[psychiatrie vlg.] finzen, schizophrenie; die krankheit verstehen, behandeln, bewältigen (2011).pdf

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Author: peleleman

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  • Asmus Finzen

    Schizophrenie

    Die Krankheit verstehen, behandeln, bewltigen

  • Asmus Finzen, Jahrgang 1940, Professor der Psychiatrie, engagiert sich seit mehr als vier Jahrzehnten fr Men-schen, die an schizophrenen Psychosen erkranken. Als Klinikleiter war er sowohl in Deutschland (Wunstorf) als auch stellvertretend in der Schweiz (Basel) ttig. Seine zahlreichen Verffentlichungen in Fach- und Tagespresse fanden ein breites Echo. Seit seiner Emeritierung setzt er sich verstrkt fr Patienten-rechte, fr gleichberechtigte Patient-Therapeut- Beziehungen sowie gegen Vorurteile, Diskriminierung und Stigmatisierung psychisch Kranker ein. Weitere Informationen finden Sie unter www.asmus.finzen.ch.

  • Asmus Finzen

    Schizophrenie

    Die Krankheit verstehen, behandeln, bewltigen

  • Asmus Finzen

    Schizophrenie

    Die Krankheit verstehen, behandeln, bewltigen

    1. Auflage 2011

    ISBN-Print: 978-3-88414-522-7

    ISBN-PDF: 978-3-88414-749-8

    Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ber http://dnb.ddb.de abrufbar.

    Weitere Bcher zum Umgang mit psychischen Strungen unter: www.psychiatrie-verlag.de

    Psychiatrie Verlag GmbH, Bonn 2011

    Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf ohne Zustimmung des Verlags vervielfltigt, digitalisiert oder verbreitet werden. Lektorat: Uwe Britten, textprojekte, Geisfeld Umschlaggestaltung: GRAFIKSCHMITZ, Kln unter Verwendung eines Fotos von photocase.de Typografiekonzeption: Iga Bielejec, Nierstein Satz: Psychiatrie Verlag, Bonn Druck und Bindung: Bercker Graphischer Betrieb GmbH & Co. KG, Kevelaer

  • Vorwort 11

    Eine Geschichte 14

    Kindheit und Schulzeit 15

    Rckzug und erste Krise 16

    Erleichterung und Ratlosigkeit 18

    Ausbruch und Zusammenbruch 20

    Das Leben danach 22

    Die Krankheit 25

    Das zentrale schizophrene Syndrom 25

    Schizophrenie als Metapher 27

    Die zweite Krankheit 28

    Die schizophrene Erkrankung: eine Katastrophe fr die ganze Familie 30

    Stigma und Schuldzuweisung 30

    Die Identitt der Eltern und die Rolle der Kinder 32

    Die Familienkatastrophe Schizophrenie 33

    Das Leid der Kinder 43

    Wenn Eltern psychisch erkranken 43

    Schweigen und Schuldgefhl 45

    Wie kann Hilfe aussehen? 46

    Niemand hat Schuld 49

    Was haben wir falsch gemacht? 49

    Unbekannte Ursachen erhhte Verletzlichkeit 51

    Entwicklungskrisen sind unvermeidbar 52

  • Was knnen wir tun? 54

    Jenseits der Schuld: Verantwortung 55

    Im Vorfeld der Psychose: Frhintervention Vorstellungen und Wirklichkeit 57

    Unspezifische Symptome 57

    Ratlosigkeit und Unverstndnis 59

    berempfindlichkeit und Verletzlichkeit 60

    Bewltigungsversuche im Vorfeld 61

    Das Dilemma der Frhintervention 63

    Wenn die Krankheit ausbricht: Symptome und Zeichen 65

    Symptome die Systematik Bleulers 66

    Die zustzlichen Symptome 77

    Was nicht gestrt ist: die intakten Funktionen 81

    Die Krankheit erhlt ihren Namen die Diagnose und was sie bedeutet 83

    Blinde Flecken und Verdrngung 84

    Diagnosekriterien 85

    Engagement, Wissen und Erfahrung 87

    Der Name der Krankheit 89

    Der lange Weg des Leidens: Verlauf und Prognose 90

    Psychosen bei Kindern und Jugendlichen 90

    Krankheitsphasen 92

    Die beginnende Schizophrenie 93

    Offenbarung und Ausbruch 98

    Die aktive Phase 100

  • Die Konsolidierung 101

    Verlauf und Prognose 103

    Erleben und Miterleben 108

    Die Gedanken werden handgreiflich Erfahrungsberichte 109

    Menschen in der Psychose zuhren 112

    Ursachen und Anlsse I: soziale und psychologische Aspekte 121

    Psychische Erkrankung als Verhaltensstrung 122

    Labeling: die Etikettierungstheorie 123

    Soziale Schicht und psychische Krankheit 125

    Life-Events: die Rolle lebensverndernder Ereignisse 126

    Schizophrenie und Familie 127

    Psychologische und psychodynamische Aspekte 128

    Ursachen und Anlsse II: biologische Aspekte und Vulnerabilitt 132

    Vernderungen der Gehirnstruktur 133

    Strungen der Gehirnentwicklung 134

    Biochemie und Neurobiologie 135

    Genetische Aspekte 136

    Vulnerabilitt: Die Ursachen sind nicht bekannt 140

    Behandlungsgrundstze 145

    Wege der Behandlung 146

    Behandlung individualisieren 147

    Wider das Verzagen: die Haltung der Angehrigen 148

    ber Behandlung verhandeln 149

  • Die akute Psychose 157

    Medikamentenbehandlung bei akuten Krisen 157

    Zuwendung 160

    Frhes Einbeziehen der Kranken vertrauensvolle Beziehungen entwickeln 161

    Zeit und Geduld 161

    Die Erfahrung der Krise 162

    Psychoinformation und Psychoedukation 163

    Psychotherapie 165

    Milieutherapie 165

    Die Zeit der Krise die Angehrigen 168

    Wenn es losgeht 168

    Und immer wieder: die Frage nach der Schuld 170

    Angehrige brauchen Verstndnis 172

    Angehrige brauchen Informationen 173

    Zukunftsperspektiven 174

    Der steinige Weg zur Wiederherstellung 176

    Anfngliche Schwierigkeiten 176

    Regression und Aktivierung 177

    Kontinuierlich Geduld zeigen 178

    Woodshedding 180

    Zeit fr Psychotherapie 181

  • Rckfallvermeidung und Wiedererkrankung eine Herausforderung 183

    Prophylaxe von Anfang an 183

    Vorbehalte gegen Medikamente 184

    Anzeichen eines Rckfalls 186

    Wiederaufnahme der Neuroleptikatherapie 187

    Ditetik des Lebens 188

    Langfristige Strategien 190

    Selbsthilfe 190

    Familienklima und Rckfallrisiko 192

    Wenn die Krankheit andauert Therapieresistenz 194

    Fortbestehen produktiver Symptome 194

    Fortbestehen negativer Symptome 195

    Fehlende Kooperation 196

    Mangelnde Krankheitseinsicht 197

    Strungen des Handelns und Wollens 198

    Der Drehtreffekt 198

    Doppelerkrankung Psychose und Abhngigkeit 200

    Was lsst sich tun? 201

    Rehabilitation und psychosoziale Hilfen 205

    Grundlagen der Rehabilitation bei psychischen Strungen 205

    Berufliche Rehabilitation was ist zu tun? 207

    Psychosoziale Rehabilitation 208

    Hilfen im Alltag 209

  • Risiken: Suizidalitt, Gewalt, Verweigerung und Zwang 211

    Suizid und Suizidgefhrdung 211

    Gewalt 212

    Wenn Kranke Medikamente ablehnen 214

    Zwangsbehandlung 216

    Mit den Kranken leben 219

    Akzeptieren, was ist 219

    Auf sich achten 225

    Angehrigenselbsthilfe 230

    Das Zusammenleben verndert alle Beteiligten 232

    Angehrige als Experten 233

    Nachwort: Was mir zu sagen noch wichtig ist 235

    Literatur 241

    Internet-Adressen 249

    Stichwortverzeichnis 250

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    Vorwort

    Wenn Sie nicht wissen, was Schizophrenie ist, seien Sie froh.Motto einer britischen Angehrigenvereinigung

    Dem Schizophrenen bleibt das Gesunde erhalten.Eugen Bleuler

    Die Schizophrenie ist die schillerndste aller psychischen Strungen. Sie kann leicht sein oder schwer. Sie kann akut und dramatisch verlau-fen oder schleichend und fr Auenstehende kaum wahrnehmbar. Sie kann kurze Zeit andauern oder ein ganzes Leben. Sie kann einmalig auftreten. Sie kann in lngeren oder krzeren Abstnden wiederkehren. Sie kann ausheilen oder zu Invaliditt fhren. Sie trifft Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens oder in der beruflichen Entwicklung. Sie trifft Frauen und Mnner, die mitten im Leben stehen, und solche an der Schwelle des Alters.Weil die Schizophrenien, die Psychosen aus dem schizophrenen For-menkreis, so vielfltig in ihren Erscheinungsformen sind, sind sie auch fr mit der Krankheit Vertraute oft nur schwer greifbar. Unerfahrene das sind auch Kranke am Beginn ihres Leidens, Angehrige, Freunde und junge Berufskollegen sowie die breite ffentlichkeit stehen der Krankheit eher ratlos und sogar (ver)zweifelnd gegenber. Wo viel Un-klarheit besteht, mssen Vorurteile Platz greifen. Diese versteigen sich vom Mythos der Unheilbarkeit bis zur Unterstellung, die Schizophrenie gebe es gar nicht. Sie sei eine Erfindung der Psychiater, ein von Eugen Bleuler erfundenes Wort, wie Thomas Szasz 1976 schrieb. Leider trifft das nicht zu. Bleuler hat zwar das Wort erfunden, nicht aber das Lei-den, fr das es steht.Doch bei alldem gilt: Psychische Krankheiten sind behandelbar, auch die Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis, schizophreniforme, schizotype und wahnhafte Strungen. Die grten Hindernisse fr eine erfolgreiche Therapie sind nicht die begrenzten Mglichkeiten der Medizin und der Psychotherapie: Oft dauert es (zu) lange, bis psycho-tisches Erleben und Verhalten als Krankheit erkannt wird. Ebenso oft

  • 12

    finden die Betroffenen erst spt angemessene Hilfe. Schlielich erweisen sich Vorurteile und Stigmatisierung als Behandlungshindernisse ersten Ranges. Alles dies macht es schwer, angemessen mit der Krankheit um-zugehen und, wenn sie anhlt, mit ihr zu leben.If you dont know Schizophrenia, youre lucky, mahnt die englische National Schizophrenia Fellowship; und in sterreich wird die Frage gestellt: Gehren Sie auch zu den 80 Prozent der sterreicher, die nicht wissen wollen, was Schizophrenie ist?Dieses Buch wendet sich an alle, die das wissen sollten: die Kranken, ihre Angehrigen und Freunde, ihre Nachbarn und Kollegen; an alle, die beruflich mit psychisch Kranken zu tun haben; an Verantwortliche im Gemeinwesen und in der Politik und schlielich an eine aufge-klrte ffentlichkeit. Es will helfen, Wege zu suchen, die Krankheit, wo immer mglich, zu berwinden oder, wenn das nicht mglich ist, ihre Auswirkungen zu begrenzen, und wenn es sein muss, mit ihr zu leben. Es will die Kranken und ihre Angehrigen ermutigen, Hilfe zu suchen und Geduld und Hoffnung zu bewahren. Es appelliert an die Behandelnden, nicht vorschnell vor der Krankheit und ihren Folgen zu kapitulieren. Es setzt auf das Zusammenwirken von Kranken, Angeh-rigen und Behandelnden, auf den Trialog zwischen den Beteiligten, aber auch auf die Untersttzung durch die Gemeinschaft der Gesunden, der nicht Betroffenen.Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis gehren zu den wenigen Krankheiten, bei denen die Diagnose wenig ber die Prognose, ber den Krankheitsausgang aussagt. Eine Besserung, ja eine weitgehende Wieder-herstellung ist auch nach Jahren mglich, selbst wenn der Verlauf sich zunchst ungnstig anlsst. Das verlangt von allen Beteiligten nicht nur einen langen Atem. Es erfordert auch langfristige Behandlungsstrate-gien: Beharrlichkeit, Geduld, die Bereitschaft zu Neuanfngen und die Gewhrleistung einer langfristigen Kontinuitt der Behandlung. Bereits die erste psychotische Krise ist ein so dramatisches Geschehen, dass es nicht nur um Behandlung geht, sondern zugleich um die Bewltigung der Erkrankung, um das Leben mit der Krankheit und ihren Auswirkungen. Das geht aber nur, wenn Angehrige und Betroffene von Anfang an ein-bezogen werden. Und wenn sie dabei die Hilfe erfahren, die sie bentigen. Diese Grundberzeugung ist der Leitgedanke meiner berlegungen.Ich leite dieses Buch mit der authentischen Lebens- und Krankheitsge-schichte eines jungen Mannes ein, um dann die zentrale Symptomatik

    Vorwort

  • 13

    schizophrener Psychosen und ihre sozialen Folgen zu beschreiben. Ich versuche zu zeigen, was es fr eine Familie bedeutet, wenn eines ihrer Mitglieder krank wird. Ich stelle klar, dass niemand daran schuld ist. Ich befasse mich mit den Geschehnissen im Vorfeld der Psychose. Erst danach wende ich mich den medizinischen Ablufen und der Therapie zu: Diagnose, Frhintervention, Akutbehandlung, Wiederherstellung, Wiedererkrankung, Rehabilitation und schlielich der Frage, was zu tun ist, wenn die Krankheit andauert.Schon von Anfang an bedeutet die Erkrankung, dass man lernen muss, mit ihr zu leben, ihre Auswirkungen zu bewltigen, und zwar auch fr Partner und Angehrige. In allen Darstellungen des Krankheitsver-laufs versuche ich ihre Situation einzubringen, ihren Umgang und ihre Auseinandersetzungen mit der Krankheit sowie deren Folgen fr ihr ei-genes Leben. Ich frage, was man tun kann, wenn scheinbar nichts mehr geht. Ich zeige, wie wichtig es fr die Mitbetroffenen ist, auf sich und ihre Krfte zu achten.Dies ist in einem gewissen Sinn ein persnliches Buch geworden. Es ver-mittelt die Essenz meiner Erfahrungen aus vier Jahrzehnten der Arbeit und des Lebens mit psychosekranken Menschen. Und es ist, zugegeben, lang geworden. Aber es muss nicht von Anfang bis Ende gelesen wer-den, jeder kann sich die Abschnitte heraussuchen, die ihn besonders interessieren und die er fr hilfreich hlt.

