Ein Studienplan für Geiger - juan. ?· Stolz: Ich habe Duo mit meinem Lehrer gespielt! Das nenne ich…

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  • Ein Studienplan fr Geiger

    von Hans Krakenberger

    Bevor wir unsere Analyse anfangen, sollten wir uns rund um Folgendes imKlaren sein: Niemand kann von Anfang an bestimmen, ob ein Kind einBerufsmusiker oder ein glcklicher Amateur sein wird. Das wird man nur nachmehreren Jahren des Studiums feststellen knnen, und auch dann kann esnoch schief gehen. Etwas sollte ganz klar sein: Wenn Talent wirklich vorhandenist, darf keine Zeit verschwendet werden, und die Prioritten mssen klargestellt werden. Die ganze Sache steht auf drei Beinen, wie ein Notenstnder:Der Lehrer, der Schler, und seine Familie. Sollte eins dieser Elemente nichtrichtig funktionieren, fllt der Notenstnder um, und die Sache wird fehl gehen.

    Wir knnen zum Anfang mit Bestimmtheit sagen, dass das Geigenstudium injungem Alter so mit vom Besten ist, was Eltern fr ihre Kinder tun knnen. Es istganz unwichtig, in jenem Augenblick, ob sich daraus eventuell eine Karriereergibt oder nicht. Die Geige zu lernen ist gut fr die Persnlichkeit desMenschen, es frdert die Intelligenz (mehr Neuronen!) und formt den Charakter.Der deutsche Philosoph und Pdagoge Steiner, welcher die Waldorf Schuleninspirierte, machte eine Analyse dieses Umstands. Seine Schlussfolgerungensind auch heute noch gltig.

    Die erste Frage ist natrlich, in welchem Alter angefangen werden soll? Dasideale Alter ist 5-6 Jahre. Was man vorher macht ist gnstig, solange die Kindersich nicht langweilen. Der Akzent muss auf das Spielerische gesetzt werden,nicht aufs Lernen, aber wenn doch etwas gelernt werden kann ohne das Kindzu verrgern, um so besser. Wir sollten uns nicht von den Armeen vonjapanischen Kleinkindern beeindrucken lassen, die zusammen im UnisonoGeige spielen. Ihre Kultur ist eben anders.

    Was ich hier erklren mchte, ist der Weg, dem ich gefolgt bin, und der guteResultate mit sich gebracht hat. Da gibt es natrlich unendlich viele Varianten,und ich will auf keinen Fall behaupten, dass mein Weg der Einzige ist. Aberseine Beschreibung mag vielleicht Zweifel beseitigen, und eine mglicheAntwort geben.

    Im Alter von 5-6 Jahren sollte man mit den grossen Bewegungen anfangen, d.h.mit dem Bogen auf den leeren Saiten die rechte Hand und den Arm entwickeln.Obwohl ich nicht mehr seine ganze Methode empfehlen wrde, gefllt mir dasBuch N1 von Leopold Auer (herausgegeben von Carl Fischer, New York),welches nur den leeren Saiten gewidmet ist. Es geht auf viele Kleinigkeiten ein,in leichter Progression, mit Bindebogen ber verschiedene Saiten, undentwickelt Rhythmus durch Bewegung, von ganzen Noten bis zuSechzehntelnoten. Schauen wir einmal an was man in der zweiten oder drittenKlasse mit einem Kind anfangen kann: H e r e g o e s t h e o p e n s t r i n g d u o

    Nachdem dieses einfache Duo mit dem Lehrer durchgespielt wurde,interessiert sich der Schler fr die Sache, er kommt nach Hause und sagt mit

  • Stolz: Ich habe Duo mit meinem Lehrer gespielt! Das nenne ich einenvielversprechenden Anfang, und es ist auch sehr wichtig, denn wir wissen jawie viel schwieriger es wird, immer bergaufwrts. Dieses Buch von Auer mussnicht unbedingt ganz durchgearbeitet werden die ersten 15 Seiten gengenfr eine ausreichende Bogenfhigkeit in diesem Alter, und der Augenblick dasGreifen anzufangen ist gekommen.

