XII. Jahresbericht [1912] der Vogelwarte Rossitten der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft

Download XII. Jahresbericht [1912] der Vogelwarte Rossitten der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft

Post on 18-Aug-2016

214 views

Category:

Documents

0 download

TRANSCRIPT

  • XII. Jahresbericht [1912) der Vogelwarte Rossitten der

    Deutschen grnithologischen Gesellschafl.

    I. Teih

    Von

    Prof. Dr. J. Th ienem~n.

    I. Allgemeiner Tell.

    Im verflossenen Jahre ist auf der Vogelwarte insofern eine Neuerung eingefiihrt worded, als w~ihrend der Pfingstferien ein fiinftRgiger Kursus fiber Vogelschutz und praktische Vogelkunde abgehalten wurde. Diese Neuerung ist nicht gewaltsam heran- gezogen worden, sondern der unterzeichnete Berichterstatter wurde durch die t~glichen Erfahrungen auf der Vogelwarte zur Veranstaltuug eines solchen Unternehmens ganz yon selbst hin- gefiihrt. Da hiingen in der Sammlung der Vogelwarte allerhand Vogelschutzgeriitschaften, und draufsen in Hof und Garten befinden sich Futterh~user und Futterdosen und dergl, framer und immer wieder wird man nun yon interessierten Besuchern nach der Handhabung dieser Ger~tschaften gefragt. Die an- gebrachten Etiketten geniigten nicht, man wollte Genaueres wissen, um zu Hause selbst der Ausiibung des praktischen Vogel- schutzes nRher treten zu kSnnen. Oder wie oft wollen sieh die Besucher bei Betrachtung der ausgestopften VSgel Qber deren Leben und Treiben draufsen in der freien Natur eingehender unterrichten. Fragen iiber Fragen werden gestellt, und die kurzen Besuchsstunden reichen nicht aus, um ernst gemeinten Wissensdrang zu befriedigen. So kam der Unterzeichnete auf den Gedanken, Menschen, die sich fQr solche Dinge interessieren, oder yon Berufs wegen interessieren miissen, ab und zu in Kursen zu vereinigen und ihnen in geordneter Form das darzubieten, was sie zu wissen wiinschen, under gab sich dabei der Hoffnung hin, dafs solche Veranstaltungen mit dazu beitragen kSnnten,

    Journ. f. Orn. L~I. Jahrg. 1913. Sonderheft 2. 6

  • 2 J. Thienemann:

    das Interesse ffir unsere Vogelwelt in irnrner weitere Volkskreise zu tragen und damit eine gute Grundlage ffir einen gedeihlichen Vogelschutz zu schaffen. Man kliire das Volk auf fiber die Tiere, die Pflanzen and die Naturvorgiinge draufsen, dana wird die Neigung zurn Schtitzen, oder wenigstens zum Nichtzerstiiren ganz yon selbst folgen; und man zanke andrerseits nicht so viel auf die ,,Schiefser" und ,,hasj~iger" und fiber ,,Verrohung" und ,,Bestialit~t" und derg]. Die Darnen z. B., die die schSaen Reiher- federn auf den Htiten tragen, wissen oft gar nicht, dafs diese Dinger yon lebenden GeschSpfen herstarnrnen, and dafs diese Geschiipfe auch zuweilen Junge haben. Wie kann man dann eine solche Dame ,,grausarn" nennen und den Miinnern verbieten mit solcher ,,Bestie" die Ehe einzugehea, wie es versucht worden ist. Aufkl~irung, Unterweisung, narnentlich der Jugend, tut not. Man kann die Unkenntnis des Volkes in naturwissenschaftliehen Fragen gar nicht grofs und krafs genug anschlagen. Ich babe das als Lehrer kennen gelernt und sarnrnele auch jetzt noch auf der Vogelwarte und bei rneinen Vortragsreisen genug Erfahrungen dariiber. ,,Die Kriihe bringt acht lebendige Junge zur Welt, welche 15 crn lang sind." Diese Antwort eiaes hckerbauschiilers, eines jungen Menschen also, der bereits eine Land- oder Stadt- schule durchgernacht hatte, klingt mir irnmer in den Ohren, wenn ich mal fiber solche Dinge nachdenke. Acht Jahre lang hatte der Lebrer an diesern hoffnungsvollen Schiller herurn- gearbeitet - - und als Schlufseffekt kriegen die Krahen 15 cm lange Junge. Wie es abet diesem arrnen Jungen ergangen war, so ergeht es vielen. Sie verlassen die Sehule, haben dort eine ganze Anzahl zu den Zahn- und Pfriernenschniiblern gehSrige VSgel in ausgestopftern Zustande kennen gelernt, aber wie es draufsen in der Natur aussieht, das wissen sie nicht. Sie haben nicht gelernt ihre Augen und Ohren zu gebrauchen.