    Asmus FinzenOberhofen Thunersee, im Frhjahr 2011

    Vorwort

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    Eine Geschichte

    Vor dem Ausbruch der Psychose findet man meist nderungen im gewohnten Wesen. Die spteren Kranken werden empfindsamer und zurckgezogener, geben persnliche Beziehungen und Interessen auf.Manfred Bleuler

    Patienten sind Menschen. Die Krankheit ist Teil ihrer Biografie. Aber sie sind nicht nur Kranke. Sie haben ein Leben jenseits der Krankheit davor, danach, daneben. Das ist eine Binsenweisheit, dennoch tun ge-rade psychiatrisch Ttige gelegentlich gut daran, sich das in Erinnerung zu rufen, begegnen wir ihnen doch in der besonderen Situation ihrer Erkrankung in aller Regel zum ersten Mal. In gesunden Tagen haben wir sie nicht gekannt.Wir fragen dann im sogenannten Anamnesegesprch nach dem Vor-leben. Aber wir tun das unter dem Blickwinkel der besonderen Pati-ent-Therapeut-Beziehung. So wird das Vorleben zur Kankheitsvor-geschichte, eben zur Anamnese. ber das frhere das gesunde, das normale Leben erhalten wir nur indirekte Informationen, sei es von den Kranken selbst, sei es von ihren Angehrigen oder von Dritten.Auch bei der Entstehung der Krankheit waren wir nicht dabei. Das Bild, das wir uns davon machen, entbehrt des eigenen Augenscheins. Das gilt nicht nur fr den Einzelfall. Das Bild der Psychiatrie von der beginnenden Psychose beruht in erster Linie auf Erzhlungen und nicht auf Beobachtungen. Ob es nun durch gezielte Befragung, durch Explo-ration, zustande kommt oder ob es sich im Laufe einer Psychotherapie allmhlich entwickelt: In jedem Fall geschieht es unter dem Blickwinkel und dem Einfluss der inzwischen erfahrenen Erkrankung.Bevor ich mich dem Versuch zuwende, die Psychosen aus dem schi-zophrenen Formenkreis wissenschaftlich authentisch und zugleich verstndlich darzustellen, will ich eine Geschichte erzhlen. Es ist die Lebens- und Leidensgeschichte von Holger Andresen. Holger ist der Sohn eines Freundes. Ich kenne ihn seit seiner Kindheit. Ich habe ihn als Schuljungen, als Zivildienstleistenden und als jungen Studenten immer wieder aus der Nhe erlebt. Ich war dabei, als er in eine Krise geriet,

  • 15

    als er schlielich erkrankte. Ich habe ihn als Freund begleitet, nicht als Arzt. Aber weil ich Psychiater bin, habe ich seine Entwicklung in die Krankheit natrlich auch mit den Augen des Psychiaters gesehen.Holgers Geschichte ist wahr. Sie ist es in dem Sinn, dass ich sie so erlebt habe. Zugleich ist sie erdichtet: Die handelnden Personen sind andere als im wirklichen Leben. Auch der Rahmen und die Schaupltze sind selbstverstndlich! verndert.

    Kindheit und Schulzeit

    Holger war ein freundliches, ein strahlendes, ein liebes Kind. Mit gro-en, offenen Augen und unbezwingbarer Neugier eroberte er die Welt fr sich. Er lernte frh laufen und sprechen. Seine beiden lteren Ge-schwister nahmen ihn dabei frsorglich unter ihre Fittiche. Selbstver-stndlich gab es Reibereien und Rivalitten zwischen ihnen, wie immer unter Geschwistern.Die Eltern kamen offensichtlich gut miteinander klar, obwohl die Mut-ter von der Ausschlielichkeit des Lebens mit drei kleinen Kindern zeit-weise recht genervt war. Der Vater, ein gefragter Anwalt, kam whrend der Woche abends meist spt nach Hause. Aber am Wochenende war er fast immer da und verfgbar. Als Holger mit drei Jahren in den Kin-dergarten kam, seine Schwester eingeschult wurde und sein Bruder die dritte Klasse erreicht hatte, ergriff die Mutter die Gelegenheit, zunchst stundenweise, dann halbtags in ihren Beruf als Psychologin in eine Be-ratungsstelle zurckzukehren.Der Lebensstil der Familie war mehr oder weniger konventionell: Haus am Stadtrand, Mittelklasseauto, Sommerurlaub in Dnemark, gele-gentliche Theater- und Konzertbesuche, Einladungen von Freunden, Bekannten und Nachbarn und entsprechende Gegenbesuche.Holgers Grundschuljahre und die ersten Jahre im Gymnasium verlie-fen unspektakulr. Er war von Anfang an ein ausgezeichneter Schler. Scheinbar mhelos heimste er eine gute Note nach der anderen ein. Daneben nahm er seit dem sechsten Lebensjahr Klavierunterricht. Er spielte Handball in der Schulmannschaft und spter im Verein vor-zugsweise im Tor. Seine freie Zeit verbrachte er zu Hause mit Lesen und Musikhren viel Klassik oder mit seinen beiden Freunden. Die drei

    Kindheit und Schulzeit

  • 16

    hatten sich in der ersten Grundschulklasse kennengelernt und bildeten seither eine verschworene Gemeinschaft, die sich mehr oder weniger selbst gengte.Seine beiden lteren Geschwister entwickelten sich sichtbar anders als er. Sein Bruder war schon frh berwiegend aushusig. Er war entwe-der auf dem Sportplatz oder mit seinen vielen Freunden und bald auch mit Freundinnen unterwegs. Er bastelte an Stereoanlagen, an Mofas und spter an Motorrdern herum. Die Schule nahm er von der leich-ten Seite. Immerhin schaffte er mit zwanzig Jahren ohne Ehrenrunde das Abitur mit gerade noch ausreichendem Notendurchschnitt. Nach Ableistung des Wehrdienstes begann er, wie er es gewnscht hatte, ein Betriebswirtschaftsstudium an einer entfernten Universitt.Seine Schwester hatte viel hnlichkeit mit ihrem lteren Bruder. Sie ver-brachte ihre Zeit, wann immer mglich, mit lauter Musik und Freunden in Discos und bei Konzerten. Die Schule besuchte sie eher widerwillig. Aber im zweiten Anlauf brachte sie es schlielich doch zum angestreb-ten Abschluss.

    Rckzug und erste Krise

    Als Holger sechzehn Jahre alt war, verlie sein lterer Bruder das El-ternhaus. Der Auszug hinterlie fr Holger eine unerwartet schmerz-liche Lcke. Des Bruders Lockerheit und Unbekmmertheit fehlten ihm. Seine eigenen ernsthaften Zge traten in der Folgezeit immer str-ker in den Vordergrund. Er wandte sich verstrkt klassischer Musik zu und ging abends selten aus dem Haus. Er kehrte nach dem Handball-training direkt aus seinem Tor nach Hause zurck. Und whrend seine Kameraden sich mit den Mdchen aus der Klasse in der Milchbar trafen, las er Dostojewski.Die anderen begannen ihn deswegen zu necken. Sie verstanden nicht, dass er sich daraufhin noch mehr zurckzog. Sie sagten, er sei einfach zu empfindlich. Manchmal hatten wir den Eindruck, er versuchte da-mit, mglichen Krnkungen und Verletzungen aus dem Weg zu gehen. Aber ich wrde lgen, wenn ich behauptete, irgendjemand sei darber besorgt oder beunruhigt gewesen. Er machte in seiner pubertren Ent-wicklung kaum Anstalten, sich vom Elternhaus zu lsen. Nur gelegent-

    Eine Geschichte

  • 17

    lich kam es zu unvermittelten, heftigen Auseinandersetzungen mit dem Vater.Kurz vor dem Ende des vorletzten Schuljahres, er war mittlerweile fast neunzehn, geriet er ohne sichtbaren ueren Anlass in eine Krise. Ganz unvermittelt wollte er nicht mehr zur Schule gehen. Auch das Training stellte er ein. Er berwarf sich aus fr uns unverstndlichen Grnden mit seinem Klavierlehrer. Er stand zu Hause stundenlang vor dem Spiegel und betrachtete sein Gesicht. Er mochte nicht mehr vor die Tr treten, und zwar ohne dass er einen Grund dafr nennen konnte oder wollte. Er kam morgens nicht aus dem Bett. Er suchte die Schule versptet auf. Manchmal kam er gar nicht dort an. Seine be-unruhigten Eltern sprten, dass er Angst vor etwas hatte. Sie konnten nicht begreifen, warum und was es war. Seine berragenden Leistun-gen blieben, wie in all den Jahren zuvor, ungefhrdet. Auch ber Kon-flikte oder konkrete Schwierigkeiten mit Lehrern oder Mitschlern berichtete er nicht.Die Eltern reagierten verstndnislos und ungehalten auf seine Vern-derung. Sie hielten ihm vor, er mge sich geflligst zusammennehmen. Jeder habe mal ein Tief. Er knne wenige Wochen vor dem Ende des vorletzten Schuljahres nicht sein Abitur riskieren. Das Aufstehen und der Gang zur Schule wurden zum allmorgendlichen Kampf zwischen seiner Mutter und ihm. Eine Woche lang qulte er sich aus dem Haus. Dann verweigerte er sich gnzlich. Er wrde nicht mehr gehen, erklrte er. Seine Eltern waren ratlos und auer sich zugleich.In dieser Situation rief Holger mich an. Ich arbeitete damals in einer kleinen Universittsstadt in Sddeutschland. Ich hatte ihn seit den ver-gangenen Sommerferien, die er berwiegend bei uns verbracht hatte, nicht mehr gesehen. Ich fiel aus allen Wolken, als er mitten in der Schul-zeit fragte, ob er kommen drfe. Er habe sich mit den Eltern zerstritten. Er knne nicht mehr zur Schule; er knne aber auch nicht im Haus bleiben.Bei der Ankunft wirkte er verngstigt und ratlos. Er erzhlte, die Reise sei schrecklich gewesen. Die Leute htten ihn alle angestarrt. Sie seien so merkwrdig gewesen. Er bat mich, einen Umweg zu machen, damit wir nicht zu vielen Menschen begegneten. Er habe das Gefhl, sie k-men ihm einfach zu nahe. berhaupt werde ihm alles zu viel, zu laut und zu grell. Er fhle sich von innen durch seine Gedanken und von auen durch die Menschen bedrngt.

