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Dissertation Eduard Kgel

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Zwei Poelzigschler in der Emigration: Rudolf Hamburger und Richard Paulick zwischen Shanghai und Ost-Berlin (19301955)(Hamburger _ China, Polen, Schweiz, Iran, UdSSR) (Paulick _ China)

Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades DoktorIngenieur an der Fakultt Architektur der Bauhaus-Universitt Weimar vorgelegt von Eduard Kgel, geb. 3. Mrz 1960.

Weimar, 2006

Mentor:

Professor Dr. phil. habil. Dieter Hassenpflug

Tag der Disputation: 28. Februar 2007

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Dissertation Eduard Kgel

Ehrenwrtliche Erklrung

Ich erklre hiermit ehrenwrtlich, dass ich die vorliegende Arbeit ohne unzulssige Hilfe Dritter und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe. Die aus anderen Quellen direkt oder indirekt bernommenen Daten und Konzepte sind unter Angabe der Quelle unmissverstndlich gekennzeichnet.

Weitere Personen waren an der inhaltlich-materiellen Erstellung der vorliegenden Arbeit nicht beteiligt. Insbesondere habe ich hierfr nicht die entgeltliche Hilfe von Vermittlungs- bzw. Beratungsdiensten (Promotionsberater oder anderen Personen) in Anspruch genommen. Niemand hat von mir unmittelbar oder mittelbar geldwerte Leistungen fr Arbeiten erhalten, die im Zusammenhang mit dem Inhalt der vorgelegten Dissertation stehen.

Die Arbeit wurde bisher weder im In- noch im Ausland in gleicher oder hnlicher Form einer anderen Prfungsbehrde vorgelegt.

Ich versichere ehrenwrtlich, dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen habe.

Ort, Datum

Unterschrift

Dissertation Eduard Kgel

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Gewidmet Lorenz und Sem Jona

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Dissertation Eduard Kgel

Danksagung Die vorliegende Arbeit wre ohne die Untersttzung durch Michael Hamburger und Gabriele Paulick nicht mglich gewesen. Michael Hamburger mchte ich fr das Vertrauen danken sowie fr sein unermdliches Interesse an der Arbeit. Er hat mir neben den Unterlagen zu seinem Vater auch Einsicht in den Nachlass seines Onkels Otto Hamburger und seiner Mutter Ursula Beurton (Ruth Werner) gewhrt. Nur so konnten die komplexen Zusammenhnge zum Leben seines Vaters lebendig werden. Gabriele Paulick hat mir alle Unterlagen zu ihrem Vater, die sich noch in Privatbesitz befinden, zur Verfgung gestellt. Beide, Michael Hamburger und Gabriele Paulick, standen immer fr Gesprche zur Verfgung und gaben manchen wichtigen Hinweis. Dafr mchte ich ihnen besonders herzlich danken. In Shanghai konnten die Gesprche mit den ehemaligen Studenten von Richard Paulick, Professor Luo Xiaowei und Professor Li Dehua, manche Unklarheiten beseitigen. Fr ihre Bereitschaft zu den Gesprchen und ihr Interesse an meiner Arbeit mchte ich mich bedanken. Frau Mhlberger in Berlin gewhrte mir Einsicht in den Nachlass von Hilde Glser, und somit konnte ich einige Aspekte zum Schicksal des Architekten Hans Werther erhellen. Dr. Matthias Schirren vom Archiv der Akademie der Knste in Berlin hat einige Dokumente zum Studium von Rudolf Hamburger bei Hans Poelzig beigesteuert. Den Mitarbeitern des Archivs der Technischen Universitt Mnchen, des Universittsarchivs Darmstadt, des Stadtarchivs Darmstadt, der Sammlung der Universitt fr angewandte Kunst in Wien, der Stiftung der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv in Berlin, des Bauhaus Archivs in Berlin, der Bundesbeauftragten fr die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, sowie dem Shanghai Municipal Archiv in Shanghai mchte ich fr ihre freundliche Untersttzung danken. Vielen Dank an Alexander Scholtysek und Wang Su fr bersetzungshilfen, und Ingo Weiskopf fr die Hilfe bei der Besorgung von Material. Fr Korrekturen und Anregungen gilt mein Dank Jochen Noth Professor Johannes Kchler. Bei Sirgit Hecker bedanke ich mich fr das Schlusslektorat. Jennifer Meitzner danke ich im Besonderen fr die Untersttzung im tglichen Leben mit unseren beiden Shnen Lorenz und Sem Jona whrend der Zeit, in der ich an dieser Dissertation gearbeitet habe.

