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  • 42

    Graue Reihe des Instituts für Stadt- und Regionalplanung Technische Universität Berlin

    Svende Albrecht, Anna Maria Parnitzke, Josefine Reichert (Hrsg.)

    Verwundbare Stadt Ein Beitrag zum Konzept Vulnerabilität am Beispiel der ‚Schweinegrippe‘

  • GRAUE REIHE DES INSTITUTS FÜR STADT- UND REGIONALPLANUNG

    Technische Universität Berlin

    FORUM STADT- UND REGIONALPLANUNG E.V. Herausgeber der Schriftenreihe

    Heft 42 Berlin 2012

  • Die Beiträge der Grauen Reihe dienen der zeitnahen Publikation von Arbeiten im Internet, die aktuelle wissenschaftlich oder planungsbezogen relevante Themen angehen und sich mit unterschiedlichen Positionen in Politikbereichen der Stadt- und Regionalplanung, Stadtgeschichte und Stadtentwicklung, des Wohnungs wesens und des Planungs- und Baurechts auseinandersetzen. In dieser Reihe finden Sie u. a. Diplomarbeiten, Tagungs- und Veranstaltungsdokumentationen oder Forschungs berichte.

    HERAUSGEBER DER GRAUEN REIHE Forum Stadt- und Regionalplanung e.V. c/o Institut für Stadt- und Regionalplanung Sekretariat B7 Hardenbergstr. 40a, 10623 Berlin w www.isr.tu-berlin.de

    HERAUSGEBER DES BANDES Svende Albrecht, Anna Maria Parnitzke, Josefine Reichert unter Mitarbeit von: Benjamin Könecke, Philipp Kühl, Björn Nieter, Jenny Büttner

    VERLAG UND VERTRIEB Universitätsverlag der Technischen Universität Berlin Universitätsbibliothek im VOLKSWAGEN-Haus Fasanenstraße 88, 10623 Berlin w publikationen@ub.tu-berlin.de

    LAYOUT Svende Albrecht

    TITELBILD Vietnam, Saigon, 26.03.2011, Fotografie von Svende Albrecht PRODUKTION UND UMSCHLAGGESTALTUNG Thomas Rutschke Publikationsstelle Institut für Stadt- und Regionalplanung w publikationen@isr.tu-berlin.de

    Berlin 2012 ISBN 978-3-7983-2419-0 ISSN 1864-8037

  • Svende Albrecht, Anna Maria Parnitzke, Josefine Reichert (Hrsg.)

    Verwundbare Stadt

    Ein Beitrag zum Konzept Vulnerabilität am Beispiel der

    ‚Schweinegrippe‘

  • 7

    InhaltsverzeIchnIs

    zum Begriff der vulnerabilität – anstoß einer Debatte 9

    1 einführung 15

    2 Begriffseinordnungen innerhalb des vulnerabiltätsdiskurses 27

    2.1 vulnerabilität 29

    2.2 resilienz und robustheit 35

    2.3 risiko 39

    3 analysebeispiel ‚schweinegrippe‘ 43

    3.1 Die ausbreitung von Influenza a (h1n1) 2009 45

    3.2 Politische, wirtschaftliche und räumliche auswirkungen 49

    3.3 Wahrnehmung der ‚schweinegrippe‘ 61

    4 Fazit 75

    literatur 83

  • 8

    Abbildungs- und TAbellenverzeichnis

    Abb. 1 Themenfindung im Projekt 19

    Abb. 2 Mindmap zum begriff ‚schweinegrippe‘ 21

    Abb. 3 vulnerabilitätskonzept 34

    Abb. 4 robustheit von entitäten 38

    Abb. 5 basiskomponenten des risikos 41

    Abb. 6 verlauf der influenza 46

    Abb. 7 Anzahl der sterbefälle in Folge von grippeerkrankungen in deutschland 47

    Abb. 8 sonderisolierstationen in deutschland 56

    Abb. 9 Kontext des erstkontakts mit dem Thema ‚schweinegrippe‘ 64

    Abb. 10 Anzahl der berichterstattungen zum Thema ‚schweinegrippe‘ in den Online-Portalen verschiedener zeitungen 65

    Abb. 11 häufigkeit des google suchbegriffs ‚schweinegrippe‘ in deutschland vom 01.01.2009 bis 31.01.2011 66

    Abb. 12 einschätzung der gefahr, an ‚schweinegrippe‘ zu erkranken 68

    Abb. 13 einschätzung der gefahr, an grippe zu erkranken 69

    Abb. 14 Persönliche betroffenheit einer erkrankung an ‚schweinegrippe‘ 69

    Abb. 15 bewertung der ‚schweinegrippe‘ als gefahr 70

    Abb. 16 Wahrnehmung von veränderungen im verhalten der Mitmenschen 71

    Abb. 17 Wahrnehmung von veränderungen in der stadt 72

    Abb. 18 getroffene schutzmaßnahmen gegen die ‚schweinegrippe‘ 73

    Abb. 19 impfung gegen die ‚schweinegrippe‘ 74

    Abb. 20 reziprokes verhältnis der betrachteten Komponenten der Analyse 78

    Abb. 21 dreiecksbeziehung der Themenschwerpunkte der Master-Projekte „sicherheit in der stadt“, „unsichtbare stadt“ und „verwundbare stadt“ 80

    Abb. 22 Ausblick stadtplanung 82

    Tab. 1 Wirtschaftliche Auswirkungen der ‚schweinegrippe‘ 50

    Tab. 2 Wirtschaftliche Auswirkungen nach branche im leichten und schweren Pandemieszenario 51

