Die Zukunft der Energie

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  • HANDELSBLATT: HB - XBEILAGE1 - 1 - 77 - 22.04.10 < 1 > - FARBE: Composite - Sendetermin: 21.04.10 15:18

    HB: HB - XBEILAGE1 - 1 - 77 - 22.04.10 < 1 > FARBE: Composite - Sendetermin: 21.04.10 15:18

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    Wie Strom, Wrmeund Internet zusammenkommen

    Die Zukunft der Energie

    TopicNr. 77 Donnerstag 22. April 2010

    Total vernetzt

  • GRAFIK:Das Netz soll mitdenken.Damit das funktioniert,mssen die Energieversorgervor allem die Stromverteilungverbessern. Die Komponentendes Netzes. Seiten 8, 9

    PERFEKTES TIMING:Moderne Haussteuerungenmachen das Leben nicht nurkomfortabler, sie reduzierenauch den Stromverbrauchund nutzen gnstige Tarife ganz von allein. Seite 12

    ABENTEUER E-MOBIL:Politik und Industrie habensich festgelegt: DemElektroauto gehrt dieZukunft. Aber Deutschlandist noch nicht berzeugtdavon. Seite 14

    AUFBRUCH:Auf die Energiekonzernekommen groe Heraus-forderungen zu. Sie mssendie Netze intelligent machen,um die Stromversorgung zusichern. Seite 4

    KEIN ANSCHLUSS:Die Politik will dengrundlegenden Umbau derEnergieversorgung. Aber sieschafft es nicht, denerforderlichen rechtlichenRahmen zu setzen. Seite 7

    SELBSTREGELND:Industrie und Forscherentwickeln Techniken frdas intelligente Stromnetz.Experten sehen hiereinen milliardenschwerenMarkt. Seite 10

    Inhalt

    ArndtNeuhaus,VorstandsvorsitzenderRWERheinlandWestfalenNetz

    Netze frdie Energievon morgen

    ImpressumHandelsblattGmbH (V. i. S. d. P); Kasernenstr. 67,40213Dsseldorf;Chefredakteure:Gabor Steingart, BerndZiesemer;ArtDirector:NilsWerner;ChefinvomDienst:SusanneWesch;VerantwortlicherRedakteur: JrgenFlauger;Layout:UteDoerenkamp;Bildredaktion:HendrikRauch;Titelfoto:pixsil.com/Visum;Bildbearbeitung:HolgerHopp;Grafik: Jean-Philippe Ili;Autoren:Markus Fassen, JrgenFlauger, HansSchrmann,Klaus Stratmann;Geschftsfhrung:Dr. Tobias Schulz-Isenbeck, Dr.Michael Stollarz;Anzeigenverkauf: iqmediamarketing, Tel.: 0211/887-0;verantwortlich frAnzeigen:UteWellman

    Bei der Energie sind Versor-gungssicherheit,Wirtschaftlich-keit und Umweltvertrglichkeitoberste Ziele. Sie gelten sowohl frdie Erzeugung als auch fr die Vertei-lung. Die deutschen Stromnetze sindleistungsfhig und zuverlssig, die iminternationalen Vergleich geringenAusfallzeiten belegen dies. Aber siemssen fr die Zukunft fit gemachtwerden. Denn die Marktbedingungenndern sich, die Technik wird innovati-ver und der Stromverbraucher flexib-ler nicht zuletzt durch die demogra-fische Entwicklung.

    Verantwortlich und vorausschau-end handeln heit, die Stromnetzemit Milliardeninvestitionen intelligen-ter zumachen. Sie mssen in derLage sein, die Vernderung auf Ange-bots- und Nachfrageseite effizient zumanagen. Erforderlich ist dazu ein Zu-sammenwachsen der Stromverteil-technik mit neuester Informations-und Kommunikationstechnologie.

    Die intelligenten Netze vonmor-genmssen fr die schwankendenEinspeisungen aus erneuerbaren Ener-giequellen genauso gerstet sein wiefr ganz neue Angebote, etwa dieElektromobilitt. Es mssen Verbin-dungen vonWindparks vor den Ks-ten bis zu den Verbrauchern gebautund Stromspeichermglichkeiten ge-schaffen werden, denn derWindweht nicht immer dann, wenn Stromgebraucht wird. Und smarte Technolo-gien, etwa in der Haustechnik, ms-sen integriert werden. Die Stromver-braucher von heute werden die klei-nen Stromproduzenten vonmorgensein. Zudemwird die Stromnachfragedurchmoderne Raumwrmetechni-ken wie dieWrmepumpe und durchneue zeitabhngige Tarife zuneh-mend flexibler.

    RWE RheinlandWestfalen Netz alseiner der grten Verteilnetzbetreiberin Deutschland stellt sich diesen enor-men Herausforderungen und ist auf al-len Feldern intelligenter Techniken anvorderster Front aktiv. So fhren wirdas vom Bundeswirtschaftsministe-rium gefrderte Projekt Netze der Zu-kunft. Bei den Smart Metern hat RWEin Mlheim an der Ruhr das bundes-weit grte Pilotprojekt aufgelegt.

    Im Ergebnis werden alle intelligen-ten Techniken einen wichtigen Beitragleisten fr sparsameren Energiever-brauch und den verstrkten Einsatz er-neuerbarer Energien. Damit unterstt-zen wir nachhaltig das Ziel einer klima-vertrglichen, effizienten und langfris-tig sicheren Energieversorgung.

