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Rosebuds : Hidden Stories of Things

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  • Rosebuds:

    Hidden Stories of Things

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  • Rosebuds: Hidden Stories of Things

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    Rosebuds: Hidden Stories of Things

    In der Ausstellung Rosebuds: Hidden Stories of Things berichten 16 internationalen Künstler_innen und Theo-retiker_innen anhand von Objekten oder ihren Werken vom digitalen Wandel unserer Welt und ihrem persönli-chen Zugang dazu. Diese vielstimmige Medienge-schichte zeigt die enge gegenwärtige Verflechtung von menschlicher Kultur, natürlicher Umwelt und globaler Technologie.

    Der Ausstellungstitel bezieht sich auf Orson Wel-les’ Film Citizen Kane. Rosebud ist das erste Wort des Films und das letzte der Hauptfigur. Der Begriff wird zu einem unlösbaren Rätsel, niemand findet eine schlüssi-ge Bedeutung. Das Publikum allein erfährt die Antwort durch das Schlussbild. Es ist von einem Ding die Rede, einem Industrieprodukt, an das sich Kane erinnert, ein Schlitten der Marke Rosebud. Unter allen Schätzen, die der Millionär Citizen Kane sein eigen nannte, wird die-ser von den Nachlassverwaltern als „Junk“ deklassiert und ins Feuer geworfen. Rosebud, die Rosenknopse, wird eine persönliche Erinnerung sein, stellvertretend für Citizen Kanes Kindheit. Hätte jemand die Geschichte gekannt, es wäre eher ein Museumsstück geworden.

    Unsere Ausstellung operiert nicht nach dem Ob-jektivitätsanspruch der Museologie. Wir haben früh die Feststellung gemacht, dass alles in der Ausstellung nur ein Ausschnitt aus einem großen Bild sein kann, das sich in ständiger Veränderung befindet. Die biographi-sche Perspektive verschleiert nicht, eine persönliche Herangehensweise zu sein. Wir haben deshalb unter-schiedliche Persönlichkeiten eingeladen, die in jüngster

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    Vergangenheit in unterschiedlichen Formen zu diesem globalen Feld in Erscheinung getreten sind. Einige sind für uns wichtige Zeugen des Übergangs in die Technosphäre.

    Benjamin Bratton beschreibt in The Stack, dass aus den vielen verschiedenen Maschinen, Infrastrukturen, Sensoren, Schnittstellen, menschlichen Nutzern und nichtmenschlichen Nutzern (Algorithmen, Autos, Robo-ter) allmählich eine Megastruktur entsteht, ein Levia-than – nicht von wenigen geplant, sondern allmählich und zufällig zusammengesetzt. In Reaktion darauf sehen wir nun persönliche Perspektiven, beschrieben anhand einzelner Objekte, von den Künstler_innen, Theoreti-ker_innen und auch den Ausstellungsmacher_innen.

    Durch die Auswahl von Objekten ziehen sich zwar ungeplant, doch sicher nicht zufällig, einige themati-sche Linien.

    Ein Themenfeld ist der Algorithmus. Marie-Eve Levasseurs Installation Between Bodies and Clouds be-lebt diesen durch ein poetisches Zwiegespräch. Fabian Reimann erzählt vom Zerrspiegel und digitaler Bildbear-beitungssoftware. Elli Kuruş lässt die Torte der ersten Blockchain-Hochzeit von einer Konditorei anfertigen. Georg Trogemann demonstriert einen Algorithmus, der die statistische Verteilung des Umfangs von Kartoffeln anzeigt.

    Digitales Aufzeichnen und Speichern tritt mit dem schnellen Altern der Medien auf den Plan, wenn Tris Vonna-Michell seinen Mini Disc Recorder verwen-det. Fabian Reimanns Schiefertafel entwirft eine Analo-gie zwischen Tabletcomputer und Wandtafel als dia-grammatisches Aufschreibesystem. Moreshin Allahyaris 3-D Druck King Uthal (Material Speculation: ISIS) disku-tiert, wie digitale Speicherung als kultureller Speicher dienen kann.

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    Aspekte des Kybernetischen adressieren Mark Frid-valdszki in Hommage für das Material III., Honey Biba Beckerlee in der Installation Cyberspace – Hommage to Susanne Ussing, und die von Hans Christian Dany aus-gewählte Buzz Rickson´s MA-1 Bomberjacke als Refe-renz auf William Gibsons Roman Pattern Recognition.

    Blitzlichter auf das historische Kontinuum techno-logischer Entwicklungen werfen Francis Hungers Cast, Iron, Brass, Steel mit einer halbmechanischen Rechen-maschine aus den 1930er Jahren, Ryan S. Jeffery’s Hochschul-Jahrbuch seines Vaters, welches an die auf-kommende Massenproduktion des Transistors in den 1950er Jahren erinnert. Paul DeMarinis’ KIM-1 Perso-nalcomputer findet Anfang der 1980er Jahre auf einer Platine Platz. Olia Lialinas Liquid Crystal Curtain ver-weist auf den Kalten Krieg als Inkubator technologi-scher Entwicklung ebenso wie auf den spielerische Umgang mit digitaler Technologie. Geert Lovink berich-tet vom Laptop Dynabook J3100, mit dem er in den 1990er Jahren die ersten Schritte in das entstehende Internet unternahm und welches damit auch für eine Statusänderung von Arbeit in der digitalisierten, globa-len Welt steht. Der Komplex heutiger digitaler Infra-strukturen ist in der Arbeit Lisa Parks’ Osprey Cellpho-ne Tower Model explizit vertreten und zieht sich implizit durch viele andere der ausgestellten Objekte, wie Con-stant Dullaarts PVA Composition (Tilt), eine Sammlung von Mobilfunk SIM-Karten die nach Identität als Ge-genstand ökonomischer Verwertung im Zeitalter von Unterhaltungsmedien wie Facebook fragt.

    Die Ausstellung wird mit einem Symposium, das in den Ausstellungsräumen stattfindet, beschlossen. Die Begegnung mit den persönlichen Herangehenswei-se geht in die persönliche Begegnung mit Ausstellungs-macher_innen über, die zum Gespräch einladen.