    Rckzug und erste Krise

  • 18

    Wir versuchten ihm zu helfen, zunchst einmal zur Ruhe zu kommen. Er tat sich schwer damit. Er war hin- und hergerissen. Dass er nicht zur Schule konnte, bedrckte ihn, obwohl er froh war, nicht gehen zu mssen. Er hatte Schuldgefhle. Er drfe nicht klein beigeben. Er habe letztlich keinen Grund fr seine Angst und seine innere Aufgeregtheit. Immerhin konnte er schlafen.Ich konnte mir in den nchsten Tagen viel Zeit fr ihn freihalten. Wir unternahmen lange Wanderungen durch die einsamen Wlder auer-halb der Stadt. Es beruhigte ihn sichtlich, dass uns kaum jemand be-gegnete. Die Stille tat ihm wohl. In der Stadt sei in den letzten Wochen alles so laut gewesen. Auch die grellen Farben und die bunten Lichter an den Abenden seien regelrecht auf ihn eingestrmt. Ein flegelhafter Radfahrer, der unvermittelt auftauchte und ihn fast umfuhr, erschreck-te ihn ber die Maen. Ich konnte ihm nicht begreiflich machen, dass das sicher nicht mit Absicht geschehen sei. Er brach in Trnen aus und schluchzte, so etwas sei in den letzten Wochen immer wieder passiert: Er werde gerempelt, Autos kmen auf ihn zu, alte Frauen starrten ihn an, Jugendliche riefen ihm Unverschmtheiten nach. Er begreife das al-les nicht mehr.In der Schule sei das alles besonders schlimm. Seit die Klasse im ver-gangenen Jahr neu zusammengesetzt worden sei, habe sich alles zum Schlechteren verndert. Es herrsche ein frchterliches Klima. Fast alle htten etwas gegen ihn. Sie tuschelten und redeten hinter seinem R-cken ber ihn. Wenn seine beiden Freunde nicht wren, htte er schon vor Monaten nicht gewusst, was er tun solle. Manchmal sei er in letzter Zeit nicht so sicher, ob die beiden nicht auch von den anderen beein-flusst wrden. Seine Eltern seien in dieser Situation wenig hilfreich. Sie sagten ihm, er bilde sich das alles ein. Manchmal denke er, sie stnden auf der anderen Seite. Das knne ja wohl nicht sein. Aber sie wrden ihm einfach nicht glauben.

    Erleichterung und Ratlosigkeit

    Die Tage vergingen. Die langen Spaziergnge und die Ruhe zeigten all-mhlich Wirkung. Holger fasste wieder Mut. Er lie sich nicht mehr durch jede unverhoffte Begegnung aus dem Gleichgewicht bringen. Er

    Eine Geschichte

  • 19

    berzeugte sich in langen Telefonaten, dass seine Eltern doch auf sei-ner Seite standen. Er zwang sich, unter Leute zu gehen. Er ging allein ins Kino, in Cafs und in Kneipen. Er lie die abendlichen Lichter von Schaufenstern und Reklame auf sich wirken.Schlielich beschloss er zurckzufahren. Er msse sich dem stellen. Er msse lernen, die Abneigung und Gehssigkeit der anderen in der Schule auszuhalten. Vielleicht habe er sich manches ja doch eingebildet. Vielleicht sei es gar nicht so schlimm, wenn er strker wre und sich besser auf die anderen einstellen knne. Er werde jedenfalls nicht klein beigeben.Erleichterung bei den Eltern und bei mir trat ein, aber auch ein betrcht-licher Rest an Ratlosigkeit. War er einfach nur erschpft und berm-ig gestresst? War das Klima in der Klasse wirklich so bswillig? Rea-gierte er berempfindlich, wie das seit Jahren viele behaupteten? Hrte er irgendwie das Gras wachsen? Hatte er irgendwelche Probleme, von denen die Eltern und ich nichts wussten? Tuschte die scheinbar so heile Familienwelt ber versteckte Konflikte hinweg?Wir bekamen es nicht heraus. Holger zeigte keine Neigung, darber zu diskutieren. Internat und Psychotherapie wurden zum Thema. Holger blockte beides mit Nachdruck ab. Psychotherapie sei keine Lsung fr die Art, wie die anderen mit ihm umgingen. Im brigen msse er sich durchbeien und das knne er am besten zu Hause. Dort fhle er sich doch noch am sichersten.Nach den Sommerferien nahm er die Schule wieder auf. Mithilfe eines Tranquilizers berwand er die Angst der ersten Tage. Er schaffte es. Aber seine Schulleistungen lieen nach. Wir fhrten das auf die feh-lenden Wochen vor den Ferien zurck. Allein, er erholte sich nicht. Es schien, als seien seine frhere Arbeitskraft und seine Leistungsmotiva-tion wie weggeblasen. Er konnte sich nicht konzentrieren. Er zehrte von dem in den zwlf Jahren angehuften Wissen. Um alles Neue machte er einen Bogen. Wenn Neues gefordert wurde, kam er nicht mit. In Che-mie und Physik musste er erstmals in seiner Schulkarriere Nachhilfe-unterricht nehmen, um mit Mhe den Anschluss zu erreichen.Holger schien das wenig zu kmmern. Ihm sei sein soziales Leben wich-tiger als seine Leistungen. Aber fr uns Auenstehende tat sich auf der sozialen Seite nicht mehr als frher, eher weniger. Er spielte wieder Klavier, stand wieder im Tor, ging zu Schulveranstaltungen. Ansonsten aber verkroch er sich in seinem Zimmer. Er las auch kaum noch. Er

    Erleichterung und Ratlosigkeit

  • 20

    hrte keine Musik mehr. Wenn er berhaupt etwas tat zu Hause, so sa er vor dem Fernseher.Auf unser Zureden suchte er schlielich doch eine Psychotherapeutin auf. Nach drei Sitzungen brach er das Unternehmen allerdings wieder ab. Die Frau habe ihm lauter Fragen ber Dinge gestellt, die sie nichts angingen. Sie sei ihm keine Hilfe. Immerhin, er wirkte jetzt entspannter. In den Telefonaten beklagte er sich nicht mehr ber die vielsagenden Blicke und das gehssige Getuschel der anderen. Er schien in die Klas-sengemeinschaft zurckgefunden zu haben und absolvierte schlielich das Abitur mit leidlich gutem Notendurchschnitt.

    Ausbruch und Zusammenbruch

    Nach den Prfungen wollte er unbedingt von zu Hause weg. Er erlebte die Beziehung zu seinen Eltern seit der Krise als angespannt. Sie hin-derten ihn daran, selbststndig zu werden. Sein Ersatzdienst war ihm willkommene Gelegenheit auszuziehen. Er stellte den Antrag, in meine Stadt versetzt zu werden, um nicht ganz allein zu sein.Er wurde als Pfleghelfer in einer Privatklinik eingesetzt, tat sich aller-dings schwer in der neuen Umgebung. Das Leid der Kranken bedrckte ihn. Er fand berhaupt keinen Anschluss und hatte Mhe mit dem brei-ten schwbischen Dialekt. Auch zu mir kam er nur selten: Er msse lernen, selbststndig zu leben und sich nicht stndig anzulehnen. Er belegte Volkshochschulkurse, brach sie jedoch nach kurzer Zeit wieder ab. Die Leute seien so unfreundlich zu ihm.Bald beklagte er, wie sich die Kolleginnen und Kollegen und die Vorge-setzten im Krankenhaus ber ihn lustig machten, ber ihn tuschelten, ja laut ber ihn redeten. Auf seine Nase htten sie es besonders abgesehen. Er hre immer wieder, wie sie sagten: Hat der eine hssliche Nase!, Hat der einen Zinken!. Sie sei ja auch gro, aber so mit ihm umzu-gehen, sei gemein.Wenn er mich besuchte, stand er stndig vor dem Spiegel und betrach-tete und betastete seine Nase. An keiner spiegelnden Glasflche konnte er vorbeigehen, ohne nach seiner Nase zu schauen. Wenn er etwas Geld verdiente, wrde er sie sich operieren lassen, meinte er. Sie war kei-neswegs gro und hsslich, diese Nase. Zwanzig Jahre war er mit ihr

    Eine Geschichte

  • 21

    zufrieden gewesen und jetzt dieses Theater! Ich sprte, dass ich zuneh-mend gereizt reagierte. Aber ich half ihm damit nicht: Wozu hat man denn Freunde, wenn die einem nicht glauben!, rief er eines Abends verzweifelt aus und knallte die Tr hinter sich zu.Er beantragte die Versetzung in eine andere Klinikabteilung und war erleichtert, als er dort anfangen konnte. Der Betrieb war weniger hek-tisch, die Leute waren freundlich. Alles schien in Ordnung. Aber nach zwei Wochen ging es abermals los: Getuschel, bles Gerede. Es wurde sogar noch schlimmer. Es ging jetzt nicht nur um die Nase, sondern um das ganze Gesicht, das hsslich sei. Sein ganzer Krper sei verwachsen. Auch die Leute auf den Straen shen ihn wieder so eigenartig an. Auch sie redeten ber ihn. Er sei ganz sicher. Er bilde sich das nicht ein. Schlielich habe er Ohren. Er begann, sich ber das unverschmte Ver-halten der Menschen aufzuregen. Er emprte sich. Wenn dies so weiter-gehe, wrde er die Verantwortlichen ansprechen und zur Rechenschaft ziehen. So knne man nicht mit ihm umgehen. Im brigen, und das sei ja wohl das Letzte, habe bei seinem vorigen Besuch auch einer meiner Gste so ber ihn geredet.Am Tag darauf kam er in Panik zu uns. Er halte es nicht mehr aus: Jetzt befassten sie sich schon im Radio mit ihm. Und gerade habe sich jemand im Fernsehen ber seine groe Nase aufgehalten. Alles habe sich gegen ihn verschworen. Selbst das Diktiergert, mit dem er versuchte habe, das Gerede ber ihn aufzuzeichnen, werde gestrt. Es sei nichts darauf.Meine Versuche, ihm das auszureden, waren vergebens. Ich schlug ihm vor, er mge sich beurlauben lassen und schleunigst nach Hause zu den Eltern zurckkehren. Nein, er msse das aushalten. Er sei ohnehin verurteilt; er wrde alle mit ins Unglck ziehen. Er drfe nicht heim.Kaum zu Hause in seiner Wohnung, rief er mich an, jetzt in Panik. Sein ganzer Krper stehe unter Strahlen. In seinem Kopf finde eine Sendung statt. Die Sprecher sagten, seine Mutter habe Krebs; sein Vater sei schon tot und wir wrden auch sterben. Er sei verurteilt. Es sei alles hoff-nungslos. Ich mchte bitte sofort zu ihm kommen und ihm helfen. Als ich zu ihm kam, war er geqult von Angst und Verzweiflung. Ich solle ihm helfen zu sterben, damit dies aufhre.Er kam in die Klinik, in der Hoffnung, dort den Tod zu finden. Panik und Angst machten jede Auseinandersetzung mit ihm unmglich. Auf die Injektion von Haloperidol und Valium reagierte er mit Entspan-nung und schlielich mit Schlaf. Am nchsten Morgen stand ihm die

    Ausbruch und Zusammenbruch

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    Erinnerung an die entsetzlichen Erlebnisse des Vorabends noch in den Augen: Nur das nicht wieder, gebt mir was dagegen! Das konnte er immerhin uern. Wir sprten, dass ganz Verschiedenes mit ihm und in ihm geschah, zu dem wir keinen Zugang hatten, von dem wir aus-geschlossen waren. Er konnte uns auch nicht einbeziehen, weil er fest davon berzeugt war, dass wir alle seine Gedanken lesen knnten, dass wir alles hrten, was auch er hrte.Innerhalb weniger Tage wurde er ruhig, fast gelassen. Er erzhlte uns von den eigenen Gedanken, die vor wenigen Tagen noch schrecklich laut gewesen waren, und von den Stimmen, die stndig in ihm sprachen. Sie waren nicht mehr so schrill und bedrohlich. Er fand sie unterhalt-sam: So bin ich nie allein, meinte er eines Tages. Als sie leiser wurden und schlielich verschwanden, bedauerte er das. Fast gleichzeitig lie seine Geruschempfindlichkeit nach. Auch das Getuschel und die bezie-hungsreichen Blicke der Mitmenschen, die er in der Klinik im brigen nicht wahrgenommen hatte, sprte er bei seinen Spaziergngen auer-halb der Station bald nicht mehr.Stattdessen litt er an Medikamentennebenwirkungen: Er versprte ein heftiges Ziehen in den Muskeln und erlebte seine Beweglichkeit als eingeschrnkt. Zugleich konnte er seine Fe nicht stillhalten. Er war mde und gleichgltig und konnte sich nicht konzentrieren. Mit den Therapeuten begann er ber die Dosierung zu verhandeln und setzte mit unserer Untersttzung eine rasche Reduktion durch, wenig spter gegen unseren Rat auch seine Entlassung.

