wer bin ich? oder noch einmal zu ex 3,14!

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  • LA 49 (1999) 9-36

    WER BIN ICH? ODER NOCH EINMAL ZU EX 3,14!

    D. Volgger

    1. Einleitung

    Der Bibelvers Ex 3,14 wird seit alters her als Offenbarung der Bedeutungdes Gottesnamens YHWH interpretiert. Zugleich blieb nicht verborgen, dagerade der Inhalt dieses Verses, versteht man ihn als Offenbarung oder garEtymologie des Gottesnamens (GN), mehr verhllt als deutlich macht. Esbleibt zumindest der Eindruck, Gott offenbare seinen Namen sehr zurck-haltend und blo andeutungsweise. Diese Beobachtung steht im Gegensatzzur gesamten Erzhlung der Offenbarung YHWHs an Mose, wie sie in Ex3,1-4,17 zum Ausdruck kommt. Augenfllige Wunder, der brennende Dorn-busch, der nicht verzehrt wird, bis zur Hand Moses, die von einem Mo-ment zum anderen ausstzig und gleich darauf vom Aussatz wiederumbefreit wird, sprechen eine deutliche Sprache. Zudem ist der GN YHWHfr das Volk Israel, zu dem auch Mose gerechnet wird, kein Geheimnismehr. Benennt der erste Mensch Adam lediglich alle von Gott geschaffe-nen Tiere (Gen 2,19f) und seine ihm entsprechende Hilfe, Eva (Gen 3,20),so ist nach Gen 4,26-5,10 schon zu Lebzeiten Adams der Name YHWHangerufen worden (vgl. Gen 4,26: damals (ev. dieser [Enosch]) begann(man) anzurufen qr (ev. zu opfern im1) den Namen YHWHs (bmYHWH). Der GN YHWH, seit altersher bekannt, bedarf damit keinerneuerlichen Einfhrung in Ex 3,14(f). Die Verschleierung bzw. die Verwei-gerung der ausdrcklichen Nennung des GN in Ex 3,14 kann auch nichtmit dem Hinweis erklrt werden, die unaussprechliche Gre Gottes oderseine Unverfgbarkeit sei mit der Nennung seines Namens nicht vereinbar.Zunchst lt das gesamte AT daran keinen Zweifel, da die Nennung desGN YHWH, wieoft auch immer ausgesprochen, nichts mit dessen Verfg-barkeit zugunsten menschlicher Ansinnen zu tun hat. Sodann spricht auchdie Nennung des GN YHWH in Ex 3,15, gleich anschlieend an Ex 3,14,gegen eine derartige Deutung.

    Noch viele andere Versuche, Ex 3,14 im Zusammenhang der Erklrungbzw. Etymologie des GN YHWHs zu interpretieren, knnten angefhrt

    1. Das Verb qr mte dann im Sinne von (kultisch ) begegnen verstanden werden, vgl.dazu Ringgren, H., qr II, ThWAT 7, 1993, 172-175.

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    werden.2 Dabei bleibt aber die prinzipielle Frage im Hintergrund, ob Ex3,14 berhaupt eine Interpretation des GN leistet. Ich persnlich mchtedarlegen, da Ex 3,14 eigentlich nichts mit dem GN YHWH zu tun hat,sondern vielmehr als kontextgeme Deutung der Beziehung YHWHs zuseinem Boten Mose im Hinblick auf dessen Sendung zu verstehen ist. Umden Kontext von Ex 3,14 hinreichend wahrzunehmen, werde ich mit derAnalyse zu Ex 3,1-4,18 beginnen. Die Textgestalt dieses Abschnittes wirdals Berufungserzhlung verstanden (2). Der komplexen Redesituation in Ex3,1-4,17 soll dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden (3). Ineinem nchsten Schritt werden die GN in Ex 3,1-4,18 untersucht (4). Esfolgt die Darlegung zum Verhltnis zwischen dem GN YHWH und ande-ren gttlichen Bezeichnungen (5). Unter besonderer Bercksichtigung desVerbs hyh soll anschlieend der Wortsinn von Ex 3,14 vorgestellt werden(6). Diese Interpretation soll noch durch drei weitere Argumente unterstri-chen werden (7), bevor zum Abschlu die weltweite Bedeutung der Beruf-ung Moses herausgestellt wird (8).