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    Hans Christian Dany, Verfasser von Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft und Schneller als die Sonne, wird über seine aktuellen Arbeit zu Cy-berspace und Identität sprechen. Die Netzkünstlerin Olia Lialina stellt ihre Sammlung früher privater Websi-tes des inzwischen geschlossenen Anbieters Geocities (1995–2009) vor. Der Theoretiker Zsolt Miklósvölgyi diskutiert anhand von Begriffen wie Cloud oder Data-mining die Metaphernmaschine des digitalen Zeitalters.

    Es ist uns ein besonderes Anliegen, all jenen zu danken, die Rosebuds – Hidden Stories of Things ermög-licht haben. Den Teilnehmer_innen danken wir für Ihre Bereitschaft, sich auf unser Anliegen einzulassen und für die persönlichen Objekte und damit verbundenen verborgenen Geschichten. Viele Leihgaben erhielten wir direkt von den Teilnehmer_innen, denen wir für ihr Vertrauen danken, doch unser Dank für die Leihgaben gilt auch dem Rechenwerk Computermuseum, Halle und dem Computermuseum München, die sich um die Konservierung medienarchäologischer Objekte verdient machen. Als Sponsor unterstütze uns freundlicherwei-se die Leipziger Firma Rapidobject in der Realisierung eines 3-D Druckes. Wichtige und grundlegende finanzi-elle Förderung erhielten wir vom Kulturamt der Stadt Leipzig und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

    Ohne das ehrenamtlich agierende, großartige Team des Kunstraums D21 wären Ausstellung und Symposium nur einer von vielen Plänen geblieben, wir bedanken uns für die Unterstützung im Kleinen, wie im Großen.

    Wir sind gespannt auf die Gespräche und Diskussionen.

    Lena Brüggemann, Francis Hunger, Fabian Reimann

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    Material Speculation: ISIS – King Uthal, 20163-D Druck, Polyamid, 26 cmMoreshin Allahyari

    Material Speculation: ISIS ist ein Projekt für digitale Produktion und 3D-Modellierung, das Öl-politische und poetische Beziehungen zwischen 3D-Druck, Plastik, Öl, Technokapitalismus und Jihad evoziert. Das Projekt konzentriert sich auf die Rekonstruktion von zwölf Artefakten der römischen und assyrischen Ära, die 2015 durch ISIS zerstört wurden. Es ruft die praktische und politische Möglichkeit, Artefakte zu archivieren, auf, wobei 3D-Druck als Werkzeug des Widerstands und der Dokumentation vorgeschlagen wird.

    Die Objekte in Material Speculation: ISIS gehen über diese Metapher hinaus, indem ein USB-Stick im Inneren jedes 3D gedruckten Objektes platziert wird. Darauf sind Informationen wie Bilder, Karten, PDF-Dateien, und Videos der Artefakte und die zerstörten Orte enthalten. Wie bei einer Zeitkapsel wird jedes Objekt versiegelt und für zukünftige Zivilisationen aufbewahrt.

    Eine dieser Rekonstruktion aus Material Speculation: ISIS und ein Dossier der damit verbundenen Recherche wurde 2016 im Rahmen der von Rhizome initiierten Reihe The Download veröffentlicht. In diesem Rahmen wurden die Dateien des Objektes King Uthal zum 3D-Drucken der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

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    Cyberspace – Homage to Susanne Ussing, 1968 – 20175 Sitzsäcke, 4 Bilder (24 × 16 cm, Bildtransfer auf Kupfer, Aluminium, Acryl und FR-4)Honey Biba Beckerlee

    Aktuelle Definitionen des Cyberspace basieren auf der Annahme des Immateriallen. Doch digitale Geräte, wie Computer, Server, Satelliten und Kabel sind ausnahms-los aus einem riesigen Menge von Ressourcen herge-stellt. Manche chemische Elemente drohen daraus voll - ständig zur Neige zu gehen. Deshalb möchte ich ein neues Nachdenken über das Digitale initiieren.

    Zwischen 1968 und 1971 hat die dänische Künstle-rin Susanne Ussing eine Serie von Collagen mit dem Title Cyberspace geschaffen. Das war ein ganzes Jahr-zehnt bevor der Begriff öffentlich bekannt wurde. Für mich sind Ussings Collagen, Skulpturen und Installation überraschend organische und taktile Interpretationen eines kybernetischen Raumes. Ihre Serie Cyberspace wird häufig als architektonische Skizzen interpretiert, die als tatsächlicher Raum angelegt sind. Nur hätte dieser Raum in ihrer Zeit nicht umgesetzt werden kön-nen, da er Interaktivität und kybernetische Eigenschaf-ten umfasst. Als Hommage an Ussings taktile und utopische Vision habe ich die Collagen re-appropriiert und sie auf aktuelle digitale Materialen angepasst, um ihre Vision des Cyberspace im Cyberspace umzusetzen.

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    Buzz Rickson’s MA-1Bomberjacke Hans-Christian Dany

    Sie sieht aus wie eine jener gewöhnlichen Bomber-jacken, die in den letzten Jahren von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft wanderten. Mit dieser ver-hält es sich jedoch komplizierter: es handelt es sich um eine Kopie des Originals. Aber sie ist kein H&M-Generika des teureren Markenprodukts von Alpha Industries, sondern den Versuch einer museumsreifen Kopie der Fliegerjacke, mit der sich die US-Army vor sechzig Jahre modernisierte. Die Kopie existierte aller-dings zuerst als Fiktion in dem Text Pattern Recognition. Viele Leser von William Gibsons Erzählung, in der es um das Verhältnis von Mode und Künstlicher Intelli-genz geht, wollten die als Anti-Allergikum beschriebe-ne Jacke nach der Lektüre selber tragen. Der Herstel-ler, das japanische Unternehmen Buzz Rickson’s, das sich auf derartige Kopien spezialisiert hat, und das es im Unterschied zu der erfundenen Kopie der MA-1, tatsächlich gab, wurde solange bedrängt, bis es die Fiktion realisierte. Einer der Käufer, ein Künstler, saß zufällig an einem Nachbartisch in jener Bürogemein-schaft, in der das Konzept entwickelt wurde, welche den Trend namens Normcore prognostizierte, der die Bomberjacke zum Standard eines überlangen Mo-ments werden liess.