    Muh

    s/Caro

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    TOPIC DONNERSTAG, 22. APRIL 2010www.handelsblatt.com 3

  • Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

    Wenn morgens die Lichter ange-hen, die Kaffeemaschinen bro-deln und die Toaster rsten, gehtdas Gefrierfach vom Netz. Wie anjedem Morgen, wenn Deutsch-land aufwacht und der Stromver-

    brauch rapide steigt, setzt die kleine Box im Keller denKhlschrank auf Schlummerbetrieb vorbergehend,bis alle aus demHaus sind.Der elektronische Zhler leistet tagtglich Schwerst-

    arbeit. Er bermittelt dem Netzbetreiber permanent,wie viel Stromder Haushalt gerade verbraucht undwieviel Stromdie Solaranlage auf demDach in das Netz ein-speist. Er steuert einzelne Gerte, die nicht stndig aufStrom angewiesen sind, dann an, wenn der Verbrauchsonst gering und gnstig ist. Nachts sorgt der Zhler da-fr, dass das Elektrofahrzeug in der Garage gengendStrom bekommt, damit der Hausbesitzer am nchstenmorgen zur Arbeit fahren kann. Mit seinem Handykann der Hausbesitzer die Anlage von unterwegs steu-ern, ihr mitteilen, wann er nach Hause kommt und dieHeizung die gewnscht Temperatur erreicht habensoll. Der Versorger wiederum kann dank der Daten,die er aus Millionen Haushalten erhlt, seine Kraft-werke punktgenau hoch- und runterfahren.So in etwa soll die Energiewelt im Jahr 2020 ausse-

    hen. Sie ist intelligenter geworden, smarter. Intelli-gente Stromzhler neudeutsch Smart Meter hngenin den meisten Haushalten und sind die Schnittstellefr die Kommunikation der Verbraucher mit den Ver-sorgern; intelligente Netze Smart Grids sorgen dankder umfangreichen Daten, die die Zhler liefern, fr ei-nen effizienten Ausgleich von Angebot und Nachfrage;und eine intelligente Haustechnik Smart Home nutzt die Zhler, um kostengnstig und komfortabeldie elektrischen Gerte in Privathaushalten zu steuern.Das intelligente Trio wird unverzichtbar sein: Nur

    mit der intelligenten Steuerung wird das Netz ber-haupt stabil Strom liefern. Denn 2020 wird der Ver-brauch viel strker schwanken, als er das jetzt schontut aber genauso wird das Angebot schwanken. Dannsollen mehr als eine Million Elektrofahrzeuge auf deut-schen Straen fahren, die unregelmig an ffentli-

    chen Sulen und in privaten Garagen geladen werden.Und dank der Frderung durch Bundesregierung undEU-Kommission wird Strom immer mehr aus schwerzu prognostizierenden erneuerbaren Quellen produ-ziert. Vor allem aber wird er zunehmend dezentral ein-gespeist: Mit Solaranlagen auf Dchern undMini-Block-heizkraftwerken werden Privathaushalte zu Stromer-zeugern.Wenn man das mit dem Straenverkehr vergleicht,

    wird in verkehrsberuhigten Wohnstraen ein regerVersandhandel aufgebaut, der durch intelligente Am-peln geregelt werden muss, beschreibt Arndt Neu-haus Chef der RWE RheinlandWestfalen Netz AG, diedie Verteilnetze des Konzerns managt die Herausfor-derungen, die auf die Netzbetreiber zukommen.

    Natrlich knnten diese auch gelst werden, wenn dieVersorger einfach strkere Leitungen verlegen. Abervor allem in Stdten, in denen dafr Straen aufgeris-sen werden mssten, wre das schlicht zu teuer. Undineffizient. Eine intelligentere Steuerung des Stromflus-ses spart daher Strom und senkt die Kosten.Daher wird sie von der Bundesregierung gefrdert.

    Im Koalitionsvertrag haben Union und FDP eigens fest-gehalten, dass sie die rechtlichen Rahmenbedingun-gen fr eine flchendeckende Modernisierung derEnergienetze zu intelligenten Netzenweiterentwickelnund die Verbindung der Stromnetze mit Informations-und Kommunikationstechnik zu einem Element des ef-fizienten Netzbetriebs machen. Und fr die Bundes-netzagentur sind Smart Grids eine Lebensader derWirtschaft.

    Der Aufbau des Smart Grid wird zwar gnstiger sein,als die Kapazitten einfach zu vergrern, aber auch erwird teuer auch wenn sich der konkrete Bedarf nochschwer abschtzen lsst. Nach den Worten von Eon-Chef Wulf Bernotat sind bis 2020 allein in Deutschland20 Milliarden Euro ntig, um das intelligente Netz auf-zubauen. Das Marktforschungsunternehmen Trendre-search prognostiziert fr denselben Zeitraum einMarktvolumen fr Smart-Grid-relevante Technologienvon insgesamt 27Milliarden Euro vor allem fr Endge-rte sowie Informations- und Kommunikationstechno-logie.Zhler und Netzsteuerung werden bereits fleiig er-

    probt. Die Billigtochter von Energie Baden-Wrttem-berg (EnBW), Yello, bietet ihren Kunden auf Wunschund gegen Bezahlung die sogenannten Sparzhler an,mit denen sie ihren Stromverbrauch amComputer ver-folgen knnen. Im Gegensatz zum bisherigen Stan-dard, bei dem der Zhlerstand in der Regel einmal imJahr abgelesen wird, haben die Kunden eine perma-nente Kontrolle und knnen groe Stromfresser erken-nen und entsprechend reagieren.RWEhat 2008 begonnen, erstmals eine groe Stadt