    2. Der Kontext von Ex 3,14 - die Berufungserzhlung Ex 3,1-4,17

    Der Vers Ex 3,14 steht als YHWH-Rede im Rededialog zwischen YHWHund Mose. Diesen Dialog erffnet YHWH in Ex 3,4 mit der zweifachenNennung des Namens Mose, Mose. YHWH ist es auch, der mit Ex 4,14-17 das letzte Wort im Zwiegesprch hat. Die direkten Reden folgen je-weils direkt aufeinander, so da die erzhlte Zeit der Erzhlzeit entspricht.Diese Detaillierung des Erzhlens an dieser Stelle des Buches Exodus ver-rt die besondere Bedeutung dieses Abschnittes im Gesamt der Erzhlan-lage. Initiiert wird der Dialog durch ein nicht-verbales Ereignis, Mose wirdnmlich eines brennenden Dornbusches gewahr (3,2f).

    Die Einfhrung des Abschnittes Ex 3,4ff gibt folgende Erzhlstrategiezu erkennen. Zunchst wird Mose als Kleinviehhirt seines SchwiegervatersJitro, des Priesters von Midian, gekennzeichnet (3,1). Es verwundert dabeinicht so sehr die Nennung der alltglichen Arbeit Moses, sondern die ge-naue Bestimmung der Abhngigkeit Moses: Die Ziegen und Schafe, dieMose weidet, gehren nicht ihm, sondern seinem Schwiegervater. Dieserist nicht Israelit, genauer Levit (2,1f), und Anhnger des Gottes Israels,

    2. Vgl. dazu den berblick im Kommentar: Schmidt, W.H., Exodus. 1. Teilband Exodus 1-6, Neukirchen-Vluyn 1988, 175-177; siehe auch Ibez Arana, A., ehyeh aer ehyeh (Ex3,14a), Scriptorium Victoriense 45 (1998) 5-49.

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    3. Siehe dazu C. Frevel, Gottesberg, NBL 1 (1991) 920.

    sondern ein Priester von Midian. Alles deutet darauf hin, da Mose unterdiesen Umstnden im Dienst des midianitischen Priesters Jitro steht, des-sen Tochter er geheiratet hat (2,21). Auf diesem Hintergrund setzt die Er-zhlung eines einmaligen Ereignisses ein: und (einmal) trieb er dasKleinvieh ber die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. DieEinmaligkeit besteht zunchst darin, da Mose eines Tages ber eine ge-wohnte Weidegrenze hinausgert. Der Ort Gottesberg Horeb3, an dem dergesamte Rededialog 3,4-4,17 verortet wird, liegt demnach auerhalb desWeidegebietes des midianitischen Priesters Jitro. Zugleich wird der Lesererkennen, da die Bezeichnung Gottesberg ein Informationsplus des Er-zhlers darstellt, das nicht dem Wissensstand Moses entspricht. Auch dieKennzeichnung des brennenden Dornbusches als Erscheinung des BotenYHWHs in einer Flamme, die aus dem Dornbusch emporschlug (3,2), istMose zu jenem Zeitpunkt noch nicht zugnglich. So verwundert es nicht,da Mose dieses Phnomen in seinen berlegungen (3,3) zunchst ledig-lich als groen Anblick kennzeichnet. Der Autor gibt sich als auktorialerGestalter der Erzhlung zu erkennen. Das bedeutet fr Ex 3,1ff, da derLeser zu diesem Zeitpunkt der Erzhlwelt besser informiert ist als derHauptprotagonist Mose.

    Der Wissensvorsprung bezglich der Gotteserscheinung wird in 3,6wieder eingeholt. Dort stellt sich die Stimme aus dem Dornbusch vor.Wenn Mose daraufhin sein Gesicht verhllt, gibt er zu erkennen, da er umdie gttliche Dimension dieser Erscheinung wei. Auch die Kennzeichnungdes Ortes, an dem diese Erscheinung vonstatten geht, als Gottesberg(Horeb) in 3,1, wird dem Mose in 3,5 von der Stimme aus dem Dornbuschdeutlich gemacht: Dies ist heiliger Erdboden (vgl. noch 3,12).

