georg sundag, fuhrmann - entlastet w£¼rde, bin ich als tochter das einzige kind...

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  • Geschichte in Geschichten

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    GeORG sUnDAG, FUhRMAnn

    Erzählt von seiner Tochter, Christine Bültmann. Mein Vater war ein sehr gutmütiger Mensch, ein herzensgu-

    ter Vater und ein sehr liebevoller Großvater. Er war immer freundlich, hilfsbereit und zufrieden. Arbeitsmäßig

    und finanziell gesehen hatte er ein nicht ganz leichtes Leben. Trotzdem lachte er oft und machte gern einmal

    ein Späßchen. Und er war nie verzagt, obwohl er dazu oft einen Grund gehabt hätte. Vielleicht war das auch

    die Ursache, weshalb er immer gesund war und eigentlich nie einen Arzt gebraucht hat. Allerdings mit zwei

    Ausnahmen: 1926 erlitt er einen Blinddarmdurchbruch und 1968 einen Beinbruch.

    Geboren wurde mein Vater im Jahr 1899 als Sohn des Bäckermeisters Heinrich Sundag und

    seiner Frau Margarete, geb. Niehaus. Er war das 4. Kind in der Familie. Nach ihm wurden noch

    2 Kinder geboren. Bei der Geburt des 6. Kindes verstarb leider seine Mutter. Heinrich Sundag

    heiratete dann wieder und bekam mit seiner 2. Frau noch 2 weitere Kinder. Ich muss sagen, seine

    2. Frau hat wirklich Achtung verdient. Mit nur 24 Jahren heiratete sie einen Mann, der schon 6

    kleine Kinder hatte, wobei das älteste Kind gerade mal 12 Jahre alt war. Außerdem besaß er eine

    Bäckerei, ein Kolonialwarengeschäft, eine Gastwirtschaft und betrieb auch noch etwas Landwirt-

    schaft. Mein Vater sagte über sie, dass sie allen Kindern eine gute Mutter war und immer alles

    perfekt im Griff hatte.

  • Geschichte in Geschichten

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    Der Bäcker, der die Pferde liebte

    Die Kinder wurden erwachsen und führten bald ihr eigenes Leben. Mein Vater wurde Bäcker und

    machte 1921 seine Gesellenprüfung. Bis zu seiner Heirat im Jahr 1926 arbeitete er als Bäcker im

    elterlichen Betrieb. Doch schon früh merkte mein Vater, dass seine eigentliche Leidenschaft den

    Pferden galt. Schon als Junge konnte er gut mit Pferden umgehen. Deshalb schickte ihn mein

    Großvater oft hinaus, um den Acker zu pflügen und zu bestellen. Vielleicht spürte er auch, dass

    mein Vater es mehr liebte, draußen in der Natur zu sein als drinnen in der Backstube. Die Liebe

    zu den Pferden hat mein Vater an seine Enkeltochter weitergegeben, die auch heute noch zwei

    Pferde versorgt.

    Einmal fuhr mein Vater zusammen mit meinem Großvater mit dem Pferdefuhrwerk nach Nordhorn

    zur Mühle, um Korn mahlen zu lassen. Kurz vor dem Isterberg fragten 2 Männer, ob sie auf dem

    Wagen mitfahren dürften. Mein Großvater sagte: „Steigt auf!“ Oben auf dem Isterberg stiegen die

    Männer wieder vom Wagen. Zum Glück, wie sich später herausstellte. Als mein Großvater und

    mein Vater auf dem Rückweg wieder am Isterberg vorbei kamen, sahen sie dort schon von wei-

    tem viele Menschen stehen. Sie bemerkten noch, wie Polizisten gerade die Männer vom Vormit-

    tag abführten. Die aufgebrachten Menschen erzählten, dass die Männer einen Fuhrmann ermor-

  • Geschichte in Geschichten

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    det hatten. Es führte früher ein wichtiger Handelsweg nach Nordhorn; darum haben die Männer

    vielleicht eine fette Beute vermutet. Da mein Großvater nur Korn geladen hatte, waren die Männer

    wohl enttäuscht gewesen und waren wieder abgestiegen. Zum Glück für meinen Großvater und

    meinen Vater.

    es begann mit einem Ponyhof

    1926 heiratete mein Vater. Er bekam als Erbteil zwei kleine Russenponys und einen kleinen Wa-

    gen sowie ein kleines altes Haus außerhalb der Stadt, das sich meine Eltern wohnlich einrich-

    teten. Allerdings gab es dort keinen Strom und keine Wasserleitung, nur Pumpen. Ein kleines

    Gebäude, in dem früher ein Holzschuhmacher gearbeitet hatte, diente als Stall für die Ponys und

    die Kuh, die meine Mutter bei der Heirat mitbekommen hatte. Damit war der Grundstein für die

    Landwirtschaft gelegt. Mein Vater hatte auch noch einige Ländereien geerbt, die er nun mit den

    Ponys beackern konnte.

    Da sie weit von der Stadt entfernt wohnten und weit und breit kein Haus in der Nähe war, konnten

    meine Eltern schalten und walten, wie sie wollten. Sie fühlten sich dort in der Natur sehr wohl.

    Die nächsten Nachbarn waren Hinkebeen und Wanning (später Göttrup). Wo jetzt der Quendorfer

  • Geschichte in Geschichten

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    See ist, war früher nur Heide. Im August, wenn die Heide blühte, sah man dort einen wunderschö-

    nen rosa Teppich.