    Mhlheim an der Ruhr mit Zhlern auszustatten, dieelektronisch und aus der Ferne ausgelesenwerden. BisEnde 2011 erhalten ber 100 000 Haushalte neueStromzhler, mit denen sie ihren Energieverbrauchmonatlich im Internet kontrollieren knnen aufWunsch auch hufiger. Etwa ein Viertel davon sind be-reits installiert. RWE investiert dafr 30 MillionenEuro, fr die Haushalte ist der Austausch kostenlos.Noch profitiert von der Installation vor allemder Ver-

    sorger, der sich dasmhsameAblesen durch einen Ser-vicemitarbeiter spart und umfangreiche Daten sam-melt. Die Kunden mssen mhevoll ihren Verbrauchbeobachten und testen, wie sie ihn beeinflussen kn-nen. Erst wenn die Zhler mit einer ausgeklgeltenHausautomatisierung verbunden sind, wird das Ener-giesparen komfortabel.Doch zuvor gibt es zahlreiche Probleme zu lsen. So

    muss der Datenschutz gewhrleistet sein. Vor allemaber steht der Preis einer flchendeckenden Einfh-rung entgegen. Heute kostet ein intelligenter Zhler

    Aufbruch in die intelligenteDie Stromversorger stehen vor groen Herausforderungen. Durch den Boom der erneuerbarenEnergien und die Einfhrung des Elektroautos werden Angebot und Verbrauch immerschwieriger zu prognostizieren. Intelligente Netze sollen den Stromfluss effizient steuern.

    Martin

    Mox

    ter/Bildstelle

    Das Energienetz wird interaktiverund wesentlich intelligenter an diversen Stellen verschmelzenInternet und Energienetz sogar.Zukunftsforscher, Future MattersLars Thomsen

    TOPIC DONNERSTAG, 22. APRIL 2010www.handelsblatt.com 5

    150 bis 200 Euro. Damit die Technik sich durchsetzenkann, msse der Preis auf ein Viertel sinken, schtzenBranchenexperten. Dafr sind wiederum hohe Stck-zahlen ntig. Die Versorger mssen auf jeden Fallschrittweise vorgehen und das intelligente Netz zu-erst in Ballungszentren aufbauen.Zukunftsforscher Lars Thomsen von der Schweizer

    Unternehmensberatung FutureMatters ist aber zuver-sichtlich, dass sich die Energiewelt tatschlich vern-dern wird. Nach seinen Worten folgt das Energienetzeiner hnlichen Entwicklung wie einst das Internet:Eswird interaktiver undwesentlich intelligenter andiversen Stellen verschmelzen Internet und Energie-netz sogar.Fr die Energieversorger ergeben sich Chancen undHerausforderungen gleichermaen. Wer frhzeitig insmarte Technologien investiert, kann seine Kostensenken und sich Wettbewerbsvorteile verschaffen.Mit Zhlern und Hausautomatisierung lassen sichneueTarife entwickeln, und es knnen die Kunden be-lohnt werden, die ihre Gerte entsprechend demStromangebot steuern lassen. Eine Gefriertruhe mussschlielich nicht permanent amNetz hngen.Mit Smart-Home-Produkten kann der Versorger so-

    gar am Energiesparen Geld verdienen. Er hilft demKunden, seinen Verbrauch zu senken, und lsst sichdie Dienstleistung bezahlen. Und die Elektromobilittbirgt ohnehin ein hohes Umsatzpotenzial. Zukunfts-forscher Thomsen schtzt, dass Versorger, die dieneuen Mglichkeiten ntzen, im Privatkundenseg-ment ihren Umsatz pro Haushalt verdoppeln knnen vornehmlich durch elektrische Mobilittsangebote,

    Finanzierungsdienste, Datendienste und zielgruppen-spezifische Service-Pakete.Allerdings ist der Innovationsdruck auf die Branche

    hoch. Die neuenMglichkeiten locken schlielich auchUnternehmen aus Branchen an, die imGeschft mit Da-tentransfer und Netzsteuerung Erfahrung haben: Netz-ausrster und Telekommunikationskonzerne etwa.Die knnten sich vor allem kleinen kommunalen Netz-betreibern als Partner anbieten, denn die stoen beider Modernisierung der Energieversorgung an ihre fi-nanziellen Grenzen.Beispiel Friedrichshafen am Bodensee: Hier koope-

    riert der lokale Versorger, die Technischen WerkeFriedrichshafen, mit der Deutschen Telekom. In denStadtteilen Oberhof und Windhag testet die Telekomin der T-City praktisch nutzbare Telekommunikations-anwendungen, darunter auch intelligente Strom- undGaszhler. Im Herbst haben die Partner in 1 400 Haus-halten Minicomputer installiert, die viertelstndlichber das Mobilfunknetz die Stromverbrauchsdaten anden Kommunalversorger bermitteln. Der Kundekann diese jederzeit ber das Internet einsehen undspart, wenn er Gerte amAbend und amWochenendenutzt. Dann ist der Strom um bis zu 20 Prozent gnsti-ger.Der Kommunalversorger wiederum kann die Daten

