I „Ich habe hier meine Familie gefunden“ ?· das Kopftuch gefällt, und dann habe ich es mal kurz…

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Post on 18-Sep-2018

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  • MARTINI 5

    Ich habe hier meine FamiliegefundenEs ist fr Eltern wie Kinder ein ungewhnlicher Anblick: Im Gruppenraum des Kindergartens sitzt eine Frau mit Kopftuch und liest eine Geschichte vor. Sahir Safaya ist Muslima, seit zweieinhalb Jahren lebt die Syrerin mit ihrer Familie in Halberstadt. Dass sie ausgerechnet beim Cecilienstift, also in einer christlichen Einrichtung, ihren Freiwilligendienst leistet, berrascht.

    I m Treppenhaus der Kita Marie-Hauptmann-Stiftung kraxeln ein paar Knirpse in regendichten Gummihosen die Treppe herunter. Sie wollen auf den Spiel-platz hinterm Haus. Dass heute eine Frau mit Kopftuch auf sie aufpasst, scheint die Kinder offensichtlich nicht zu verwundern. Sie kennen Sahir Safaya schon seit sechs Wochen und haben sich an das Kopftuch lngst gewhnt. Natrlich waren sie am Anfang neugierig, ha-ben gefragt, warum ich das trage und welche Farbe meine Haare haben, erzhlt die 34-jh-rige Syrerin. Ich habe ihnen gesagt, dass mir das Kopftuch gefllt, und dann habe ich es mal kurz abgemacht und ihnen meine Haare ge-zeigt.Seither war das Kopftuch kein Thema mehr. Aber wie reagieren die Eltern und Groeltern, die ihre Kinder bringen oder abholen? Es luft erstaunlich unkompliziert, sagt Nicole Tgt-meyer, die die Einrichtung derzeit vertretungs-weise leitet. Bislang hat keiner der Eltern das Gesprch mit mir gesucht und gesagt, dass er ein Problem damit hat. Absichtlich habe man die Eltern und die Kinder nicht extra darauf vorbereitet, dass eine muslimische Frau Anfang September im Kindergarten ihren Bundesfrei-willigendienst beginnt. Wir waren uns im Team einig. Wir gehen mit Frau Safaya ganz normal um, so wie mit jedem anderen Freiwil-ligendienstler oder Praktikanten auch. Bei uns ist jeder herzlich willkommen, sagt Nicole Tgtmeyer.Dieses offene Klima in der Einrichtung gefllt Karsten Matthies. Er ist beim Cecilienstift unter anderem fr die Freiwilligendienste zustndig. Als auf seinem Tisch die Bewerbung von Sahir Safaya landete, war er gleichermaen berrascht wie neugierig. Ich wusste, dass Flchtlinge auch einen Bundesfreiwilligendienst ableisten knnen, aber bislang haben die sozialen Trger hier in unserer Region kaum Erfahrung damit, sagt er. Die Bewerberin wollte er aber unbedingt persnlich kennenlernen. Von ihren Sprach-kenntnissen war ich sofort begeistert, schwrmt er. Dass Sahir Safaya an Allah glaubt und nicht an unseren Gott, den Gott des Christentums, bereitet ihm keine Bauchschmerzen.Auch Holger Thiele, Vorstand und Verwaltungs-direktor des Diakonissen-Mutterhauses Cecili-enstift sieht im anderen Glauben kein Problem. Als diakonische Einrichtung sind wir grund-stzlich offen fr Mitarbeiterinnen und Mitar-beiter unterschiedlicher Religionen. Aber es liegt uns natrlich am Herzen, dass sie sich mit dem christlichen Leitbild der Stiftung auseinanderset-zen, denn es ist eine wichtige Handlungsgrund-lage fr unsere Arbeit." >>> Fo

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    Die junge Syrerin wurde mit offenen Armen emp-fangen, als sie zum Probearbeiten in den Kinder-garten kam. Wir fanden sie auf Anhieb sympa-thisch, sagt Nicole Tgtmeyer. Sahir Safaya lchelt bescheiden, als sie diese Worte hrt, und sagt leise: Danke. Sie fhlt sich wohl in der Kindertages-sttte und kann gut mit den Kleinen umgehen schlielich hat sie selbst vier Kinder. Ihr Sohn ist 6, die Tchter sind 10, 12 und 16 Jahre alt.Sahir Safayas Leben allerdings verluft nun ganz anders als erwartet. Whrend es zu Hause in Sy-rien blich ist, dass der Mann zur Arbeit geht, whrend sich die Frau um Kinder und Haushalt kmmert, sieht sie, dass in den meisten deutschen Familien auch die Frauen arbeiten. Das ist fr mich eine neue Situation, aber ich finde es richtig gut. Es gefllt mir, hier zu arbeiten, sagt sie, wh-rend sie im Gruppenraum der Drei- bis Sechsjh-

