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    Exzerpt aus:

    Theorie U: Von der Zukunft her fhren

    Presencing als soziale Technik der Freiheit1

    Einfhrung

    C. Otto Scharmer Massachusetts Institute of Technology

    www.ottoscharmer.com

    August 2005

    2. Entwurf

    VERTRAULICH. VOR VERVIELFLTIGUNG UND VERTEILUNG BITTE UM

    RCKSPRACHE MIT scharmer@mit.edu

    1 Dieses Exzerpt ist die Einfhrung eines Buches mit gleichem Titel, das demnchst verffentlicht wird. bersetzung aus dem Englischen: Dr. Ursula Versteegen.

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    Einleitung Wir leben in einer Zeit aufeinander prallender Konflikte und massiven institutionellen Versagens, in einer Zeit von Ende und Neuanfang. Man sprt, wie sich etwas Grundstzliches verschiebt und langsam stirbt, whrend etwas anderes, wie Vaclav Havel es ausdrckte, geboren werden will: Ich denke, es gibt gute Grnde fr die Annahme, dass das moderne Zeitalter zu Ende geht. Es gibt heutzutage viele Hinweise darauf, dass wir uns in einem bergangsstadium befinden, es sieht so aus, als ob etwas auf dem Weg hinaus ist und als ob etwas anderes unter Schmerzen geboren wird. Es ist so, als ob etwas taumelt, schwankt, schwindet und sich selbst erschpft whrend sich etwas anderes, noch Unbestimmtes, langsam beginnst aus den Trmmern zu erheben.2 Der Krise unserer Zeit ins Gesicht sehen Die Krise der Gegenwart ist nicht einfach die Krise einer einzelnen Fhrungskraft oder einer einzelnen Organisation, eines bestimmten Landes oder eines einzelnen Konflikts. In der Krise der Gegenwart geht es darum, dass eine veraltete soziale Struktur abstirbteine alte Form der Institutionalisierung, eine alte Struktur des in-die-Welt-kommens von Gemeinschaft und sozialer Form. Immer wenn ich mit Praktikern ber ihre Alltagserfahrung spreche mit Managern, Lehrern, Krankenschwestern, rzten, Arbeitern, Brgermeistern, Unternehmern, Landwirten und Fhrungskrften aus Wirtschaft und Regierung dann habe ich den Eindruck, dass sich ihre gegenwrtige Situation hnelt: Die berhitzung einer sich immer hher schraubenden Arbeitsbelastung und der Druck, stets noch mehr tun zu mssen. Viele beschreiben die Situation als ein Arbeiten gegen Windmhlen oder ein Laufen im Hamsterrad. Krzlich nahm ich an einer Tagung der Top 100 Fhrungskrfte eines groen amerikanischen Unternehmens teil. Der Redner vor mir begann seine Rede mit der folgenden Beobachtung. Er erinnerte uns daran, dass es gerade einmal 20 Jahre her sei, dass ernsthafte Diskussionen ber die Frage gefhrt wurden, was wir eigentlich mit der ganzen zustzlichen Freizeit, die wir sicherlich ber kurz oder lang durch die Nutzung moderner Kommunikationstechnologien gewinnen wrden, anstellen sollten. Die Zuhrer brachen in schallendes Gelchter aus. Es war aber, bei nherem Hinhren, ein gequltes Gelchter denn die heutige Realitt knnte nicht unterschiedlicher von diesem vermeintlichen Zukunftsbild sein. Whrend der Druck um uns herum zu und die Freiheitsgrade abnehmen, multiplizieren sich unsere Bedenken hinsichtlich der unbeabsichtigten Nebenwirkungen und Konsequenzen unseres Handelns. Zunehmend werden wir uns der grer werdenden Schattenseite unserer jetzigen Arbeitsweise bewusst:

    Wir haben eine florierende globale Wirtschaft geschaffen, die gleichzeitig 850 Millionen Menschen hungern3 und 3 Milliarden Menschen in Armut4 leben lsst (mit weniger als 2 Dollar pro Tag)

    2 Prsident Vaclav Havel, Rede in Philadelphia am 4. Juli, 1994. Mein Dank gilt Goran Carstadt, der mich auf diese Rede aufmerksam machte. 3 World Hunger Fact Sheet, verffentlicht von dem World Hunger Education Service: http://www.worldhunger.lorg/articles/Learn/world%20hunger%20facts%202002.htm.

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    Wir geben Unsummen Geld fr Gesundheitssysteme aus, die auf der Symptomebene herumstochern und nicht in der Lage sind, die urschlichen Grnde fr Gesundheit und Krankheit in unserer Gesellschaft anzugehen. Wir produzieren mit viel Aufwand Gesundheitsergebnisse, die nicht viel besser sind als die Ergebnisse anderer Lnder, die viel weniger Geld dafr ausgeben.

    Wir setzen betrchtliche Ressourcen fr unsere Landwirtschaft und Nahrungssysteme ein und das nur, um eine nicht nachhaltige Nahrungsproduktion mit immer minderwertigerem Junk-Food zu schaffen, das sowohl unsere Krper, als auch unsere Umwelt vergiftet.

    Wir kippen groe Mengen Geld in unsere Bildungssysteme, waren aber bislang nicht in der Lage, Schulen und Institutionen fr Hhere Bildung zu schaffen, die die tief im Menschen veranlagte Fhigkeit, die eigene Zukunft zu empfinden und zu aktualisieren - eine Fhigkeit, die ich fr die zentrale Kernkompetenz der Wissensgesellschaft dieses Jahrhunderts halte - zu entwickeln.

