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  • Seite 1 Artikel und Beitrge GM Gerald HertneckFinale Einheit von Raum und Zeit, erstmals erschienen als Artikel im

    Schachkultur-Magazin KARL, Ausgabe 02, 2008

    Wer das Schachspiel wegen seiner geisti-gen Gensse liebt, muss das Endspiel mit seinem hochgradig analytischem und vor allem sthetischem Reichtum geradezu an-beten. Denn erst in dieser Partiephase tre-ten die elementaren Wirkungsmechanismen auf den 64 Feldern am klarsten hervor. Oft genug entscheidet ein einziges Tempo ber Sieg oder Remis, und so muss jeder Zug genauestens bedacht werden. Bemerkens-wert ist darber hinaus, dass das Material im Endspiel vllig neue Wirkungsmg-lichkeiten entfaltet. Ein kleiner Bauer, der die ganze Partie ber mehr oder weniger unbeachtet auf seinem Posten stand, luft jetzt zu Hochform auf. Und die Knige, die sich noch im Mittelspiel ngstlich hin-ter ihrem Schutzwall versteckten, brennen jetzt geradezu darauf, aktiv in den Kampf einzugreifen. Schwerfiguren wie die Dame sind meist schon getauscht, sodass sich die aktiven Mglichkeiten reduziert haben. Mit dem verbliebenen Material mssen beide Parteien so konomisch wie mglich umge-hen. Im Extremfall sind sogar alle Schwer- und Leichtfiguren getauscht, und es ist ein reines Bauernendspiel entstanden, in dem erneut ganz eigene Gesetzmigkeiten gelten.

    Viele groen Meister waren sich der Be-deutung des Endspiels bewusst. So fhrt Capablanca in seinen LETZTEN SCHACHLEK-TIONEN aus: es ist klar dass man um sein Spiel zu verbessern, vor allem das Endspiel studieren muss; denn whrend Endspiele aus sich heraus studiert und beherrscht werden knnen, mssen Mittelspiel und Erffnung in Verbindung mit dem End-spiel studiert werden. Capablanca geht sogar so weit, zu behaupten, dass diese offensichtliche Tatsache von beinahe allen Schachautoritten (seiner Zeit) nicht be-achtet worden ist mit trben Ergebnissen fr die groe Mehrheit der Schachspieler.

    Schlielich beklagt Capablanca, dass nur wenige Meister mit Ausnahme von Euwe (mehrere Endspielwerke) und Fine (BASIC CHESS ENDINGS, New York 1941) sowie Ra-binowitsch (ENDSCHPIL, LENINGRAD 1927 nur in russischer Sprache) systematische Endspielwerke verfasst haben. Aus heutiger Sicht kann man beruhigt feststellen, dass die in den 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts noch bestehenden Defizite in der Endspielliteratur inzwischen abgebaut sind, und dass fast alle groen Meister der heutigen Zeit das Endspiel mit derselben Kunstfertigkeit behandeln, wie Erffnung und Mittelspiel.

    Interessant ist, dass die Endspielliteratur historisch schwer in Gang gekommen ist, obwohl bereits vor ber 1000 Jahren arabi-sche Mansubensammlungen in Handschrif-ten verffentlicht wurden. Diese Mansuben waren jedoch taktischer Natur, und hatten in der Regel die Mattsetzung zum Ziel. Man kann sie daher allenfalls als entfernten Vorlufer fr Endspielstellungen betrach-ten. Berhmt ist jedoch eine Analyse des Meisters Al-Adli aus dem Jahre 1140 zum Endspiel Knig und Turm gegen Knig und Springer, in der der Springer allmhlich ab-gedrngt und erobert wird. Diese Analyse hat auch heute noch unvernderten Wert, weil Turm und Springer im Gegensatz zu Dame und Lufer ihre Gangart im europ-ischen Schach nach der Regelreform Ende des 15. Jahrhunderts beibehalten haben.