    Es gibt heutzutage eine Menge von guten Methoden fr Anfnger, undNeuausgaben gibt es fast jedes Jahr. Ich nenne nur einige Beispiele: Da sinddie Hefte von Sheila Nelson, Eta Cohen, Rolland, Sassmannshaus, und Suzuki.Ich persnlich ziehe die Hefte der Doflein Schule vor, beginnend mit N1, weildie Qualitt der ausgesuchten Musikstcke bis jetzt unbertroffen ist. Dofleinwar ja der Ursprung von Bartoks Duos fr 2 Geigen. Die einfachsten sind indiesem Buch fr Anfnger verffentlicht. Einem Musikerlehrling das Gefhl desKlangs eines Halbtonintervalls zu vermitteln, die Spannung die dabei entstehtin Richtung einer harmonischen Auflsung, ist ein solches musikalischesAbenteuer, dass jedermann die Mglichkeit haben sollte, solch einen Momentzu leben, und je frher desto besser. Und besonders in unseren Tagen wo diezeitgenssische Musik ein offenes Verstndnis von uns fordert., und wo unserOhr mit Dissonanzen zurechtkommen sollte.

    Und nun muss ich mich einem heiklen Thema widmen, nmlich der SuzukiMethode. Ich habe sie mit Erfolg mit vielen Schlern benutzt, und ich binabsolut dafr, wenn es sich um zuknftige Amateurs handelt. Sollte ein Kindaber aussergewhnliches Talent zeigen, dann wrde ich so bald wie mglich zueiner traditionellen Methode greifen. Suzuki selbst hat ja erklrt, dass seineMethode dazu bestimmt sei, Personen zu bilden, nicht Geiger zu produzieren.(Es wird immer einen winzigen Prozentsatz von Kindern geben, die dann dochBerufsmusiker werden, ganz egal mit welcher Methode, und die einzige offeneFrage bleibt ob es sich dann auch um gute Musiker handeln wird.) In diesemZusammenhang finde ich, dass fr einen zuknftigen Berufsmusiker dieHarmonien, welche in den Begleitungen der Suzuki Hefte geliefert werden,doch ziemlich altmodisch sind, manche sogar einfach falsch, oder im bestenFall, von schlechtem Geschmack. Ich glaube, dass das Ohr der Schler nurder besten Musik ausgesetzt seien sollten, wenn das irgendwie mglich ist.

    Es ist angebracht, dass ich hier noch die Methode einer meiner Lehrer, LjerkoSpiller, anfhre, von welcher eine Ausgabe in Spanisch/Englisch existiert. Erfngt in 3 Lage an, ein sehr schlauer Vorschlag, weil man damit einen derGrundfehler der von Anfngern gemacht wird vermeiden kann: Sie wollenimmer ihre linke Hand schliessen. Der Umstand, dass Spiller seine Arbeit inArgentinien machte, und nicht in Europa, trug dazu bei, dass er wenigerbekannt wurde, was aber keineswegs die Qualitt beeintrchtigt. Er hat seinenPlatz unter den besten Geigenpdagogen des 20sten Jahrhunderts.

    Die elementare Phase ist beendet so bald die Schler mit der Hilfe einerdieser Methoden die vier Griffarten der linken Hand begriffen haben und,ohne viel berlegen zu mssen, Oktaventonleitern in allen Tonleitern bis 3boder 3# spielen knnen.

    Was kommt jetzt? Das ist, nach meiner Meinung, der heikelste Moment, weiljetzt die physiologischen Zutaten, die Gymnastik des Geigenspiels,