    Bald wurden die Ponys verkauft. Mein Vater schaffte sich zwei Arbeitspferde an und gründete ein

    Fuhrunternehmen, das er von 1926 bis 1976 betrieb. Es war aber eine schwere Zeit, um damit

    Geld zu verdienen. Ein geregeltes Einkommen gab es meist nicht. Sein Geschäft lief nur schlep-

    pend. Oft musste er für Bürger, die damals einen Acker besaßen, das Land pflügen, Roggen

    sähen, Heu holen oder Dünger zum Acker fahren usw. Viel Geld gab es dafür nicht. Für Bauun-

    ternehmer fuhr mein Vater Steine und Sand. Für ein Fuder Vechtesand bekam er 1,00 Mark. Für

    ein Fuder Bausand 2,00 Mark. Und den Sand musste er selbst mit der Schüppe aufladen. Das

    war harte Arbeit. Alte Rechnungen von 1931 und 1934 belegen, dass er für 1 Fuder Steigerholz

    1,50 Mark, für 1 1/2 Stunde Kohlenasche fahren 2,00 Mark, für ein Fuder Schutt 1,50 Mark und

    für einen halben Tag Sand fahren 7,50 Mark verdiente.

    Einmal sollte mein Vater zwei Fuder Sand zu einem Bau an der Bentheimer Straße bringen. Die

    Maurer warteten darauf. Er hatte zwei leere Wagen zu den Sandbergen, dem sogenannten Gal-

    genberg, mitgenommen. Als er das erste Fuder wegbrachte, wollte ich meinen Vater überraschen

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    und fing an, den zweiten Wagen voll zu schippen. Ich habe es natürlich nicht geschafft, den Wa-

    gen voll zu beladen, jedoch hat sich mein Vater trotzdem sehr darüber gefreut und erledigte den

    Rest. Bei dieser Gelegenheit konnte ich selber die Erfahrung machen, welche schwere Arbeit und

    welche Quälerei er fast täglich zu bewältigen hatte.

    harte Winter – harte Arbeit

    Später wurde dann immer mehr gebaut. Da bekam mein Vater von mehreren Bauunternehmer

    Aufträge. Im Winter, wenn das Baugewerbe ruhte, blieb die Auftragslage aber schwierig. Wochen-

    lang war kaum Arbeit da. Wenn allerdings der Boden hart gefroren war, kamen ein paar Aufträge.

    Da musste mein Vater Holz aus dem Samerott oder Wengseler Bruch holen. Wenn es große

    und schwere Bäume waren, hat er das Holz zusammen mit den Gebrüdern Welp, mit denen er

    auch verschwägert war, transportiert. Dann wurden zwar 4 Pferde angespannt, aber es blieb eine

    schwere Arbeit für Pferde und Männer. Und auch diese Arbeit wurde sehr schlecht bezahlt. Mein

    Vater kam oft total durchgefroren nach Hause. Da wir damals keine Heizung hatten, war der Herd

    in der Küche der einzige Wärmespender. Das sogenannte Stövchen leistete gute Dienste für die

    Füße; oder man hielt die Füße zum Aufwärmen in den Backkasten. In unserer Küche war es im

    Winter bei Petroleumlicht und Herdfeuer sehr gemütlich.

    Mit den Jahren hatten sich meine Eltern Kühe und Kälber, Schweine und Ferkel, Schafe, Hühner,

    Gänse usw. angeschafft und auch einige Äcker wurden dazu gepachtet. Dadurch wurde die Arbeit

    in der Landwirtschaft immer mehr.

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    So sehr mein Vater sich einen Sohn gewünscht hatte, der ihn in der Landwirtschaft ein wenig

    entlastet würde, bin ich als Tochter das einzige Kind geblieben. Meine Mutter bekam zwar noch

    Zwillinge (Mädchen), die aber gleich nach der Geburt verstorben sind. Es war eine sehr schwere

    Zeit, aber meine Eltern haben sie gemeistert.

    Mein Vater musste kurz vor Schluss noch als Soldat in den 1. Weltkrieg ziehen. Gott sei Dank

    nur für kurze Zeit, denn der Krieg war bald zu Ende. Auch im 2. Weltkrieg wurde er von 1940 bis

    1941eingezogen. Er bekam am Freitag die Einberufung und musste schon am Montag in Lingen

    beim Wehrbezirkskommando sein. Er kam gleich nach Polen (Krakau, Jahreslau). Schnell hatte

    er noch dafür gesorgt, dass die Pferde bei der Firma Schümer untergebracht wurden. Die Zeit

    war knapp. Nun war ich allein zu Haus. Meine Mutter lag zur Zeit im Krankenhaus. Das Vieh

    konnte ich wohl versorgen, auch den Schweinekessel kochen. Aber Melken konnte mit 13 Jahren

    ich noch nicht. Das habe ich erst mit 16 oder 17 Jahren gelernt. Ich weiß nicht, wer in dieser Zeit

    bei uns gemolken hat, bis meine Mutter aus dem Krankenhaus wieder entlassen wurde. Nach

    fast einem Jahr schrieb mein Vater aus Polen, meine Mutter solle ein Gesuch aufstellen, dass er

    Landwirt und Fuhrunternehmer sei, dieses vom Bürgermeister beglaubigen lassen und dann nach

    Lingen zum Wehrbezirkskommando schicken. Das würde ein Kamerad aus Gildehaus und aus

    der Niedergrafschaft auch machen. Und tatsächlich, mein Vater wurde entlassen.

    Nun fing die Arbeit wieder an, aber es war Krieg. Im Baugewerbe war nicht viel zu tun. Bei der

    Firma Börgeling gab es hin und wieder Arbeit für ihn und seine Pferden, die er inzwischen von der

    Firma Schümer wohlbehalten zurück bekommen hatte.

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    Obwohl die Arb

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