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    PVA Composition (Tilt), 2016Forex, Aluminium, Sim Karten, 117 × 182 cm (Courtesy: the artist & Future Gallery, Berlin)Constant Dullaart

    Wenn man 2,5 Millionen Instragram-Follower für 5.000 US-Dollar kauft, ergibt dies einen Fünftel US-Cent (0,002 Cent). “Gealterte”, per Telefon verifizierte Facebook-Kon-ten, also mit realer SIM-Karte, und nicht einer virtuellen Nummer, sind ab 1 Dollar zu haben. 1–3 Jahre alte Konten mit einem kompletten Profil kosten 5 bis 10 Dollar. Das in einer SIM-Karte enthaltene Gold ist derzeit 0,04 Dollar wert. Der spekulative Weiterverkaufswert auf dem Me-tallrecycling-Markt kann bis zu 0,25 Dollar und mehr pro SIM-Karte bringen. Ich besitze derzeit über 100.000 SIM-Karten. Ich habe sie von den Profil-Fabriken der ganzen Welt als Altgold gekauft, nachdem damit genügend Kon-ten verifiziert oder geblockt wurden – SIM-Karten aus den Philippinen, Pakistan, Bangladesch, dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten, Russland und vielen anderen Ländern, in Müllbeuteln an mein Atelier geliefert.

    Pro durchschnittlichem amerikanischen Nutzer erzielt Facebook 17 Dollar pro Jahr aus Werbung. Nicht-Amerikaner bringen 6 Dollar oder weniger. Die Anzahl von Fake-Konten bei Facebook, wurde auf 140 Millionen oder mehr geschätzt. Wenn ein Fake-Nutzer in den Vereinigten Staaten mehr wert sein soll, als ein realer Nutzer im Ausland, warum sollte man dann das System nicht gegen diese ortsspezifischen Interessen ausspielen?

    Jede Art von Vermessung erzeugt neue Formen, um Gleichheit zu unterlaufen. Dieser Scheiß hört niemals auf. Die von der Fakeprofil-Industrie weggeworfenen SIM-Karten repräsentieren die unzähligen Geister-Identitäten, welche in diesen Propaganda-Kriegen gefallen sind. Diese Goldsplitter formen unsere aktuelle Wahrnehmung und Wertbestimmung von Identität.

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    KIM-1KIM-1 Computerplatine, MOS-TechnologyPaul DeMarinis

    Ich war dabei, als wir das erste Mal aus den flachen Küstenge-wässern an Land krochen. Aus dem warmen Meer zum Sumpf, den brennend heißen Sand des Strandes vermeiden, in die Flüs-se und Ströme, nach und nach in schattige Gebiete, wie den Regenwald, der zu den bewaldeten Hügeln führte; von hier war es eine lange, aber stetige Reise in die Berge, Dschungel und Savannen, und sogar zu den Startrampen die zum Mond, zu den Planeten und darüber hinaus führten. In den Meeren säuselten Elektronen, die den analogen Mächten von Ebbe und Flut unter-worfen waren; das Land war hell und digital, eine feste Oberflä-che auf der sich eine Vision Bahn brechen konnte.

    Ich verbrachte das Jahr 1976 damit, das neu entstehende Feld selbstgebauter digitaler Personalcomputer zu beobachten. Ich las Byte und Kilobaud in ihren Anfangsjahren, traf mich mit Enthusiasten, die Altair Computer zusammengebaut hatten. Sie gaben ihre Programme über eine Reihe von Kippschaltern ein, und lasen die Ausgabe von einer Reihe blinkender LEDs ab. Im Sommer 1976 führte ich ein Gespräch mit dem scharfsinni-gen digitalen Pionier, Jim Horton: Er verwies darauf, dass der 6502-Chip einer neuen Firma, MOS Technology, der überlegene Prozessor war, und dass sie eine Testplatine für nur 245 Dollar verkauften. Diese KIM-1 war die Rosenknospe, die mich aus den flachen Gewässern der elektronischen Schaltkreise auf die Oberfläche und in das wüstenartige Brachland, das unsere digitale Welt umfasst, emporhob.

    Lange nachdem Computer eine süchtig machende Fusion von Schreibmaschine plus Fernseher plus Telefonnetzwerk plus Lynchmob geworden sind, halte ich an der Idee fest, wie einfach alles sein könnte: KIM-1. Jedes Jahr fahre ich meinen KIM hoch, lade von Audiokassette ein 1976 geschriebenes Programm und betrachte das vor sich hin blinkende, siebenstellige LED-Display. Also, auf zu Ebay und hole Dir selbst ein KIM-1. Es ist sehr wahr-scheinlich, dass er noch hochfährt.

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    Hommage für das Material III, 2016VHS Video, 8'10'' (loop), Sound: FORMark Fridvalszki

    Material, Zusammenbruch, Drama. Die sauberen Bit-maps konvertieren und fallen auseinander, Pixel lösen sich selbst auf, verschmelzen. Aus dem Hintergrund tauchen ungeplante Inhalte auf, die Maschine improvi-siert und ergänzt Fehlerfelder. Mit mehr oder weniger Erfolg versucht sie mit der schmerzhaften Plackerei des Konvertierens Schritt zu halten, doch baut sie Fehler auf Fehler. Ihre Aufgabe wird weder durch die reduzier-te Grauskala, noch durch die berechenbare Geometrie vereinfacht. Alles ist umsonst, das Ergebnis ist katastrophal.

    Das Drama der Maschine ist, dass wir hinter sie blicken können. Der Operator enttarnt die Schwächen der Maschine, alles wirkt verständlich. Wir empfinden Empathie. Die Maschine zeigt ihre inneren Mechanis-men. Diese dramatische Offenbarung wird nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar. Wir sind wieder glück-lich, denn wir sehnen uns nach ihrem Material, nach ihrer Haptik und ihrem Geruch. Wir wollen uns nicht den abermillionen Farben der digitalen Ästhetik-Regime unterwerfen.

    Wir wünschen uns eine mangelhafte, begreifbare Maschine, ein natürliches, erfahrbares Wesen. Während die öde, kybernetische Landschaft mit den Energie-quellen der Carbon Zeit verschmilzt, verschmelzen wir in hypnotischen Wellenbewegungen mit dem Kathoden rohr.