    nutzen, um seine Kraftwerke optimal zu steuern undletztlich sogar aktiv den Stromverbrauch zu beeinflus-sen. Im Testgebiet stehen mehrere alternative Energie-quellen ein Blockheizkraftwerk, eine Brennstoffzel-len- und eine Photovoltaikanlage sowie drei kleineFlusskraftwerke. Die Solaranlage und die Wasserkraft-werke liefern wetterabhngig unregelmig Strom. Mitden Mini-Computern kann der Versorger den Ver-brauch der Kunden an das Angebot angleichen. EinRechner ist beispielsweise an die Waschmaschine einesFriseursalons angeschlossen und schaltet diese nurnoch an, wenn nachts besonders viel Strom zur Verf-gung steht.DenDatentransfer, dasManagen der enormenMen-

    gen an Information bernimmt die Telekom mit ih-ren Servern. Das Geschftsmodell des Konzerns be-steht dabei in einer Grundgebhr fr den Einbau derMini-Computer und einem monatlichen Entgelt, dasdavon abhngt, wie oft der Versorger die Daten erfas-sen will.Noch ist die neue Energiewelt auf wenige Testregio-

    nen beschrnkt. Aber sptestens 2020 da sind sichdie Experten einig werden fast alle Brger an das intel-ligente Stromnetz angeschlossen sein. Jrgen Flauger

    EnergieweltEin wichtiger Bestandteil des Stromnetzesder Zukunft werden Speicher sein, denn dieEnergie wird immer unregelmiger produ-ziert, und auch die Stromabnahmeschwankt immer strker.

    FunktionSchon heute wird mit Hilfe von Pumpspei-cherkraftwerken im HchstspannungsnetzStrom gespeichert. Ist ein Stromberschussim Netz vorhanden etwa in der Nacht ,wirdWasser mit dieser Energie bergauf inein Haltebecken gepumpt. Herrscht Strom-mangel, schiet dasWasser durch dieRohre wieder ins Tal und treibt dabei Turbi-nen an, die Energie produzieren.

    KapazittWeltweit dominiert diese Art der Energie-speicherung. In Deutschland gibt es derzeit33 Anlagen. Damit ist die Kapazitt fast aus-geschpft.

    VorteileEin Pumpspeicherkraftwerk hat eine sehrhohe Leistung und erreicht seine Hchstleis-tung innerhalb weniger Minuten, brauchtalso keine langen Anlaufzeiten. Pumpspei-cherkraftwerke sind daher schwarzstartf-hig, das heit, sie knnen genutzt werden,um andere Kraftwerke nach einem Totalaus-fall wieder hochzufahren. Der Preis der pro-duzierten Energie pro Kilowattstunde istniedrig.

    NachteilePumpspeicherkraftwerke produzieren weni-ger Energie, als sie beim Hochpumpen ver-brauchen. Umweltschtzer kritisieren zu-dem den schweren Eingriff in die Land-schaft: Es mssen zwei groe Speicherbe-cken in Hanglage gebaut undmit Rohrenverbunden werden.

    Strom speichern:Pump-speicherkraftwerk

    31,1

    27,7 19,025,6 5,0

    3,6 47,0

    6,5

    5,5

    17,0

    1,0

    11,0

    BraunkohleKernenergie

    SteinkohleErdgas

    Erneuerbare EnergieSonstige

    Erzeugung1990

    Prognose2020

    Die Zukunft wird koStruktur der Bruttostromerzeugung, Anteile in %

    Quellen:AG Energiebilanzen, BundesverbandWindenergie (Prognose)Handelsblatt

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    TOPIC DONNERSTAG, 22. APRIL 2010www.handelsblatt.com 7

    Wo immermanManager der Energiebran-che trifft, wird ein Problem zum zentra-len Gesprchgegenstand: Man wollemassiv in den Ausbau der Stromnetzeinvestieren, stoe aber in denGenehmi-

    gungsverfahren oft an schier unberwindbare Hrden,klagen die Unternehmensvertreter. Der dringend erfor-derliche Aus- und Umbau der Netze, eine der zentralenVoraussetzungen fr den Umbau der Energieversorgung,kommt daher nicht voran. Dabei ist Eile geboten. Schonjetzt stoen die Netze oft an ihre Grenzen.Bis 2020will die Energiewirtschaft ohne staatliche Hil-

    fen rund 40 Mrd. Euro in das gesamte deutsche Strom-netz investieren. Die Unternehmen wollen handeln undinvestieren, aber man muss sie lassen, sagt HildegardMller, Hauptgeschftsfhrerin des Bundesverbandesder Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Bislang ms-sen die Unternehmen oft sehr lange warten, ehe sie han-deln drfen. Ein Beispiel: Der Netzbetreiber Transpowerbekam2009 die Genehmigung fr den Bau einer Stromlei-tung in Hessen 15 Jahre nach Einreichen der Antrge.Der Netzausbau ist das Nadelhr. Nur wenn die Netze

