Erinnerungen an Ornithologen, die ich kannte

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<ul><li><p>J. Ornithol. 139, 325-348 (1998) Deutsche Ornithologen-Gesellschaft/Blackwell Wissenschafts-Verlag, Berlin ISSN 0021-8375 </p><p>Erinnerungen an Ornithologen, die ich kannte </p><p>Eugeniusz Nowak </p><p>Langenbergsweg 77, D-53179 Bonn </p><p>Summary </p><p>Reflections on Ornithologists whom I used to know </p><p>Written version of a presentation which was held during the Annual General Meeting of the German Ornithologists Society in 1997 in Neubrandenburg, and which received much acclaim. The author relates the personal histories of some 15 outstanding ornithologists (most from Eastern and Western Europe) now deceased who lived around the middle of the twentieth century. The scientific achieve- ments of the people involved are barely touched upon; rather the tenoraccent of the presentation is an investigation of the impact of socio-political relationships on their scientific activities and the involvement of some of the scientists in politics. The author presents the facts not as accusations or indictments, but rather as a stimulus to the younger generation of scientists to consider the issues, in particular to think "What would I have done if I had lived there or at that time?" </p><p>Key words: History of ornithology, biographies, politics and science </p><p>Zusammenfassung </p><p>Auf Anregung des ,,Journal"-Herausgebers hat der Autor seinen am 28. September 1997 vor der 130. DO-G-Jahresversammlung in Neubrandenburg gehaltenen Vortrag ffir die nachfolgende Vertffentli- chung niedergeschrieben. Er berichtet aus den Biographien mehrerer, zumeist ost- und westeuropSi- scher (bereits verstorbener) Ornithologen Mitte des 20. Jahrhunderts; sein Bemfihen gilt insbesondere der Untersuchung des Einflusses der politisch-gesellschaftlichen Verhfilmisse anf deren wissenschaft- liche T~itigkeit sowie der Verstrickungen einiger dieser Wissenschaftler in die Politik. Spezielles Interesse schenkt der Autor der Person Prof. Gtinther Niethammers, eines der erfolgreichsten Orni- thologen Deutschlands, zeitweise anch DO-G-Pr~sidenten, dessert Vergangenheit in jtingster Zeit mancherlei kritische Fragen anfgeworfen hat. Der Verfasser hat umfangreiches Informations- und Datenmaterial gesammelt und war bemttht, auf dieser Grundlage wahrheitsgerecht die Vorgfinge der damaligen Zeit zu rekonstruieren. </p><p>Einleitung </p><p>Mein Vortrag hatte einen besonderen Anlag: Ich war etwas besttirzt fiber die kurze, aber heftige Auseinandersetzung fiber einen im ,, Journal" abgedruckten Nachruf auf Prof. Ernst Sch~fer (Prinzinger 1993, vgl. aber auch z. B. Deichmann 1992 und Kthler 1989) w~.hrend der 126. Jahresversammlung der DO-G im Sep- tember 1993 in Meerane/Sachsen. Nur man- gelndes Wissen tiber die Verstrickungen von Wissenschaft und Politik konnte der Grund ffir die Kritik an einem so objektiv-zurfickhaltend </p><p>verfagten Nachrnf sein. Die Geschichte Sch~i- fers ist dabei kein Einzelfall. Die politischen Umst~inde der jfingsten Vergangenheit haben in der Wissenschaft nicht nur NutznieBer oder so- gar T~iter erzeugt, anch Opfer sind bekannt; es hat sogar T~iter und Opfer in einer Person gege- ben. Wir befassen uns zumeist mit den For- schungsergebnissen unserer erfolgreichen Vor- gSnger, zu wenig jedoch mit dem Umfeld ihrer Forschungsarbeit. Die Polemik in Meerane hat reich dazu angeregt, gerade yon diesem (nicht- wissenschaftlichen) Bereich der T~tiigkeit meh- rerer 51terer Fachkollegen zu berichten. </p><p>U.S. Copyright Clearance Center Code Statement: 0021-8375/98/13903-0325 $ 11.00/0 </p></li><li><p>326 Journal f'tir Ornithologie 139, 1998 </p><p>Abb. 1. Grab Prof. J. Thienemanns, des Begrtinders der Vogelwarte Rossitten auf dem Dorffriedhof in Rossitten/Rybatschij. Fig. 1. Grave of Prof. J. Thienemann, the