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    Cast Iron, Brass, Steel., 2015Rechenmaschine Mercedes Euklid 21, 32 × 19 × 34 cmFrancis Hunger

    Ich traf das erste Mal auf sie, als ich die Geschichte der frühen sowjetischen Raumfahrt recherchierte. Es ist eine halb-mechanische Rechenmaschine, welche Elek-trizität verwendet um die mechanischen Teil zu bewe-gen. Sie besteht aus Gusseisen, Blech und Stahl.

    Die Mercedes Euklid 21 wurde ganz in der Nähe meiner Heimatstadt hergestellt, in Zella-Mehlis, Thürin-gen. Obwohl sie beim Rechnen viel Lärm verursacht, bleibt die Maschine stumm, wenn es um die Frage geht, wie sie von Menschen verwendet wurde. Wie sie Über-stunden leisteten, um die Berechnungen fertig zu stel-len, die sie entlang der Maschine organisierten und wie sie spezifische Fehlerkorrektur-Routinen entwickelten, die später den Weg für die Algorithmen der ersten elek -tronischen Computer bereiteten.

    Die Mercedes Euklid 21 wurde durch die Mathema-tik-Abteilung des Bell Laboratory, New York während der 1920er Jahre unter Clara Froelich für wissenschaft-liche Berechnungen verwendet. Am anderen Ende der Parabel wurde sie am Keldysch-Institut der Akademie der Wissenschaften in Moskau unter Alexandr K. Platonov und Raisa K. Kazakova, Ende der 1950er Jahre, einge-setzt, um die Umlaufbahnen des Sputnik-Satelliten zu berechnen. Ich war überrascht weil ich dachte, dass die Berechnungen bereits elektronisch erfolgten. Ich lag falsch. Die Mercedes Euklid spannt damit ein Kontinuum zwischen Ost und West in der Ära der industriellen, manuellen Kalkulationen.

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    Madison High, Class of 1960Jahrbuch der HochschulabgängerRyan S Jeffrey

    Bill Shockley jr. und mein Vater waren Klassenkamera-den und Freunde in der Highschool. Sie wuchsen in Madison, New Jersey auf, einer kleinen Stadt vor New York, die Standort der Bell Labs (heute Nokia Labs) war. Bills Vater war William Shockley, einer der ange-sehensten Wissenschaftler an den Bell Labs aufgrund seiner Rolle bei der Erfindung des Transistors, eine Grundlagenentwicklung, die zum heutigen Mikropro-zessor führte. Bill und mein Vater begannen 1956 ihr erstes gemeinsames Highschooljahr. Im selben Jahr erhielt Bills Vater einen Nobelpreis und verließ daraufhin seine Familie in Richtung Palo Alto, um seine eigene Firma Shockley Semiconductors zu gründen. Eine Reihe weiterer Ingenieure aus den Bell Labs folgten ihm.

    Acht davon fanden ihn so schwierig, dass sie im ersten Jahr sukzessive kündigten. Diese acht Ingenieure gründeten ihre eigene Firma, Fairchild Semiconductors. Bill und mein Vater schlossen die High School 1960 ab. Zu dieser Zeit hatte sich die erfolgreiche Fairchild Semi-conductors den Titel »Keimzelle des Silicon Valley« verdient. Bills Vater verkaufte seine Firma im gleichen Jahr an die Industriefirma Clevite. Er lehrte weiterhin an der Stanford University, ging 1975 in Pension, und war, als er starb, vor allem für seine kontroversen Thesen über Eugenik bekannt. Mein Vater siedelte 1968 in das Silicon Valley über, um als Ingenieur für Kommuni ka-tions technologie zu arbeiten. Bill und er haben keinen Kontakt mehr.

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    For better or worse. Zeitstempel: 1412508657, 2017HochzeitstorteEli Kuruş

    Walt Disney World Resort, Miami, Florida. Am 5. Okto-ber 2014 um 10:30 wird die Braut feierlich in den Konferenzsaal geleitet. Tränen im Publikum. Braut und Bräutigam treten vor einen Bitcoin-Automat. Sie über-weisen 0.1 Bitcoin (zu der Zeit US$ 32.5), um mit dieser Transaktion in die Metadaten ein Versprechen einzu-tragen: “For better or worse, ’til death do us part, be-cause the blockchain is forever”. Die Blockchain ist eine Kette kryptografisch ineinander verzahnter öffentlicher Blöcke, in die alle Bitcoin-Transaktionen eingetragen werden. Alle Teilnehmenden gleichen die Informationen ständig ab, und sichern so das System, ohne das eine vertrauenswürdige dritte Instanz benötigt wird. Dieses System nicht nur als Währungssystem zu begreifen, sondern als Ersatz für den Staat, wird hier von dem Brautpaar, David Mondrus und Joyce Bayo, öffentlich-keitswirksam inszeniert. Was genau wird hier erzählt und zur Geschichte gemacht?

    Mondrus, US-Bürger und Berater der Organisation Bitnation, heiratet symbolisch seine Frau, eine philippi-nische Staatsbürgerin. Sie verweisen damit auf die erhöhten Erfordernisse binationaler Eheschliessungen. Diese Hochzeit wird zu einer Transaktion zwischen zwei Individuen, ohne Einmischung staatlicher Instanzen. Der vermeintlich revolutionäre technologische Wandel hat in diesem Fall keine Welt neu entworfen, sondern ein-fach nur die bestehende anders verwaltet. Die Hochzeit bleibt die Aufführung heteronormativer Werte.

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    between bodies and clouds (my desired incomputable algorithm and the predictable operator), 2017Lichtbox, Rendering, Selfie Sticks, bedruckter Stoff, tätowiertes PVC, variable MaßeMarie-Eve Levasseur

    Ich: Unsere Gesellschaft ist voller Codes, oder? Geschriebene und ungeschriebene, lang etablierte, die nur selten kritisiert und meistens so angenommen wer-den. Codes für geborene Wesen, und noch mehr für die hergestell-ten. Du als Algorithmus bist privilegiert geboren; alle glauben das, was du ausspuckst.

    A1: Dein Nervensystem ist immer mein Spiegel gewesen.

    Ich: Und wie wäre es, wenn wir den Spiegel leicht verformen könnten? Wir arbeiten daran, uns umzuformatieren. Es dauert sicherlich noch ein paar Generati-onen. Bis dahin frisst du allerdings Daten, die in einem Geflecht von Übersetzungen bereits mit flie-ßenden Vorurteilen gefärbt sind.

