63,75 das buch

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ber 60 Geschichten, wie Fremde eine Stadt wahrnehmen und wie sie wirklich ist. Das Standardwerk ber Wiesbaden. 63,75 liefert keine historischen Fakten zu Kurhaus und Staatstheater, sondern spannende Geschichten von Orten, Objekten und Sachverhalten, ber die bisher selten, vielleicht noch nie geschrieben wurde. 63 Autoren haben ber 75 Pltze fantasiert, die ihnen etwa so fremd sind, wie den Massai das Gemse essen. Denn der Clou ist, so gut wie alle Autoren waren noch nie in Wiesbaden.

TRANSCRIPT

  • fr KIKI, ANNA,ANJA, SEBASTIAN

    uNd dIE LIEBE

  • ,PrOLOGWir machen ein Buch ber Wiesbaden, ber die Huser, den Historismus. So schallte es Anfang August 2012 durch die heiligen Rumlichkeiten der Design- und Werbeagentur Stijlroyal. Weil wir die Stadt doch auch irgendwie lieben, weil wir hier doch verwurzelt sind und weil es nun mal so ist, wie es ist.Aber wie ist es eigentlich? Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Was sind denn die definierbaren guten Grnde, warum wir gerne in Wiesbaden leben. Das ist sehr, sehr subjektiv. Es ist kaum mglich, das auf einen Punkt zu bringen, ohne ins immer gleiche Geseier zu verfallen. Ohne, ja, Bowling Green, Wilhelmstrae und den ganzen Zuckerguss wieder und wieder zu zitieren. Wiesbaden ist, was die Wahrnehmung von innen betrifft, ein altes, kultiviertes Stdtchen, wo man gut leben kann, die Huser sind schn, der Mietzins ist allen Unkenrufen zum Trotz irgendwie machbar, die Straen gefegt, deren Beleuchtung funkelt sachgem in der Nacht, es ist schwl im Sommer und meist schneelos im Winter, und dann das alte Hohelied der Wiesbadenkritiker: Es gibt kein Nachtleben. Ja, und es ist langweilig, wenn nicht sogar die langweiligste Stadt Deutschlands. Das sei, so sagt man, wegen der Universitt, die Wiesbaden nicht habe, und die Kurgste seien schuld oder besser gesagt, die Angst der Stadtoberen, die Kurgste zu verlieren, wenn Subkultur exisitiert. Also muss die Subkultur weg. Einer der wenigen lichten Momente am Jugendkulturhimmel ist dann auch der Schlachthof, der von kilometerweit entfernten Anwohnern auf absurde Weise torpediert wird, wegen Lrmbelstigung. Konzerte im Freien sind kaum mglich. Immer ist irgendwas. Darber hinaus kann man gut essen gehen. Es gibt natrlich auch immer was zu meckern. Ohne das kommt man hier nicht zurecht. Allerdings: Frher war alles besser. Frher, als die Linie 25 noch Schierstein und Nordenstadt miteinander verband. Als die Wartburg noch einen Namen hatte, als man die Zusammenrottung von einigen ganz netten Kneipen und Etablissements unweigerlich Bermuda- Dreieck nannte. Das wird alle paar Jahre gefeiert, als gbs keine Gegenwart und keine Zukunft. Es ist aber alles ganz anders. Es gibt dieses Jetzt, und zwar jetzt. Und das ist gar nicht mal das Schlechteste. Wenn man den alten Werbeslogan von vor ber 100 Jahren mal verinnerlicht, dass Wiesbaden ja auch irgendwie das Nizza des Nordens ist, dann, bei genauerer Betrachtung, fllt dem Besucher und hoffentlich noch rechtzeitig auch dem schon den Umzugswagen nach Berlin gepackt habenden Einwohner auf, es ist nicht schlecht bestellt um diese Stadt. Sie feiert nicht nur als Alterswohnsitz frhliche Urstnd, sie kann auch die Jungen und frischgebackenen Verliebten fr sich einnehmen. Nmlich wenn die feststellen, dass man mit z.B. dem Fahrrdchen von quasi jedem Ort in der Stadt zum nahen Wald rauschen kann, und weil man ja doch abends irgendwie gewisse Etablissements aufsuchen kann, um dort dem allgemeinen Abendtreiben beizuwohnen. Im Wiesbadener Westend, in der Nerostrae, Taunusstrae es gibt sie, die kleinen, schimmernden Orte fr die Nacht. Es gibt die Typen, die unermdlich gegen die Stadtobskuranten kmpfen und manchmal sogar durchhalten bis zum Morgentau. Bis was anderes aufmacht, bis sich die Zeiten

    gendert haben.

