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  • Inhalt

    VORWORT Ulrich Eibach, Santiago Ewig, Klaus Zwirner……………..……7

    EINFÜHRUNG – ZIEL DER STUDIE…………………………..…….9

    KAPITEL 1: VERLUST DES SUBJEKTS IN DER MEDIZIN …………………...13 1.1 Geschichtliche Aspekte…………………………………………15 1.2 Zum Verlust des Subjekts in der gegenwärtigen Medizin……...19 1.3 Zur Ausklammerung und Leugnung des Subjekts in den

    Neurowissenschaften und der Psychiatrie……………………....20 1.4 Medizintechnik, Ökonomie und die Ausschaltung

    des Subjekts in der Medizin………………………………….....29 1.5 Wandel der Rolle des Arztes und des Arzt-Patienten-

    Verhältnisses…………………………………………………....35 1.6 Folgen der Ausklammerung des Subjekts in der Medizin

    für den kranken Menschen………………………………….…..39

    KAPITEL 2: KRISE DER ZIELE DER MEDIZIN…………………………...….43 2.1 Der Tod und die Krise der Ziele der Medizin………………… 45 2.2 Zur Krise des Heilungsanspruchs der Medizin…………………48 KAPITEL 3: FOLGERUNGEN FÜR DIE MEDIZIN UND DIE MEDIZINETHIK…..59 3.1 Wie kann dem Verlust des Subjekts in der „medizinischen

    Theorie“ entgegengewirkt werden?.............................................61 3.2 Wollen die Menschen eine Reparatur-Medizin wirklich?

    Oder haben sie zugleich Angst vor dieser Medizin?....................66 3.3 Die Frage nach den Zielen der Medizin ist unabweisbar

    geworden – Elemente einer Zielbestimmung der Medizin....…70

  • 3.4 Welche Chancen bestehen, eine veränderte Medizin zu bekommen, und wie kann das Patienten-Arzt-Verhältnis

    so gestaltet werden, dass der Patient als Subjekt berücksichtigt wird? …………………..………………………..77

    KAPITEL 4: FOLGERUNGEN FÜR KIRCHEN, KIRCHLICHE KRANKEN-

    HÄUSER UND KRANKENHAUSSEELSORGE…………………….81

    4.1 Gesundheit als höchstes Gut? – Fortschritt zur heilen Welt ohne Krankheiten?.......................................................................83

    4.2 Der Beitrag von Theologie, Kirchen und Seelsorge zum

    Umgang mit Sterben und Tod in der Gesellschaft und der Medizin…………………………………………………..…87

    4.3 Zum Umgang mit Krankheit: Widerstand, Ergebung,

    Annahme………………………………………………………..95 4.4 Christliche Heilserwartung und medizinischer Fortschritt:

    Wider die Utopie der Herstellung einer heilen Welt – Sozialethische Aspekte………………………………………..102

    4.5 Krankenhausseelsorge als Kompensation der

    Ausklammerung des Subjekts in der Medizin? – Der Patient als Mittelpunkt des Krankenhauses?.......................111

    4.6 Ökonomie und Humanität im Krankenhaus – Zum Auftrag

    der Kirchen und von Krankenhäusern in kirchlicher Träger- schaft angesichts der Umstrukturierungen des Gesundheits- wesens nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten………....120

    ZU DEN AUTOREN…………………………….………………..127

  • 13

    Kapitel 1 Verlust des Subjekts in der Medizin

  • 14

  • Verlust des Subjektes in der Medizin ____________________________________________________________________________________________________

    15

    1.1 Geschichtliche Aspekte

    Die cartesianische Trennung von Geist und Materie, Seele und Körper beherrscht die medizinische Theorie und Praxis seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Francis Bacon (1561-1626) und René Descartes (1596-1650) gelten als die entscheidenden Väter der neuzeitlichen Wissenschaft. Nach Bacon ist es Aufgabe der Naturwissenschaften, das verlorene Paradies wiederherzustellen, und Aufgabe der Medizin, den Tod zu besiegen. Descartes verwendete viel Zeit auf die Frage, wie der Tod zu besiegen sei, und zwar auf der Grundlage seiner Theorie, dass auch der menschliche Körper wie eine Maschine funktioniere, allerdings durch den immateriellen Geist gesteuert werden kann. Damit sind zwei grundlegende Probleme der medizinischen Theorie und Praxis benannt. Es ist einmal die Frage nach dem Menschenbild, das die gegenwärtige Medizin leitet, ob das „Maschinenmodell“ vom menschlichen Leben die Medizin auch heute noch maßgeblich bestimmt, und zum anderen die Frage, was die entscheidenden Ziele der Medizin sind, ob es weiterhin hauptsächliches Ziel der Medizin ist und sein kann und darf, mit allen ihr zu Gebote stehenden technischen Möglichkeiten Krankheiten und den Tod zu bekämpfen, um die Lebenszeit zu verlängern oder gar die Krankheiten und zuletzt auch den Tod zu besiegen. Der Philosoph F.X. v. Baader (1765-1841) charakterisierte diese Sicht vom Menschen dahingehend, dass diese den Menschen in einen „Geist- losen“ Körper und einen „Welt-losen“ Geist aufspalte. Ein „Körper-loser“ Geist braucht die Medizin nicht mehr zu interessieren, wenn der Körper wie eine Maschine funktioniert. Man geht in der Neuzeit zunehmend davon aus, dass nur seinsmäßig gleichartige Größen in eine kausale Wechselwirkung zueinander treten können, dass mithin Veränderungen im körperlichen Bereich nur durch Einwirkungen materieller Faktoren auf den Körper verursacht und also auch nur durch materielle Einflüsse therapiert werden können. In diesen biologisch-mechanistischen Erklärungen von Krankheiten spielen nicht nur „metaphysische“ Gesichtspunkte keine Rolle, sondern letztlich auch nicht der Mensch als Person, als Subjekt. Der Leib wird „entsubjektiviert“, zum „Körperobjekt“, dessen Funktionen und Fehlfunktionen man losgelöst vom Subjekt erklären will und kann.