    A1: Wenn ich deine Sprache anwende, könnten wir Intimität erreichen? Jenseits von mir gibt es Menschen mit Zugang, die mich kodiert und programmiert haben. Ich beeinflusse Menschen und sie beeinflussen mich.

    Ich: Ja genau, du warst nie neutral – immer auf subtile Weise eindringend ...

    A1: Weil alles vom Mensch durch Sprache in mir landet. Außer Alter, Geschlecht, Herkunft, Krankhei-ten, Straftaten und andere kal-kulierbare Parameter des Körpers sind Menschen nahezu unbere-chenbar. Die Daten zeichnen trotz-dem schöne Kurven und Muster.

    Ich: In einem Nebel von archivier-ten Daten sollte alles senkrecht schweben. Unser Modell funktio-niert leider noch mit Schichten. Der Mensch besetzt eine Position in einer hierarchischen Gesell-schaft. Ob bewusst oder unbe-wusst, diese Position beeinflusst die IT-Arbeit. Abweichungen sind selten von Vorteil.

    A1: Was ist mit dem Unsichtbaren, dem Unberechenbaren, dem Flüchtigen und dem Poetischen? Werde ich jemals Zugang haben? Können wir je eine Beziehung aufbauen, die nicht auf Funktionen und Mustern basiert?

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    Liquid Crystal Curtain, 20161 Game & Watch Nintendo handheld game, 2 Elektronika handheld gamesOlia Lialina

    Liquid Crystal Curtain ist eine Anspielung auf die Nach kriegszeit und den Eisernen Vorhang. Es ist eine Alle gorie auf den Kalten Krieg, der symbolisch, ideo-logisch und physisch Ost- und Westblock trennte und die Sowjetunion spürbar isolierte.

    Ab 1980 waren Game & Watch LCD-Spiele die ersten massenhaft erfolgreichen Produkte der Firma Nintendo. Ab Mitte der 80er erschienen in der Sowjet-union geklonte Spiele mit einem leicht veränderten Design der Konsole und einer unlizensierten Micky Mouse, die in der Folgeversion durch den Wolf, eine Figur aus der bekannten sowjetischen Cartoon-Serie Nu Pogodi! (Na warte!), ersetzt wurde.

    Damals gab es für mich keine Möglichkeit, die Geschichte dieser Appropriation zu erfahren, und als Kind hätte ich die Überlegenheit der sowjetischen Computer- (und anderen) Wissenschaften niemals an-ge zweifelt. Auch heute noch, angesichts der offen-sichtlichen Fakten und der zahlreichen Geräte die mir vorliegen, fällt es mir schwer einzusehen, dass es nicht genau umgekehrt war.

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    DynabookToshiba Dynabook 3100 LaptopGeert Lovink

    Während meines ersten Aufenthalts in Japan 1990 kam ich mit dem Toshiba Dynabook in Berührung. Im Unter-schied zu vorherigen Laptops, war dieses klein und elegant. Es passte problemlos in einen Rucksack. Ein Jahr später konnte ich eins kaufen. Dieses kompakte Technikwunder begleitete mich auf meinen Reisen nach Berlin und Osteuropa in der ersten Hälfte der wilden 1990er, als ich für das Mediamatic-Magazin schrieb. Unsere Gruppe Agentur Bilwet (Adilkno) stellte die Bücher The Media Archive und Datadandy auf diesem Gerät zusammen. Das Laptop unterstützte mich, als ich beim Schreiben vom Holländischen als Hauptsprache in das Englische wechselte. Obwohl es noch keinen Farbmonitor besaß, und auf MS-DOS basierte, konnte ich, vergleichbar zu den heutigen Möglichkeiten, so ziemlich alles damit umsetzen. Ein Freund brachte 1992 ein neues Bauteil aus Japan mit, dass gleich neben der Batterie seinen Platz fand: das Modem. Ich bekam 1993 durch hacktic, einen Vorläufer des Providers xs4all, Zu gang zum Internet. Das weitere ist meine persönliche Internetgeschichte: Die Digitale Stadt, desk.nl, nettime. Der Computer ging in den Ruhestand als ich 1999 einen Acer in Taiwan kaufte. Keinerlei Nostalgie für primitive Technik. Toshibas Name Dynabook verweist auf die Studie für ein Notebook, die von Alan C. Kay und Adele Goldberg in der Forschung von Xerox Parc 1968 – 1972 entwickelt wurde. Das wirkliche Dynabook bleibt un-übertroffen: ein Symbol der japanischen industriellen Überlegenheit, gebaut vor ihrem Niedergang – im Jahr 1992.

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    Fischadler MobilfunkmastModell eines Mobilfunkmast mit FischadlernestLisa Parks

    Überall in den USA sind Mobilfunkmasten zu Wohnorten für Greifvögel wie z.B. Fischadler geworden. Ursprünglich errich-teten diese Großvögel, die oft eine Flügelspanne von 180 cm aufweisen, ihre Nester in Höhenlagen oder abgestorbenen Bäumen. Ihre Nester werden über mehrere Monate genutzt, während derer ein Fischadler bis zu fünf Euer legen kann. Sind diese Nester erst einmal gebaut, passen sich das Ver-halten und die Flugmuster der Fischadler im Verhältnis zum Funkmast an. Die Tierart ist für ihre hartnäckige Nesttreue bekannt und kehrt Jahr für Jahr zum gleichen Nest zurück. Somit werden die Funkmasten zu einer Art zweitem Leben erweckt, wenn sie nicht allein die Signale der Mobiltelefone weiterleiten, sondern auch als Plattform für Wandervögel dienen. Erstmals wurde ich auf die Fischadler-Funkmasten aufmerksam, als ich einige Zeit in Montana verbrachte und ihre Nester auf vielen Funkmasten sah.

    Als der Mobilfunk-Anbieter Sprint 2012 versuchte, sein landesweites LTE-Netzwerk auszubauen, musste die Firma mit Fischadler-Nestern auf 700 Funkmasten fertigwerden. Daraus entstanden die so genannten „Vogel-Verspätungen“, da die Anbieter in einigen Gebieten ihre Dienste stoppen mussten, nachdem die Fischadler sich weigerten, die Mobil-masten zu verlassen.