    Das Leben danach

    Die Therapeuten stellten damals die Diagnose einer paranoiden Psycho-se eine Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis. Holger und sei-ne Eltern hatten groe Mhe, diese Diagnose zu akzeptieren, die ihnen wie ein gewaltiger Einbruch in ihr Leben erschien. Dass er sich so rasch wieder gefangen hatte, schien die Experten zudem Lgen zu strafen. Schon nach drei Wochen hatte er aus dem Krankenhaus entlassen wer-den knnen. Nur widerwillig lie er sich berreden, die Medikamente weiterhin einzunehmen. Sie machten ihn mde und unkonzentriert; und wenn er sie einnehme, sei das ein Zeichen dafr, dass er krank sei. Im

    Eine Geschichte

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    brigen seien die Nebenwirkungen schlimmer als die positiven Wir-kungen. Immerhin, ein Gutes hatte die Diagnose: Sie befreite ihn von der Beendigung des Zivildienstes. Er konnte vorzeitig sein Studium auf-nehmen und trat in die Fustapfen seines lteren Bruders und studierte Betriebswirtschaft.Inzwischen sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. Holger wei heute, dass er mit der Brde einer schweren psychischen Strung leben muss. Er hat anfangs bittere Erfahrungen gemacht. Schon drei Monate nach der Entlassung hatte er die Medikamente abgesetzt, weil ihn die Ne-benwirkungen beeintrchtigten. Sechs Wochen spter war er wieder in der Klinik, diesmal fr wesentlich lngere Zeit. Eine Rehabilitations-behandlung in der Tagesklinik hatte sich angeschlossen. Die Wiederauf-nahme des Studiums scheiterte.In dieser Situation fand er eine Teilzeitarbeit in einem Archiv und eine Psychotherapeutin, die ihm half, seine vielfltigen Lebensprobleme zu verarbeiten, die Krankheit zu begreifen, seine Fhigkeiten und seine Belastbarkeit auszuprobieren und aus allem das Beste zu machen. Da-bei kam ihm seine alte Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit zustatten. Er lernte, seine Medikation jenseits einer niedrigen Basisdosierung, je nach Belastung, selbst zu regulieren. Er knpfte an alte Freundschaften und Bekanntschaften wieder an.Nach Abschluss der Psychotherapie fhlte er sich stark genug, um eine Ausbildung als Verwaltungsangestellter zu beginnen und drei Jahre spter abzuschlieen. Mittlerweile hat er ber zehn Jahre lang keinen Rckfall mehr gehabt, aber er erlebt sich selbst immer noch als verletz-lich und begrenzt belastbar. Vor einiger Zeit schrieb er mir, er sei guten Mutes, obwohl er keine Arbeit finde. Er erhalte jetzt Hartz IV, sodass er wenigstens nicht von seinen Eltern abhngig sei.Privat habe er nicht so Erfreuliches zu vermelden. Seine Freundschaft mit einer Kollegin, die in letzter Zeit ohnehin etwas abgekhlt sei, sei nun wohl endgltig vorbei. Sie habe Kinderwnsche und unternehme gern lange Reisen. In beiden Punkten knne er ihre Erwartungen nicht erfllen. Auerdem habe sie etwas gegen seine gesundheitliche Ver-gangenheit.Holger hat sich gefangen. Er lebt selbststndig in einer kleinen Woh-nung und nimmt jeden Aushilfsjob an. Aber die Krankheit hat Spuren hinterlassen, sie hat seinen Lebensweg bis heute geprgt. Er wei, er muss sie auch fr die Zukunft in Rechnung stellen. Er hat gelernt, mit

    Das Leben danach

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    ihr zu leben und seine Lebensziele darauf einzustellen das mag man als traurig ansehen, aber alle Beteiligten wissen, dass es auch schlimmer htte kommen knnen.Fr mich ist in den ganzen zwanzig Jahren die Frage offengeblieben, ob ich die Krise schon frher als beginnende Psychose htte erkennen ms-sen, ob meine abwartende Haltung richtig war oder ob ich schon frher htte intervenieren mssen letzten Endes, ob der Krankheitsverlauf bei einem frheren Eingreifen vielleicht milder ausgefallen wre.

    Eine Geschichte

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    Die Krankheit

    Schizophrenie ist ein von Eugen Bleuler erfundenes Wort.Thomas Szasz

    Schizophrenie (griech.) von E. Bleuler eingefhrter Name fr die bis dahin nach E. Kraepelin Dementia Praecox genannte Gruppe verschiedenartiger, in ihrem Wesen noch wenig erforschter Krankheitszustnde. Die meisten Erkrankungen heilen nach wenigen Schben aus.Brockhaus Lexikon 1992

    Die Schizophrenie ist eine unverstandene psychische Strung. Schizo-phrenie steht fr ein Leiden, das Angst macht. Sie ist zudem die schil-lerndste aller psychischen Strungen. Schizophrenie ist gleichwohl entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil eine zwar ernste, aber gut behandelbare Krankheit. Die Schizophrenie ist nicht selten. Sie ist so hufig wie die insulinpflichtige Zuckerkrankheit. Jeder Hundertste von uns erkrankt daran. In jeder Nachbarschaft gibt es jemanden, der daran leidet.

    Das zentrale schizophrene Syndrom

    Jenseits aller Vielfalt, der ich in spteren Kapiteln nachgehen werde, gibt es Krankheitserfahrungen, die ein zentrales schizophrenes Syndrom (Wing) abbilden, das bei Kranken berall in der Welt anzutreffen ist. Es ist gekennzeichnet durch das Erleben der Eingebung von Gedanken, der Gedankenbertragung und des Gedankenentzugs, durch Stimmen, die der oder die Betroffene ber sich sprechen hrt oder die seine Hand-lungen und Gedanken begleiten, durch die vernderte Wahrnehmung seiner physischen Umgebung. So kann beispielsweise die ganze Welt in einen so intensiven persnlichen Bezug zu ihm treten, dass sich jedes Geschehen speziell auf ihn zu beziehen scheint und eine besondere Mit-teilung an ihn enthlt.

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    Es ist leicht einzusehen, dass die davon Betroffenen alle gelufigen Er-klrungen ihres kulturellen Hintergrunds abrufen, um diese Strung zu erklren: etwa Hypnose, Telepathie, Radiowellen oder Besessenheit. Mit einiger Fantasie kann man sich vorstellen, was sich zu Beginn einer schizophrenen Psychose abspielt, und verstehen, weshalb Angst, Panik und Niedergeschlagenheit so hufig sind, warum das Urteilsvermgen so oft beeintrchtigt ist. Menschen, die unerschtterlich von der Wirk-lichkeit dessen, was sie sehen und hren, berzeugt sind, haben aus Sicht der Mitmenschen Wahnideen. Sie erleben, dass andere ihnen zu nahetreten, sie bedrohen; sie fhlen sich verfolgt. Die Auenwelt nimmt das als Verfolgungswahn wahr.Andere Kranke isolieren sich. Ihre eigenen Gefhle werden ihnen fremd. Sie brechen ihre sozialen Kontakte ab. Sie verlieren ihren Antrieb. Sie kommen nicht mehr aus dem Bett. Sie vernachlssigen sich. Sie kn-nen gleichsam nicht mehr wollen. Sie kommen ihren persnlichen und sozialen Verpflichtungen nicht mehr nach. In der Folge geraten sie in vielfltige Schwierigkeiten.Das Erleben, insbesondere aber das Verhalten der Erkrankten sind fr andere oft nicht nachvollziehbar. Es leuchtet ein, dass eine Verstndi-gung zwischen verschiedenen Wahrnehmungswelten nur schwer mg-lich ist, manchmal sogar unmglich. Vor allem solange die Krankheit nicht als solche erkannt ist, reagieren Mitmenschen mit Unverstndnis. Sie erwarten, dass die anderen die Kranken die Regeln des blichen mitmenschlichen Umgangs einhalten, dass sie sich normal verhalten. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken, sie knnten es mit psychisch gestrten, verstrten Menschen zu tun haben. Sie verstehen deren Angst und Schreckhaftigkeit nicht und reagieren mit Gereiztheit, wenn sie mit ihrem Wunsch nach frher blicher Nhe und sozialem und emotio-nalem Umgang zurckgewiesen werden. Auch das Gefhlsleben der Kranken ist oft gestrt, ohne dass die Menschen aus ihrer Umgebung dies wissen knnen.Im Alltag gehen langwierige Leidensphasen dem Begreifen voraus, dass eine Krankheit vorliegt: heftige Konflikte zwischen den Kranken und ihren Angehrigen, Abbrche von Freundschaften, sozialer Rckzug, Ausschluss aus Vereinigungen und Gruppen, in denen sie lange gelebt haben, Berufs- und Wohnungsverlust, wenn nicht gar Verwahrlosung. Dem Scheitern der normalen psychologischen Bewltigungsversuche folgt die krisenhafte Zuspitzung, der psychische Zusammenbruch, der

    Die Krankheit

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    die Diagnose und die psychiatrische Behandlung oft erst mglich macht (Hfner 2005, 2010).Aber mit der Therapie ist es nicht getan, denn die Schizophrenie ist eine Krankheit, die den Kern der Persnlichkeit berhrt und das psycho-soziale Beziehungsgeflecht verndert. Unabhngig vom weiteren Ver-lauf muss das Psychoseerleben reflektiert und bewltigt werden. Und die Verwerfungen im sozialen Netzwerk mssen berwunden werden in der Familie, im Freundeskreis, in Ausbilddung und Beruf. Dabei be-darf der Genesende jenseits der Therapie auch der Untersttzung durch die Gemeinschaft der Gesunden.

    Schizophrenie als Metapher

    Schizophrenie ist nicht nur eine Krankheit; sie ist zugleich eine Meta-pher. Sie ist ein Symbolbegriff und steht im sprachlichen Gebrauch fr alles mgliche andere und nichts davon ist gut. Das Wort Schizo-phrenie wird somit zu einer Metapher der Diffamierung, des Vorur-teils und der Diskriminierung. Seine metaphorische Verwendung hat entscheidenden Anteil an der Stigmatisierung, der Beschdigung der Identitt der von der Krankheit Betroffenen. Und das hat verheerende Folgen: Jeder, der mit Psychosekranken und ihren Angehrigen zu tun hat, wei, welchen Schrecken die bloe Erwhnung des Wortes Schi-zophrenie hervorruft. Er hat gelernt, es nur sehr vorsichtig oder ber-haupt nicht zu verwenden. Offenbar hat der Begriff, so der Wiener Psychiater Heinz Katschnig (1989), ein Eigenleben entwickelt, das der heutigen Realitt der Krankheit Schizophrenie in keiner Weise ent-spricht.Das ist nicht das Ergebnis eines Versagens der Psychiatrie im Umgang mit ihrer zentralen Krankheit, sondern eine direkte Folge der Instru-mentalisierung des Begriffs als Metapher der Diffamierung. Als solche hat sie nichts mit jener Krankheit zu tun, deren besonderes Kennzeichen darin liegt, dass das Gesunde dem Schizophrenen erhalten bleibt (E. Bleuler 1911/1988). Schizophrenie als Metapher wird ausschlielich abwertend gebraucht. Sie nhrt Vorstellungen von Unberechenbarkeit und Gewaltttigkeit, von unverstndlichem, bizarrem oder widersin-nigem Verhalten und Denken. Ob Teenager etwas schizo finden oder

    Schizophrenie als Metapher

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    ob politisch Ttige das Handeln des Gegners als schizophren brand-marken, macht da keinen Unterschied. Das Wort schizophren eignet sich hervorragend zur diffamierenden Verkrzung.Was hilft es da, wenn der englische Sozialpsychiater John Wing mahnt, Schizophrenie habe nichts mit Gewaltttigkeiten bei Fuballspielen zu tun oder mit dem Verhalten gestresster Politiker, mit Drogenabhn-gigkeit oder Kriminalitt, mit der Kreativitt von Knstlern oder nicht nachvollziehbaren Umtrieben von Wirtschaftsmanagern und Gener-len: Es ist nicht einmal richtig, dass alle Menschen mit der Diagnose Schizophrenie verrckt sind; sie knnen aus der Sicht des Laien voll-kommen gesund sein (Wing 1978/2010, S. 133).Dieser Missbrauch des Wortes Schizophrenie leitet sich von vagen, vorurteilsbehafteten Vorstellungen von der Krankheit Schizophrenie ab. Aber diese prgen das Bild der Allgemeinheit von der Krankheit und den daran Erkrankten. Wen kann es da wundern, dass die Diagno-se Angst und Schrecken und heftige Abwehr auslst? Man will sie nicht wahrhaben. Schizophrenie ist deshalb keine Krankheit wie andere. Sie ist eine verrufene Krankheit (Sontag 1978).

