblerRudolf Jggi GermanoMarius LscherOlivia NotaroAnnina Matter + Urs ZahnNicole MichelMartin MllSelina ReberAnja SchoriPascal SchwaighoferFrancisco SierraReto Steiner

    Kuratorin der Ausstellung: Felicity LunnDirektorin CentrePasquArt, Biel

    Ausstellungsassistenz: Irne Zdoroveac CentrePasquArt, BielReina GehrigLeitung administrative Verwaltung AC Stipendium

    Ausstellungsort 2012

    CentrePasquArt Kunsthaus Seevorstadt 71 -73CH -2502 Biel T +41 (0)32 322 55 86info@pasquart.chwww.pasquart.ch

    ffnungszeiten

    Mittwoch bis Freitag, 14 - 18 UhrSamstag, Sonntag, 11 - 18 UhrMontag und Dienstag geschlossen

    Ausstellungsdauer

    5. Mai bis 17. Juni 2012

    AC Jurymitglieder 2012:Annick HaldemannKunsttheoretikerin und Kuratorin, Juryprsidentin Aeschlimann Corti Stipendium (Vorsitz) Felicity LunnDirektorin CentrePasquArt, BielDr. Roger FayetDirektor SIK-ISEA, ZrichKotscha ReistKnstler, Bern, Vorstandsmitglied BKG Markus SchwanderKnstler, Basel

    Vorschau AC-Stipendium 2013

    Anmeldung: publik ab Ende 2012 unter www.kunstgesellschaft.be

    Ausstellungsort 2013: Kunstmuseum Bern

    AC-2012

    AC-2012 Aeschlimann Corti Stipendium der Bernischen Kunstgesellschaft, Ausgabe 2012, Web-Version

  • Es sind Bilder vom Flohmarkt oder aus dem Brockenhaus: Die AC-Hauptpreistrgerin Olivia Notaro sammelt Geml-de, die niemand mehr will, vergessene Gemlde Portrts und Stilleben von ebenso in Vergessenheit geratenen Au-toren. Mit dem Sammeln und Aneignen beginnt eine neue Geschichte, die nicht ganz ohne Manipulation vor sich geht. Die Knstlerin spinnt in malerischer Manier die im Bild an-gelegte Erzhlung weiter und verndert diese zu inspirie-rend-irritierenden neuen Bild-, Raum-, Zeit- und Werter-fahrungen.

    Hauptpreis Da sind einmal die Blumen-Stilleben oder bes-ser gesagt, das, was davon noch zu sehen ist. Die Blumen sind nmlich malerisch verpackt, scheinbar eingepackt in helles Papier. Nur da und dort lsst sich vom darunter liegenden Blumenstrauss noch etwas erahnen. Oder ist es die Vase, die den entsprechenden Inhalt impliziert? Die heimatlos gewor-denen Stilleben werden bermalt, eine neue Bedeutung wird ihnen auf- oder besser eingemalt. Mit viel Gespr erhalten die Gemlde ein neues Outfit, eine neue Aufmerksamkeit. Sie nehmen durch die strenge Faltung des gemalten Einwickel-papieres beinahe kubistischen Charakter an. Nicht mehr die Blumen stehen im Zentrum, sondern das gemalte, beinahe abstrakte Volumen, das sich in die bestehende Umgebung fast wie selbstverstndlich einzufgen scheint. Olivia Nota-ro (* 1975) konterkariert die ursprngliche Idee und schafft, nicht zuletzt durch die installative Anordnung der Arbeit, ei-nen neuen Bildgedanken. Fast programmatisch bezeichnet die Knstlerin die Installation als Still Life (2010); ganz ent-gegen dem franzsischen Ausdruck fr das Genre Nature morte leben die Bilder Notaros weiter.

    In vergleichbarer Manier geht Olivia Notaro in der Wand-installation Augenblick (2011) vor. Acht Portrts von un-terschiedlicher Qualitt und von unterschiedlichen Persn-lichkeiten reihen sich an der speziell fr die Arbeit gefrbten Wand auf. Trotz aller Individualitt ist ihnen eines gemein: Die Portrtierten sind alle mit geschlossenen Augenlidern darge-stellt. Wir haben es erneut mit manipulierten Bildern zu tun, mit Bildern, welche die Knstlerin gefunden, eingesammelt und verndert hat. So radikal der Eingriff sich vielleicht auch anhrt, bedingt dieser erst das eingehende Studium der vor-gefundenen Maltechnik: l oder Acryl, der Pinselduktus oder die Menge des Farbauftrages jedes Detail muss mit dem Fundstck bereinstimmen. Was dann einzig durch das bermalen der Augen resultiert, ist hchst irritierend. Ob das Mdchen, der Herr oder die ltere Dame mit goldener Kette: Sie alle prsentieren sich uns mit geschlossenen Augen. Hal-ten sie nur fr einen Augenblick inne, schlafen sie oder sind sie gar tot? Damit wrden sich die Darstellungen in die im 19. Jahrhundert in Westeuropa verbreitete Tradition reihen, wo Tote malerisch, spter auch fotografisch als Postmortem-Fotografie festgehalten worden sind, um so den Hinterblie-benen in Erinnerung zu bleiben. Die Knstlerin berlsst uns