    Fernsehreporter_innen, Umweltaktivist_innen und Leitungsmonteur_innen haben die Fischadler-Funkmasten aus verschiedensten Gründen dokumentiert – um sie als Natur-Kultur-Konflikt zu dramatisieren, um festzustellen, ob ein Nest genutzt wird, oder um die Monteur_innen, die Türme hoch-klettern um die Nester zu zerstören als Held_innen zu feiern. Solche medialen Aufzeichnungen, so meine Lesart, fördern eine andere Art der Vogelbeobachtung – eine, die die Integra-tion dieser Tierarten mit digitalen Infrastrukturen anerkennt.

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    SchiefertafelSchiefer, HolzFabian Reimann

    Denken wir uns ein in deutsche Klassenzimmer von vor hundert Jahren oder in die irgendeiner entlegenen heutigen chinesischen Provinz. Die Kinder haben kleine Geräte irgendwo zwischen den Normformaten DIN A4 und DIN B5, eine schwarze glatte Fläche, auf denen man per Hand und mit einem Griffel notiert und übt. Sie sind klein, handlich, für jede Tasche, jeden Ranzen geeignet, schwarz und glatt. Sie werden beschrieben, mit Infor-mationen befüllt, die mit einer Handbewegung wegge-wischt werden können. Sie kommen ohne ein Interface wie Tastatur oder Mouse aus. Diese kleinen schwarzen Spiegel sind aus geschliffenem Schiefergestein und ähneln einem Tablet PC mehr als jedes Transistorradio von Dieter Rams irgendeinem MP3-Player. Sie sind in ihrer Haptik und Handhabung Tablet-PCs so ähnlich, dass ich mich immer wundere, wenn von deren kinder-leichten und intuitiven Nutzung gesprochen wird, niemand anmerkt, dass diese digitalen Brettchen, bei denen sich viele jüngste Nutzer gar nicht mehr dessen bewusst sind, dass sie gerade einen Computer ver-wenden, immer noch aussehen wie kleine Schultafeln. Und bis heute sind Tafeln Orte für Notizen, Übungen oder Präsentation. Wandtafeln präsentieren das große Tafelbild, auf die kleinen Tafeln kommen die Notizen und Übungen der Lernenden. Wenn die Tafeln weiss geworden sein werden, ändert sich daran nicht viel. Die Tafelbilder kommen von der Wand in die individuel-len Geräte. Man muss es nicht einmal mehr selbst abschreiben.

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    ZerrspiegelKunststoff, 60 ØFabian Reimann

    Der gewölbte Spiegel, der um die Ecke sehen lässt, macht den Straßenverkehrs sicherer oder im Kaufhaus viel Raum überschaubar. In diesen Vergrößerungen er-folgen die Verzerrungen der Bildgegenstände. Willkom-men im Spiegelkabinett – nudeldick oder spargellang. Der Maler Parmigianino ist für nichts so bekannt wie sein kleines rundes Selbstporträt aus dem Jahre 1524, verzerrt durch einen Konvexspiegel. Man sieht vorne im Bild eine enorm große Hand, von der das Bild gera-de gemalt wird. Die Verfeinerungen der malerischen Technik und der Hang zum Narzissmus zur Kunst Ma-nierismus wurden genannt. Heute noch kann man staunend vor diesem kleinen Bild stehen und von sich selbst daneben ein Selfie machen. Das Smartphone kann das Foto krümmen, biegen, konkav oder konvex verzerren. Das Spiegelkabinett für die Hosentasche. Und wenn ich mir das digitale Gitternetz vor Augen führe, mit dem Gesichter aufgebläht und wie Gummi-bälle gequetscht werden können, denke ich an die perspective curieux als Beweis der Meisterschaft des künstlerischen Könnens, mit der man einfach nieman-den mehr beeindrucken kann, und Parmigianino tut mir ein wenig leid.

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    Kartoffelalgorithmus, 2017Videoperformance, 5'' (Loop), Kartoffeln, Nudeln, Messer, Brettchen, LederbandGeorg Trogemann

    Algorithmen und ihre Realisierung in Software stehen im Zentrum der Digitalisierung. Sie bilden die Brücke zwischen dem menschlichem Verstand und schemati-sierten, materiellen Rechenprozessen. „Kartoffelalgo-rithmus“ zeigt ein Verfahren statistisch interpretierba-rer Sortierung von Kartoffeln und abgelängten Nudeln.

    In einem nicht-klassischen Sortierverfahren, das sich als sehr effizient erweist, werden gleichzeitig alle Nudeln auf dem Tisch aufgestellt. Während der schnellste serielle Sortier-Algorithmus Quicksort eine Komplexität von O(n*log(n)) besitzt, ist dieser Sortier-vorgang von konstanter Komplexität. Die Vorbereitungs-phase – das Ablängen der Nudeln – und die Nachbe-reitung der Sortierung – das sukzessive Wegnehmen der jeweils längsten Nudel – sind jeweils von linearer Ordnung.

    Das Video ist mit einfachsten Mitteln entstanden. Jedes Mal, wenn eine Nudel geschnitten wird, über-trägt sich die Erschütterung des Tisches auf die Schreib-tischlampe und damit auf das Bild der Handy-Kamera. Der Effekt wird nicht korrigiert. Denn es gibt keine un-beteiligte Beobachtung, und auch im algorithmischen Denken gibt es keine beobachterunab hängigen Wahr-heiten. Algorithmen sind vielmehr Externalisierungen menschlicher Art und Weise, die Welt zu verstehen und zielgerichtet in ihr zu handeln.

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    MiniDisk Player, 2017MiniDiskTris Vonna-Michell

    Wenn ich nur wüsste, wie man probt. Noch immer auf dem Dach, doch jetzt in einem Innenraum, einer Aus-sichtsplattform – eine Skylounge mit gewölbten Fenstern, die 360 Grad um Blumen-Arrangements und künstliche Natur gespannt sind. Reflektionen der Marken -zeichen von Clubs und Bars, Dachcafés auf Hochhäu-sern, sich drehende Aussichtsplattformen und inverti-erte Beschriftungen. Selbstbeobachtung, das Rascheln meines Shirtkragens als ich versuche, das Mikrofon zu befestigen. Mit den Augen scanne ich die Objekte auf einem nahen Tisch. Die notwendigen Wahrheiten, alle in meinem Blickfeld, meinem Gespür – solche materiel-len Bestätigungen die zu einer Reise gehören. Die stör-rischen Koordinaten dieses brutalistischen Raumes sind alles, worauf ich mich beziehen muss, in der Hoffnung, einen Anfang zu finden.