    Solche Erwiigungen waren rnafsgebend, als ich daraa ging Lehrkurse in praktischer Vogelkunde einzurichten, dean ich hatte andrerseits oft genug irn Leben erfahren, wie dankbar und empfiinglich jeder Mensch ist, wenn man ihm die Augen und Ohren fiir die Vorgiinge in der Natur zu 5ffnen sucht, wenn man ibm sagt, wie der Vogel heifst, der da singt, wo er sein Nest hat und dergl. - -

    So wurden denn 5ffentliche Aufrufe zum Kursus erlassen. Der Unterzeichnete schickte entsprecbende Mitteilungen an die Schul- und Forstabteilung der KSnigtichen Regierung in KSnigs- berg zur gef~tlligen Bekanntrnachung in den betreffenden Bearnten- kreisen, und bald liefen die ersten Meldungen ein, die sich in erfreulicher Weise rasch mehrten, so dafs bald fast alle Gast- zirnrnerchen in Rossitten belegt waren. Ein ganz besonderes Verdienst urn das Zustandekomrnen des Kursus gebiihrt Herrn Geheimrat Prof. Dr. M. Braun , der nicht nur als Vorsitzender verschiedener Vereinigungen und Geseltschaften fiir den Kursus

  • XII. Jahresbericht der Vogelwarte Rossitten.

    Propaganda machte, sondern auch seine Studenten und Kandidaten zur Teilnahme anregte in der richtigen Annahme, dafs es fiir die Lehramtskandidatea fiir ihr sp~teres Amt yon Vorteil sei, wean sie nicht nur im Laboratorium griindlich ausgebildet sind, sondern auch in der freien Natur draufsen Bescheid wissen, um anregend auf die Jugend wirken zu k5nnen. Herrn Geheimrat Braun soil an dieser Stelle der gebiihrende Dank der Vogelwarte 5ffentlich abgestattet werden.

    Im ganzen meldeten sich 57 Personea, die auch fast a|le wirklich teilgenommen haben. Darunter waren 22 Studenten, Kandidaten und Studentinnen and 19 Lehrer und Lehrerinnen. Vonden iibrigen Berufsst~inden seien genannt: Kreisschulinspektoren, Pfarrer, Landwirte, Kunstakademiker, FSrster u. a. Zu besonderer Freude gereichte es mir, dars aueb tier $chriftfiihrer des ,Inter- nationalen Frauenbundes fiir Vogelschutz", Herr S t e i n m e t z aus Charlottenburg, an dem Kursus teilnahm. Auch Herr Sch wa b e, der Leiter tier Versuchs- und Musterstation fiir Vogelschutz des Freiherrn v. B e r 1 e p s ch in Seebach hatte sich angemeldet, wurde aber dann leider durch Krankheit am Kommen verhindert.

    Der Kursus gliederte sich yon selbst in zwei Teile, einen mehr theoretischen und einen praktischea. An ausgestelltea Vogelsehutzger~tschaften wurde nach einleitenden Vortr~tgen die Handhabung des praktischen Vogelschutzes demonstriert, an ausgestopften Pr~iparaten and Abbildungen, ferner aus ausgelegten Btichern konnten sich die Teilnehmer mit gewissen Vogelgruppen bekannt machen, und dann gings hinaus in Feld und Wald, an's MSwenbruch und auf die Vogelwiese, um die VSgel drauhen in ihrem eigentlichen Elemente aufzusuchen und sie kennen zu lernen an der Gefiederf~rbung, am Flugbilde, an der Stimme, an charakteristischen Bewegungen und um die zahlreichen aus- geh~tngten Nistk~isten, das angelegte VogelschutzgehSlz und der- gleichen zu besichtigen. Die KSnigliche Regierung hatte dazu in zuvorkommender Weise die notwendigea Freiheiten fiir das Rossittener Revier gew~ihrt, wofiir hiermit tier ergebenste Dank abgestattet werden soll.

    Ich mufs gestehen, dars ich an der Abhaltung des Kursus selbst viel Freude gehabt habe, und daft vielleicht annehmen, dafs auch flit die Teilnehmer uad Teilnehmerinnen manches K5rnchen Anregung abgefallen ist. Ein nach dem Kursus 5ffentlich in den Zeitungen abgestatteter Dank an die Vogelwarte deutete wenigstens darauf hin, und es mag auch eine greifbare Frucht genannt werden, die dies~ erste Kursus bereits gezeitigt hat. Einer der Teilnehmer hat auf Grund der im Kursus empfangenen Anregungen und unter zugrundelegung der v. Berlepsch'sehen Vogelschutzschriften ein Vogelsehutz-Merkblatt verfafst, das an die in Frage kommenden Eisenbahnbediensteten ausgeh~ndigt werden soll. Die KSnigliche Eisenbahndirektioa in KSnigsberg schickte mir das Blatt zur Begutachtung zu.

