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  • Die Hierarchie der Staatenwelt.

    Historische-komparative Untersuchungen zu einer Theorie der

    internationalen Ordnung

    von Ulrich Menzel

    Dieser Text ist ein Werkstattbericht. Er stammt aus der Werk-

    statt eines vor gut sechs Jahren begonnenen Projekts, das

    nichts Geringeres beansprucht, als eine Erklrung der Welt zu

    liefern eine Erklrung, wie die groen Probleme und Konflik-

    te der Welt bearbeitet werden, die aufgrund ihrer grenzber-

    schreitenden oder gar globalen Reichweite die Regelungskompe-

    tenzen eines einzelnen Nationalstaats bersteigen. Dabei sind

    verschiedene Modelle denkbar, unter denen eines unter dem

    Schlagwort Neue Weltordnung nach dem Ende des Ost-West-

    Konflikts fr einige Zeit Konjunktur hatte. Die dahinter ste-

    hende Idee brach sich aber bald an den weltpolitischen Reali-

    tten. Die Welt wurde keineswegs neu und geordnet. Das Gegen-

    teil war der Fall, so dass man besser von der Rckkehr zur

    alten Unordnung der Welt sprechen sollte. Trotz aller Appel-

    le an die Kooperation der Staaten im Sinne eines Global

    Governance ist sogar die Bereitschaft zur militrischen Inter-

    vention in vielen Teilen der Welt gewachsen.

    Diese Beobachtung gab seinerzeit Anlass zu der Frage, ob es

    neben den beiden klassischen Weltordnungsmodellen aus der Leh-

    re von den Internationalen Beziehungen, die dem idealistischen

    (Spinnwebmodell) oder dem realistischen (Billiardballmodell)

    Paradigma folgen und beide dem Axiom von der Anarchie der

    Staatenwelt anhngen, nicht weitere Weltordnungsmodelle gibt,

    die vom Axiom der Hierarchie der Staatenwelt ausgehen? Diese

    folgen dem strukturalistischen Paradigma (Schichttortenmodell)

    und lassen auch zwei konkurrierende Varianten zu. Gemeint sind

    hegemoniale und imperiale Weltordnungen, die nicht nur theore-

    tische Konstrukte sind, sondern sich auch empirisch nachweisen

  • 2

    lassen. Die Hypothese, die als Leitfaden des Projekts dient,

    lautet: Der Verlauf der Weltgeschichte lsst sich (auch) als

    Abfolge von hegemonialen und/oder imperialen Weltordnungen le-

    sen. Imperien oder Hegemonien sind zumindest zeitweise in der

    Lage, eine internationale Ordnung zu errichten. Reichen ihre

    Krfte dazu nicht mehr aus, wird das internationale System in-

    stabil, kommt es zu globalen Konflikten, die sich als Aus-

    scheidungskmpfe zwischen absteigenden und aufsteigenden gro-

    en Mchten interpretieren lassen, an deren Ende jeweils neue

    Weltordnungen errichtet werden1.

    Ob diese Hypothese sich verifizieren lsst, sollte anhand von

    historisch angelegten Fallstudien untersucht werden. Bei der

    Auswahl der Fallstudien war die klassische Frage zu beantwor-

    ten: Wo beginnen? Theoretisch mglich wre ein Rckblick weit

    vor die Zeit des Rmischen Reiches. Dies htte aber die Kraft

    und den Rahmen des bereits durch die Fragestellung sehr stra-

    pazierten Projekts gesprengt. Zur Eingrenzung bietet sich an,

    pragmatisch vorzugehen. Empirisch lsst sich nur untersuchen,

    was durch wenigstens halbwegs seris verfgbare Daten auch

    untersuchbar ist. Da es um Weltordnungen und nicht nur um re-

    gionale Ordnungen geht, ist ferner die Reichweite mglicher

    Imperien oder Hegemonien als Abgrenzungskriterium von Belang.

    Weder die altamerikanischen Reiche, noch das Rmische Reich

    oder das gleichzeitig bestehende Chinesische Kaiserreich, noch

    die vielen orientalischen Reiche auf der eurasischen Landmasse

    zwischen Mittelmeer und China hatten eine globale Reichweite

    oder Einfluss, der ber die an ihr Herrschaftsgebiet angren-

    zenden Gebiete weit hinaus ging. Dies nderte sich erstmals in

    der Herrschaftszeit der Mongolen. In deren Blte zwischen 1250

    und 1350 konstituierte sich eine Frhform von Weltwirtschaft,

    die zumindest die gesamte alte Welt der eurasischen Landmasse

    1 Jngstes Beispiel dieser Sicht der Welt ist Parag Khanna, Der Kampf um die Zweite Welt. Imperien und ihr Einfluss in der neuen Weltordnung. Berlin 2008. In diesem Kontext sehr anregend Hans-Heinrich Nolte, Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme 15.-19. Jahrhundert; Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wien 2005, 2009.

  • 3

    und Nordafrikas umfasste und als Globalisierung vor der Globa-

    lisierung bezeichnet werden kann. Insofern bietet sich die

    Herrschaft der Mongolen als Ausgangspunkt einer Untersuchung

    ber Weltordnungen an2. Um aber den Aufstieg der Mongolen und

    deren Leistungen in der ra der Pax Mongolica verstehen zu

    knnen, kommt man nicht umhin, die Vorlufer, die sie sich zu

    Dienste gemacht haben, zu bercksichtigen. Gemeint sind neben

    Persien und diversen kleineren zentralasiatischen Kulturen vor

    allem das China der Song-Zeit (960-1204)3. Die Song haben nicht

    nur herausragende technische, wirtschaftliche und zivilisato-

    rische Leistungen hervorgebracht, die das hohe Bevlkerungs-

    wachstum und die Expansion staatlicher Ttigkeiten zulieen,

    sondern auch weit ber die traditionelle Einflusszone Chinas

    hinaus bis ins Becken des Indiks gewirkt4.