    Die zweite Krankheit

    Zum Leiden an der Krankheit, ihren Symptomen und sozialen Folgen kommt das Leiden an Vorurteilen, Diskriminierung und Schuldzuwei-sung, am Stigma der Krankheit Schizophrenie, das auf diese Weise zu einer zweiten Krankheit wird, die um alles in der Welt verborgen wer-den muss. Deshalb wird immer wieder gefordert, die Medizin mge den Schizophreniebegriff aufgeben. Leider zeigt die Erfahrung, dass solche Unternehmungen regelmig scheitern. Aber nichts spricht dagegen, im Alltag den weniger belasteten wenngleich ungenaueren Begriff der Psychose zu verwenden.Wer versucht, Schizophreniekranke und ihre Angehrigen zu verstehen und ihnen zu helfen, wird mit Betroffenheit feststellen, in wie schreck-licher Weise das Bild der Allgemeinheit von der Krankheit ihr Leiden verstrkt. Es verzerrt die Selbstwahrnehmung der Kranken und ihrer Angehrigen, untergrbt ihr Selbstbewusstsein und prgt den Umgang der Gesunden mit ihnen in fataler Weise. So bleibt es nicht aus, dass

    Die Krankheit

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    die Diagnose Schizophrenie von allen Betroffenen und Mitbetroffenen in doppelter Weise als Katastrophe erlebt wird. Daraus folgt, dass sich alle Anstze zur Bewltigung der Schizophrenie nicht auf die Behand-lung der Krankheit selbst beschrnken drfen. Sie mssen den Betrof-fenen den Kranken wie den Angehrigen zugleich dabei helfen, die verletzenden und ungerechten Folgen von Diskriminierung und Stigma-tisierung zu berwinden (Finzen 2003, 2010 a).Ich werde in den folgenden Kapiteln versuchen, dieser doppelten Auf-gabe gerecht zu werden. Dabei wende ich mich zunchst den psycho-sozialen Auswirkungen des Einbruchs der Krankheit in die Lebenswelt der Betroffenen zu. Erst danach werde ich mich mit dem Verlauf der Krankheit und dem Umgang mit ihr beschftigen. Ich beginne mit der Darstellung der Folgen des Einbruchs der Psychose fr das Erleben und das Zusammenleben aller Beteiligten auch weil deren Bewltigung darber entscheidet, welche menschliche Untersttzung die Kranken in ihrem Leben mit der Krankheit und bei ihrer Bewltigung erfahren werden.

    Die zweite Krankheit

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    Die schizophrene Erkrankung: eine Katastrophe fr die ganze Familie

    Die Erkenntnis, dass ein Familienmitglied an einer Schizophrenie er-krankt ist, wird von Angehrigen einhellig als Katastrophe erlebt, als eine Katastrophe, die alles verndert. Wenn nichts mehr ist, wie es war ..., hie der Titel eines sehr erfolgreichen Buches, in dem Angeh-rige psychisch Kranker ber ihre erschtternden, bedrckenden Erfah-rungen und ber demtigende Erlebnisse berichten. Aus diesem Buch resultierte in den Achtziger- und Neunzigerjahren viel Ermutigung, nicht zuletzt fr die Selbstorganisation der Angehrigen. Heute ist der Angehrigenverband lngst professionell organisiert und eine verlss-liche Anlaufstelle.

    Stigma und Schuldzuweisung

    Was ist es, das die Erkrankung eines Angehrigen fr den Rest der Fa-milie zur Katastrophe macht? Ich bin berzeugt davon, dass das viel mit zwei sozialen Faktoren zu tun hat, die mit dem Krankheitsgeschehen selbst gar nicht zwingend verknpft sind: mit der Stigmatisierung der Kranken und der Schuldzuweisung an die Angehrigen.Wir alle leben in der Gewissheit, dass wir am Ende sterben mssen. Wir alle wissen, dass wir mit groer Wahrscheinlichkeit an einer Herzkreis-lauferkrankung oder an Krebs sterben werden und dass es vielfltige andere Krankheiten gibt, die vielen von uns Schmerzen und Leid, Ein-schrnkungen und Verlust an Lebensqualitt bringen knnen. Dennoch lassen wir das Wissen darum in gesunden Tagen nicht allzu nah an uns herankommen. Wir tun meistens so, als gehe uns das alles nichts an. Wahrscheinlich mssen wir das tun, um nicht aus bestndiger Angst vor kommendem krperlichem Leiden unsere psychische Gesundheit zu verlieren.Psychische Krankheit allerdings liegt uns noch ferner als krperliche. Sie geht uns in unserem Selbstverstndnis nun wirklich gar nichts mehr

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    an. Das ist rational schwer verstndlich, weil psychische Krankheiten ja keineswegs selten sind: Jeder Hundertste von uns erkrankt im Lauf sei-nes Lebens an einer Psychose. Die phasisch verlaufenden Depressionen und die manisch-depressive Krankheit sind annhernd ebenso hufig. Und zwischen fnfzehn und zwanzig Prozent der Bevlkerung befinden sich zu jedem gegebenen Zeitpunkt wegen Strungen der psychischen Befindlichkeit in rztlicher meist in hausrztlicher Behandlung.Aber schwere psychische Strungen haben einen vllig anderen gesell-schaftlichen Stellenwert. Schizophreniekranke sind stigmatisiert. Sie gehren nicht zu uns. Dennoch wird an ihnen deutlich, wie unmittel-bar stigmatisierte Menschen unserer Mitte entstammen und wie unver-schuldet das geschieht. Ihre Angehrigen sind diejenigen von uns, die sich in nchster Nhe dieses gesellschaftlichen Unfallortes aufhalten. Sie sind Zeugen und Mitbetroffene zugleich. Oft bentigen sie lange Zeit, um zu erfassen, was sich da vor ihren Augen inmitten ihrer Fami-lie zutrgt. Sie erleben Rat- und Hilflosigkeit. Die Stigmatisierung der Kranken trifft auch sie. Aber nicht nur das; sie mssen erfahren, dass sie, die Eltern, fr die Krankheit ihres Kindes verantwortlich gemacht werden: falsche Erziehung, mieses Familienklima ...Wenn wir die Statistik betrachten, drften schizophrene Psychosen ei-gentlich niemandem fremd sein. Die Erfahrung von Schizophrenie in der Familie, in der Nachbarschaft, im Bekannten- und Freundeskreis oder an der Arbeitsstelle msste uns vertraut sein. Wenn einer von hun-dert im Lauf seines Lebens an Schizophrenie erkrankt und einer von zweihundert aktuell krank ist, dann msste bei zwei Eltern mit durch-schnittlich zwei Kindern in jeder 25. Familie ein Krankheitsfall auftre-ten zhlen wir die Groeltern hinzu, in jeder zwlften.So darf man natrlich nicht rechnen, schon deswegen nicht, weil es leider familire Hufungen gibt. Dennoch, wenn schon nicht in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft, so msste doch jeder von uns hier und da einem Schizophreniekranken begegnen. Wenn das nicht der Fall ist, so kann das nur einen Grund haben: Stigmatisierung und Diffamierung, Ausgrenzung und Zurck-weisung sind auch heute noch so gewaltig, dass die meisten Familien die Krankheit ihres Angehrigen sorgsam verstecken. Und das erschwert die Bewltigung des gemeinsamen Schicksals ungemein.

    Stigma und Schuldzuweisung

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    Die Identitt der Eltern und die Rolle der Kinder

    Wie kommt es nun, dass eine andauernde oder sogar invalidisierende Krankheit der Kinder auch und besonders der heranwachsenden Kin-der die Eltern mit der gleichen Wucht trifft wie eine eigene schwere Erkrankung? Wie kommt es, dass viele Eltern grere Schwierigkeiten haben, die psychische Krankheit eines Kindes zu bewltigen und zu in-tegrieren als ein eigenes Leiden? Wie kommt es, dass viele Eltern die schizophrene Strung ihres Kindes als nachhaltige Verletzung, als Be-schdigung oder gar Zerstrung ihrer eigenen Identitt erleben?Um das zu verstehen, mssen wir uns ins Gedchtnis rufen, welche Rolle Kinder fr unser emotionales, soziales und materielles Leben spielen zumal wenn wir uns entschieden haben, selbst welche zu bekommen und aufzuziehen. Kinder werden fr Jahrzehnte zum Lebensmittelpunkt der Eltern. Sie stiften Sinn und knnen geradezu zu einer Begrndung des Daseins werden. Die triviale Tatsache, dass Eltern die materiellen Belastungen und die Einschrnkungen, die mit dem Aufziehen von Kin-dern zwangslufig verbunden sind, bereitwillig auf sich nehmen, mag deren groe Bedeutung fr die Elternidentitt unterstreichen.Vielfltige Fantasien, Hoffnungen, ngste, Wnsche, Frustrationen und Trstungen sind mit den Kindern verbunden. Sie sollen es einmal besser haben als man selbst. Sie sollen realisieren knnen, was einem selbst versagt geblieben ist. Sie entwickeln zu Mutter und Vater eine eigenstndige emotionale Beziehung, die heutzutage in vielen Fllen stabiler ist als die Beziehung des jeweiligen Elternteils zum Partner. Sie vermitteln zuverlssige emotionale Befriedigung.Das klingt nun alles sehr technisch, aber es ist keineswegs so gemeint. Diese Beschreibung der Rolle und Funktion von Kindern im Leben der Eltern mag gengen, um anzudeuten, was alles geschehen kann, wenn die Hoffnungen und Wnsche enttuscht werden, wenn sich die Zu-kunftsfantasien als falsch erweisen, wenn mit dem Heranwachsen der Kinder stattdessen die ngste in den Vordergrund treten und pltzlich alles anders kommt, als man es sich ber zwei Jahrzehnte oder noch lnger vorgestellt hat. Alles das sitzt sehr tief. Es ist vllig unmglich, sich von heute auf morgen umzustellen, sich darauf einzustellen, dass die Zukunft mglicherweise keine Erfllung von Hoffnungen und

    Die schizophrene Erkrankung: eine Katastrophe fr die ganze Familie

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    Wnschen fr das Kind bringen wird, dass dessen Eigenstndigkeit als Erwachsener bedroht ist und dass die emotionale und materielle Frsor-geverpflichtung der Eltern in eine ungewisse Zukunft hinein andauern wird.Nimmt man alles dies zusammen, dann kann man sich leichter vorstel-len, dass die Erkrankung eines Familienangehrigen an einer schizo-phrenen Psychose mit einer weniger gnstigen Verlaufsform dazu fhrt, dass nichts mehr ist, wie es war.

    Die Familienkatastrophe Schizophrenie

    Ich will der Familienkatastrophe namens Schizophrenie anhand von sechs Teilaspekten nachgehen. Ich nenne sie:

    1. die groe Krnkung,2. die Bedrohung des Familienzusammenhalts,3. der Verlust der Selbstverstndlichkeit,4. die Ungewissheit des Ausgangs und des Verlaufs,5. die Vernderung der eigenen Biografie,6. die Frage danach, was nach dem eigenem Tod wird.

    Jeder dieser Problemkreise fr sich allein macht eine Brde aus, die zu bewltigen Beharrlichkeit, Geduld und Kraft verlangt. Alle zusammen machen sie die dritte Krankheit aus: das Leiden der Angehrigen unter der schizophrenen Psychose eines Familienmitglieds, zu dessen Bewlti-gung sie Anspruch auf Hilfe und Untersttzung haben.

    Die groe Krnkung

    Wenn uns ein unerwarteter Schicksalsschlag trifft, reagieren wir, wie Soziologie und Sozialpsychologie herausgefunden haben, nach einem bestimmten, mehr oder weniger vorhersagbaren Muster. Das gilt un-abhngig davon, ob wir einen vertrauten Menschen durch Tod oder durch Trennung verlieren, ob wir selbst krank werden, ob wir unsere Arbeit und unser Vermgen verlieren oder ob ein Familienmitglied eine schwere Behinderung entwickelt.In einer ersten Phase neigen wir zur Verleugnung. Wir wollen nicht, dass das wahr ist. Wir bestreiten es einfach. Wir stecken den Kopf in

    Die Familienkatastrophe Schizophrenie

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    den Sand. Andere beten. Oft ist es ein Gemisch von alledem, was unsere Gefhle und unser Handeln bzw. unser Nichthandeln bestimmt. Um Himmels Willen nur keine Schizophrenie ist die stereotype Reaktion von Angehrigen, die ihr Kind oder ihren Partner erstmals in die psy-chiatrische Klinik bringen mssen: Schizophrenie? Was bedeutet die-ses Wort? Ich verstand es nicht, ich glaubte es nicht, berichtet Nancy Schiller im Buch ihrer Tochter Wahnsinn im Kopf (Schiller 2008), als sie das erste Mal mit der Diagnose konfrontiert wurde.Auf die Verleugnung folgen Zorn, Verzweiflung, Krnkung und das Rechten, warum ausgerechnet uns dieses Unglck geschehen ist. Dazu gehrt fast automatisch die Suche nach dem Schuldigen, fast immer auch nach der eigenen Schuld. Marvin Schiller, der Vater der schizophreniekranken Lori und selbst Psychologe, steht fr unzh-lige Eltern:

