der mann ohne eigenschaften¢» von robert knill/various/wolfe/bu der titel des

Download Der Mann ohne Eigenschaften¢» von Robert knill/various/wolfe/Bu  Der Titel des

Post on 15-Oct-2020

1 views

Category:

Documents

1 download

Embed Size (px)

TRANSCRIPT

  • Judith Burckhardt

    ; «Der Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil oder das Wagnis der Selbstverwirklichung

    . Basler Studien , zur deutschen Sprache und Literatur 48 ,

  • Judith Burckhardt

    «Der Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil oder das Wagnis der Selbstverwirklichung

    11111 i!YJ+1'11 : /f111 fM1 t li'Yr1'1 r1 0 ) i v -1 ( ':11 /1-t{(ft~{ J;I1,ji'1 i ,rm1J JHi Q"hmf

    ~ r1,lit

    Francke Verlag Bern

  • Basler Studien

    zur deutschen Sprache und Literatur Herausgegeben von Ernst Erhard Müller, Kar! Pestalozzi,

    Heinz Rupp, Martin Stern und Louis Wiesmann

    Band 48

  • In Dankbarkeit Elli Muschg gewidmet

    © A. Francke AG Verlag Bern, 1973 . Alle Rechte vorbehalten Satz und Druck: Graphische Anstalt Schüler AG, Biel Printed in Switzerland

  • INHALT

    Einleitung 5

    Erster Teil: Die Eigenschaftslosigkeit als Vorstufe zur Selbstverwirklichung 9 1. Der Begriff der Eigenschaftslosigkeit 9 2. Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, hat Eigenschaften 12 3. Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, ist tatsächlich eigenschaftslos 14 4. Der Mann ohne Eigenschaften lebt in einer Zeit der

    Eigenschaftslosigkeit 16 5. Musils Verhältnis zu seiner Zeit als einer politischen Wirklichkeit 22 6. Ulrichs Verhältnis zu seiner Zeit als Romanwirklichkeit 26 7. Ulrichs praktischer Versuch der Eigenschaftslosigkeit 29

    Zweiter Teil: Die Moral als Versuch einer neuen Lebensgestaltung 33 1. "Moral" als Gegenbegriff zur Eigenschaftslosigkeit 33 2. Die Auswirkungen des Moralverlustes 36 3. Ansätze zu einer neuen Moral 53 4. Die Kritik der Eigenschaftslosigkeit 68

    Dritter Teil: Die Geschwisterliebe als Versuch, Eigenschaften zu erwerben 75 1. Bedeutung und Rechtfertigung der Geschwisterliebe 75 2. Ulrichs Schwester Agathe als Frau ohne Eigenschaften 78 3. Die Geschwisterliebe als ein Protest gegen das Leben 87 4. Von der Gesellschaftsmoral zu der Amoralität des Geftihls 95 5. Die Bedingungen der echten Begeisterung 100 6. Die Säkularisierung der Mystik 105 7. Die Geschwisterliebe als mystische Lebenserftillung 114 8. Auch die Geschwisterliebe ist ein mißglückter Versuch

    der Selbstverwirklichung 120

    Vierter Teil: Robert Musil und das Problem der Selbstverwirklichung oder der Dichter und sein Verhältnis zum Werk 130

    1. Ulrich als Abbild Robert Musils 130 2. Ulrich als Gegenbild Robert Musils 135 3. Ist Robert Musil als Dichter eigenschaftslos? 142