    sich verndern, kann der Ausbau der erneuerbaren Ener-gien voranschreiten, knnen die europischen Strom-mrkte strker zusammenwachsen, kann die Stromver-sorgung dezentraler werden.Immerhin hat sich die Situation in der vergangenen Le-

    gislaturperiode leicht verbessert: Die groe Koalition hatim Sommer 2009 das Energieleitungsausbaugesetz (En-LAG) verabschiedet. Es schafft die Mglichkeit, auf vierTrassen Hchstspannungsleitungen teilweise unterir-disch zu verlegen. Das ist zwar wesentlich teuerer als derBau einer herkmmlichen Freileitung, soll aber die Akzep-tanz der Projekte erhhen. Denn die stoen vor Ort oft

    auf erbittertenWiderstand; langwierige Rechtsstreitigkei-ten verzgern die Umsetzung dann weiter. Die Mehrkos-ten fr die Erdkabel werden auf alle Netzbetreiber umge-legt und landen damit letztlich bei den Stromkunden.Auch aus der vergangenen Legislaturperiode stammt dasInfrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz. Es hatRechtssicherheit fr die Netzanbindung von Offshore-Windparks gebracht und den Verwaltungsrechtsweg frbestimmte Infrastrukturprojekte verkrzt.Der Ausbau der Netze ist die Voraussetzung dafr, dass

    der rasant wachsende Windstromanteil in Nord- undNordostdeutschland in die Verbrauchszentren imWestenund Sden der Republik gelangen kann. Wenn der Aus-bau der Windkraft in Nord- und Ostsee richtig begonnenhat, steigen die Anforderungen an die Netze weiter.Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) zur einen Hlfte

    im Eigentum des Bundes, zur anderen im Eigentum vonKfW, DZ Bank, Deutscher Bank und Allianz hatte vorfnf Jahren eine Netzstudie vorgestellt, die zum Ergebniskommt, dass in den nchsten Jahren neue Verbundnetzlei-tungen mit einer Lnge von 850 Kilometern gebaut wer-denmssen. Bislang sind davon nach Angaben von Dena-Chef Stephan Kohler gerade 200 Kilometer realisiert. Al-lerdings sind das laut Kohler alles Teilstcke bestimmter

    Leitungen, es gibt noch keine durchgehende neue Verbin-dung. Die Situation sei sehr unbefriedigend. Noch in die-sem Jahr will die Dena ihre Netzstudie II prsentieren. Dader Zubau der erneuerbaren Energien rascher voran-schreitet als 2005 angenommen, drften deren Ergeb-nisse noch alarmierender ausfallen. Schon jetzt ist klar,dass wir erheblich mehr neue Leitungen brauchen, als inder ersten Studie prognostiziert, sagt Kohler.Auch die schwarz-gelbe Koalition sieht die Probleme

    beim Neubau von Leitungen. Im Koalitionsvertrag habenCDU, CSU und FDP dem Thema einen kurzen Passus ge-widmet: Der Investitionsstau im Ausbau der Energienetzemsse aufgelst werden, heit es dort. Und weiter: Wirwerden eineweitere Beschleunigung der Planungsverfah-ren im Leitungsbau angehen. Taten folgten nicht.Dass die Netze immer hufiger an den Rand ihrer Kapa-

    zitten kommen, wurde Ende 2009 deutlich: Am zweitenWeihnachtsfeiertag liefen fast alle deutschen Windrderrund um die Uhr auf Hochtouren und produzierten mehrals erforderlich. Der Preis fr Windstrom fiel ins Boden-lose, der Netzzustand war kritisch. Auch Tage, an denendie Windrder deutschlandweit so gut wie keinen Stromliefern, sind nicht selten. Die Netzbetreiber stellt diese ex-treme Volatilitt vor groe Probleme. Sie mssen in je-dem Fall dafr sorgen, dass die Spannung erhalten bleibt.Kann die Politik etwas gegen die schwankende Wind-

    stromproduktion tun? Ja, indirekt zumindest. Sie kannAnreize schaffen, das ko-Strom-Aufkommen zu versteti-gen. Das Themawurde in der vergangenen Legislaturperi-ode diskutiert und auf unbestimmte Zeit vertagt. Grund-stzlich kann man beispielsweise verschiedene erneuer-bare Energietrger intelligent verknpfen. Wenn sichdie Betreiber vonWindkraft-, Photovoltaik-, Biogas-, Was-serkraft- oder Geothermieanlagen mit Speichern zusam-menschlieen und sich verpflichten, den Strombedarfverlsslich und stetiger zu decken, so muss das fr die In-vestoren imMarkt finanzierbar sein. Dafr ist eine rechtli-che und wirtschaftliche Grundlage notwendig, heit esbeim Bundesverband Windenergie. Aber im Momentfasst niemand das Thema an.Auch die Stromspeicherung wird von der Politik eher

    stiefmtterlich behandelt. Experten gehen davon aus,dass die Energiebranche in den kommenden Jahren zwei-stellige Milliardenbetrge in den Bau von Stromspeicherninvestieren muss, die als Puffer fr das volatile ko-stromAufkommen dienen. Neben bewhrten Technolo-gien wie Pumpspeicherkraftwerken wird an Druckluft-und groen Batteriespeichern gearbeitet. Die Bundesre-gierung untersttzt solche Aktivitten mit Forschungsgel-dern. Ein schlssiges politisches Gesamtkonzept fr dieSpeicherung fehlt jedoch. Klaus Stratmann

    Kein AnschlussDie Politik will dengrundlegenden Umbauder Energieversorgung.Die Bundesregierung tutsich allerdings schwer, denerforderlichen rechtlichenRahmen zu schaffen.