    Als ich Psychologie studiert hatte, fhrte man alle psychischen Krank-heiten, auch die ernstesten, auf eine Ursache zurck: auf Fehler in der Erziehung. Alles wurde darauf zurckgefhrt, wie man aufgewachsen war [...] Alle glaubten, dass die Ursachen fr psychische Strungen in den frhkindlichen Erfahrungen des Betroffenen zu suchen seien. Ein Patient mit ernsthaften psychischen Problemen war demnach in fr-hen Jahren einem unertrglichen Druck, inneren Widersprchen oder destruktiven Verhaltensweisen der Eltern ausgesetzt gewesen. Meiner Ausbildung zufolge war ich also an Loris Krankheit schuld, wenn sie wirklich ernsthaft psychisch gestrt war. Das konnte und wollte ich nicht glauben. Also weigerte ich mich einfach zu sehen, dass Lori tat-schlich krank war. An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass die Phase der Verleugnung und die des Rechtens ineinander bergehen knnen, ja dass sie sich ver-mischen. Andere Eltern suchen die Schuld in ihrer Verzweiflung an al-len mglichen Orten: im Mangel an Vitamin C, wie der amerikanische Chemie-Nobelpreistrger Linus Pauling das propagiert hat; im Mangel an Spurenelementen oder in Fehlernhrung, wie die orthomolekulare Psychiatrie das tut, oder hufig im Missbrauch von Drogen, insbe-sondere von Cannabis und LSD.Sie schlagen in Lexika nach, die auch heute noch eher zweifelhafte Auskunft geben. Sie suchen Hilfe an vernnftigen und unvernnftigen Orten. Ihre ersten Begegnungen mit Psychiatern und Psychopharmaka sind oft wenig ermutigend. Die Schwierigkeiten der Medikamenten-

    Die schizophrene Erkrankung: eine Katastrophe fr die ganze Familie

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    behandlung knnen sie nicht verstehen, weil man sie ihnen nicht er-klrt. Und ich kenne viele Beispiele, wo sie dann auf Heilpraktiker und Naturheiler, auf Handauflegerinnen und Wahrsagerinnen aus-weichen.Der Einbruch der Krankheit des Kindes in das eigene Leben wird auch als Grenzverletzung, als Beschdigung der eigenen Identitt schmerzlich empfunden und erlebt. Diese Phase bietet nur selten gnstige Voraus-setzungen fr eine vernnftige, zielgerichtete Auseinandersetzung mit der Krankheit und deren Auswirkungen auf das eigene Dasein. Fast regelmig schliet sich eine Zeit der Resignation, der depressiven Ver-stimmung, der stillen Verzweiflung an. Immer wieder bricht Angst ber die Angehrigen herein. Ihnen wird zunehmend bewusst, dass die Welt der Familie nicht mehr in Ordnung ist, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.Schuldzuweisungen von Dritten treten hinzu. Die Familie isoliert sich regelmig. Freunde und Bekannte ziehen sich zurck. Das gilt unab-hngig davon, ob die Angehrigen sich entschlieen, mit Freunden, Bekannten und Nachbarn ber die Krankheit des Familienmitgliedes zu sprechen oder darber zu schweigen. Schweigen ist immer noch die hufigere Reaktion. Ich zitiere noch einmal das Beispiel der Familie Schiller:

    Vor allem durfte, wenn Lori geholfen werden sollte, nichts von diesem Zwischenfall bekannt werden. Als Psychologe wusste ich, dass man sie sonst fr lange Zeit, wenn nicht fr immer, fr psychisch gestrt brand-marken wrde. Ich wollte nicht, dass meine Tochter [...] stigmatisiert wurde. Ich glaubte, dass die Gefahr vorbei sei und sie jetzt das Kranken-haus verlassen knne. Aber das Krankenhauspersonal wollte sie nicht gehen lassen [...]. Sie wollten Lori fr einige Tage zur Beobachtung auf der psychiatrischen Station behalten. Doch das kam fr uns berhaupt nicht in Frage. Ich wollte nicht, dass in Loris Akten irgendetwas stand, was ihr in ihrem spteren Leben einmal Schwierigkeiten bereiten konn-te. Die Krankheit zu verstecken ist nicht nur ein Merkmal der Phase der Verleugnung. Sie setzt sich in der Phase der Resignation fort und ver-strkt auf diese Weise die ngste, die Vereinsamung und Hilflosig-keit der Angehrigen. Erst danach kommt es gnstigenfalls zu einer Phase der konstruktiven Auseinandersetzung mit der Krankheit des Familienmitglieds und den Folgen. Die Familie stellt sich darauf ein.

    Die Familienkatastrophe Schizophrenie

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    Sie sucht gezielt und rational nach Hilfen, lsst sich beraten, schliet sich Selbsthilfevereinigungen an und versucht das Beste aus der neuen Situation zu machen. Aber das ist nicht einfach, vor allem dann nicht, wenn der Kranke selbst andere Vorstellungen davon hat, was fr ihn gut und richtig ist, als die Familie oder auch seine Therapeutinnen und Therapeuten. Fast regelmig entstehen dann unterschiedliche Auffassungen darber, was nun zu tun sei. Sptestens dann ist der Zusammenhalt der Familie bedroht.

    Die Bedrohung des Familienzusammenhalts

    Bei einer krperlichen Krankheit wissen wir in der Regel, was wir zu tun haben. Wir gehen zum Arzt. Der untersucht uns, stellt eine Diagno-se und gibt einem kompetenten Rat. Eine Behandlung wird eingeleitet, wenn dies erforderlich ist. Die Kranken und ihre Angehrigen knnen und mssen sich dann auf die Folgen der Erkrankung einstellen. An-ders als bei psychischen Strungen gibt es bei krperlichen Krankheiten in der Regel keine schwer berwindlichen Verstndnisschwierigkeiten. Vor allem herrscht bei krperlichen Leiden meist bereinstimmung, was zu tun ist.Bei psychischen Strungen ist das anders. Oft sind sie ber lngere Zeit nicht eindeutig abgrenzbar und diagnostizierbar. Selbst wenn das der Fall ist, stimmen die Vorstellungen von Fachleuten und Laien ber Art, Ursachen und Behandlungsnotwendigkeit nur begrenzt berein. Dazu kommen Vorurteile und Stigmatisierung und die Angst, die Psychiat-risierung der Kranken knne mehr schaden als ihr psychisches Leiden selbst. Diese Differenz in der Wahrnehmung und der Beurteilung der Krankheit besteht nicht nur zwischen Fachleuten und Angehrigen, sondern auch zwischen Fachleuten und Kranken. Die besondere Art ihrer Strung macht es ihnen oft ber lngere Zeit nicht mglich, zu verstehen und zu akzeptieren, dass das, was sie erleiden, eine Krank-heit ist und damit medizinischen Hilfen zugnglich.Etwas anderes kommt hinzu. Der Einordnung der Strung als Krank-heit ist oft eine lange Zeit der psychischen und psychosozialen Vern-derung vorausgegangen, die sowohl die Kranken wie die Angehrigen erlebt und erfahren haben, die sie aber alle nicht als Krankheit erkennen und erklren konnten. In der Anfangsphase ist es fr alle Beteiligten schwer zu begreifen, dass sie es mit einem ernsten, von Chronifizierung

    Die schizophrene Erkrankung: eine Katastrophe fr die ganze Familie

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    bedrohten medizinischen Leiden zu tun haben und nicht mit einer normalen Strung des Familienzusammenhangs oder mutwilligem sozialem Fehlverhalten. Solche Fehleinschtzungen sind besonders hu-fig, wenn die Erkrankung zum ersten Mal in der Sptpubertt auftritt, wo Ablsungskonflikte zwischen Kindern und Eltern ohnehin an der Tagesordnung sind.Der Versuch, das krankhaft gestrte Verhalten in normalen Kategorien zu erklren und zu bewltigen, ist zum Scheitern verurteilt. Er fhrt zu heftigen, emotional aufgeladenen Auseinandersetzungen in der Familie. Er endet nicht selten mit dem Ausschluss des spter als schizophren dia-gnostizierten Familienmitglieds. Gnstigenfalls folgen auf das Scheitern der normalen Bewltigungsversuche die Diagnose und die psychiatrische Behandlung. Allzu hufig werden aber Hilfserklrungen herangezogen, etwa der Missbrauch von Cannabis, Halluzinogenen oder anderen Dro-gen. Dabei wird in der Regel bersehen, dass der Drogenmissbrauch ebenso wie der bermige Genuss von Alkohol auch ein Zeichen der beginnenden schizophrenen Strung sein kann, beispielsweise in Form eines untauglichen Selbstbehandlungsversuchs.Es gehrt nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass Vater, Mut-ter und Geschwister im Verlauf der Strung zu ganz unterschiedlichen Auffassungen davon gelangen knnen, was denn nun zu tun sei. Die Mutter beispielsweise ist fr Verstndnis, Toleranz und Entgegenkom-men, der Vater fr eine klare und konsequente Linie. Die Geschwister meinen, beide Eltern htten Unrecht. Das gilt in der Vorphase, in der sich noch kein Familienmitglied darber klar ist, dass man es mit einer psychischen Krankheit zu tun hat. Das gilt oft aber auch noch nach der psychiatrischen Diagnose. Es gilt insbesondere dann, wenn eine Be-handlung gegen den Willen des Erkrankten notwendig ist.Lori Schillers Bruder berichtet nach der Krankenhauseinweisung seiner Schwester:

    Ich drehte durch, als meine Eltern mir erzhlten, was sie getan hatten. Ich stand da in der Kche, und meine Hnde zitterten vor Wut. Das ist nicht zu glauben!, schrie ich meine Eltern an. Das knnt ihr nicht machen. So knnt ihr eure Tochter doch nicht behandeln [...]. Ihr knnt nur nicht mit ihr umgehen. Ihr tut, was das Beste fr euch ist. [...] Ich glaubte damals wirklich, dass sie sie loswerden wollten [...]. Ich wusste, wie die Leute hier unangenehme Dinge vertuschten, wie Scheidungen, drogenabhngige Kinder oder Kndigungen. Dass meine Eltern Lori in

    Die Familienkatastrophe Schizophrenie

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    eine psychiatrische Klinik steckten, kam mir genauso verlogen vor. Es war etwas, worber man sich nur flsternd unterhielt. Wenn die Krankheit bekannt und innerhalb der Familie als solche an-erkannt ist, bestehen hufig dennoch erhebliche Differenzen ber den richtigen Weg des Umgangs mit den Kranken. Ist eine psychiatrische Behandlung wirklich notwendig oder nicht? Soll man es vielleicht nicht doch lieber mit einem Heilpraktiker versuchen? Darf man gar eine Be-handlung gegen den Willen des Kranken veranlassen? Oder: Muss man es vielleicht sogar?Nicht wenige Familien zerbrechen ber den Differenzen und den Be-lastungen, die die psychische Krankheit eines Familienmitglieds mit sich bringt. Immer wieder bleibt am Ende die Mutter mit dem schizo-phrenen Kind das lngst kein Kind mehr ist allein zurck, um sich am Ende vorwerfen lassen zu mssen, sie sei berngstlich oder berfrsorglich.

    Der Verlust der Selbstverstndlichkeit

    Das Zusammenleben mit einem Schizophreniekranken verndert alle Beteiligten. Das gilt in besonderem Mae, solange die Kranken durch Merkmale des zentralen schizophrenen Syndroms verndert sind, wenn sie Stimmen hren, die die anderen Familienmitglieder nicht hren kn-nen, wenn sie Botschaften aus dem Radio oder Fernsehen aufnehmen und ihr Verhalten davon bestimmen lassen. Es gilt vor allem aber, wenn die emotionale und rationale Kommunikation mit den Angehrigen durch die wahnhafte Wahrnehmung der Beziehungen zur belebten und unbelebten Welt verndert ist.Die Angehrigen verzweifeln, weil sie das nicht verstehen, die Kranken, weil niemand sie versteht. Was soll ich denn tun, klagt eine junge schizophreniekranke Frau, wenn nicht einmal meine Eltern mir glau-ben?Die Vernderung in den Beziehungen endet nicht mit dem Abklingen der akuten Psychose. Einmal sensibilisiert, reagieren viele Angehri-ge berempfindlich und berngstlich. Sie hren gleichsam das Gras wachsen. Neigten sie vor der Diagnose der schizophrenen Strung dazu, krankhaftes Verhalten zu normalisieren, verkehren sich die Verhlt-nisse nun. Jede Schlafstrung, jede gereizte Reaktion, jeder Missmut, jede Erschpfung, jede Fehlleistung wird nun zum mglichen Symptom,

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    zum neuerlichen Anzeichen eines Rckfalls. Bald schon kann der Kran-ke kaum noch etwas tun, was nicht schon wieder als symptomatisch erscheint. Die Selbstverstndlichkeit im Umgang mit dem anderen ist verschwunden. Die Ungewissheit hinsichtlich Ausgang und Verlauf ist allgegenwrtig.