    Anmerkungen 149

    Literaturverzeichnis 155

  • EINLEITUNG

    Durch meine jahrelange Beschäftigung mit dem dichterischen Werk Robert Musils ist flir mich das Problem der Selbstverwirklichung immer deutlicher in den Vor- dergrund seines Schaffens gerückt. Obwohl es in der Sekundärliteratur nirgends besonders hervorgehoben wird, scheint mir die Frage nach der Ichbildung schon in der negativen Formulierung des Titels "Der Mann ohne Eigenschaften" im- plicite aufgeworfen und in jedem der großen Themenkreise des Romans, in dem der Moral und in dem der Mystik, wieder neu gestellt zu sein. Wilhelm Emrich be- handelt in seiner Untersuchung "Formen und Gehalte des zeitgenössischen Ro- mans" 1 die Autoren Marcel Proust, James Joyce, Franz Kafka, Thomas Mann und Robert Musil und hält einen durchgehenden Wesenszug in ihrer Lebensauf- fassung fest: "Die Welt ist in keinem Sinne mehr - im Gegensatz zur Welt des traditionellen Romans - vorkonstituiert. Vielmehr werden die Möglichkeiten ihrer Konstituierung unausgesetzt neu erfragt." Im Werk Musils ist aber der Zer- fall der Welt so stark fortgeschritten, weil der Mensch selbst die Einheit seines Wesens und damit sein Ichbewußtsein verloren hat. Der Mensch wird nicht mehr bloß mit einer Welt konfrontiert, die er zu bewältigen hat: vielmehr wird er sich selbst als Lebensaufgabe gesetzt. Er tritt nicht mehr als ein geschlossenes, vorkon- zipiertes Ganzes seiner Umgebung gegenüber, sondern er ist in der Bedeutung, die J.P. Sartre diesem Wort gibt, "Entwurf': "L'homme est d'abord ce qui se jette vers un avenir, et ce qui est conscient de se projeter dans l'avenir 2." Aus dieser starken existentiellen Unsicherheit erklärt sich die fortgesetzte unablässige Selbst- reflexion des Mannes ohne Eigenschaften und sein drängender Wunsch nach Selbstverwirklichung.

    In den ersten drei Teilen meiner Untersuchung befasse ich mich fast ausschließ- lich mit dem Hauptwerk Robert Musils "Dem Mann ohne Eigenschaften". Dieses Vorgehen halte ich flir berechtigt, weil einerseits sämtliche Themen der Rand- werke in diesem großen Fragment wieder aufgenommen sind, und weil es anderseits galt, die zunächst unübersehbar scheinende Stoff- und Gedankenftille zu überblik- ken und den weitgespannten Sinnzusammenhang zu erkennen, in den sie sich ein- ordnet. Es sind wohl Gesamtdarstellungen von Robert Musil und seinem Werk vor- handen, etwa die stark psychoanalytisch orientierte Abhandlung von Ernst Kaiser und Eithne Wilkins3 oder die Würdigung des Menschen und Dichters von Wilfried Bergha.hP.4 ; es gibt auch eine ganze Reihe sorgfältiger Einzelstudien, etwa die stilistischen Analysen von Beda Allemann 5 und Helmut Arntzen 6 ; was aber bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu fehlen scheint, ist eine Untersuchung, die sich zwar auf das Hauptwerk beschränkt, in diesem aber das Zusammenspiel der ver- schiedenen Themen gleichmäßig, ohne einem Einzelaspekt den Vorzug zu geben, zur Geltung bringt. Aus diesem Grunde habe ich Stoffgebiete, die mir erst in zweiter Linie wichtig scheinen, z. B. die literaturhistorische und geistesgeschicht- liche Einordnung Robert Musils in seine Zeit, außer Acht gelassen. Die Aufgabe, die mir gestellt war, betraf auch nicht das historische und textkritische Quellen-