founder of the Vogelwarte Rossitten at the cementary in Rossit- ten/Rybachy. </p><p>Ich will keinen der Verstorbenen richten, ge- schweige denn verurteilen. Ich halte es jedoch ftir richtig, auch fiber Bitteres oder Unangeneh- mes zu berichten, das allzu oft (auch in ausffihr- lichen Nachrufen) verdr~ingt, beschtnigt oder falsch dargestellt wird. Wir leben heute in einer Zeit, in der jtingere Koltegen sich nicht vorstel- len ktnnen, dab Politik auch eine so harmlose Wissenschaft wie die Ornithologie hart beein- flussen konnte. Das mug aber nicht immer und nicht iiberall so bleiben. Ich hoffe deshalb, dab meine Ausffihrungen Stoff zum Nachdenken liefern werden nach dem Motto:,,Was h~itte ich getan, wenn ich damals oder dort gelebt h~itte?". </p><p>Die nachfolgenden Informationen stammen vomehmlich aus persOnlichen Erlebnissen und aus Gespr~ichen mit vielen Fachkollegen der letzten fast 50 Jahre. Ich hatte das Gltick, insbe- sondere in der Periode des ,,Kalten Krieges", </p><p>sowohl im Osten als auch im Westen zu sein und konnte mit vielen meiner Bekannten und Gespr~ichspartner nicht nur fiber ihre For- schungsarbeit ,,zensurfrei" sprechen. Zus~itz- lich stammen einige Informationen aus sp~ite- ren Nachforschnngen, publizierten Quellen und Archiven. </p><p>Ich will mit einem Stichwort beginnen, das in der Ornithologie bereits eine Legende darstellt: ,,Rossitten". Ftir mich hat diese Legende einen Doppelnamen: ,,Rossitten/Rybatschij". Das Doff auf der Kurischen Nehrung, in dem die DOG 1901 die berfihmte Vogelwarte gegrfindet hat, heil3t nach dem Kriege Rybatschij, und seit 1956 wird dort der Vogelzug wieder erforscht. Der Wiederbegrfinder dieser Forschungsst~tte, die heute ,,Biologische Station des Zoologi- schen Institutes der Russischen Akademie der Wissenschaften zu St, Petersburg" heiBt, ist Prof. Lew Osipowitsch Belopolskij (1907- 1990). Er hat damit die markanteste Brficke zwischen der deutschen und russischen Orni- thologie geschlagen (Nowak 1991 und Pa- jewskij 1992). </p><p>Prof. Belopolskij habe ich im August 1959 in Moskau wg_hrend der 2. All-Unions Ornitholo- gen-Konferenz kennengelernt. Er besuchte reich in meinem Zimmer in der Lomonosow- Universit~it, wir tranken Wodka, schlossen Brti- derschaft under erzS, hlte mir seine Lebensge- schichte. - </p><p>Lew Osipowitsch gehtrt der letzten Wissen- schaftlergeneration an, die noch an grogen geo- graphischen Entdeckungsexpeditionen teilge- nommen hat: 1932 war er Mitglied einer Expe- dition auf dem Eisbrechers ,,Sibiriakow", die zum ersten Mal die ,,ntrdliche Seeroute" von Archangelsk bis Wladiwostok in einer Naviga- tionsperiode bew~iltigte; 1933-1934 nahm er teil an der beriihmt gewordenen Expedition des Schiffes ,,Tscheluskin", die yon Murmansk aus die gleiche Strecke passieren sollte. Wie be- kannt, gelang dies nicht, in der Bering-Enge blieb das Schiff im Eis stecken, driftete bis in die Tschukschen-See, woes am 13. Februar 1934 von Eismassen zerquetscht wurde und sank. Die 103 Besatzungs- und der Expedi- tionsmitglieder lebten fast zwei Monate im Zeltlager auf dem Eis, bis der letzte Verun- glfickte am 13. April 1934 durch sowjetische </p></li><li><p>E. Nowak. Erinnemngen an friihere Omithologen 327 </p><p>Flugzeuge an Land gebracht wurde. T~iglich berichtete damns die Wettpresse ausftihrfich tiber die Katastropbe und die dramatische Ret- mngsaktion (das Ereignis wurde zur gr6fSten Werbekampagne fur die Sowjetunion, wohl noch erfolgreicher als die Olympiade 1936 fur das Dritte Reich). Belopolskij erhielt ffir seine Verdienste die h6chsten sowjetischen Orden, die auch Privilegien garantierten (z. B. Zusatz- pension und Schutz vor jeglicher Verhafmng). Im zweiten Weltkrieg wurde der Wissenschaft- let Marinekapit~n, jedoch mit enger Verbin- dung zu ornithologischer T~itigkeit: Er kom- mandierte eine Milit~expedition von