    6*

  • 4 J. Thienemann:

    Es liegt mir nun noch auf dem Herzen, nach verschiedenen Seiten hin zum Schlus meinen verbindlichsten Dank abzustatten f~ir gew~hrte Unterstatzung bei Abbaltung des Kursus. Gros Dank geb~hrt vor allem Herrn Stadtrat E. B ie s k e in K~nigs- berg far Uberlassung der Diele seines hiesigen Hauses zu den Zusammenkiinften. Ich wafste nicht, wie ich die Teilnehmer h~tte unterbringen sollen, wenn ich diesen sch~nen gros Raum nicht gehabt hKtte. Die R~umlichkeiten im VogelwartengebKude sind ja viel zu klein zu solchen Veranstaltungen.

    Ferner haben Vogelschutzger~tschaften zum Demonstrieren in bereitwilligster Weise zur u gestellt: Die S e e b a c h e r S ta t ion des F re iher rn v. Ber lepsch , die Firmen H e r m. S c h e i d in Baren, G. S c h e r w i t z in KSnigsberg i. Pr., Wa l te r Menze l in Holzkirch, G. So l twede l in Deutsch Evern, Verlag ,, P a r u s" in Hamburg und Verlag ,,Vo g e 1 - s c h u t z" in Bevensen. Allen den Herren meinen ergebensten Dankl

    Die Kurse sollen in den nRchsten Jahren wiederholt werden, und es schwebt mir schon der Gedanke vor, solehe Kurse auch wRhrend der Hauptvogelzugzeiten abzuhalten.

    Eine zweite Neuerung des verflossenen Jahres betrifft den Beringungsversuch. Der Herr Minister fiir Landwirtschaft, DomRnen und Forsten hat in Anerkennung der Wichtigkeit des Versuches auch far die jagdliehe Zoologie und far AufklKrung in Vogelschutzfragen die KSniglichea OberfSrstereien Preufsens angewiesen, dureh Vermittelung des Herrn Rittmeisters v o n L u c a n u s Fufsringe yon der Vogelwarte zu beziehen und sich an den Vogelmarkierungen zu beteiligen. Herr von L u canus hat damit im Interesse der guten Sache eine grofse Arbeitslast auf sich geladen und mag den verbindlichsten Dank der Anstalt entgegennehmen. Dem hohen Ministerium aber sei fQr diese warme FSrderung wissenschaftlicher Forschung der ehrerbietigste Dank abgestattet. Hoffen wir, dais die geplanten Massenmarkierungen recht gute Erfolge bringen.

    Nun sei einiges fiber den Besuch der Vogelwarte angeffihrt, der auch im verflossenen Jahre sehr rege war. 54 Seiten des ausliegenden Fremdenbuches sind mit Namen aus dem Jahre 1912 gefiillt.

    Am 17. September beehrte der Herr Landwirtschaftsminister Freiherr v o n S e h o r I e m e r, Exzellenz, aus Berlin die Station mit seinem Besuche und hatte dabei die Gate, wohlwollende F~ir- sorge far die Vogelwarte von Seiten des Landwirtschaftsministeriums auch far die Zukunft in Aussicht zu stellen. In Begleitung seiner Exzellenz befanden sich der Herr Oberpr~sident der Provinz Ostpreufsen, Exzeilenz von Win dh e im, ferner der Herr RegierungsprKsident, Graf K e y s e r 1 i n g k, Herr Oberforst- meister yon Sydow, Herr Forstrat Wesener und Herr OberfSrster S c h e 11 i g yon Rossitten.

  • XII. Jahresbericht der Vogelwarte Rossitten.

    Am 14. August war Herr Oberpr~isidialrat Graf L a m b s - d o r f f mit Begleitung in Bauangelegenheiten in Rossitten an- wesend.