    5

  • studium oder die Beschäftigung mit den Vorbildern zu Schlüsselfiguren des Romans, z. B. Walter Rathenau, Ludwig Klages und Franz Werfel. Statt dessen bemühte ich mich, das weitverzweigte und kunstvoll verflochtene Werk aus sich selbst und in seinem Kompositionsprinzip zu verstehen. Durch diese Methode der immanenten Textinterpretation habe ich mich allerdings nicht so sehr ein- engen lassen, daß ich die Hilfsmöglichkeiten, die sich mir zu dem Verständnis des Werkes boten, nicht benützt hätte. So zog ich z. B. die Dissertation Robert Musils über Ernst Mach herbei, um den Begriff der Eigenschaftslosigkeit besser fassen zu können, und so erkannte ich das spezifisch Österreichische im Werk Musils erst durch meine Beschäftigung mit der geschichtlichen Situation der Donaumonarchie vor dem ersten Weltkrieg. Im vierten Teil meiner Dissertation gehe ich dann über den eng gesteckten Rahmen meiner Arbeit hinaus und skizziere in einem kurzen Ausblick, wie das Thema der Selbstverwirklichung sich von dem Werk auch auf den Autor selbst überträgt.

    In meiner ganzen Arbeit beschäftigt mich vorwiegend die eigentliche künstleri- sche Leistung Robert Musils. Mit dieser Betrachtungsweise meinte ich dem lebens- langen schöpferischen Ringen des Autors um dichterischen Ausdruck am ehesten gerecht zu werden. Er selbst sagt denn auch über seinen Roman: "Gedanken dür- fen nicht um ihrer selbst willen darin stehen. Sie können darin, was eine beson- dere Schwierigkeit ist, auch nicht so ausgeftihrt werden, wie es ein Denker täte; sie sind 'Teile' einer Gestalt" (S. 1643). Wolfdietrich Rasch 7 zitiert Äußerungen Robert Musils, die ein ähnliches Verhältnis zum Werk charakterisieren: "Aber ich kann, was ich sagen will, nur im Roman, durch das Medium von Vorgängen und Figuren sagen"; oder: "Ich bin letzten Endes gar nicht imstande, die Form als solche wahrzunehmen. Für mich ist Form schon Inhalt."

    Im Widerspruch zu solchen Stellungnahmen des Autors selbst haben sich die Interpreten oft von dem stark philosophischen Gehalt des Werkes zu eigentlich philosophischen und begrifflich schwierigen Exkursen verleiten lassen. Philippe Jaccottet, der die französische übersetzung des "Mannes ohne Eigenschaften" besorgte, meint, "daß die meisten Kritiker sich durch die intellektuellen und sa- tirischen Seiten seines Romans täuschen ließen und infolgedessen den Ursprung seines Schaffens, der seinem Wesen nach dichterisch ist, übersehen haben" 8. Um nicht der gleichen Gefahr zu verfallen, war ich stets darauf bedacht, so nahe wie nur möglich am dichterischen Text zu bleiben, ausladende theoretische Erörte- rungen zu vermeiden und meine Sätze von dem in unserer Zeit· immer größer werdenden Ballast der philosophischen Spezialterminologie frei zu halten. Aus den gleichen überlegungen heraus zitiere ich in den ersten drei Teilen meiner Arbeit ausftihrlich, aber fast ausschließlich nur aus dem Roman selbst. Meine Me- thode des Zitierens könnte willkürlich scheinen; sie ist aber durch das eigentüm- liche Aufbauprinzip des Romans bedingt: wir finden in ihm weder eine zeitliche Kontinuität noch einen linearen Handlungsablauf. Deshalb mußten mancherorts Textstellen, die räumlich getrennt sind, zusammengezogen und andere, die ein- ander folgen, gesondert erwähnt werden.

    6

  • Im vierten Teil meiner Arbeit, der ja auch thematisch weiter gefaßt ist, berück- sichtige ich vor allem die Tagebücher Musils und ziehe die Sekundärliteratur als wertvolle Interpretationshilfe bei, soweit sie bis zum Abschluß meiner Disserta- tion erschienen und mir zugänglich war. Diese Doktorarbeit wurde im Jahre 1965 der Universität Basel vorgelegt; sie war von Prof. Dr. Walter Muschg angeregt und betreut worden. Als Korreferent wirkte Prof. Dr. Heinz Rupp.

    7

  • ERSTER TEIL

    DIE EIGENSCHAFT

Recommended

View more >