  • Seite 2 Artikel und Beitrge GM Gerald HertneckFinale Einheit von Raum und Zeit, erstmals erschienen als Artikel im

    Schachkultur-Magazin KARL, Ausgabe 02, 2008

    Wenn man dieses Endspiel heute auf dem Brett hat, wie dies zum Beispiel in der Par-tie Nisipeanu-Kengis, Bundesliga 2000 der Fall war, wrde man nicht denken, dass es schon vor fast 900 Jahren intensiv ana-lysiert wurde. In der Partie folgte 69...Tb2 70.Kg1 Kg3? (nur mit 70...Kf3 konnte Schwarz noch gewinnen) 71.Se1 und man einigte sich bereits auf Remis! Htte Kengis die arabischen Meister studiert, so wre er wohl auf folgende Fortsetzung verfal-len: 69...Tb1! Um den Knig nicht auf die Grundreihe zu lassen. 70.Se3+ Kf3 71.Sf5! Td1! Nimmt dem Springer die Felder auf der d-Linie. 72.Sh4+ Kg4 73.Sg2 Tc1! Im Hinblick auf Se3+ nimmt der Turm dem Springer die Felder auf der c-Linie. 74.Se3+ Kf3 75.Sf5 Tc5! 76.Sh4+ Kg4 77.Sg2 Te5! Schwarz hat endlich sein Ziel erreicht, dem Springer alle Fluchtfelder zu nehmen. Ent-scheidend ist vor allem, dass der Springer das rettende Feld e1 nicht mehr erreicht. 78.Kg1 Kh3! 79.Kf2 Tf5+ 80.Kg1 Tg5 81.Kh1! Kg3! 82.Kg1 Kf3 83.Kh1! Wei spielt wiederholt auf das Pattmotiv, doch dieser Plan verspricht ihm keine dauerhafte Rettung: 83...Ta5 84.Kg1 Ta1+ 85.Kh2 Ta2 86.Kh1 Kg3! und Schwarz setzt Matt.

    Nach diesen punktuellen Glanzleistungen

    der alten Meister fiel die Schachkunst wie-der in das Mittelalter zurck. Einen ersten groen Aufschwung nahm die Beschfti-gung mit der Endspieltheorie erst wieder im 18. Jahrhundert, und hier vor allem durch die Untersuchungen von A. Philidor, der die wohl brillanteste Endspielanalyse seiner Zeit in seinem bahnbrechenden Werk ANALYSE DU JEU DES CHECS verffent-lichte

    A. Philidor 1749

    Wei am Zuge gewinnt mit 1.Tc8+! (das naheliegende 1.Lf6? ist wegen Te7+ ver-fehlt) Td8 2.Tc7! Td2! Wie sich noch zei-gen wird, fhren die Alternativen 2...Td3 und 2...Td1 fr Wei schneller zum Ziel. Bereits mit diesem feinen Zug zeigt sich die analytische Meisterschaft des 23-jhri-gen Parisers, doch es kommt noch besser. 3.Tb7! Ein Tempozug, um den schwarzen Turm auf ein schlechteres Feld abzudrn-gen. 3...Td1! Wieder wrde 3...Td3 Wei entgegen kommen, weil der Turm auf der dritten Reihe am schlechtesten verteidigt. 4.Tg7! Tf1 5.Lg3! Die Pointe: der Lu-fer deckt das Feld e1 von hinten, sodass der Turm kein Schach geben kann, und Schwarz gert erneut in Zugzwang, d.h.

  • Seite 3 Artikel und Beitrge GM Gerald HertneckFinale Einheit von Raum und Zeit, erstmals erschienen als Artikel im

    Schachkultur-Magazin KARL, Ausgabe 02, 2008

    der Turm muss jetzt die ungeliebte dritte Reihe betreten. 5...Tf3 6.Ld6 Te3+ 7.Le5 Tf3 Mit groer Raffinesse hat Wei erreicht, dass der schwarze Turm die dritte Reihe betreten hat, und sein Knig geschtzt ist. der Rest ist im Grunde Sache der Technik. 8.Te7+ Kd8 9.Tb7 und Wei setzt Matt, da die Verteidigung auf der c-Linie mittels Tc3 nun nicht mehr mglich ist. Diese Analyse ist eine hchst erstaunliche Meisterleistung ihrer Zeit, und hat die fhrenden Analytiker der Welt ber 100 Jahre lang intensiv be-schftigt (vor allem hinsichtlich der erwei-terten Frage, wie weit die Stellung an den Rand verschoben werden kann, ohne dass sich das Resultat ndert). Noch im Jahre 1922 hat J. Berger in seinem bahnbrechen-des Werk THEORIE UND PRAXIS DER END-SPIELE die Ergebnisse der Untersuchungen auf 20 Seiten zusammengefasst.