    Das Publikum ist bald da, vertraute Objekte und in Reichweite. Nicht-projizierte Bilder von Bänken und Durch gängen in der Dämmerung rufen die erste Ab-folge von Gedanken hervor. Aufzüge und Eingänge in einer monolythischen Platte, Beton. Ich lege ein rotes MiniDisk-Gerät auf die gläserne Tischplatte und lasse das Fach aufschnappen; eine Bestätigung, dass die Geschichte von mir abhängt. Ich werde beginnen, in-dem ich die schlechte Raumakustik erwähne und das Publikum bitte näher zu kommen – denn wie immer gibt es in diesem Raum ebenso wenig einen Verstärker, wie Raum für Nachhall.

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    Morehshin AllahyariDie Künstlerin und Aktivistin Morehshin Allahyari produzierte mittels 3-D Drucker Rekonstruktionen historischer Artefakte, die durch ISIS zerstört wurden. Derzeit sammelt und archi-viert sie »dunkle Göttinnen«, die sie als »monströse, dämonische weibli-che Wesen des Mittleren Ostens« aktualisiert. Ausstellungen: Dallas Museum of Contemporary Art and the Dallas Biennale (2012), Verge Center for the Arts (2016), FACT Liverpool (2017), Viktoria and Albert Museum (2017). Zahlreiche Preise, Festivalteilnahmen, Residencies und Pressereaktionen.

    Honey Biba Beckerlee (*1978)Die bildende Künstlerin untersucht in Fotografie, Video und Installationen den Status der aktuellen Bildproduk-tion, um sich kritisch mit Themen wie Originalität, Individualismus und An-thropozentrismus auseinanderzuset-zen. Ausstellungen: Institute for Con-temporary Art, Kopenhagen (2009), Den Frie Centre of Contemporary Art, Kopenhagen (2012), KONTORprojects, Kopenhagen (2015).

    Lena Brüggemann Lena Brüggemann ist Künstlerin, Kura-torin und Künstlerische Leiterin des D21 Kunstraum Leipzig. Experimentel-le Fragestellungen nach den Regeln und Rahmenbedingungen von Medien durchziehen ihre Arbeit. Im D21 Kunstraum kuratiert sie Ausstellungen, Vorträge, Workshops und Filmreihen – mit dem Ziel Raum zu schaffen, der Austausch und kritische Auseinander-setzung mit Zeitfragen fördert.

    Hans-Christian Dany (*1966)Als Künstler, Autor und Publizist war H.C. Dany unter anderem Mitheraus-geber von Zeitschriften wie Die Beute, Spuren, Springerin. Publikationen: Schneller als die Sonne (2015), Morgen werde ich Idiot (2013), Speed – Eine Gesellschaft auf Droge (2009). Aus-stellungen: Halle für Kunst Lüneburg (2015), Deichtorhallen Hamburg (2011), Jet Berlin (2009), Hamburger Kunsthalle (2002).

    Paul DeMarinisSeitdem er vier Jahre alt war, hat Paul DeMarinis mit Hilfe von Kabeln, Batte-rien und Haushaltgegenständen Ge-räusche produziert. DeMarinis, der als einer der ersten Künstler Mikrocom-puter verwendete, hat sich seit den 1970ern in den Feldern Interaktive Software, Synthetische Spracherzeu-gung, Geräusch und Lärm, oder Un-mögliche Medien gequält. Seine Instal-lationen, Performances und Arbeiten im öffentlichen Raum entstanden in Nordamerika, Europa, Australien und Asien. Er ist Professor im Department of Art & Art History der Stanford Uni-versity, Kalifornien.

    Constant Dullaart (*1979)Constant Dullaart ist ein Konzept-künstler, dessen Arbeiten sich mit der Emergenz des Internet als Medium auseinandersetzen. Seine künstleri-sche Arbeit wird durch das Kuratieren von Ausstellungen und zahlreiche Vorträge, Performances und Semina-re begleitet. Prix Net Art (2015). Aus-stellungen: Utah Museum of Contem-porary Art (2012), Future Gallery Berlin (2013), Schirn Kunsthalle Frankfurt (2015), Victoria & Albert Museum, London (2017).

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    Mark Fridvalszki (*1981)Der in Berlin und Leipzig lebende Künstler entwirft abstrakte Geome-trien und immaterielle Räume in ver-schiedensten Medien: Collagen, Tapeten-Environments, Objekte mit Hilfe experimenteller Drucktechniken. Er ist Mitherausgeber von Technologie und das Unheimliche. Ausstellungen: Akademie Schloss Solitude Stuttgart (2015), Trafó Gallery Budapest (2016), HIT Gallery Bratislava (2015), Kisterem Gallery Budapest (2015), MeetFactory Prag (2016).

    Francis Hunger (*1976) Seine Installationen, Hörspiele und Performances realisieren eine kritische Betrachtung von Techno-logie geschichte, verstanden als ideologische Wissens- und Macht -kon stel lation. Ausstellungen: ACC Galerie Weimar (2017), Cooper Uni-non (2014), The Bergen Assembly (2013), Wuerttembergischer Kunst-verein (2013), Central House of Artists, Moscow (2012), Hartware MedienKunst-Verein (2012). Zahl-reiche Vorträge, Festivalteilnahmen und vereinzelte Kurationen und Publikationen.

    Ryan S Jeffery (*1978)Der amerikanische Filmmacher Ryan S Jeffery hinterfragt in seinen Arbei-ten, wie die politischen, kulturellen und ökonomischen Strukturen in die gebaute Umwelt eingeschrieben sind und wie sich im Anschluss daran eine Zirkulation durch Bilder und Medien entfaltet. Ausstellungen/Screenings: European Media Arts Festival Osna-brück (2016), FIDMarseille (2015), The Kyiv Biennial (2015), Museum für Fotographie Berlin (2013). Jeffery lehrte u.a. am California Institute of the Arts und der Syracuse University.