    Am 14. September besuchte Seine Kiinigliche Hoheit Wi lhe lm F f i r s t yon Hohenzo l le rn in Begleitung des Herrn Landeshauptmanns der Provinz Ostpreufsen, Geheimrats yon Berg , und des Herrn Hofmarschalls Freiherrn v on Wangenhe im die Station. Ferner sind als Besucher zu nennen: ffir den 15. Mai die Staatswissenschaftliche Vereinigung KSnigsberg unter Ftihrung des Herrn Regierungs- und Forstrats W e s e n e r ; fiir den 27. September die Regierangs-Referendare yon Kiinigsberg unter "Ffihrung des Herrn Regierungsassessors S c h m i d t ; ffir den 4. und 5. Oktober 23 Gymnasialdirektoren und Oberlehrer aus Berlin unter Ffihrung des Herrn Prof. Dr. P o t o n i ~. Die Herren waren auf einer Reise begriffen, die yon der Stadt Berlin veranstaltet war; ffir den 14. Oktober ein russischer Professor, Herr T u r s k i e aus Moskau, der yon Herrn Forstmeister Wi e b e c k e in Eberswalde telegraphisch ange- meldet war. Ferner hielten sich speziell zum Studium des Vogel- zuges ffir ktirzere oder l~ingere Zeit folgende Herren hier auf: R. Haarhaus und R. Hoh veto ornithologischen Verein zu Leipzi~g, Dr. B u t s c h k u s aus Gardelegen, Mittelschullehrer Wa l ther aus Offenbach a. M., Greve , stud. rer. nat. Buddens ieg u. a. Herr cand. rer. nat. R ichard Krause vom Zoologischen Museum in KSnigsberg arbeitete bier fiber Holostomiden, wozu sich in Ulmenhorst beim Vorhandensein frisch erlegter Viigel besonders gtinstige Gelegenheit bietet, und Fr~iulein cand. rer. nat. A s t r i d M o n s e n veto geologischen Institut in Kiinigsberg arbeitete fiber Sandpackungen.

    Zu ganz besonderer Freude gereichte es mir, dafs veto Kuratorium der Vogelwarte Herr Rittmeister v o n L u c a n u s in diesem Herbste veto 6.--18. Oktober zum Studium des Vogel- zuges wieder bier weilte und durch den regen Vogelzug, der gerade herrschte, wohl in etwas ffir die im Oktober 1910 durch- lebte tote Zeit entsch~idigt wurde.

    ~ber Reisen, die der Unterzeichnete im verfiossenen Jahre unternehmen mufste, ist folgendes zu berichten: Anfang Januar 1912 land wie allj~ihrlich die Reise nach Berlin zur Sitzung des Kuratoriums der Vogelwarte statt.

    Am 16. Januar Beginn der Vo~tragsreisen nach den land- wirtschaftlichen Vereinen im Auftrage des Landwirtschaftlichen Zentralvereins in Kiinigsberg. In 10 Vereinen wurden Vortr~ge gehalten.

    Im M~irz und Juli fanden wieder Nisturnenuntersuchungen in der KSniglichen OberfSrsterei S c h n e c k e n start. Ebenso wurden die im Schwarzorter Revier hiingenden yon Berlepsch'schen NisthShlen revidiert, husffihrliche Zusammenstellungen dartiber folgen sp~iter, wenn genfigend Material gesammelt ist. Es sei

  • 6 J. Thienemann:

    dazu bemerkt, dafs jetzt yon Seiten der Vogelwarte im Rossittener Revier tSnerne Nisturnen aufgehiingt worden sind, die die Fabrik zu Versuchszwecken aufVorschlag des Unterzeichnetea mit einigen Abiinderungen versehen hat. Die KSnigliche Regierung bat in dankenswerter Weise die Genehmigung zum Anbringen der Urnen erteilt.

    Am 20. Juni Reise zum Vortrag in der faunistischen Sektion der Physikalisch 0konomischen Gesellscbaft in KSnigsberg.

    Am 9. August Reise nach Petrellen, woher ein briitender Ringstorch gemeldet war. l~/iiheres darttber folgt in dem Berichte fiber den Ringversuch 1912.

    Schon lange war es mein Wunsch gewesen die KSnigliche Ungarische Ornithologische Centrale in Budapest aus eigenem Augenschein kennen zu lernen. Nachdem durch den Herrn Kurator der Albertus-Universitiit in KSnigsberg, Exzellenz v o n Wi n d h e i m, der in wohlwollender Weise stets auf die FSr- derung der Bestrebungen der Vogelwarte bedacht ist, die nStigen Mittel zur Verf~igung gestellt waren, reiste der Uaterzeichnete wiihrend seiner Urlaubszeit am 6. September nach Budapest ab und wurde dort yon Herrn Direktor H e r m a n uod den Ange- stellten tier Anstalt in liebenswiirdigster Weise empfangen. Ein mehrtiigiger Aufenthalt in der Centrale ermSglichte es die muster- giltigen Anlagen und Einrichtungen kennen zu lernen, und als am Abend vor der Abreise bei einem aus Anlafs der Anwesenheit des Unterzeichneten veranstalteten Festmahle herzliche Worte bin und her gewechselt wurden, da ftihlte man sich eins in gleichem Streben, in der Verfolgung gleicher Ziele. Allen den Herren yon tier Centrale, vor allem Herrn Direktor t te r m a n nochmals herzlichsten Dankl

    An die Bibliothek haben folgende Autoren, der Zeitfolge nach aufgefiihr...

Recommended

View more >