Dissertation Eduard Kgel

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Rudolf Hamburger, 1957

Richard Paulick, 1950

Inhaltsverzeichnis007 _ Prolog 035 _ 01. Rudolf Hamburger, Richard Paulick: Herkunft und Ausbildung 061 _ 02. Rudolf Hamburger in Shanghai: Gesellschaft und Politik (19301937) 093 _ 03. Richard Paulick in Shanghai: Gesellschaft und Politik (19331937) 111 _ 04. Rudolf Hamburger als Architekt in Shanghai (19301936) 149 _ 05. The Modern Home, Modern Home, Modern Homes (19321950) 188 _ 06. Shanghai im Krieg (19371945) 212 _ 07. Theater in Shanghai: Richard Paulick an der Bhne (19361949) 229 _ 08. Die St. Johns-Universitt in Shanghai (19421952) 252 _ 09. Die Planung fr Gro-Shanghai (19451949) 313 _ 10. Die Rckkehr von Richard Paulick (19471950) 348 _ 11. Rudolf Hamburger: Odyssee durch die Emigration (19361943) 382 _ 12. Rudolf Hamburger: Vom GULag in die DDR (19431955) 411 _ Epilog Anhang: 414 _ Originaltexte 427 _ Mitarbeiterliste: TMH, MH, MHs 430 _ Bhnenbilder von Richard Paulick 432 _ Projektliste in der Emigration: Rudolf Hamburger 434 _ Projektliste in der Emigration: Richard Paulick 436 _ Literaturliste

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Dissertation Eduard Kgel

Vorbemerkung zur Umschrift der chinesischen Sprache

In der vorliegenden Arbeit wurden die chinesischen Namen und Orte normalerweise in der offiziell gebruchlichen Pinyin-Umschrift wiedergegeben. In manchen Fllen ist jedoch eine ltere Schreibweise in Deutschland vertrauter (z.B. Peking anstelle von Beijing). Bei Personennamen wurde die Schreibweise verwandt, die zum damaligen Zeitpunkt blich war (dadurch kann zum Beispiel die Bibliographie eindeutig zugeordnet werden). Die Umschriften sind in Klammern eingefgt, z.B. Fozhien Godfrey Ede (Xi Fuquan). Bei chinesischen Personennamen wird der Familienname zuerst genannt. Publizieren chinesische Autoren im Westen, gibt es keine eindeutige Regel und hufig wird dann der Familienname an zweiter Stelle genannt. Um Verwechslungen auszuschlieen, habe ich in der Bibliographie die Werke immer nach dem Familiennamen geordnet.

Bei Quellen in englischer Sprache wurde bei den Zitaten das Original beibehalten.

Prolog

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Einfhrung und Gliederung der Arbeit

Diese Arbeit befasst sich mit den beiden Architekten Rudolf Hamburger (19031980) und Richard Paulick (19031979). Beide studierten bei Hans Poelzig und beide arbeiteten ab den fnfziger Jahren in die DDR. Richard Paulick emigrierte 1933 mit Hilfe von Rudolf Hamburger nach Shanghai und kam 1950 von dort zurck nach Ostberlin. Rudolf Hamburger war schon 1930 nach Shanghai gegangen und kam ber mehrere Stationen in die Sowjetunion, von wo er mit Hilfe von Richard Paulick 1955 in die DDR zurckkehren konnte. In der DDR war die Zeit im Exil tabu und ihre fachliche Arbeit in China wurde in den folgenden Jahren nicht ffentlich dargestellt. Zum besseren Verstndnis scheint es mir notwendig, in dieser Einfhrung punktuell auf die Zeit nach der Rckkehr in die DDR einzugehen. Denn nur so wird deutlich, wie sich das Exil in der DDR auswirkte und wie alte Netzwerke aus der Zeit des Studiums und der Zeit im Exil weiter gewirkt haben. Bei Paulick bahnte sich nach seiner Ankunft in Berlin schon bald eine neue Karriere an, die es mit sich brachte, dass nach zirka zwanzig Jahren erste Publikationen erschienen, die seine Zeit im Exil thematisierten. Rudolf Hamburger konnte nach seiner Rckkehr aus der UdSSR er war damals schon ber fnfzig Jahre alt und durch seine zehnjhrige Haft im sowjetischen GULag gesundheitlich gezeichnet keine fachliche Karriere mehr entwickeln. Wie beiSelbstbildnis von Rudolf Hamburger aus den siebziger Jahren. Abb.: NL RH, PA MH