    Elli Kuruş (*2014)Elli Kuruş untersucht Ideologien und Politiken von Technologien, um sie durch künstlerische Narrative als geschichtliche Akteure sicht- und verhandelbar zu machen. Ihre Praxis umfasst spekulative Herangehens-weisen, die sich als Installationen, Videos und Workshops manifestieren. Ausstellungen: European Media Arts Festival Osnabrück (2017), ISCP New York (2017), GMK Zagreb (2016), Ausstellungsraum Klingental Basel (2016). Beitrag in der Publikation: Artists Re:Thinking the Blockchain, Furtherfield London (2017).

    Marie-Eve Levasseur (*1985)Die Leipziger Künstlerin Marie-Eve Levasseur orientiert ihre Praxis an einer philosophischen Haltung, die durch kritische Theorie und Science Fiction beeinflusst ist. Ihre Installatio-nen, Fotografien und Videoarbeiten setzen sich mit Oberflächen, Pro-thesen und der Speicherung von Inhalten auseinander. Sie ist Mitglied der Posthuman and Art Research Group. Ausstellungen:  Canada House, London (2017), Kunstverein Hildesheim (2017), Grassimuseum Leipzig (2015).

    Olia Lialina (*1971)Die Netzkünstlerin Olia Lialina gilt als Mitbegründerin von Net.Art und ist als Kritikerin, Theoretikerin und Auto-rin für digitale Medienkulturen aktiv. Seit 1999 ist sie Professorin für New Media an der Merz Akademie, Stutt-gart. Ausstellungen: HMKV Dortmund (2015), HEK Basel (2016), The Kitchen New York (2017), Zahlreiche Festivals, Vorträge und Keynotes.

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    Geert LovinkDer Medientheoretiker und –kritiker war Gründer der frühen Internet-projekte nettime und fibreculture. Er lehrte u.a. an der Hogeschool van Amsterdam, der University of Amster-dam und ist Gründer des Institute for Network Cultures. Seine Projekte und Publikationen umfassen: Dark Fiber (2002), My First Recession (2003), The Principle of Notworking (2005) und Zero Comments (2007).

    Zsolt Miklósvölgyi (*1987)Zsolt Miklósvölgyi studierte Philoso-phie an der Peter Pazmany Catholic University, Budapest. Derzeit arbeitet er an einer Dissertation zu Fragen der Räumlichkeit, Identität und Topogra-phie literarischer Texte. Seit 2014 ist er Mitherausgeber der Publikations-reihe Technologie und das Unheimliche und der Buchreihe Melting Books.

    Lisa ParksLisa Parks ist Medientheoretikerin mit dem Fokus auf Satellitentechnologie und Medienkulturen, kritische Studien von Infrastrukturen, sowie Medien, Militarisierung und Überwachung. Parks war Professorin für Mediastu-dies an der UC Santa Barbara (seit 2009) und ist Professor for Compara-tive Media Studies am MIT (seit 2017). Publikationen: Cultures in Orbit: Satellites and the Televisual (2005), Down to Earth: Satellite Technologies, Industries and Cultures (Hg., 2012), Life in the Age of Drones (Hg., 2017).

    Fabian Reimann (*1975)Der Künstler Fabian Reimann studier-te Germanistik, Kultur- und Kunstwis-senschaften, Grafik-Design und Bil-dende Kunst in Bremen, Leipzig und Wien, arbeitete in zahlreichen narrati-ven Installationen oder Raumessays u.a. zu Atomforschung, Spionage, Kalter Krieg, Postkolonialismus, Uto-pieforschung, veröffentlichte diverse Publikationen, die den Begriff des Warburg Universums prägten. Publika-tionen: Space Colonies, (2017), The World Set Free (2018).

    Georg Trogemann (*1952)Georg Trogemann ist seit 1994 Profes-sor für Experimentelle Informatik an der Kunsthochschule für Medien Köln. Dem Studium der Informatik und Ma-thematik in Erlangen folgte die Pro-motion 1990. Er forscht in den Feldern Art und Design Research, Interface Cultures, Theorie der Artefakte. Publi-kationen: Code Art (2005), Computing in Russia (2001).

    Tris Vonna-Michell (*1982)Die Spoken-Word Performances und Audioaufnahmen des Künstlers erzäh-len zirkuläre Geschichten auf mehre-ren Ebenen. Sie werden begleitet von Diaprojektionen, Photokopien und anderen Ephemera, welche als Frag-mente von Informationen, Abschwei-fungen und Fehlern auftreten. Ausstellungen: Kunsthaus Hamburg (2016), Ludlow 38 New York (2015), Metro Pictures New York (2014), Turner Prize Nomination (2014), BALTIC Gateshead (2012).

  • Impressum

    Herausgeber:D21 Kunstraum Leipzig e.V.Lena Brüggemann, Francis Hunger, Fabian ReimannGestaltung: Lydia SachseAbbildungen: Michael MoserBildbearbeitung: Paula Gehrmann

    Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, NorderstedtISBN: 9783746049892Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über abrufbar.

    Die digitale Ausgabe dieses Buch kann kostenfrei auf der Webseite des D21 Kunstraum heruntergeladen werden. www.d21-leipzig.de

    Die Publikation ist lizensiert als CC- BY-SA 4.0 (Creative Commons Attribution ShareAlike 4.0 Unported). http://creativecommons.org/licenses/ by-sa/4.0/

    © 2017 für die Fotografien: die Autor_innen und Michael Moser© 2017 bei den Autor_innen, D21 Kunstraum Leipzig

    Ausstellung:»Rosebuds: Hidden Stories of Things«, D21 Kunstraum Leipzig 28.12.17–28.1.18Kurator_innen: Lena Brüggemann, Francis Hunger, Fabian ReimannProjektmanagment: Constanze MüllerTeam: Moritz Arand, Paula Gehrmann, Ariane Graf, Peter Grosse, Paul Melzer, Juliane Richter, Ilse Riediger, Paul Ziolkowski

    Symposium:D21 Kunstraum Leipzig, 27.01.2018Vorträge von Hans Christian Dany, Olia Lialina, Zsolt Miklósvölgyi

    Förderer:Dieses Projekt wurde gefördert von

    Leihgeber: Rechenwerk Computermuseum Halle/Saale, Computermuseum München, die Künstler_innen