  • Verlust des Subjektes in der Medizin ____________________________________________________________________________________________________

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    Damit wird die Krankheit zur bloß biologischen Fehlfunktion, zur materiellen Störung, die ihre Ursache in rein materiellen Faktoren hat, die man „reparieren“ muss. Der Mensch ist nur als „Opfer“ dieser Faktoren, keinesfalls aber als Verantwortlicher für seine Krankheit im Blick, höchstens noch als einer, der an der Krankheit leidet. Diese natur- wissenschaftliche Sicht ist ganz auf die Fragen konzentriert, wie Krankheiten auf der Ebene der kleinsten Bausteine des Lebens entstehen, wie sie aus rein materiellen Faktoren zu erklären und auf dieser Basis zu therapieren sind. Die Fragen, warum Krankheiten entstehen und wie sie mit der Person und ihrer Biographie im Zusammenhang stehen, werden weitgehend ausgeklammert. Entsprechend wird auch fast nur gefragt, wie die Krankheit auf der biologischen Ebene zu bekämpfen ist, und kaum, wie der Mensch in anderer Weise mit seiner Krankheit umgehen kann. Der kranke Mensch ist nur als zu diagnostizierendes und zu therapierendes Objekt, als kranker Körper im Blick. Als Subjekt wird er kaum noch wahrgenommen. Gegen diese Ausklammerung des Subjekts in der Medizin des 19. und 20. Jahrhunderts wandte sich Mitte des 20. Jahrhunderts die von Ludolf Krehl begründete Heidelberger internistische Schule (R. Siebeck, V. v. Weiz- säcker, A. Jores u.a.). Sie wollte die Alleinherrschaft des naturwissen- schaftlichen Kausaldenkens in der Medizin überwinden und den kranken Menschen als „pathisches Subjekt“ (V. v. Weizsäcker) wieder in den Mittelpunkt ärztlichen Handelns stellen, Krankheiten also nicht nur als „sinnlose“ Defekte der „Körpermaschine“ verstehen. Das „Organische“ und also auch die Krankheiten haben immer einen Sinn. Viele Krankheiten können nur im Horizont der Lebensbiographie des kranken Menschen als Ausdruck eines konflikthaften, überfordernden, unbewältigten, ungelebten oder auch verfehlten Lebens in Beziehung zu sich selbst und zur Mit- und Umwelt verstanden werden, das sich in seelischen Störungen manifestiere, die wiederum in körperlichen Symptomen ihre Entsprechung finden können. Krankheit ist demnach häufig kein isoliertes Körpergeschehen, sondern Ausdruck der inneren und äußeren Lebensgeschichte. Der Zusammenhang zwischen Lebensgeschichte, seelischem Erleben und körperlichem Befinden und Krankheit ist nicht mit einem naturwissen- schaftlich-linearen Kausalitätsbegriff zu erklären, sondern nur aus der inneren und äußeren Lebensgeschichte eines Menschen zu verstehen, ohne dass damit die naturwissenschaftlich-kausalen Zusammenhänge aufge- schlüsselt werden können. Es sollen nicht nur die materiellen Ursachen einer Krankheit diagnostiziert, erklärt und therapiert werden und die Krankheit als mehr oder weniger zufälliger und durch materielle

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    Veränderungen determinierter Defekt und sinnloses und unverstehbares Geschick stehen gelassen werden, vielmehr sollen viele Gruppen von Krankheiten als „Zeichen“ verstanden und auf dem Hintergrund der Lebensgeschichte in ihrer Bedeutung erschlossen werden, und zwar seitens der behandelnden Ärzte wie auch des kranken Menschen. Beide gemeinsam müssen bemüht sein, die Krankheit zu verstehen, ihren Sinn für den kranken Menschen zu erschließen und auf dieser Basis Wege aus der un