    Mehr als die Hlfte der Kinder auf der ganzen Welt wachsen heute unter eklatanten Mangelbedingungen auf wie z.B. in Armut, Krieg und mit HIV/AIDS5.

    ber die gesamte Bandbreite produzieren wir kollektiv Ergebnisse (und Nebenwirkungen), die niemand will. Die zentralen Entscheidungsinstanzen sehen sich jedoch nicht in der Lage, den Lauf der Dinge in irgendeiner signifikanten Weise zu verndern. Sie fhlen sich genauso gefangen wie der Rest von uns. Das Grundproblem dieses massiven institutionellen Versagens ist, dass wir es nicht geschafft haben, unsere jahrhundertealten kollektiven Muster des Denkens, Organisierens und Institutionalisierens so in Bewegung zu bringen, plastisch zu machen und neu auszurichten, dass sie mit den Herausforderungen der heutigen Realitt auf Augenhhe kommen. Die Strukturen des alten sozialen Krpers, den wir heute langsam zerfallen sehen--lokal, regional und global--bauen auf traditionellen und industriell-modernen Denk- und Lebensgewohnheiten auf, die sich zunchst als sehr erfolgreich erwiesen haben, die jedoch in jngerer Zeit zunehmend gegen die Wand fahren. Das Aufkommen fundamentalistischer Bewegungen berall in der Welt ist ein Symptom der tiefen Transformation. Fundamentalisten sagen: Seht ihr, dieser moderne westliche Materialismus funktioniert nicht. Er zerstrt unsere Wrde, unsere Lebendigkeit und unsere Seele. Lasst uns zur alten Ordnung zurckkehren. Fundamentalismus ist nur eine von drei Grundreaktionen auf die tiefen Herauforderungen der Gegenwart. Diese lauten:

    4 Working Out of Poverty: Making Jobs the Objective, world of Work Magazine (http://www.ilo.org/public/english/bureau/inf/magazine/48/poverty.htm). 5 The State of the Worlds Children 2005: Childhood under Threat. http://www.unicefusa.org/site/pp.asp?c=duLRI8O0H&b=262152

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    1. Bewegung der ewig Gestrigen: Lasst uns zur Ordnung der Vergangenheit zurckkehren. Retro-Bewegungen knnen, mssen aber nicht eine fundamentalistische Einfrbung haben.

    2. Verteidiger des Status Quo macht einfach weiter so. Der Schwerpunkt liegt auf dem mehr von dem selben, es wird schon weitergehen.

    3. Vertreter der transformativen Vernderung: Beweg dich vorwrts, ins Offene, indem du dich intentional von dem alten Selbst verabschiedest und eine Erneuerung von innen suchst, von wo aus ein neues soziales Feld beginnt in die Welt zu kommen.

    Ich persnlich denke, dass der allgemeine Zustand weltweit ein Aufruf fr eine Vernderung der dritten Kategorie ist, die in verschiedenerlei Hinsicht bereits begonnen hat. Um die neue Qualitt einer tieferen sozialen Prsenz zu erreichen, mssen wir uns von dem alten Krper institutionalisiertem, kollektiven Verhaltens trennen. Die vielfltigen Versuche der Gegenwart, die berkommenen Strukturen der Vergangenheit knstlich am Leben zu erhalten, sind letztlich alle zum Scheitern verurteilt. Worum es geht, ist nicht gegen die massiven Grundkrfte unserer Zeit zu arbeiten. Worum es geht, ist sich mit den positiven Grundkrften der Vernderung zu verbinden und aus dieser Verbindung vollkommen neuartige sozialen Felder und Gemeinschaftsstrukturen in die Welt zu bringen. Das spontane Entstehen von derartigen lebendigen Beispielen, die diese Transformation des kollektiven Bewusstseins und Handelns veranschaulichen und verkrpern, ist eines der wichtigsten Umbruchsphnomene unserer Zeit. Die Zielsetzung der vorliegenden Untersuchung ist es, die soziale Grammatik aufzudecken, die diese subtilen und profunden Verschiebungen im Feld des Sozialen beleuchten. Damit dies gelingt, mssen wir uns eines fundamentalen blinden Flecks im Bereich der Gestaltung sozialer Prozesse bewusst werden. Der blinde Fleck bezieht sich auf die Struktur der Aufmerksamkeit, die wir verwenden, wenn wir an unsere Arbeit gehen. Der blinde Fleck Die Art, mit der wir soziale Wirklichkeit betrachten, lsst sich damit vergleichen, wie wir die Arbeit eines Knstlers betrachten. Mindestens drei Perspektiven sind denkbar: Wir knnen uns auf den Gegenstand beziehen, das Ergebnis des schpferischen Prozesses sagen wir z.B. das Gemlde; wir knnen uns auf den Prozess des Malens fokussieren; oder wir knnen den Knstler betrachten, whrend er vor der leeren Leinwand steht. Anders ausgedrckt knnen wir das Gemlde betrachten, nachdem es geschaffen wurde (der Gegenstand), whrend es geschaffen wird (der Prozess) oder bevor der Schaffungsproze beginnt (die leere Leinwand). Das gleiche trifft auf Fhrungsprozesse zu. Wir knnen betrachten, was Fhrungskrfte tun. Wir knnen betrachten, wie sie fhren, also den Prozess. Und, wir knnen ihre Arbeit aus der Perspektive der leeren Leinwand ansehen: was sind die inneren Quellen der Fhrungsttigkeit.

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    Abbildung 1: Drei Perspektiven auf die Ttigkeit von Fhrungskrften

    In einem Gesprch mit Bill OBrien, dem frheren CEO von Hanover Insurance, habe ich zum ersten Mal ber diesen blinden Fleck nachgedacht. Bill OBrien erzhlte mir damals, dass seine grte Erkenntnis nach vi