Paulick wirkte sich auch bei Hamburger das ideologisch ausgeklammerte Thema Exil (auerhalb der Sowjetunion) in der DDR auf sein folgendes Leben aus. Whrend in der ffentlichkeit kein Raum fr diese Zeit vorhanden war, interessierte sich das Ministerium fr Staatssicherheit fr die Mitarbeit von Rudolf Hamburger beim Geheimdienst der sowjetischen Armee, die er nur mit einem gewissen Widerwillen und mit groer Vorsicht zu Protokoll gab. Seine Aktivitten in Shanghai kamen 1977 mit der Autobiographie seiner geschiedenen Ehefrau die darin unter dem Namen Ruth Werner

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Prolog

ber ihre Mitarbeit beim Geheimdienst der sowjetischen Armee berichtete an die ffentlichkeit. Anders als Paulick, dessen Lebenswerk in den siebziger Jahren in mehreren Publikationen dargestellt wurde, war Hamburger sehr unglcklich ber diese Form der Inszenierung. Auf den folgenden Seiten werde ich einerseits die Gliederung meiner Arbeit darstellen und andererseits die Auswirkungen benennen, die sich aus den jeweiligen Zusammenhngen fr das Leben in der DDR ergaben. Neben allen Unterschieden blieben Hamburger und Paulick Freunde, die sich gegenseitig in schwierigenRichard Paulick am Schreibtisch. Abb. NL RP, PA GP

Lebenssituationen wichtige Hilfestellungen gaben.

Emigration In den letzten Jahren sind einige grundlegende Studien zu deutschen Architekten im Exil erschienen. Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zwischen 19331945 und der damit verbundenen Brche in den Biographien wurde in Fallstudien, Doktorarbeiten und Symposien thematisiert. Bernd Nicolai hat in einem einfhrenden Aufsatz fr die Dokumentation zum Symposium Architektur und Exil, den Stand der Forschung zusammengefasst. Dabei unterscheidet er die Emigranten in vier Generationen: Die Helden der Moderne wie Mies van der Rohe, Walter Gropius und Bruno Taut wurden alle in den 1880er Jahren geboren. Die zweite Generation erblickte zwischen 1890 und 1900 das Licht der Welt. Als Beispiel nannte er Marcel Breuer, Eugen Kaufmann und Arthur Korn. Die dritte Generation umfasst die Jahr-gnge zwischen 1900 und 1914 und er nennt beispielhaft Max Cetto, Walter Segal und Julius Posener. Die vierte Generation ist zwischen 1915 und 1925 geboren und weitgehend in ihrem Emigrationsland sozialisiert.2 1

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Nicolai (Hg, 2003). Einzelstudien zu Lnder oder Personen sind hier beispielhaft genannt: Bernd Nicolai (1998) zur Trkei, Eckhard Herrel (2001) zu Ernst May in Afrika und Regina Gckede (2005) zu Adolf Rading in Israel. Regina Gckede hat im ersten Teil ihrer Arbeit ber die Forschung zum Exil im Bereich der Architekturgeschichte die Probleme mit diesem Gegenstand dargestellt. 2 Nicolai (2003): 12

Prolog

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Ich werde in der Folge kurz auf die dritte Generation und dort auf die Schler von Hans Poelzig (18691936) eingehen, der vor seiner geplanten Emigration in die Trkei in Berlin verstorben ist. Mit der Weltwirtschaftkrise von 1929 entwickelte sich die Situation im deutschen Bauwesen dramatisch. 1930 betrug die Arbeitslosigkeit bei Architekten bereits dreiig Prozent. Hans Poelzig sagte seinen Studenten und Mitarbeitern voraus, dass fr eine lange Zeit nicht mit Auftrgen zu rechnen sei. Rudolf Hamburger, der bis dahin als Meisterschler bei Poelzig war, ging deshalb 1930 nach Shanghai zum dortigen Municipal Council. Zu seinem engeren Freundeskreis in Berlin gehrten andere Poelzigschler wie Rambald von SteinbchelRheinwall (*1902), Fritz Lazarus (19031980), Hermann Zweigenthal (Hermann Herrey 19041968), Fritz Jaenecke (19031978) und Richard Paulick. Jaenecke versuchte ber Hamburger 1931 ebenfalls nach Shanghai zu kommen, allerdings scheiterte sein Auswanderungsversuch.6 5 4 3

