diabolik ethnischer kommunikation. ein fall der ... diabolik ethnischer kommunikation. ein fall der

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  • Diabolik ethnischer Kommunikation. Ein Fall der Doppelbindung

    politischer Macht

    Inaugural-Dissertation

    zur Erlangung des Doktorgrades der

    Philosophie

    an der

    Sozialwissenschaftlichen Fakultät

    der

    Ludwig-Maximilians-Universität München

    vorgelegt von

    Alexander Paquée

  • Referent: Prof. Dr. Armin Nassehi Ludwig-Maximilians-Universität München

    Sozialwissenschaftliche Fakultät Institut für Soziologie

    Korreferent: Prof. Dr. Andreas Göbel Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Philosophische Fakultät II Institut für Politikwissenschaft und Sozialforschung

    Tag der mündlichen Prüfung: 22.07.2011

  • ” They are playing a game. They are playing at not playing a game. If I show them I see they are, I shall break the rules and they will punish me. I must play their game, of not seeing I see the game.“

    (Ronald D. Laing)

    iii

  • Inhaltsverzeichnis

    Einleitung 1

    1 Problemexposition: Logische Limitationalität und soziale Selektivität von Ethnizität 5 I Die Tautologie ethnischen Gemeinsamkeitsglaubens . . . . . . . . . . 7 II Zur pragmatischen Dimension von Ethnizität oder: Ethnizität als Ver-

    haltensregel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

    2 Symbolhaftigkeit und sozialer Sinn ethnischen Gemeinsamkeitsglau- bens 22 I Die Institutionalisierung ethnischer Erwartungen . . . . . . . . . . . . 24 II Informationsverarbeitung im Kontext von Erwartungen . . . . . . . . 31

    II.1 Die Form der Beobachtung und die Selektivität des Sinns . . . 32 II.2 Die Redundanz ethnischer Erwartungen und ihr Informations-

    wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

    3 Die Beobachtung der Beobachter von Ethnizität 44 I Objektivierung ethnischen Wir-Bewusstseins . . . . . . . . . . . . . . 45 II Identitäts- und Modernitätstheorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

    II.1 Ethnische Identität und ihre Attribution . . . . . . . . . . . . 49 II.2 Interethnischer Konflikt um Ressourcen und Interessen . . . . 55

    III Ethnizität als Einheit von Imagination und Handlungsfähigkeit . . . . 60

    iv

  • Inhaltsverzeichnis

    4 Zum Verhältnis von latenten Problemen und ihren kontingenten Lösungen 66 I Das Schema von Problem und Problemlösung . . . . . . . . . . . . . 68 II Systemfunktionalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73

    5 Die Performanz von Ethnizität 80 I Selbstkonstitution und Selbstbeobachtung von Sozialität . . . . . . . 82 II Die Beobachtung von System/Umwelt-Beziehungen . . . . . . . . . . 95

    II.1 Funktion, Leistung, Reflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 II.2 Die Zeitdimension von Ethnizität – Risiko und Gefahr von Leis-

    tungsbeobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 III Zur Riskanz politischen Entscheidens . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

    III.1 Politisches Systemvertrauen: Legitimität . . . . . . . . . . . . 103 III.2 Die Sozialdimension von Ethnizität – Mehrheit und Minderheit

    als Identifikationspunkte politischen Handelns . . . . . . . . . 109 III.3 Öffentliche Meinung und die Deprivatisierung ethnischer Er-

    wartungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

    6 Ethnizität als Problem der Symbolizität des Machtmediums 117 I Kommunikationserfolg und Selbstsymbolisierung . . . . . . . . . . . . 117

    I.1 Symbolische Generalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 I.2 Binäre Codierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 I.3 Programmierung von Mediencodes . . . . . . . . . . . . . . . 124

    II Das ethnische Double Bind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 II.1 Der Mechanismus der Drohmacht . . . . . . . . . . . . . . . . 127 II.2 Ethnizität als paradoxe Drohmacht . . . . . . . . . . . . . . . 133 II.3 Diabolische Generalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145

    Literatur 155

    v

  • Einleitung

    Wer zu Ethnizität und Nationalitätenkonflikten forscht, bewegt sich in einem sehr

    produktiven Forschungsfeld. Die sogenannten ” Ethnic Studies“ verfügen über eine

    Reihe von themenspezifischen Publikationsorganen und eine ausgeprägt interdiszi-

    plinäre Orientierung. Diese Offenheit kann aber auch zum Problem werden. Schon die

    Frage, wie viele Völker es in Europa gibt, lässt sich nicht ohne Weiteres beantworten.1

    Das hängt damit zusammen, dass es an Kriterien fehlt, die die Frage zu beantworten

    erlaubten, was eine Volksgruppe ausmacht und wie sich ein Volk von einer Nation,

    einer Ethnie, einer Minderheit oder gar einer Rasse unterscheidet. Dadurch entsteht

    ein weitgespanntes und nicht deutlich abgegrenztes Forschungsfeld, welches unter

    dem Oberbegriff Ethnie Phänomene der bloßen Brauchtumspflege ebenso behandelt

    wie politisch anerkannte Minderheiten mit Sonderrechten oder ethno-nationalistisch

    motivierten Terrorismus.