    FunktionDruckluftspeicherkraftwerke nutzen dieEnergie, die in verdichteter Luft steckt. Kom-pressoren drcken Luft in dichte Salzstcke.Bei hohem Strombedarf wird diese Luft aufTurbinen geleitet, die Energie produzieren.Allerdingsmuss die Luft dabei erwrmt wer-den, sonst vereisen die Turbinen.

    KapazittBisher gibt es nur ein solches Kraftwerk inDeutschland und eines in den USA. Dortwird ein zweites geplant. Das Kraftwerk inElsfleth bei Bremen ist seit 1978 in Betriebund speichert die berschssige Energiedes Kernkraftwerks Unterweser. Das in McIn-tosh/Alabama arbeitet seit 1991.

    VorteileDruckluftspeicherkraftwerke erreichen einehohe Leistung, und es erreicht seine Hchst-leistung schon nach etwa zehn Minuten.

    NachteileDerWirkungsgrad dieser Kraftwerke istsehr niedrig, die Energieproduktion extremteuer. Daher werden sie nur in Notsituatio-nen gestartet. Zudem hngt ihr Bau an geo-logischen Gegebenheiten, sie knnen nichtberall gebaut werden.

    Strom speichern:Druckluft-speicherkraftwerk

    vario

    imag

    es/M

    arcusVetter

    Bis 2020 will die Energiewirtschaftohne staatliche Hilfen rund 40 Mrd.Euro in das Stromnetz investieren.

    Hildegard MllerBundesverbandes der Energie- undWasserwirtschaft (BDEW)

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    PRODUKTION VERTEILUNG

    700

    650

    600

    550

    500

    450

    400

    350

    300

    250

    20020201970

    StromproduktionBruttostromproduktion in Mrd. kWh

    BruttostromerzeugungAnteile in Prozent

    Prognose*

    20092020*

    Grokraftwerke

    Liefern Strom vor allem fr die Grundlast. EinzelneKraftwerke knnen exibel hoch- oder runtergefahrenwerden, um Angebot und Nachfrage im Netz auszugleichen.

    bertragungsnetz

    Hchstspannungsleitungen transportieren den Strom berweite Strecken berregional. Dieses Netz ist in Deutschlandgut 35700 Kilometer lang; das gesamte Stromnetz ist rund1,78 Mio. Kilometer lang viereinhalb Mal so lang wie dieStrecke von der Erde zumMond.

    Dezentrale Energiequellen

    Vor allem Kraftwerke, die mit erneuerbaren Energien wieWind und Sonne betrieben werden, speisen abhngig vomWetter - unregelmig Strom ein. Je mehr solche Kraftwerkeentstehen, umso grer sind die Anforderungen ans Netz.

    Netzleitzentren

    Schon jetzt regeln die Betreiber Transpower (Tennet),Amprion (RWE), EnBW und 50Hertz (Elia) den Fluss in denHchstspannungsleitungen.

    Privathaushalte

    Haushalte produzieren Strom zunehmend auch selbst etwaber Solardcher oder in Blockheizkraftwerken und speisendiesen ins Netz.

    Braunkohle

    Kernenergie

    Steinkohle

    Erdgas

    Erneuerbare Energie

    Sonstige

    24,5

    22,6

    18,3

    12,9

    15,6

    17,0

    1,0

    19,0

    11,0

    47,0

    6,15,0

    Wasserkraft: 5,0

    Photovoltaik: 7,0 Geothermie: 1,0

    Windkraft: 25,0 Biomasse: 9,0

    davon:

    Braunkohlekraftwerk Jnschwalde:Das Kraftwerk des VersorgersVattenfall Europe kommt auf eineinstallierte Leistung von 3000MW.

    Stromuss

    Datenuss

    Handelsblatt | Grak: Jean-Philippe ILI | Quellen: HB-Research: Heike Nabert de Lobo, AG Energiebilanzen, Destatis, CAR Uni Duisburg-Essen, Prognosen: *BundesverbandWindenergie, **Prognos/EWI | Foto:Micha

    DasNetz, dasmitdenktDie Anforderungen an die Stromverteilung nehmen zu.Wie die Produzenten und die Konsumentenmiteinander verbunden sind.

    TOPIC DONNERSTAG, 22. APRIL 2010www.handelsblatt.com 9

    VERBRAUCH

    600

    550

    500

    450

    400

    350

    300

    250

    20020201970

    StromverbrauchNettostromverbrauch in Mrd. kWh

    Prognose*

    Ab 2010: Prognosen**

    Verkehr

    EnergieverbrauchAnteile in Prozent

    Haushalte Gewerbe

    29,0 30,2

    40,8

    Verkehr Haushalte Gewerbe

    29,6 29,6

    40,6

    Verkehr Haushalte Gewerbe

    25,1 25,1

    49,8

    Verkehr Haushalte Gewerbe

    29,8 28,0

    42,2

    Speicher

    Energieberschsse, die whrend Zeiten geringeren Strom-verbrauchs erzeugt werden, knnten knftig gespeichertwerden. Verschiedene Speichermedien sind im Test.