    Die Ungewissheit des Ausgangs

    Die Schizophrenie, ich wiederhole es noch einmal, ist eine ernste, in der Regel aber gut behandelbare Krankheit. Aber: Niemand wei am Anfang, ob fr den einzelnen Kranken in seiner jeweiligen Situation der Ernst (etwa die Gefahr der Chronifizierung) oder die gute Behan-delbarkeit berwiegt. Am Beginn einer schizophrenen Psychose ist der Ausgang offen. Die Angst steht im Raum, dass es sich nicht um eine glimpfliche Verlaufsform handelt, nicht um eine einzelne Episode, die verschwindet und nie wiederkehrt, sondern um einen chronisch-rezidi-vierenden Verlauf, um eine invalidisierende Form.John Wing (1980) hat schon vor geraumer Zeit auf den Punkt gebracht, was die Angehrigen in besonderer Weise belastet: Das wechselnde Be-finden und Verhalten psychotischer Personen scheint eines der grten Probleme fr sie darzustellen. Die Eltern von geistig Behinderten wis-sen, wo sie stehen. Sie wissen, welche Entscheidungen sie ihren Kindern abnehmen mssen und was diese selbststndig bewltigen knnen. Die psychotisch Kranken dagegen mgen in der akuten Phase vllig unfhig sein, fr sich selbst zu entscheiden und zu sorgen, in der Erholungspha-se aber knnen sie wieder vollkommen selbststndig werden. Wenn sie dann nicht bereit oder in der Lage sind zu akzeptieren, dass ihre An-gehrigen zwischenzeitlich fr sie handeln mussten, kann das zu einer zustzlichen Last werden. Verzweifelte Hilflosigkeit ist gelegentlich das Ergebnis.Dazu kommt die wechselnde Herausforderung durch die Krankheit. Einmal sollen die Angehrigen sich zurckhalten, sich nicht einmischen. Das andere Mal mssen sie unbedingt und entschieden eingreifen, um die soziale Existenz, manchmal sogar das Leben des erkrankten Fami-lienmitglieds zu schtzen. Vielen Angehrigen fllt es schwer, dieses Wechselbad an Anforderungen und Gefhlen zu bewltigen.Einige lernen es, mit den Kranken nicht ber den Wahn und seine Hal-luzinationen zu diskutieren. Andere lernen es nie. Einige lernen es, den

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    antriebsverminderten, sozial zurckgezogenen Behinderten zu aktivieren, ohne ihn zu qulen. Wieder andere drngen den Kranken durch unabls-sige Antreiberei aus der Familie. Andere verkraften das Gefhl nicht, fr ihre Bemhungen Undank zu ernten oder die Dinge nur noch schlimmer zu machen, und ziehen sich selbst in Passivitt zurck. (Wing 1980)Das Einzige, was sicher ist, ist die Unsicherheit. An einem Tag freuen sie sich ber eine Initiative des erkrankten Familienmitglieds. Am nchsten Tag schon kommt der Rckschlag vielleicht kommt er aber auch nie. Das schizophreniekranke Kind beginnt eine Ausbildung und bricht sie wieder ab, beginnt ein Studium und bricht es wieder ab, bezieht eine eigene Wohnung und kehrt einen Monat spter nach Hause zurck, ist dynamisch und optimistisch und wenige Tage spter aus scheinbar nichtigem Anlass tief verstimmt; heute weltfremd und kurz danach realistisch und zugewandt. Und es ist keineswegs so, dass wenigstens diese Wechselhaftigkeit anhlt. Oft gibt es lange Phasen von Stabilitt manchmal halten sie ber Jahre, ja ber Jahrzehnte.Angehrige, die ein Wechselbad an Hoffnung und Verzweiflung hinter sich gebracht haben, die immer wieder Fortschritte und Rckschlge in regellosen und nicht berechenbaren Abstnden erlebt haben, knnen sich nie ganz sicher sein. Gelassenheit wird von ihnen verlangt, aber sie haben unterschwellig immer Angst.

    Die Vernderung der eigenen Biografie

    Der bliche Lebenslauf von Eltern in unserer Gesellschaft lsst sich grob so beschreiben: Sie haben ein Kind und ziehen es auf, bis es heran-gewachsen ist und schlielich das Haus verlsst. Es wird selbststndig. Die Eltern freuen sich an ihm und manchmal haben sie auch Kummer. Allerdings sind sie nicht mehr fr das Kind verantwortlich, wenn es erwachsen geworden ist. Haben die Eltern Glck und stimmen die Fa-milienbeziehungen, erfahren sie von dem Kind im Alter Untersttzung und Zuwendung. Letzteres ist heute nicht mehr so selbstverstndlich wie vor fnfzig Jahren, aber selbst wenn man sich von den Kindern verlassen fhlt, wenn man Undank sprt, muss man sich keine Sorgen mehr um sie machen.Bei Eltern von Schizophreniekranken ist das anders. Zu einem Zeit-punkt, zu dem andere Kinder das Haus verlassen, werden ihre Kinder erst recht untersttzungsbedrftig. Wenn sie noch im Teenageralter er-

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    kranken, bereiten sie zunchst Schwierigkeiten, die als Erziehungsprob-leme in Erscheinung treten. Sie fallen in ihrer psychischen Entwicklung und in ihrer Selbststndigkeit zurck. Sie finden nur mit Mhe oder gar nicht Anschluss an Gleichaltrige. Manchmal kehren sie ins Elternhaus zurck, nachdem sie bereits in eine eigene Wohnung oder in eine Wohn-gemeinschaft gezogen waren. Manche schaffen keine Berufsausbildung. Andere brechen ihr Studium ab. Viele verlieren ihre Arbeit. Manche werden frh invalidisiert, nicht wenige sogar bevor sie einen Rentenan-spruch erworben haben.Die Biografie der Eltern nimmt nicht den blichen Lauf. Die Abnabe-lung des kranken Kindes wird erschwert, hinausgezgert. Oft findet sie gar nicht statt. Die erwachsenen kranken oder behinderten Kinder blei-ben der Mittelpunkt des Lebens ihrer Eltern. Und immer finden sich wohlmeinende Freunde, Nachbarn und Therapeuten, die dies den El-tern anlasten. Teilweise haben sie dabei gewiss auch nicht ganz Un-recht, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Stigmatisierung und soziale Isolierung, Hilflosigkeit und Untersttzungsbedrftigkeit sind ein starkes Band. So kommt es, dass nicht wenige Schizophreniekranke mit und bei ihren Eltern altern, sodass irgendwann die bange Frage un-abweisbar ist: Was wird, wenn wir einmal nicht mehr leben?

    Was wird nach dem eigenen Tod?

    Wenn die Schizophrenie einen chronischen Verlauf nimmt, wenn die Eltern ber siebzig sind und die Kinder auf die fnfzig zugehen, dann spitzt sich die Frage Was wird, wenn wir nicht mehr leben? unerbitt-lich zu. Das ist keineswegs vorrangig eine Angelegenheit der berfr-sorglichkeit und ngstlichkeit der Eltern. Die gesellschaftliche Frsorge fr Behinderte und chronisch Kranke ist nach wie vor mangelhaft. Der grte Teil an Pflege und Zuwendung, an sozialer und materieller Un-tersttzung insbesondere psychisch Behinderter wird von ihren Fami-lien erbracht.Mit dem Altern der Eltern, mit deren eigener Pflegebedrftigkeit und endgltig mit deren Tod ndert sich nicht nur die psychosoziale Situa-tion der Behinderten, sondern auch ihre wirtschaftliche Lage in drasti-scher Weise.Die meisten Eltern leisten finanzielle Untersttzung aus ihrem Erspar-ten oder ihrer Rente. Denoch gelingt es nur ausnahmsweise und den

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    wenigen privilegierten Eltern chronisch psychisch Kranker, ein Verm-gen anzusammeln, das auch die wirtschaftliche Zukunft ihrer Kinder sichert. Die allermeisten sind nach dem Tod ihrer Eltern auf Sozialhilfe angewiesen. Nur gelegentlich knnen sie auf tatkrftige Untersttzung ihrer gesunden Geschwister bauen und um die emotionale Zuwendung ist es oft auch nicht zum Besten bestellt.Die amerikanische Psychiaterin Sarah D. Atkinson (1994) hat im Rah-men einer wissenschaftlichen Untersuchung gezeigt, dass anhaltende Gefhle von Verlust und Trauer das Leben und Erleben von Eltern mit schizophreniekranken Kindern nachhaltig prgen. Sie zeigen hn-liche Reaktionen wie die Eltern, deren Kinder infolge von Krankheit oder Unfall sterben. Allerdings besteht zwischen diesen und den Eltern chronisch kranker Kinder ein entscheidender Unterschied: Whrend es den meisten Angehrigen gelingt, die emotionalen Folgen des Todes ihrer Kinder innerhalb der darauffolgenden fnf Jahre zu berwinden, bewltigen Eltern von chronisch psychisch Kranken ihre Trauer und ihr Verlusterleben selten vollstndig. Vielmehr werden diese langfristig durch chronische Angst, wiederkehrende Schuldgefhle und dauernde Abhngigkeit ihrer erwachsenen Kinder kompliziert. Neben den kon-kreten Belastungen und Sorgen drngt sich lebenslang immer wieder die Frage auf, was aus dem Kind htte werden knnen, wenn es nicht krank geworden wre.Erst wenn man begriffen hat, warum die schizophrene Erkrankung eines Angehrigen eine Katastrophe fr die ganze Familie ist und wa-rum es gar nicht anders sein kann, bestehen gnstige Voraussetzungen fr die Bewltigung dieser Katastrophe. Das gilt fr die Hilfe wie fr die Selbsthilfe. Man kann lernen, dass die schizophrene Psychose eine Krankheit ist, dass sie der Behandlung zugnglich ist, dass sie durch un-vermeidbare, aber mutmalich unberechtigte Schuldgefhle und durch ungerechte gesellschaftliche Vorbehalte und Vorwrfe erschwert wird. Diesen Schuh muss man sich nicht anziehen. Das gilt fr die Kranken wie fr die Angehrigen. Aber fast immer bedarf es harter Arbeit, inten-siven Nachdenkens und oft auch einer therapeutischen Reflexion, bis man das verinnerlicht hat.

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    Das Leid der Kinder

    Auch Kinder sind Angehrige.Mahnung an die Erwachsenen

    Das Leid der Kinder Psychosekranker war lange ein weier Fleck auf der Landkarte der Psychiatrie. Die Wissenschaft hat sich allzu lange vorrangig fr ihr Risiko interessiert, selbst zu erkranken, und nicht fr ihre Alltagsprobleme. Wenn man diese betrachtet, wird rasch sichtbar, dass die ngste der Eltern, die Krankheit knnte ffentlich werden, wesentlich zum Leid der Kinder beitrgt, die regelmig ein Schweige-gebot auferlegt bekommen, sogar gegenber ihren engsten Freunden. Das kann nicht gut sein.

    Wenn Eltern psychisch erkranken

    Wenn von Angehrigen psychisch Kranker die Rede ist, denken wir meist an Eltern, gelegentlich an Partner und Geschwister, selten an Kin-der. Aber psychisch Kranke haben Kinder; und diese Kinder sind, insbe-sondere bei chronisch-rezidivierendem Krankheitsverlauf, von der psy-chischen Erkrankung ihrer Mutter oder ihres Vaters in einschneidender Weise mitbetroffen. Whrend es den Eltern und Partnern mittlerweile gelungen ist, sich Gehr zu verschaffen, ist es um die Kinder und ihr Schicksal still geblieben. Es entsteht der Eindruck, dass man in den Kli-niken und whrend der ambulanten Betreuung die Augen vor diesem wichtigen Problem verschliet, dass die Therapeutinnen und Thera-peuten einen ngstlichen, von Hilflosigkeit bestimmten Bogen um die Sorgen und Nte der mitbetroffenen Kinder machen, die ja nicht ihre Patienten sind. Auch in Angehrigenvereinigungen und Selbsthilfegrup-pen sind heranwachsende und erwachsene Kinder psychisch Kranker nur selten anzutreffen, noch jngere berhaupt nicht.Auch wissenschaftliche Literatur zu den Problemen, den Sorgen und der Lebenssituation der Kinder psychisch kranker Mtter und Vter war

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    bis vor wenigen Jahren kaum vorhanden. Die wenigen auffindbaren Beitrge entpuppten sich meist als Untersuchungen zur Genetik und zur Psychodynamik der Eltern-Kind-Beziehung unter diesen besonde-ren Voraussetzungen. Die konkrete Betroffenheit der Kinder geriet nur ausnahmsweise ins Blickfeld.Eine der frhen Ausnahmen stellt eine vorwissenschaftliche Scht-zung von Klaus Ernst (1978) dar. Er befasste sich in einer heute noch lesenswerten Arbeit mit der Belastung der Kinder hospitalisierungsbe-drftiger psychisch Kranker. Er schtzte, dass ein Drittel der Kinder durch die Krankheit der Eltern schwer belastet wrden, die Hlfte mit-telgradig und ein Fnftel unerheblich. Eine durchschnittlich schwe-re Belastung liegt im folgenden Beispiel vor:

    Y Beispiel Die 39-jhrige Mutter eines 7-jhrigen Mdchens macht in-nerhalb von acht Jahren fnf Krankenhausbehandlungen wegen ihrer schizophrenen Psychose durch. Die Krankenhausaufnahmen verzgern sich regelmig wegen des Widerstandes der Mutter. In solchen Zeiten verwahrlost der Haushalt mehrmals schwer. Die psychiatrische Nach-behandlung bricht die Patientin regelmig ab, sodass es rasch wieder zu Rckfllen kommt. Unter dem Einfluss verworrener Ideen zndet sie unter anderem die Wohnung an, zerschneidet die Kleidung des Ehe-mannes, uriniert dem Kind in die Spielsachen. Das Kind lebt berwie-gend in Angst vor der Mutter, einmal wnscht es, sie mge tot sein. Die zwischenzeitlichen gesunden beziehungsweise symptomfreien Intervalle sind nur kurz. Ernst fasst seine Beobachtungen zusammen: Die mitgeteilten Erfah-rungen liefern eine unter zahlreichen Illustrationen fr die Verkehrtheit des Klischees, wonach die intolerante ffentlichkeit ihre unbequemen Mitglieder in die psychiatrische Klinik abschiebe. Gequlte Familien sind keine ffentlichkeit. Im Gegenteil werden Kinder auch heute noch von der (hiermit bermig toleranten) ffentlichkeit als elterliches Ei-gentum betrachtet, das die Nachbarn nichts angeht. Die Verpflichtung zur Hilfeleistung entsteht nicht erst mit dem Nachweis der Pathogenitt eines Leidens.Wichtige Impulse fr die weitere Auseinandersetzung mit dem Leid der Kinder psychosekranker Eltern vermittelte eine Untersuchung der Zrcher Sozialarbeiterinnen Yvonne Hnni und Margrit Wthrich (1993): Wie erleben Kinder die psychische Erkrankung eines Eltern-

    Das Leid der Kinder

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    teils? Sie zeigten, dass insbesondere bei der psychischen Erkrankung der Mutter die Kinder oft nicht die ntige Sicherheit und Frsorge er-halten. Das Verhalten des erkrankten Elternteils verndert sich. Das hat zwangslufig Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder, umso mehr, je schwerer die Erkrankung ist und je lnger sie dauert. Wenn Kinder bei der Erkrankung und Unterbringung ihrer Eltern alleinge-lassen werden, entwickeln sie ngste und Ratlosigkeit. Die Krankheit, unter der sie sich nichts vorstellen knnen, beschftigt sie. Wenn ihre Fragen dazu nicht beantwortet werden, entwickeln sie Fantasien, die oft schlimmer sind als die Wirklichkeit.

    Schweigen und Schuldgefhl

    Wenn professionelle Helferinnen und Helfer bei einer Klinikeinweisung eingreifen, steht die aktuelle Betreuungssituation im Mittelpunkt. Sie wird rasch und krisenhaft gelst oft durch Fremdplatzierung, also eine Unterbringung in einer Klinik. Damit ist der Auftrag der interve-nierenden Behrde vorerst erledigt, obwohl die Leidensgeschichte der Kinder zu diesem Zeitpunkt oft erst beginnt und ber Jahrzehnte an-dauern kann.Die Befunde der oben genannten Autorinnen ber die Erfahrungen der Kinder sind leider auch heute noch charakteristisch: Fast ausnahmslos hatten sie mit ihrem besonderen Schicksal allein fertig werden mssen. Sie erlebten von klein auf, wie ihre Mtter aufgrund der Erkrankung im Mittelpunkt des Familiengeschehens standen und ihre eigenen Bedrf-nisse zurcktreten mussten. Kaum jemand der Befragten hatte als Kind Menschen, mit denen er ber seine Sorgen und Probleme htten spre-chen knnen. Im Gegenteil, in den Familien herrschte durchweg Schwei-gegebot. Die Eltern wnschten nicht oder hielten es nicht aus , dass ber die Krankheit gesprochen wurde. Insbesondere durfte in der Regel nichts darber nach auen treten. Auch die Lehrer wurden nur selten ins Bild gesetzt. Wenn die Kinder dennoch darber sprachen, etwa weil sie meinten, ihren Freunden das ungewhnliche Verhalten des kranken Elternteils erklren zu mssen, hatten sie durchweg Schuldgefhle.Eine Aufklrung ber die Krankheit erfolgte durchweg nicht, weder durch den gesunden Elternteil noch durch irgendwelche Fachpersonen.

    Schweigen und Schuldgefhl

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    Die Kinder mussten frh Verantwortung bernehmen. Nicht selten mussten sie mit acht oder zehn Jahren die Aufrechterhaltung des Haus-halts gewhrleisten und einen Teil der Frsorge fr jngere Geschwister bernehmen. Dennoch sahen die Kinder, die das unbeschadet berstan-den haben, ihre Kindheit positiv eben weil sie frh selbststndig ge-worden seien.Allerdings besteht Grund zu der Annahme, dass diese Kinder den Mangel an beschtzender, verstndnisvoller Frsorge, der ihnen einen wichtigen Teil einer unbeschdigten Kindheitsentwicklung geraubt hat, mehr oder weniger bewusst verdrngten. Die befragten Kinder wa-ren nach der Beurteilung der Untersucherinnen bemerkenswert stabil. Das sollte aber nicht darber hinwegtuschen, dass die wenigen vor-liegenden Untersuchungen ber die seelische Gesundheit von Kindern psychisch kranker Eltern darauf hinweisen, dass deren Risiko, selbst psychisch zu erkranken, mindestens doppelt so hoch liegt wie in der Durchschnittsbevlkerung. Und das ist keineswegs nur eine Frage von genetischer Belastung.Mittlerweile ist die Forschung (Remschmidt/Mattejat 1994; Soll-berger 2000; Lenz 2005, 2008) zur psychosozialen Leidenssituation der Kinder psychisch kranker Eltern in Bewegung gekommen. Dabei werden zwei Aspekte, die schon Hnni und Wthrich hervorgehoben haben, immer wieder sichtbar. Neben mangelnder beschtzender und verstndnisvoller Frsorge mssen diese Kinder frhzeitig Aufgaben, Rollen und Verpflichtungen des erkrankten Elternteils bernehmen. Ebenso regelhaft waren sie durch ngste der Eltern und deren Furcht vor Stigmatisierung in Freundeskreis und Schule isoliert und damit in ihrer Lebensentwicklung zustzlich beeintrchtigt und belastet.

    Wie kann Hilfe aussehen?

    Wie kann nun Abhilfe geschaffen werden? Es besteht bereinstimmung darber, dass der erste Schritt darin bestehen sollte, dass sich die Behan-delnden dem sozialen Problem der Mitbetroffenheit aller Familienange-hrigen zu stellen haben. Das gilt in besonderem Mae fr die jngeren Kinder. Die Betreuung auerhalb der Familie mag in der akuten Situati-on sinnvoll sein, auf die Dauer ist sie jedoch in den meisten Fllen keine

    Das Leid der Kinder

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    Lsung. Vielmehr sind Hilfeangebote dringlich, die mit der Aufklrung der mitbetroffenen Kinder beginnen und ihnen, wo immer dies mglich ist, helfen, gemeinsam mit dem gesunden Elternteil mit dem Leiden des Kranken leben zu lernen und dabei die eigenen Bedrfnisse nach Schutz, Frsorge und einer unbeschdigten Kindheitsentwicklung nicht zurck-zustellen. Das ist keine leichte Aufgabe.Das Heranwachsen in einer Familie mit einem psychisch kranken Va-ter oder einer kranken Mutter prgt das weitere Leben auf Dauer. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ber ihre Erfahrungen berichteten, tun sich auch heute noch schwer, sich abzugrenzen und ihr eigenes Leben zu leben. Sie haben Schuldgefhle, wenn sie sich vom Elternhaus lsen und versuchen, mit den realen Belastungen zu-rechtzukommen, die die chronische Erkrankung des Elternteils mit sich bringt.Erfahrungen in Selbsthilfegruppen sind zwiespltig. Sie scheinen nicht ganz selten dazu zu fhren, das Ausma der schier unertrglichen Belas-tung zunchst einmal ungebremst ins Bewusstsein zu rcken. Es ist gut mglich, dass der mittlerweile klassische Gedanke, von Krankheit Mitbetroffene zur gegenseitigen Untersttzung und Strkung in Selbst-hilfegruppen zusammenzufassen, bei jngeren Kindern unter bestimm-ten Voraussetzungen verfehlt ist. Ich halte es fr mglich, dass Kinder eher altersgerechte individuelle Untersttzung bentigen. Das kann, muss aber nicht immer eine Psychologin oder ein Sozialarbeiter sein: Es gibt ltere Geschwister, andere Verwandte, Freunde der Familie oder Eltern von Schulfreunden, die solche Aufgaben bernehmen knnen.Die Voraussetzung dafr ist aber, dass sie berhaupt von der Erkran-kung wissen. Es gibt inzwischen auch altersgerechte und krankheitsspe-zifische Kinderbcher, die dabei helfen knnen (Boje 2004; Homeier 2006; Trostmann/Jahn 2010). Es lohnt sich, bei Angehrigen-Orga-nisationen nachzufragen. Im brigen sei auf das mittlerweile klassische Buch von Fritz Mattejat und Beate Lisofsky Nicht von schlechten Eltern (2009) verwiesen.Erfahrungen aus den letzten Jahren zeigen aber, dass es sinnvoll ist, Heranwachsende und junge Erwachsene mit psychisch kranken Eltern zum Zusammenschluss in Selbsthilfegruppen zu motivieren. Sie leben in einer besonderen Problemsituation, fr deren Lsung es keine Vor-bilder oder Modelle gibt. Zu einem Zeitpunkt, zu dem sich andere Ju-gendliche von ihren Eltern lsen, bleiben sie an ihren kranken Vater

    Wie kann Hilfe aussehen?

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    oder ihre kranke Mutter gebunden. Die Umkehrung des Eltern-Kind-Verhltnisses, die sich in der Zeit ihres Heranwachsens allmhlich voll-zogen hat, lst sich nicht auf, weil sie nun erwachsen geworden sind und mit Recht den Anspruch stellen, nun auf eigenen Fen zu stehen. Oft erwartet die kranke Mutter oder der kranke Vater insbesondere von der Tochter, dass sie im Haus bleibt und den Haushalt fhrt, wie sie das irgendwann in der Kindheit gelernt hat. Wenn sie dennoch aus-zieht, sind Schuldgefhle die Folge. Wenn sie bleibt, geschieht das nicht selten um den Preis der Verkmmerung der eigenen Entwicklung.Nicht wenige junge Erwachsene erleben die daraus resultierenden Be-lastungen, die ber Jahrzehnte anhalten knnen, auf die Dauer als un-ertrglich. Hier knnen Rat und gegenseitige Untersttzung von Men-schen mit hnlichen Problemen von groem Nutzen sein.

    Das Leid der Kinder

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    Niemand hat Schuld

    Also, so wurde uns von mehreren Seiten erklrt, gebe es nur eine Erklrung, und das sei berhaupt die Erklrung fr die rtselhafte Krankheit Schizophrenie: falsche Erziehung, mieses Familienklima.Rose Maria Seelhorst

    Eine schizophrene Psychose verndert das eigene Leben das der Kran-ken und das der Angehrigen und Freunde. Das resultiert zum einen aus dem Leid der Krankheit selbst: andauernde Symptome und die Krankheitsfolgen. Da sind zum anderen Vorwrfe und Selbstvorwrfe. Die Kranken fragen sich zwangslufig: Warum ich? Die Angehri-gen, vor allem die Eltern, fragen sich ebenso zwangslufig: Was haben wir falsch gemacht?Ist es richtig, dass man sich mit dieser Frage konfrontiert? Niemand macht in der Kindererziehung alles richtig, sicherlich finden sich im-mer ungnstige Faktoren in der eigenen Familiengeschichte. Aber es ist ebenso richtig, dass man es eben mit einer Krankheit zu tun hat, mit einer Krankheit, an der niemand schuld ist. Viel wichtiger ist es, sich zu fragen: Was kann ich tun? Was kann ich tun, um die Behandlung mglichst erfolgreich zu gestalten, um die Krankheit zu bewltigen und mit ihr leben zu lernen. Dies gilt fr die Kranken ebenso wie fr die Angehrigen.

    Was haben wir falsch gemacht?

    Was haben wir falsch gemacht? Wer diese Frage stellt, hat beinahe schon verloren. Und doch bleibt sie niemandem erspart, der mit einer schizo-phrenen Erkrankung in der Familie konfrontiert wird. Schizophrenie ist eine jener Krankheiten, die irgendwie erklrungsbedrftig erscheinen, fr die dann aber auch schnell ein Sndenbock herhalten muss, denn so denken wir in westlichen Gesellschaften jemand muss ja schuld sein. Und das sind seit Frieda Fromm-Reichmann vor mehr als sechzig

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    Jahren das Wort von der schizophrenogenen Mutter prgte fast immer die Eltern. Damit wird diese Zuweisung unausweichlich auch zu ihrem Leiden. Es hat lange gedauert, bis die Fachwelt ihnen zuhilfe kam (mit dem Freispruc