    Der Dialog zwischen der gttlichen Stimme aus dem Dornbusch undMose kann unter diesen Voraussetzungen beginnen. Aus der Vorstellung dergttlichen Stimme als Gott des Vaters Moses usw. ist auch klar geworden,da es sich nicht um den Gott des Schwiegervaters Moses handelt. DieAbhngigkeit Moses, wie sie in 3,1 noch zum Ausdruck gekommen ist,besteht fr den Dialog nicht mehr und wird auch in 4,18 von Jitro mit derEntlassung Moses zu seinen Brdern unterstrichen.

    Mose wird in den Plan des Gottes Israels eingefhrt. Auch diesbezg-lich wei der Leser schon bedeutend mehr als Mose selbst. In Ex 2,23-25informiert der Autor in einem komprimierten Bericht von der elenden Si-tuation der Israeliten in gypten, ihrem Hilferuf zu Gott und dessen ge-

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    4. Zur Verbindung des Textes Ex 2,25-3,1 in beide Richtungen des Textverlaufs vgl. Fi-scher, G., Jahwe unser Gott. Sprache, Aufbau und Erzhltechnik in der Berufung des Mose(Ex 3-4), OBO 91, Freiburg/Schweiz 1989, 25-29 .

    5. Zur Interpretation dieses Abschnittes vgl. Fischer, Jahwe unser Gott, 29-36.

    6. Vgl. Fischer, Jahwe unser Gott, 50.

    plantem Einlenken zugunsten der Israeliten. Vor allem der Plan, Israel zuhelfen, der in 2,25 noch vage ausgedrckt wird (auf die Shne Israelsschauen und sich ihnen zu erkennen geben), gibt dem Leser die Deutungzur Hand, die er nicht blo der wunderbaren Errettung des Kindes aus demWasser (Ex 2,1-10), vielleicht sogar der freundlichen Aufnahme Moses beider Familie des Midianiters Jitro zuschreiben soll, sondern auch dem fol-genden Geschehen, das in Ex 3,1ff erzhlt wird.4 In 3,7-9 wird dieser Hin-tergrund dem Mose explizit mitgeteilt.

    Auch das Wissen, da der gyptische Knig, der Mose tten wollte(2,15), zum Zeitpunkt der Erscheinung des brennenden Dornbusches be-reits tot ist (2,23), wird Mose erst in 4,19 zuteil. Auf diese BotschaftYHWHs hin, da alle Gegner, die Mose einst nach dem Leben getrachtethatten, tot sind, bricht Mose endgltig nach gypten zu seinen Brdern auf.Dieser Aufbruch nach gypten und dessen Durchfhrung werden in denvv 4,18-26 geschildert.5

    Die ersten Beobachtungen zum Kontext von Ex 3,14 haben gezeigt, dader Textabschnitt Ex 3,1-4,18 einerseits aus seinem Kontext durch die aus-gesprochen lange Dialogpartie zwischen Gott und Mose herausragt, ande-rerseits wiederum gut in den Kontext eingefgt ist. Der Autor orientiert denLeser in dem Abschnitt Ex 2,24-4,26 auf die Gestalt des Mose hin, indemdieser angehalten wird, die Wissensstruktur, die der auktorialen Erzhl-weise entspricht, in Mose Schritt fr Schritt wiederzuerkennen. Dadurchkann ein Identifizierungsproze mit der Gestalt Moses erfolgen, der zurZustimmung der Offenbarung Gottes gegenber motivieren soll. Gott hatdas erste und letzte Wort, er allein verleiht Wissen und zeichnet sich durchHandeln aus, das diesem Wissen entspricht.

    Vergleicht man den Abschnitt Ex 3,1-4,18 mit anderen Texten wie Ri 6,1 Sam 9f, Jes 6, Jer 1 oder Ez 1-3, so kann die Texttypik durch folgende Text-elemente gekennzeichnet werden: (1) Einleitung bzw. Antreffen bei der Be-rufsausbung (Ex 3,1-9 bzw. 3,1); (2) Auftrag (3,10.16; 4,12a); (3) Einwand(3,11.13; 4,1.10.13); (4) Zusicherung (3,12a.14f; 4,5.8f.(11) 12b.15); (5)Zeichen (3,12*;4,3f.6f.9b.(17)); ev. (6) Schlu (4,18).6 Folgt man dieser Ein-teilung, so fllt sofort die Wiederholung einzelner Elemente auf (Element (2)dreimal; Element (3) fnfmal; Element (4) sechsmal; E

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