    Industrie

    Die Industrie ist der grte Stromabnehmer. EinigeUnternehmen betreiben auch eigene Kraftwerke.

    Privatkunden

    Haushalte treiben vor allem tagsber und in den Abendstun-den den Stromverbrauch in die Hhe. Der Verbrauchmussber intelligente Stromzhler besser erfasst werden.

    Elektromobilitt

    Verteilnetz

    In den Regionen wird der Strommit niedrigerer Spannungverteilt. Bislang war der Aufwand zum Regeln desStromusses gering, das wird sich durch neue Stromlieferan-ten und Speichermglichkeiten ndern. 1,16 Mio. Kilometer istdas Netz lang, das die lokale Stromversorgung vonHaushalten, kleinen Betrieben und der Landwirtschaftsicherstellt, weitere 580 000 Kilometer versorgen lokaleVersorger, die Industrie und grere Betriebe mit Strom.

    Bis 2020 sollen eine Million Elektroautos allein in Deutschlandauf die Strae und dafr Ladesulen installiert werden. Dieseziehen unregelmig Strom aus demNetz.

    Netzkontrollstellen

    Knftig mssen auch in Verteilnetzen Verbrauch undEinspeisung von Strom genauer gemessen und der Flussgeregelt werden.

    Verkufe von Hybrid- und Elektroautos

    08 10 15 20 25

    in Europa, in Mio. (Schtzung)

    3,3

    16,2

    1990 2000

    2010 2020

    hael Helbig/dpa

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  • Stromnetze werden intelligent. Wenn an derNordsee eine steife Brise weht und sich dieWindrder ununterbrochen drehen, springenin Cuxhaven die Aggregate eines Khlhausesan und khlen es herunter bis auf minus 25Grad. Die Energie wird in Form von Klte gespeichert, dieerst dann wieder abgegeben wird, wenn der Wind nach-lsst.

    Erneuerbare Energien stellen die Versorger vor ein Pro-blem: Wind- und Solarkraftwerke erzeugen nur dann vielStrom, wenn es krftig weht oder die Sonne scheint. UmStrom aus solchen Anlagen besser managen zu knnen,sollen Photovoltaikanlagen, kleine Wasserkraftwerke,Windkraft- und Biogasanlagen zu virtuellen Kraftwerkenzusammengeschlossen werden, die als zentrale Kraft-werke im Gesamtnetz agieren.

    Auch das Cuxhavener Khlhaus ist Teil eines solchenvirtuellen Kraftwerks. Es wirkt als Puffer, nimmt ber-schssige Energie im Regelkreis auf und sorgt dafr, dassdas virtuelle Kraftwerk Energie konstant in das Stromnetzeinspeisen kann. Der Energieversorger EWE und derFraunhofer-Verbund Energie testen das Konzept zusam-men mit weiteren Projektpartner im Rahmen des bundes-weiten E-Energy-Forschungsprojektes.

    In insgesamt sechs Regionen laufen derzeit hnlicheTests, die den Aufbau eines bundesweiten intelligentenStromnetzes zum Ziel haben. Viele der Projekte gingen imHerbst vergangenen Jahres in die heie Phase. Zigtau-sende Haushalte und Hunderte Unternehmen arbeiten anden Feldversuchen mit, die bis 2011 laufen und mit ihrenErgebnissen den Aufbau eines sogenannten Smart Grids

    Es regeltIndustrie und Forscherentwickeln Techniken fr dasintelligente Stromnetz.Experten sehen hier einenmilliardenschweren Markt.

    Das Stromnetzwird interaktivKnftig entscheidet der Zhler, ob der Strompreis geradeniedrig genug ist, um das Auto zu laden. Und Versorgersenken den Preis, wenn sie mal zu viel produzieren.

    Sptestens in zehn Jahren wird das Stromnetzintelligent sein und mit dem Internet ver-knpft. Wenn die Versorger nicht schnell rea-gieren, werden aber Konkurrenten aus ande-ren Branchen das groe Geschft machen,

    meint der Trend- und Zukunftsforscher Lars Thomsen,Inhaber der Unternehmensberatung Future Matters inZrich. Im Gesprch mit Handelsblatt-Redakteur JrgenFlauger erlutert er seine Prognose.

    Handelsblatt: Herr Thomsen, steht der Energiemarktvor einer Zeitenwende?Lars Thomsen: Auf jeden Fall. Das Stromnetz wird sichin den kommenden 500 Wochen, also bis 2020, radikalverndern.

    HB: Inwiefern?Thomsen: Es wird mit dem Internet verschmelzen. Bis-lang ist die Struktur des Stromnetzes doch simpel, esdient nur der Verteilung des produzierten Stroms. Inden vergangenen Jahrzehnten hat sich daran trotz derLiberalisierung des Marktes nichts getan. Jetzt muss esinteraktiv werden.

    HB: Was heit das konkret?Thomsen: Das Internet bietet die Mglichkeit jedes ein-zelne Gert, das einen Stromanschluss hat, anzusteuern und man wird die Mglichkeiten auch nutzen. In zehnJahren wird man von unterwegs per iPhone kontrollie-ren knnen, ob im Khlschrank noch Milch ist. Manwird ber das Internet aber auch den Stromverbrauchsteuern knnen.