  • dazukommen mssen. Diese besteht aus Muskeltraining des linkenHandgelenks und den Fingern, und des ganzen rechten Arms: Wir nennen diesTechnik; und diese muss parallel zur musikalischen Erziehung gepflegt werden.Jetzt mssen wir sicher sein gutes Lehrmaterial zu benutzen; es mussverstndlich sein (nicht zu schwer!), damit der Schler Vergngen hat seineStcke spielen zu knnen. Auch sollte er Duo mit seinem Lehrer spielen,mindestens ein paar Minuten in jeder Klasse. Dies mag als Belohnungverstanden werden oder als wchentliche Routine, abhngig von derEinstellung des Schlers. Ich habe die Doflein Methode benutzt, weil sie so eineausgezeichnete Auswahl von Musikstcken bringt, darunter Volksmusik,Barock, Klassik, Romantik und Moderne. Nachdem Buch 1 ja schon in derelementaren Phase durchgearbeitet wurde, kommen jetzt die Bcher 2 & 3dran, mit Vorzug fr Buch 2, und etwas langsamer mit Buch 3, welches in die 3.Lage und spter in die 2. Lage einfhrt. Wenn Buch 2 absolviert ist, fngt manmit Buch 4 an, und wenn die Bcher 4 und 3 mehr oder weniger zur selben Zeitabgefertigt werden, umso besser. Aber wie gesagt und das ist sehr wichtig Technik muss parallel gebt werden. Man kann mit einer bescheidenen Dosisvon Sevcik op1, vom Anfang an, beginnen, whrend man bei Sevcik op2 mitder bung N4 anfangen kann, und langsam wird der Anspruch der Leistungerhht, je nach der Entwicklung des Schlers. Man wundert sich immer wiederwarum einige Schler es vorziehen, nur in Technik zu arbeiten das sindmeistens die Denkfaulen und Andere wollen gar nichts von Technik wissenund mchten nur Musik spielen. Da muss der Lehrer geduldig und dennochstreng sein, weil sich das Ganze organisch entwickeln muss: Die Musik mussmit Leichtigkeit gespielt werden knnen. Darf ich eine Grundregelunterstreichen: Leichtigkeit gefhrdet Qualitt nie ganz im Gegenteil!Tonleitern und Akkorde (Arpeggios) ber 2 und dann 3 Oktaven solltenwhrend dieser Periode so bald wie mglich ins Pensum eingeschlossenwerden.

    Das gerade beschriebene Kapitel kann 3 4 Jahre dauern. Wir haben nunschon einen Jugendlichen, der ber 10 Jahre alt ist, und jetzt mussentschieden werden ob vielleicht ein Wechsel zur Bratsche empfehlenswert ist.Das hngt vor allem von der krperlichen Entwicklung des Schlers ab. Sollteeine ganze Geige zu klein fr ihn sein, wre es gut eine Gelegenheit zuschaffen damit eine Bratsche ausprobiert wird. Es ist gut mglich, dass eingross gebauter Jugendlicher sich da wohler fhlt. In solch einem Fall darf keinZweifel bestehen: Die Bratsche ist sein Instrument. (Ich weiss, dass manheutzutage mit kleinen Bratschen anfangen will, aber der Klang besondersder C Saite ist so erbrmlich, dass ich es vorziehe mit der Geige anzufangen.Das berwechseln vom Geigenschlssel zum C-Schlssel ist eine gesundeDenkbung, und ich habe nie Kummer damit gehabt. Ausserdem brauchen dieBratscher den G-Schlssel spter sowieso.)

    Jetzt knnen die jungen Geiger mit Buch 5 der Dofleinschule anfangen 4.Lage und hher und mit 3 Oktaventonleitern, Etden und Repertoireweitergehen. Das Modell von Galamian von 3 Oktaventonleitern ist bei weitemdas Beste, da es erlaubt Rhythmus in die Tonleiterstudien einzuverleiben. Dieersten Etden sollen fr Kreutzer vorbereiten. Dafr sind die Kayser op 20Etden sehr geeignet. Das Repertoire kann mit Hndel Sonaten beginnen,dann die Konzerte von Bach und Mozart, die Sonatinen von Schubert undDvorak. Wenn wir bis zu diesem Zeitpunkt einen angenehmen Klang entwickeln