    Auch die politischen Rahmenbedingungen, unter denen Ethnisches erforscht wird,

    sind sehr unterschiedlich. Untersucht werden sowohl Minderheitenkonflikte in demo-

    kratischen Staaten als auch die Rolle von ethnischen Askriptionen in archaischen

    Stammesgesellschaften. Aber selbst wenn man sich auf ein demokratisch-rechtsstaat-

    liches Setting mit klar erkennbaren Akteuren festlegt, bleibt der Gegenstand noch

    reichlich unscharf. Das lässt sich am Beispiel des gegenwärtig wohl prominentesten

    Konfliktes in Europa, dem Streit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien, recht gut

    illustrieren. Was als ein Sprachenstreit zwischen den frankophonen Wallonen und den

    niederländischsprachigen Flamen begann, hat sich im Laufe der Zeit zu einem Kon-

    flikt entwickelt, in dem neben dem Aspekt der Sprachkonkurrenz auch Macht- und

    1 Einem viel zitierten Papier von Christoph Pan zufolge gibt es in Europa knapp 90 Volksgrup- pen, von denen zwei Drittel Minderheiten sind, die auf keinem der Territorien, auf denen sie zu finden sind, die Mehrheitsbevölkerung bilden.

    1

  • Einleitung

    Verteilungsfragen eine wichtige Rolle spielen. Welcher dieser Faktoren dazu geführt

    hat, dass Belgien seit beinahe 300 Tagen – und damit, wie Spötter anmerken, länger

    als der Irak – ohne Regierung auskommen muss und inzwischen sogar die Möglichkeit

    einer Sezession ins Spiel gebracht wird, lässt sich jedenfalls kaum feststellen.

    Die Auseinandersetzung mit Völkern, Nationen und Ethnien war schon immer von

    der Frage fasziniert, wie sich eine Vielzahl von Menschen, die sich in der Regel nicht

    kennen, als Einheit verstehen kann. Bereits Ernest Renan beantwortet die Frage

    danach, was das ” Wesen“ einer Nation oder Ethnie ausmacht, in seiner Rede

    ” Qu’est-

    ce qu’une nation?“ von 1882 mit dem Verweis auf das ” geistige Prinzip“. Der Neo-

    Kantianer Max Weber spricht ganz ähnlich von einem ” Gemeinsamkeitsglauben“

    als konstitutivem Merkmal einer Nation. Einigkeit besteht also dahingehend, dass

    die Eigentümlichkeit des Gegenstandes darin liegt, dass es nicht die Vorstellung einer

    sachlich bestimmten Gemeinsamkeit ist, welche die Identität einer Nation oder Ethnie

    stiftet, sondern allein das Zugehörigkeitsbekenntnis. Was die Ausstattung des eth-

    nischen Gruppenbewusstseins mit sachlichen Kriterien betrifft, muss man vielmehr

    von einer gewissen Beliebigkeit oder wenigstens von einer weitreichenden Substitu-

    ierbarkeit der Merkmale ausgehen. Das theoretische Problem, das sich daraus ergibt,

    lautet: Die Ordnungsleistung ethnischer Semantiken kann nicht allein dadurch be-

    stimmt werden, dass man nach dem sachlichen Sinn von Ethnizität sucht.

    Betrachtet man die neuere Ethnizitätsforschung, wird deutlich, dass diese Problem-

    stellung unter dem Titel Identität fortgeführt wird; hinzu tritt die Frage, wie eine

    solche Einheit, ein solcher Kollektivakteur, handlungsfähig werden kann. Zwei Leit-

    gesichtspunkte dominieren die Forschungsliteratur: Zum einen wird nach den Pro-

    zessen der Bewusstwerdung gefragt, die dafür sorgen, dass ethnische Gruppen eine

    Kollektividentität ausbilden können; zum anderen begreift man Ethnizität als eine

    spezifische Form der Konkurrenz um Ressourcen wirtschaftlicher, politischer und kul-

    tureller Art und untersucht die Bedingungen, die zu Konflikten zwischen ethnischen

    Akteuren führen. Ob die damit etablierten Leitbegriffe Identität und Konflikt ausrei-

    chen, um Fälle wie Belgien zu erklären, wird inzwischen hinterfragt. Es deutet sich

    an, dass die Grundbegriffe Identität und Handlung nicht ausreichend auflösungsstark

    sind, um diese Aufgabe zu übernehmen, auch weil mit den beiden Begriffen durch-

    aus disparate theoretische Annahmen verbunden sind und sie nur unzureichend mit

    allgemeinsoziologischen Konzepten rückgekoppelt sind.

    2

  • Einleitung

    Sie eignen sich aber sehr wohl, um Problembestände aus der Literatur abzuziehen,

    die die eigene Theoriebildung anleiten können. Die vorliegende Arbeit unternimmt

    den Versuch einer problemorientierten Rekonstruktion des Forschungsstandes, die

    Fragen kollektiver Identitätsbildungsprozesse und interethnischer Konkurrenz mit

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