Andere ehemalige Kommilitonen flohen Aufgrund ihrer jdischen Herkunft oder ihrer politischen berzeugungen nach der Machtbernahme der Nationalsozialisten in die Emigration. Mit zu den ersten gehrte Hermann Zweigenthal, der 1933 ber die Schweiz nach Wien gegangen ist. Von dort emigrierte er 1935 nach London und weiter in die USA, wo er den Namen Herrey annahm.7

Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste das Bauhaus in Dessau bereits 1932 schlieen. Richard Paulick, der schon seit Studententagen im Umfeld des Bauhauses gewirkt hatte, verlor seine Auftraggeber in der Stadt. Als bekannter Sozialist wurde er persnlich bedroht, und die vernderte politische Lage drngte ihn in die3 4

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Manuskript Aufzeichnungen: 173. NL RH, PA MH Lazarus war nach dem Krieg ab 1948 Leiter des Entwurfsbros fr Hochbau Dresden, im Ministerium fr Aufbau. Siehe Topfstedt (2000): 140 und Lazarus (1953): 179ff 5 Sonja Hildebrand nennt diese Namen nach Durchsicht des NL von Fritz Jaenecke, der sich im Privatbesitz von Andreas Jaenecke in Malm (Schweden) befindet. Hildebrand (1999): Anmerkung 97: 248 6 Hildebrand erwhnt den Auswanderungsversuch in den biographischen Angaben zu Fritz Jaenecke. Hildebrand (1999): 362 7 Katzke (2004): 1419 8 Dorste (1991): 228

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Prolog

Emigration. Er flchtete mit Hilfe von Rudolf Hamburger 1933 nach Shanghai. Wegen seiner jdischen Herkunft konnte Hamburger nach 1933 nicht mehr aus China nach Deutschland kommen und kehrte deshalb nach Stationen in Polen (19361938) und der Schweiz 1939 nach Shanghai zurck. Julius Posener (19041996) emigrierte 1933 ber Paris nach Palstina und Fritz Jaenecke ging 1937 nach Schweden. Andere Poelzigschler mussten ebenfalls fliehen und verstreuten sich in die ganze Welt, so zum Beispiel Kurt Liebknecht (19051994), der 1931 nach Moskau ging, um in der Gruppe von Ernst May mitzuarbeiten, Otto Knigsberger (19081999), der 1933 nach gypten und 1939 nach Indien ging, wo er als Planer und Architekt im Ministerium beschftigt war; oder Max Cetto (19031980),11 10

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der 1938 ber die USA nach Mexiko ging und Konrad12

Wachsmann (19011980) , der erst 1941 in die USA emigrieren konnte. Walter Segal (19071985) ging ber Ascona in der Schweiz 1936 nach England. In der Emigration entfalteten diese Architekten zum Teil erhebliche Wirkung, die bis heute nur bedingt erforscht ist. Rckkehr in die DDR Einige der oben benannten Personen trafen sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR wieder.13

So war Fritz Lazarus bereits in den

spten vierziger Jahren in Dresden und Kurt Liebknecht ist 1948 aus der UdSSR nach Ostberlin zurckgekehrt. Richard Paulick kam 1950 aus Shanghai hinzu und 1955 kehrte Rudolf Hamburger als einer der letzten aus der UdSSR in die DDR zurck.

Bei Rudolf Hamburger und Richard Paulick sind es neben den verbindenden Gemeinsamkeiten sie studierten zusammen, Hamburger ermglichte Paulick 1933 die Flucht aus NazideutschlandIm Lebenslauf von 30.8.1950 schrieb er: 1933 musste ich meine Praxis schlieen, da ich mich als BDA-Mitglied weigerte, die Fragebogen zwecks Ariernachweis und Aufnahme in die Reichskulturkammer auszufhren. NL RP, PA GP Liebknecht (1986) 11 Dussel (1995) 12 Grning (1986) 13 Andreas Schtzke (1999) hat in seinem Buch die Rckkehr der Architekten und Knstler in die DDR dokumentiert. Im Falle von Paulick ging er nicht nher auf dessen Exil ein. Rudolf Hamburger wird nur namentlich erwhnt.10 9

Prolog

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nach Shanghai, und Paulick verhalf Hamburger 1955 zur Rckkehr aus der Sowjetunion zwei vllig unterschiedliche Lebenswege. Die politischen Entwicklungen in Deutschland durch Hitler und der Zweite Weltkrieg, die Zeit der Emigration und die politis...

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