  • konnten, eine gute Intonation und ein volles Vibrato, dann ist die empfindlichsteArbeit gut gelungen. Und sollte dies bis zum Alter von 14/15 fertiggebrachtworden sein, dann besteht eine wahre Chance einen zuknftigen Berufsgeigerentwickeln zu knnen. Vor dem Alter von 18 Jahren, mssen allerdings nochdie Etden von Kreutzer, Rode und Dont absolviert werden, und dazu dasdementsprechende Repertoire. Und, nicht zu vergessen, 3 Oktaven Tonleiternvon D-Dur aufwrts, und Terzen und Oktavendoppelgriffe. Das Skalensystemvon Flesch, in der berarbeitung von Max Rostal, gibt uns eine ausgezeichneteSammlung mit modernen Fingerstzen, was uns nicht hindert, dass GalamianSchema anzuwenden. Jetzt muss man auch anfangen die Sonaten und Partitenvon Bach vorzunehmen, sine qua non fr einen gediegenen Geiger. In der Tathat sich dies nun in harte Arbeit verwandelt, aber wir knnen beruhigt sein:Unser Kandidat hat inzwischen angebissen. Er oder sie ist auf dem Weg und esgibt keine Hindernisse mehr ihn oder sie aufzuhalten.

    Ich habe versucht ein vernnftiges Programm fr zuknftige Berufsmusikeraufzustellen, damit sie der Gesellschaft ntzlich sein knnen. Es ist sinnlos nurSolisten produzieren zu wollen. Wenn es das Glck will das ist ein1:1.000.000 Spiel das ein Schler das Zeug zum Solisten hat, so wird sichdas von selbst bemerkbar machen. Man nehme nur die Statistiken von Julliard:Nur einer aus 200 wird berhmt werden. Die Anderen werden erstklassigeMusiker, die in guten Orchestern oder Kammergruppen spielen werden.Jedermann weiss wie gut man sein muss um in Julliard angenommen zuwerden. Und dennoch ist nichts falsch an dieser Realitt.

    Wenn die obigen Altersgrenzen nicht eingehalten werden knnen, und dieJahre vorbeigehen, knnen wir immer noch gute Geiger bekommen, abervielleicht nicht ausreichend um eine gute Berufskarriere zu machen. Das hngtganz von der Einstellung und dem physischen Talent des Schlers ab. Es ist jaberhaupt nicht selten, dass das Berufsleben erst mit 25 Jahren anfngt. EineSolistenlaufbahn ist damit ausgeschlossen aber als Orchestermusiker darf dasreichen. Warum unterstreiche ich den Zeitfaktor so stark, wenn das so ist? DieAntwort ist einfach: Je jnger der Schler desto leichter ist es Fortschritte zumachen, und alle Mglichkeiten sind fr ihn offen. Zeitverlust ist, in diesem Fall,ein Luxus. Ich muss allerdings zugeben, dass ich meine Zeitbegrenzung nur miteiner Handvoll Schlern geschafft habe...aber die haben es weiter gebracht!Die Anderen sind auch zufrieden: Einige werden Anwlte, andere Lehrer; undsie werden ihr ganzes Leben glcklich sein, Geige spielen zu knnen. Da istdoch nichts Falsches dran?

    Es ist wahrscheinlich, dass der Leser schon Berufsmusiker ist oder es werdenwill, genau so wie ich, und so weiss er, dass wir nicht erwarten knnen dassLeute, die nichts von der Sache wissen, verstehen knnen wie schwer das ist,ein guter Geiger zu werden. Es ist wahr, da gibt es manchmal junge Leute mitgrosser Fertigkeit, aber denen geht es meistens nicht so gut, wenn siekonkurrieren oder vorspielen mssen. Um gute Resultate zu erreichen brauchtder Lehrer ein reichliches Mass an Glck damit er die richtigen Schler findet,wo alles stimmt: Charakter, Musikalitt, Strke, Ausdauer, Krperkontrolle,usw.: Ein guter Geigenlehrer muss von Natur aus ein Optimist sein, sonstwrde er das nicht machen wollen. Das Risiko ist zu gross! Aber was fr eineriesige Genugtuung wenn dann doch ein guter Geiger herauskommt!! Das ist

  • dann mehr als eine grosszgige Belohnung fr die unendlich vielen Stunden dieman fr diese Arbeit aufgewendet hat.

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