  • Zum Begriff der VulneraBilität – anstoss einer deBatte

  • 11

    Das selbstbestimmte studienprojekt „verwundbare stadt“ des Masterstudiengangs stadt- und regionalplanung an der tU Berlin hat sich einen schillernden Begriff zum thema gewählt: verwundbare stadt nimmt Bezug auf das Konzept der vulnerabilität, das aktuell vor allem in der Geographie und in der entwicklungsforschung ausführlich diskutiert wird. auch in der stadtforschung ist vulnerabilität inzwischen auf dem Wege, innerhalb der Diskurslandschaft eine exponierte Position einzunehmen. Im Kern geht es bei dieser Debatte um das verhältnis zwischen natur und Mensch, zwischen natur(gewalten) und politischer steuerungsfähigkeit. Die Katastrophenereignisse in Japan – erdbeben, tsunami und Kernschmelze – haben just in der Phase, in der der endbericht des studienprojekts erstellt wird, zu einer erheblichen relevanzsteigerung des themas beigetragen. nur wenige hundert Kilometer entfernt von der größten urbanen ansiedlung der erde wird im März 2011 rund um die Uhr (und in gestochen scharfen Bildern) live in die deutschen Wohnstuben übertragen und von einer unfassbaren Katastrophenansammlung berichtet. anhand dieser Bilder scheint es außerhalb jeden zwei- fels zu geraten, dass eine vulnerabilität der Gesellschaft existent ist, und zwar insbesondere eine vulnerabilität der konzentrierten Form der städtischen Gesellschaft.

    Das Brennpunktprogramm des deutschen Fernsehens wirft jedoch auch noch ganz andere Fragen auf: Was bewirkt die Katastrophenberichterstattung in hD-Qualität für die hiesige politische Diskussion? Wieviel Wahrheit (und welcher handlungsbedarf) steckt in Umfrage- ergebnissen, nach denen sich im März 2011 die deutsche Bevölkerung in großen teilen vor allem um die Möglichkeiten sorgt, ausreichende Mengen an Jod für die eigene absicherung gegen radioaktivität erhalten zu können? Wie steht es um das komplexe verhältnis von tatsächlich stattfindenden Katastrophen, Katastrophenberichterstattung und politischen entscheidungen, die durch diese Berichterstattung beeinflusst oder gar ausgelöst werden? Und schließlich: Was hat das mit stadtplanung zu tun (oder: hat das etwas mit stadtplanung zu tun?)?

    Um zu einer annäherung an diese Fragen zu gelangen, soll hier zunächst der Begriff vulnerabilität selbst betrachtet werden. vulnerabilität ist ein ausdruck, der im deutschen sprachraum bereits im 19. Jahrhundert weit verbreitet gewesen ist. Und zwar vor allem im Bereich der Medizin. In einem „lehrbuch der allgemeinen chirurgie und Operationslehre“ wird ausgeführt, der „eigenthümliche zustand der haargefässe und der sensiblen nervenen- den“ sei durch die „neuere schule mit dem sehr passenden namen der vulnerabilität“ belegt worden (Benedict 1842: 25). In einem Fachbuch über lungenschwindsucht wird folgender sachverhalt formuliert: „erwachsene Menschen, welche in ihrer Kindheit scrofulös gewesen sind, haben, wenn die vulnerabilität, auf welcher die scurofulose beruht, bei ihnen nicht erlo- schen ist, eine ausgesprochene anlage zu Pneumonien mit dem ausgange in käsige Infiltration

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    und in lungenschwindsucht“ (Waldenburg 1869: 121). Und es ließen sich noch zahlreiche weitere Beispiele anführen, die zeigen, in welchem Kontext der Begriff vulnerabilität anfangs verwoben gewesen ist. vulnerabilität wurde als ausdruck verwendet für eine spezifische anfälligkeit von inneren Organen (es ging um nieren, Blasen, Kapillare, zellen, haut) und für die anfälligkeit von bestimmten Personengruppen (Menschen mit gesundheitlichen vorbe- lastungen, aber auch Kinder aus bestimmten sozialen schichten). vulnerabilität war etwas, was bedingt war (von natur aus oder von vergangenen ereignissen) und eine spezielle eigen- schaft (eine eigenschaftskategorie) von den vulnerabilitätsträgern bezeichnete. Gleichzeitig gab es eine erweiterung dieses Konzepts (und es wäre eine spannende Forschungsfrage, ob beide Konzepte wirklich parallel aufgetreten sind, oder das eine dem anderen vorwegging): vulnerabilität ist ein Begriff, der viel mit dem erfahrungshorizont von Kriegen zu tun hat. verwundungen sind ergebnisse von kriegerischen auseinandersetzungen, verwundbarkeit ist eng verbunden mit dem Kontext Krieg. ein Beispiel aus der Fachliteratur des 19. Jahrhunderts mag das verdeutlichen: In seiner Kriegschirugie aus dem Jahre 1864 schreibt nikolai Pirogov über eine nationale vulnerabilität und versucht – mit einer trennung in eine physische und eine psychische seite – das vulnerabilitätskonzept als allgemeine volkseigenschaft nachzu- weisen. Pirogov formuliert: „ich berühre hier nur die psychische seite der vulnerabilität und muss sagen, dass sie auf das physische leiden den grössten einfluss ausübt. [...] Besonders gerne operiere ich dann, wenn der Kranke aus innerer Ueberzeugung […] die Operation selbst inständig fordert. Gerade dieser Mangel an Ueberzeugung, glaube ich, war viel mehr daran schuld, als die physische vulnerabilität, dass unsere soldaten die Operationen nicht so gut vertrugen, als z. B. die französischen“ (Pirogov 1864: 63). hier zeigt es sich, dass neben dem körperlichen Organ und dem krankheitlich vorbelasteten Kind nun einer ganzen nation eine

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