drei Schiffen anf Nowaja Semlja, die Vogeleier der Lummen ftir Lazarette der sowjetischen Nord- flotte sammelte! Nach dem Kriege setzte er hier seine wissenschaftliche Arbeit fort, 1957 er- schien sein Buch tiber die ,,Okologie der in Kolonien brtitenden V6gel der Barents-See" (englische Ausgabe - 1961). </p><p>In der Augusmacht in Moskau erz~ihlte er mir auch fiber tragische Ereignisse der Nachkriegs- zeit: Anfang der 50er Jahre wurde sein Bruder verhaftet und nach einem Prozel3 wegen angeb- licher Spionage ftir England erschossen (tiber sein Schicksal hat die Familie erst Ende der 50er Jahre aus einem amtlichen Rehabilitie- mngsschreiben erfahren). Nach dem Prozel3 wurden auch die Eltern verhaftet und zu je 10 Jahren Arbeitslager verurteilt, danach, im MS_rz 1952, Lew Osipowitsch. Er erhielt ,,nut" 5 Jah- re (die dutch den Orden erworbene Immunit~it wurde ,,amtlich ausgesetzt": Zuerst wurde er h6flich gebeten, den Empfang einer schriftli- chert Aberkennung der Auszeichnung zu unter- schreiben und diese auszuh~indigen, danach wurde ibm in schroffem Ton der Haftbefehl vorgelegt). Erst nach Stalins Tod wurde Belo- polskij vorzeitig aus dem Lager befreit und rehabilitiert. Er war Zeuge der Massenentlas- sungen politischer HStlinge aus den sibiri- schen Lagem, lobte Nikita S. Chruschtschow und meinte, dab dieser bereits zu Lebzeiten ein Denkmal verdient babe; nach einer Pause ftigte er hinzu: ,,Und wenn es wirklich wahr ist, dab er Frieden anstrebt, mtil3te das Denkmal vergol- det werden!" Nach der Rehabilitierung hat sein letzter Arbeitgeber (das Zoologische Instimt der Akademie in Leningrad) Beloposkij wieder aufgenommen. Er wurde herzlich von Prof. </p><p>Abb. 2. Dr. L. O. Belopolskij, der Wiederbegrtinder der Vogelzugforschung in Rybatschij/Rossitten (ca. 1960). Fig. 2. Dr. L. O. Belopolskij, re-founder of bird migration research in Rybachy/Rossitten (ca. 1960). </p><p>Ewgenij N. Pawlowskij, dem mfichtigen Direk- tor des Institutes, mit der Frage empfangen, was er nun tun m6chte? Gleichzeitig versicherte er: ,,Alles, was du willst und was machbar ist, steht dir often". Lew Osipowitsch brauchte jetzt Einsamkeit in freier Namr, er wollte ins Baltikum, auf die Kurische Nehrung, ihm schwebte die Fortsetzung der Vogelzugfor- schung vor, die bier von den Deutschen begon- hen wurde. Prof. Pawlowskij stimmte sofort zu. </p><p>Ich durfte im Mai 1968 seine Biologische Station in Rybatschij besuchen, es war ftir reich ein groges Erlebnis (Nowak 1969; einen Vor- trag fiber diesen Besuch habe ich u. a. vor der DO-G- Jahresversammlung in Bonn 1971 ge- halten). Das alte Hans der Vogelwarte ist zer- st6rt, die neue Station hat das ger~iumige Ge- b~iude des ehemaligen Kurhauses fibernom- men. Ober die erfolgreiche wissenschafttiche T~itigkeit der Station will ich hier nicht berich- ten (inzwischen reisen regelm~il3ig deutsche </p></li><li><p>328 Journal fiJr Ornithologie 139, 1998 </p><p>Wissenschaftler dorthin, vieles wurde publi- ziert), lediglich tiber eine Episode auf dem Friedhof, wou. a. Prof. Johannes Thienemann (Gebhardt 1964:361 und 1970: 191) ruht. Als wir vor dem Grab standen, sagte mir Belopol- skij: ,,Nach meiner Ankunft in Rybatschij habe ich festgestellt, dab es hier Grabpltinderungen gab, ich ordnete deshalb an, fiber Thienemanns Ruhest~itte eine tonnenschwere Zementschicht zu giegen, erst dann babe ich den Grabstein wiederaufgestellt. Mein Vorganger wird nicht mehr gest6rt." </p><p>An dem Geb~ude der Station wurden sp~iter zwei Marmortafeln angebracht: Die alte deut- sche und eine neue - in kyrillischer Schrift. </p><p>Lew Osipowitsch erzi~hlte mir auch fiber die Hintergrfinde der Wiederanfnahme der For- schungsarbeiten in Rybatschij. Den Vorschlag hatten deutsche Ornithologen ihren sowjefi- schen Fachkollegen w~hrend des XI Internafio- nalen Ornithologen Kongresses in Basel 1954 vorgetragen: Schtiz, Stresemann und Koehler sprachen darfiber mit Demenfiew, Iwanow und Rustamow. In den Nachkriegsjahren war eine solche Anfrage in der UdSSR eine polifische Angelegenheit, tiber die nut ,,die hohen Stel- len" entscheiden konnten. Doch die damals be- ginnende ,,Taupefiode" hatte die Lage vermin- deft: Die ,,hohen Stellen" tiberlief3en die Ent- scheidung dem Pr~isidium der Akademie der Wissenschaften. Als der geeignete Kandidat er- schien (ebenfalls eine Folge des,,Tauwetters"), erhielt er sofort den Auftrag zum Wiederaufbau der Forschungsstelle. </p><p>1967 tibemahm Dr. Viktor R. Dolnik aus Leningrad die Leitung der Station, Belopolskij erhielt den Lehrstuhl ftir Wirbelfiere an der neu- gegl~ndeten Universit~it in Kaliningrad/K6- nigsberg und wurde hier Professor (erst viele Jahre sp~ter wurde die Formulierung ,,neube- grtindete" in ,,wiedergegrfindete Universitfit" umgewandelt). 1977 ginger in den Ruhestand. 1986 erhielt Belopolskij ftir sein Lebenswerk einen Preis der Johann Wolfgang yon Goethe Sfiftung zu Basel (die Vergabe des Preises ver- z6gerte sich seit 1983, der damals 92j~lrige Alfred Toepfer, Begrfinder und President der Stiftung, rechtfertigte die Vertagung mit dem jungen Alter des 76j~xigen Kandidaten). Zu der feierlichen Preisvefleihung anf der Insel Mainau durfte der Laureat leider nicht kom- </p><p>men. Kurz danach besuchte jedoch Alfred To- epfer Leningrad, wo er Belopolskij im Palast der Akademie der Wissenschaften in einem fei- erlichen Akt den Preis, zusammen mit einem Scheck, pers6nlich fiberreichte. Dem Laureaten standen Tr~inen in den Augen. Die materielle Situation der Menschen in der Sowjemnion hat- te sich zu jener Zeit bereits stark verschlechtert, so gab er das Geld seiner Frau zur Verwendung ffir die ganze Familie. Dafiir durfte er seine gesamte Pension (auch eine ,,privilegierte" Pension war schon damals nicht viel wert) bis zum Lebensende ganz pers6nlich verbrauchen. </p><p>Ich denke, dab Lew Osipowitsch Belopolskij als Ehrenmitglied in unsere Gesellschaft h~itte aufgenommen werden mtissen. Wir haben dies vers~iumt! </p><p>Einen enormen Beitrag zur Kennmis der pal~i- arktischen V6gel hat ein anderer Russe, Prof. Georgij Petrowitsch Dementiew (1899- 1969), geleistet. Er war u. a. Initiator, Heraus- geber und Mitautor des 6bfindigen Werkes ,,Die V/3gel der Sowjetunion" (1951-1954; engl. Ausgabe 1966-1970). Stresemann sch~itz- te ihn sehr hoch. Dementiew war ein paarmal zu Besuch bei ihm in Berlin und ftihlte sich der ,,Stresemann-Schule" zugeh6rig; 1960 wtirdig- te er in der,,Ornitologija" das Lebenswerk sei- nes deutschen Meisters anl~iglich des 70. Ge- burtstages. Bereits 1933 trat Dementiew der DOG bei, 1955 wurde er Ehrenmitglied unserer Gesellschaft (nach seinem Tode hat ihm das ,,Journal" lediglich ffinf Zeilen gewidmet - s. Vol. 110/1969: 224). Dementiews pers6nlicher und wissenschaftlicher Lebensweg war unge- w6hnlich, nur wenig davon wurde aber in den gedruckten Ehrungen und Nachrufen festgehal- ten. In einem Nachruf (Redakzionnaja kolegija 1972) heigt es z. B.: ,,Sein Leben als Wissen- schaftler gestaltete sich nicht einfach" oder ,,verschiedene Umstfinde erlaubten ihm [zeit- weise] nicht, sich mit Wissenschaft zu befas- sen',. Was bedeutet das? Mir ist es gelungen, einiges zur Entschlfisselung dieser S~itze zu er- fahren. </p><p>Dementiew ist in Peterhof an der Finnischen Bucht in der Familie eines vielseitig gebildeten, gesch~itzten und gewig auch wohlhabenden Arztes zur Welt gekommen. Er beherrschte mehrere Sprachen, sein Franz/3sisch trug den </p></li><li><p>E. Nowak - Erinnemngen an frtihere Omithologen 329 </p><p>Pariser Akzent, ein Hinweis darauf, dab im Hause eine franz6sische Erzieherin t~itig war, bzw. dab sich die Familie auf franz6sisch unter- hielt. Peterhof behe...</p></li></ul>

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