    Der Autor dieser Zeilen zeigte sich lange skeptisch, dass diese tiefe Analyse tatsch-lich schon in der Erstauflage vor ber 250 Jahren verffentlicht wurde, und nicht etwa in spteren Jahren (Auflagen von 1778 und 1803) ergnzt wurde. Ein Besuch bei dem Unterhachinger Schachbuchexperten Manu-el Fruth belehrte ihn jedoch eines besseren. Die dort verfgbare in Straburg im Jahr 1754 erschienene deutsche bersetzung des Werks von Philidor enthielt nmlich Zug fr Zug diese Analyse, wenn auch in einer fr die heutige Zeit unblichen Umschrei-bung, da zu jenem Zeitpunkt sich die alge-braische Notation noch nicht durchgesetzt hatte (Auszug):

    1. Wei: Der Thurm giebt Schach. (Anm. d.A.: 1.Tc8+) / Schwarz: Der Thurm be-deckt das Schach. (Anm. d.A.: 1...Td8) / 2. W. Der Turm auf das zweite Feld des Lu-fers von der schwarzen Dame (Anm. d.A.: 2.Tc7). / S. Der Thurm auf das zweite Feld von der weien Dame (Anm. d.A.: 2...Td2)

    / 3. W. Der Turm auf das zweite Feld des Springers von der schwarzen Dame (Anm. d.A.: 3. Tb7) und so fort.

    Jedoch ist die Analyse in der vorliegenden Ausgabe von 1754 in einem Punkt unvoll-stndig, und zwar wenn Schwarz im 8. Zug sich strker mit 8...Kf8! verteidigt. Es folgt dann 9.Tb7 Kg8 10.Tg7+! Kf8 11.Tg4! Ke8 Der schwarze Knig taumelt auf der Grund-reihe mal nach links, mal nach rechts, ohne jedoch aus dem feingesponnenen weien Mattnetz zu entkommen. 12.Lf4! Unter-bricht die c-Linie und nimmt dem Turm das Schach auf e3. Schwarz muss nun entweder den Turm opfern oder Matt zulassen. Bis auf diese Einschrnkung ist der Nachweis der weien Gewinnfhrung durch den Pari-ser Meister in allen Varianten perfekt. Hat Philidor sich diese tiefe Analyse ganz allein erarbeitet? Wohl kaum. Vermutlich sind die Varianten Ergebnis einer gemeinschaftli-chen Analyse der damaligen franzsischen Spitzenspieler.

    Wie man sieht, hat die Beschftigung mit dem Endspiel bedeutende Meister und Analytiker seit Jahrhunderten angeregt. Das selbe gilt zwar auch fr die Erffnung und das Mittelspiel, doch mit einem ent-scheidenden Unterschied. Die Variationen in Erffnung und Mittelspiel sind nahezu unendlich, sodass man nie zum Ende der Erforschung kommt (wofr die immer mehr ausufernde Erffnungstheorie ein beredtes Beispiel abgibt) das Endspiel dagegen lsst sich auf immer wiederkehrende the-oretische Positionen zurckfhren. Dies mgen zwar Tausende von Stellungen sein, die man sie nicht von heute auf morgen lernen kann. Doch nach jahrelangem Stu-dium ist endlich ein solides Fundament gelegt, auf das man ein Schachleben lang zurckgreifen kann. So widerfuhr es dem Autor: zunchst in der Jugend und zwei

  • Seite 4 Artikel und Beitrge GM Gerald HertneckFinale Einheit von Raum und Zeit, erstmals erschienen als Artikel im

    Schachkultur-Magazin KARL, Ausgabe 02, 2008

    Jahrzehnte spter als Trainer an der Mn-chener Schachakademie gewann er einen immer tieferen Einblick in sein Spezialge-biet Endspieltheorie und Endspielliteratur. Mag zwar sein, dass die intensive Beschf-tigung mit dem Endspiel zu einer inneren Distanzierung vor allem von der Erffnung fhrte, doch letztlich ist dies auf den in-neren Kampf zwischen Pragmatismus und sthetik zurckzufhren. Der Pragmatiker sucht den Gegne

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