    Und dann haben wir uns gefragt, was ist wirklich mit der Stadt? Wie sehen andere, fremde Menschen diese Stadt, was knnen wir erfahren ber uns, die wir hier leben, und die Stadt, die uns eine Heimstatt ist? Wie finden wir das heraus, wo fangen wir an zu fragen, wo sitzt der Hebel? Dann haben wir uns selbst mal gefragt, und wir haben 75 Orte, Objekte, Sachverhalte gesammelt. Dinge, Menschen, Pltze, Huser, die uns wichtig sind, die uns aufgefallen sind, ber die wir nachdenken mussten und die oft, auer uns, vielleicht niemandem so richtig auf-gefallen sind. Und dann haben wir diese Dinge fotografiert und die Bilder den Autoren vorgelegt. Sie sollten etwas schreiben ber das, was sie da sehen. Sie sollten einfach ihre Geschichte schreiben. Und wir haben lustige Geschichten erwartet, mit Zuckerguss und irgendwie dieser Rund-um-die-Uhr-Weihnachtsstimmung, die in Wiesbaden allgegen-wrtig ist. Romantik pur, solche Sachen. Liebes-geschichten, Mrchen, alles ist gut und so. Das haben wir erwartet. Aber es kam ganz anders. Die Autoren haben ein Eigenleben. Sie haben ihre, nicht unsere Gedanken. Die Autoren, denen wir so viel Freiheit gegeben haben, haben diese Freiheit auch wahr-genommen, und so ist aus diesem Buch etwas geworden, von dem wir vorher nicht wussten, dass es das am Ende sein wird. Und der Prozess ist noch nicht beendet. Die Wahrnehmung wird sich entwickeln. Mit jedem Tag, jedem Mal, in dem diese Geschichten gelesen und befunden werden. Jedes Missverstndnis, Selbstverstndnis, jede Zustim-mung, Ablehnung und jede Interpretation dessen, was man selbst sieht, in Kombination mit den Texten und wie man sie wahrnimmt, wird ein anderes Bild von dieser Stadt projezieren. Bis man sich fragen wird, was das eigentlich ist, diese Wahrheit, von der immer alle sprechen. Findet man das hier? Haben die Autoren das gewusst? Haben sie uns an der Nase herumgefhrt? Haben wir alles verstanden, was es zu verstehen gibt? Jedes Bild hat seine Geschichte und im Anhang dazu einen Versuch, der Wahrheit ein bisschen nher zu rcken. Aber das ist auch nur eine subjektive Wahrheit, mein Erlebnis mit dem Objekt, mit den kleinen Ldchen, Leuten, Lakonien dieser Stadt.Mit etwas Glck findet am Ende ein Bild statt, und daraus folgt ein erster Besuch oder ein anderer Blick zurck auf diese ewige Stadt, die so viel mehr sein knnte, wenn sie nur endlich einfach mal wre, was sie ist. Nmlich eine im Grunde ihres Herzens liebenswerte Stadt.

    In Liebe Joerg Huck Haas

  • ,PrOTAGONISTENMaik NovotNy / architekt / WieN Peter Breuer / texter, autor / haMBurg eMMa Zissou / LehreriN / BiBerach a. d. riss derek haNdWerkMaNN / Pro-tWitterer / iNterNet Jessica troPP / Frau voN kLaus troPP / haNNover aNJa gottschLiNg / art direktoriN / kLN kathariNa kuhN / doMPteuse / darMstadt MartiN svitek / BoNvivaNt / dsseLdorF roBert stuLLe / kreativ-direktor / BerLiN Mischa-sariM vroLLet / autor / WieN erdge schoss / autor / sPritZtourist / MaiNhattaN MarioN kucheNNy / radioFrau / MaiNZ BerNd riNgsdorF / stratege, LeBeMaNN / WiesBadeN heNdrik sPree / coPyWriter / kLN iLka MLLer / studeNtiN / MarBurg thoMas Ziese / MediZiNer / BerLiN raLPh khNL / FerNseheN / MaNNheiM Mita voN gesseN / saMBaL oeLek-riNgeriN / saLZBurg edda BrauN / BuchhNdLeriN / ochseNFurt aNsgar oBerhoLZ / st. oBerhoLZ / BerLiN FLetZ voN groteNdNk / hiMseLF / haust vor der hhe roBert crNkovic / texter, eiNtrachtFaN / FraNkFurt/M Matthias sachau / autor / BerLiN haNs htt / autor, BLogger / BerLiN dirk BaraNek / oNLiNe JourNaList / stuttgart NiLZ BokeLBerg / FerNsehstar, vaterFigur / BerLiN deNise Peikert / JourNaListiN / FraNkFurt/M JohN dreiMorgeN / kuNstFigur / FraNkFurt/MMaike haNk / redakteuriN, Poetry sPaM / BerLiN syLvia oBersteiN / MedieNdesigNeriN / BoNN dr. christiaN khLer / LeiBarZt des huck haas / WiesBadeN JaNNis kucharZ / NetZFeuiLLetoN / MaiNZ