    dem Spekulieren und wir sind vielleicht ganz froh, dass unser Gegenber die Augen geschlossen hlt. Dies erlaubt den Betrachtenden nmlich, sich die Details der Portrts aus nchster Nhe anzusehen. Das eine oder andere Bild wurde signiert, und wir erfahren sogar auch Dank dem Blick auf die Rckseite eines der Por-trts , dass wir es bei der Lady in Grn mit Mrs Schmidt, Feriengast in Brienz, 1946 zu tun haben.

    Das Thema der Vernderung, Wandlung und zeitlichen wie materiellen berlagerung treibt die Knstlerin in der installa-tiven Arbeit Moment # ..., 2011-... weiter. Zum zehnten Mal begleitet der adrette Herr mit weissem Hemd, Krawatte und Jakett die Knstlerin an ihren Aktions- oder Ausstellungs-ort. Fast chamleonartig passt sich der Portrtierte seiner Umgebung an. Vom Atelier in eine Bibliothek, spter in einen Ausstellungsraum und hier, im CentrePasquArt treffen wir ihn im Treppenhaus. Whrend der Dauer der Ausstellung als work in progress wird sich der Portrtierte mehr und mehr der aktuellen Umgebung anpassen. Die Knstlerin verndert den Hintergrund des anonymen Portrtierten, bermalt, was da war und malt den jeweiligen aktuellen Standort als Hinter-grund ins Bild ein. Da kann es auch mal vorkommen, dass ein Wandtext durchs Gemlde hindurch luft. Die berlagerun-gen, die Schichtungen der Malerei, die immer mehr werden, sind sprbar, Zeit wird pltzlich greifbar.

    Olivia Notaros Vorgehensweise ist konzeptionell, was auch hier nicht heisst, dass sich die Knstlerin einzig mit einer Idee oder einem Konzept und weniger mit der Ausfhrung beschftigt. Mit ihren Arbeiten reiht sie sich in eine lange Tradition von Knstlerinnen und Knstlern, die einerseits mit vorgefundenem, bereits bestehendem Material arbeiten, an-dererseits sich aber bestimmte Verhaltensweisen, in diesem Falle besondere Mal-Techniken aneignen. Notaro greift in das Bild ein, wird zur Co-Autorin und malt die Bilder um. Ihre Eingriffe sind jedoch subtil und haben kaum etwas mit den radikalen Gesten der bermalungen eines Arnulf Rainer zu tun. Dieser bermalt, seit Mitte der 1950er-Jahre, in exzes-siven Gesten etwa Kopien von Goya und Picasso, von Rem-brandt und van Gogh. Eine ffentliche bermalaktion eines Kunstwerkes fhrte zu Beginn der 1960er-Jahre sogar zum Prozess, und Rainer wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Zur selben Zeit machte auch der damals 27-jhrige Amerikaner Robert Rauschenberg von sich reden. Er suchte sein Idol Wil-lem de Kooning im Atelier auf, erbat vom lteren Kollegen eine Zeichnung, die er whrend der folgenden Tage und Wochen ausradierte. Die Arbeit betitelte Rauschenberg ohne Um-schweife: Erased De Kooning (1953). Fr Aufsehen sorgte jngst auch das englische Knstlerduo Jake and Dinos Chap-man. Nicht etwa Kopien wie Arnulf Rainer , sondern einen kompletten Satz von 80 Radierungen von Goyas Los Desast-res de la Guerra berarbeiteten sie und malten Tiermasken und Clownkpfe in die Zeichnungen von Krieg und Schrecken

    HAUPTPREIS AC-2012

    VERGESSENE BILDER: GEFUNDEN UND BERMALT

    AC-2012 Aeschlimann Corti Stipendium der Bernischen Kunstgesellschaft, Ausgabe 2012, Web-Version

  • ein. Da es sich bei den Blttern Goyas um bestandene Werke der Kunstgeschichte handelte, wurde rasch Kritik laut und die Aktion wurde als schlichte Provokation verstanden. Goya reworked and improved war der Kommentar der Chapman Brder.

    Nun, wer hat das Recht, Werke anderer Knstler zu verndern oder gar zu zerstren? Wo bleibt der Respekt vor kulturellem Erbe? Zurck zu Olivia Notaro: Msste ma