    Ausgehend von der Song-Zeit wurden bislang 13 Fallstudien zu

    Song-China, dem Mongolischen Reich, Genua, den frhen Ming,

    Venedig, Portugal, dem Osmanischen Reich, Spanien, den Nieder-

    landen, Frankreich, England/Grobritannien (fr das 18. und

    19. Jhd.) und die USA bis 1990 angefertigt5. Eine weitere Fall-

    studie zu den USA nach 1990 knnte folgen. Eine Fallstudie zur

    Volksrepublik China seit der Wende zur ffnung und Modernisie-

    rung des Landes 1978 wre denkbar. Die in den Fallstudien je-

    weils behandelten Zeitausschnitte wurden so gewhlt, dass die

    jeweilige Macht im Zenith ihres internationalen Einflusses in

    2 Vgl. dazu Janet L. Abu-Lughod, Before European Hegemony: The World System A.D. 1250-1350. New York 1989. 3 Vgl. dazu Mark Elvin, The Pattern of the Chinese Past: A Social and Economic In-terpretation. Stanford 1973. 4 Roderich Ptak, Die maritime Seidenstrasse. Kstenrume, Seefahrt und Handel in vorkolonialer Zeit. Mnchen 2007. 5 1: Song-China 960-1204, 2: Pax Mongolica 1230-1350 und die Globalisierung vor der Globalisierung, 3: Genua und die mediterrane Weltwirtschaft 1261-1350, 4: Die fr-hen Ming (1368-1435) und die Restauration des Tributsystems, 5: Venedig Seemacht mit imperialem Anspruch 1381-1499, 6: Portugal 1494-1580: Seaborne Empire oder Hegemonialmacht im Indik?, 7: Das Osmanische Reich (1453-1571): Weltreich zwischen Europa und Asien oder Hegemonialmacht im Orient?, 8: Spanien 1515/191648/59: Das geerbte Imperium, 9: Die Niederlande und ihr Goldenes Zeitalter 1609-1713, 10: Frankreich 1635-1714: Der gezgelte Hegemon, 11: England/Grobritannien 1713-1783: Das erste Empire, 12. Grobritannien 1783-1919: Das zweite Empire. Alle Fallstudien sind einsehbar unter: http://www-public.tu-bs.de:8080/~umenzel/inhalt/dienstleistungen/hegemonie.html

  • 4

    Erscheinung tritt, wobei jeweils die Vorgeschichte des Auf-

    stiegs und der nach dem Zenith einsetzende Niedergang berck-

    sichtigt wurden. Aus der Aneinanderreihung der Aufstiegs- und

    Niedergangsphasen der genannten Mchte entsteht eine nahezu

    lckenlose Weltgeschichte der letzten 1000 Jahre. Nicht be-

    rcksichtig wurden gescheiterte Aspiranten, wie etwa Frank-

    reich in der Napoleonischen ra oder Deutschland zwischen 1871

    und 1945, an deren Ende Hitler ein Imperium in Europa errich-

    ten wollte und dafr auch den Begriff neue Ordnung verwende-

    te6. Das gleiche gilt fr Japan seit der Meiji-Zeit oder die

    Sowjetunion nach 1945. Unbercksichtigt blieben auch weitere

    orientalische Groreiche wie Mogul-Indien oder Persien whrend

    der Safawidenzeit, die mit den Osmanen die Landbrcke von Eu-

    ropa bis Indien beherrscht und damit den transeurasischen Han-

    del kontrolliert haben, oder informelle Verbnde wie die Han-

    se, fr die der Vorort Lbeck eine Art Hegemonialposition ein-

    genommen hat.

    Alle Fallstudien wurden nach dem gleichen Muster angefertigt.

    Was waren die Ursachen des jeweiligen Aufstiegs? Gegen welche

    Rivalen mussten sich die groen Mchte durchsetzen? Vermochten

    sie eine Weltordnung zu errichten? Welche Leistungen haben sie

    dabei fr die brige Welt erbracht? Welche Faktoren sind fr

    ihren Niedergang verantwortlich? Wie sind sie mit der

    Niedergangsproblematik umgegangen? Welche Konsequenzen hatte

    der Niedergang fr die Weltordnung? Material fr die Fallstu-

    dien liefert im wesentlichen die vorhandene Sekundrliteratur,

    die synthetisierend ausgewertet wurde. Zu manchen Detailfragen

    wurde zustzlich Primrmaterial herangezogen. In jedem Fall

    wurde versucht, die wichtigsten Aussagen unter Verwendung der

    historischen Statistik auch quantitativ zu belegen. Je mehr

    man sich der Gegenwart annhert, desto eher und desto zuver-

    lssiger sind quantitative Belege mglich. Fr die frhere

    6 Mark Mazower, Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialis-mus. Mnchen 2009.

  • 5

    Zeit muss man sich mit phantasievollen Indikatoren begngen

    oder auf qualitative Aussagen bauen.

    Im Verlauf der Arbeit stellte sich rasch heraus, dass die

    Wirklichkeit sehr viel differenzierter ist, als noch so ber-

    legt formulierte, aber deduktiv gewonnene Modelle, wie sie die

    Welt