    christoPh WieNke / coMicLadeN groBer uNFug / BerLiN ute WeBer / autoriN / Bad viLBeL eva NeuMaNN / studeNtiN / MaiNZ huck haas / desigNer, kauZ, BoLd / k61 LeNa reiNhard / texteriN, autoriN / BerLiN aNJa BoNeLLi / iNterNetPhNoMeN / MNcheN Jette kerstiN daMrath / PsychotheraPeutiN / uLM aLexaNdra toBor / autoriN / augsBurggerrit Bruce Becht / koNtakter, astroNaut / WiesBadeN Lea duckWitZ / LehMBruck MuseuM / duisBurg MogeLPoNy / gLeitZeittWitterer / kLN, FraNkFurt/MkarsteN Loh / ruhe & FriedeN / FraNkFurt/M cLaudia vaMvas / akkordeoNistiN / st. gaLLeN JuLia roth / stiJLroyaL / diPL.-kauFFrau / WiesBadeN hoNke raMBoW / autor, JourNaList / esseN hageN terschreN / redakteur / oLdeNBurg FLoriaN BLaschke / kuNsthistoriker / kLN, ruhryork taNith / dJ, LegeNde / BerLiN siByLLe Berg / gttiN / schWeiZ Frdric vaLiN / FussBaLLauskeNNer, BLogger, autor / BerLiN durst / augsBurg MichaeL BukoWski / autor, texter, sM-redakteur / BerLiN siLke Lu NoLdeN / texteriN, BLoggerLegeNde / dsseLdorF daNieLa WarNdorF / texteriN, BLoggeriN / kLN Mareike erNst / PsychoLogiestudeNtiN, steiLer ZahN / FraNkFurt/M LiLiaN kura / texteriN, textZicke / starNBerg caro BuchheiM / JourNaListiN / FreiBurg isaBeL BogdaN / BersetZeriN, autoriN / haMBurg steFFi rossdeutscher / JuristiN, BeiN / BerLiN seBastiaN BauMer / ProF., eLektroNeNsouFFLeur / haMBurg Piotr PotegeN / sohN des huck haas / MaNNheiM

    63 Autoren und Autorinnen haben dem Buch einen Geist gegeben. Sie sollen gehuldigt und genannt sein.Hier und dann jeweils beim Beitrag sind die Autoren namentlich, inkl. Weblink aufgefhrt. Bitte lieben Sie sie, wie wir sie lieben.

    63

  • S08

  • NerobergMaik NovotNyLeise glitten die heckflossigen Limousinen in die Schwrze der Sptsom-mernacht des September 1962 davon. Dr. Schattenkobler schaute ihnen nach, bis sie vom Heckenrosenweg in die Goldregenallee einbogen. Leicht klang noch ein Rest Bedauern in ihm nach, sich ihnen nicht ange-schlossen zu haben auf dem Weg in die Schwarze Dahlie in Bad Hom-burg, deren Adresse er Bryant diskret zugesteckt hatte. Das geschftige Klirren hinter ihm riss ihn aus diesen Gedanken. Hildegard, sagte Dr. Schattenkobler, als er die Tr wieder hinter sich schloss. Ich glaube, dieser Abend war der Wendepunkt in meiner Karriere. Hildegard blickte nur kurz vom Einsammeln der brig gebliebenen Kanapees auf. Lass dich nicht wieder ber den Tisch ziehen, sagte sie und verschwand mit den angetrockneten Ruinen der Ksehppchen in Richtung Kche. Dr. Schattenkobler, so viel war klar, wrde sich nicht ber den Tisch ziehen lassen. Seine Karriere bei der Opel AG war steil verlaufen, und er hatte nicht vor, das zu ndern. Denn Dr. Schattenkobler hatte einen Plan, der die junge Bundesrepublik an die Speerspitze katapultier