    rigen steht.Ein besonderer Moment war ihr erster Arbeitstag. Zu dieser Zeit feiert man im Islam eigentlich das viertgige Opferfest, eines unserer wichtigsten Feste. Wir kochen, backen, essen gemeinsam, treffen Familie und Freunde. Hier in Deutsch-land war es nun fr uns ein ganz normaler Tag, die Kinder waren in der Schule und ich habe ge-arbeitet. Am Abend waren aber alle zufrieden und glcklich. Darber war ich sehr froh.Zu sehen, wie sich ihre Kinder hier langsam ein-leben und wohler fhlen, ist ein gutes Gefhl. Denn der Start in Deutschland, im Frhjahr 2015, war nicht einfach. Ich wollte meine Hei-mat nie verlassen, sagt Sahir Safaya. Aber ich musste das tun, denn die Kinder hatten immer Angst. Die Familie hatte wegen des Kriegs viel verloren. Das Geschft ihres Mannes er war

    selbstndig und hatte einen Stoffladen war aus-gebrannt, und ihre Wohnung war unbewohnbar. Neun Monate lang war das Paar mit den vier Kindern bei Bekannten untergekommen, eine schwierige Situation.Der Bruder der jungen Syrerin arbeitete damals als Arzt in Wernigerode und setzte alle Hebel in Bewegung, um seine Schwester samt Familie nach Deutschland zu holen. Wir bekamen eine Ausnahmegenehmigung von der Auslnderbe-hrde, sagt Sahir Safaya. Anfang Mrz 2015 sind sie, noch vor der groen Flchtlingswelle, nach Halberstadt gekommen. In die Zentrale Anlauf-stelle fr Asylbewerber (ZASt) mussten sie nicht einziehen. Die Diakonie hat uns geholfen, eine Wohnung zu finden.Die ersten drei Monate waren trotzdem extrem schwierig. Die Safayas fhlten sich fremd und al-

    lein. Die Kinder verstanden in der Schule nicht, worber die anderen sprachen, sie konnten sich nicht verstndigen. Ich habe viel geweint, war unglcklich und habe berlegt, nach Syrien zu-rckzugehen. Trotz des Krieges.Doch die schlimmen Bilder, die sie aus ihrer Heimat immer noch im Kopf hatten, hielten sie davon ab. Unser Sohn, er war damals erst drei Jahre alt, hatte vom Balkon aus mit angesehen, wie eine Bombe auf das Schulgebude in der Nachbarschaft fiel. Kinder lagen auf dem Hof, berall war Blut, die Rettungswagen kamen, aber zwei Mdchen sind gestorben. Wir hatten solche Angst. Noch heute sagt unser Sohn, er mchte nie nach Syrien zurck.Inzwischen hat sich die Familie hier eingelebt, sie haben Kontakte geknpft, zu anderen Muslimen und zu Deutschen. Sahir Safaya hat Sprach- und

    Integrationskurse absolviert und spricht erstaun-lich gut Deutsch. Ihrem Mann fllt das Sprachen-lernen schwerer, aber auch er mchte so bald wie mglich arbeiten. Vielleicht findet auch er einen Einstieg ber den Bundesfreiwilligendienst.Sahir Safaya ist jedenfalls glcklich, diese Chan-ce zu bekommen. Wenn mich meine syrischen Cousinen und Tanten fragen, warum ich bei ei-nem christlichen Arbeitgeber arbeite, dann sage ich ihnen: Ich habe hier meine Familie gefunden. Die anderen Mitarbeiterinnen sind wie Schwestern fr mich. Ich fhle mich hier wohl. Dana Toschner

    Ein ungewohntes Bild:Die Syrerin Sahir Safaya ist Muslima,lebt seit zweieinhalb Jahren mit ihrerFamilie in Halberstadt und absolviertderzeit ihren Freiwilligendienst beim christlichen Cecilienstift. Hayden, Liara und Ida (von links) wundern sich allerdings mehr ber die Fotografin als ber das Kopftuch ihrer Betreuerin.

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