    HB: Knnen Sie das mit einem Beispiel erlutern?Thomsen: Das Elektroauto in der Garage wird selbststn-dig mit dem Zhler im Keller kommunizieren, der wie-derum ber das Internet die aktuellen Stromtarife er-hlt. Gibt es am Markt ein berangebot an Strom, weilsich beispielsweise besonders viele Windrder drehen,

    wird der Versorger den Preis senken. Das Programm imZhler wird selbststndig entscheiden, dass es jetzt gns-tig ist, das Auto zu laden. Bisher muss der Mensch ent-scheiden, wie er Strom und Geld sparen kann. Knftigbernimmt das das Netz. Es wird eben intelligent.

    HB: Braucht der Verbraucher denn intelligente Khl-schrnke?Thomsen: Das ist eine Altersfrage. Es wchst eine Genera-tion zu Konsumenten heran, die in der digitalen Weltgrogeworden ist. Fr meine Tochter wird es ganz nor-mal sein, in zehn Jahren per iPhone ihren Khlschrankzu kontrollieren. Auerdem wird die Hemmschwelle sin-ken, weil sich die Mehrkosten fr intelligente Gertedeutlich verringern werden.

    HB: Ist Smart Energy denn ein groer Markt?Thomsen: Ja, wir glauben, dass der weltweite Markt frSmart-Energy-Produkte beispielsweise die Zhler unddie Abrechnungssoftware fnf Mal so gro sein wirdwie der Umsatz der deutschen Autoindustrie. Allein dasPotenzial der Elektromobilitt wird noch unterschtzt.Wenn sich die Versorger hier engagieren, knnen sie ih-ren Umsatz pro Haushalt verdoppeln.

    HB: Vor welche Herausforderungen stellt die Entwick-lung die Energieversorger?Thomsen: Vor groe. Hier prallen zwei Branchen aufei-nander, die eine vllig unterschiedliche Innovationsge-schwindigkeit haben. Stromkonzerne planen in Zeitru-men von zehn, 20 oder sogar 30 Jahren. Internetfirmendenken in einem, zwei, maximal drei Jahren. Die Versor-ger mssen also schneller werden.

    HB: Werden sich die Marktverhltnisse verschieben?Thomsen: Ja, wer sich schnell auf die neue Welt einstellt,kann sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. DieKunden werden zu Anbietern wechseln, die die neuenDienste im Programm haben. Die Versorger mssenaber ganz neu denken vielen wird das schwer fallen.

    HB: Konkurrieren sie denn auch mit Internetanbietern?Thomsen: Natrlich werden die Energieunternehmenauch weiterhin den Strom bereitstellen und daran ver-dienen. Aber das Geschft mit den Diensten, etwa dieSteuerung intelligenter Khlschrnke, knnen auch an-dere bernehmen. Ich bin sicher, dass wir in zehn Jah-ren Weltunternehmen haben werden, die ein Riesenge-schft mit Smart Energy machen. Ich kann Ihnen nurnoch nicht sagen, wie die heien. Das sind jetzt nochjunge Start-ups genauso wie vor zehn Jahren, als sichdas Internet verbreitete.

    HB: Unterschtzen die Versorger die Konkurrenz?Thomsen: Vor zehn Jahren haben die Telekomkonzerneauch gelassen auf die Entwicklung des Internets ge-schaut. Schlielich hatten sie ja die Infrastruktur. Siekonzentrierten sich darauf, die Einwahl bereitzustellenund daran zu verdienen. Das groe Geld haben aber diegemacht, die Dienste anbieten, wie Amazon und Google.

    HB: Droht Deutschland, den Anschluss zu verlieren?Thomsen: Ja, es wird zwar hier zu Lande immer mehrber Smart Energy geredet, aber richtig in Schwungkommt das Thema nicht. Hier wird die Geschwindigkeit,mit der das intelligente Netz kommen wird, unterschtzt.Das war beim Internet ja auch schon so. In Asien und den

    USA ist das ganz anders. Wenn die Deutschen inden nchsten zwei, drei Jahren nicht Gas geben,werden sie den Anschluss verlieren.

    Trendsuche Lars Thomsen ist Grnder und Chief Fu-turist von Future Matters. Das in Zrich beheimateteBro fr Innovation und Zukunftsforschung ver-sucht, die Megatrends der nchsten fnf bis zehnJahre aufzuspren. Future Matters bert Unterneh-men und Institutionen ber Trends, Vernderungenin der Arbeitswelt und die Entwicklung von Zukunfts-mrkten. Thomsen arbeitet fr alle Branchen vonder Energieversorgung ber Pharma und Dienstleis-tungen bis zur Automobilindustrie.

    Zukunftsforscher Der 41-Jhrige hat Informations-wissenschaften studiert und ist neben seiner unter-nehmerischen Ttigkeit unter anderem Dozent fr di-gitales Marketing an der BayerischenAkademie fr Werbung und Marke-ting sowie Mitglied der wissen-schaftlichen Gesellschaft World Fu-ture Society in Washington. Thom-sen beschftigt sich neben der Zu-kunft der Energieversorgung unteranderem auch mit der Entwicklungder Unternehmenskultur, Medienund Marketing im 21. Jahr-hundert und der Mobi-litt im Umbruch.

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    voranbringen sollen. Erforscht werden dabei Huser, dieden eigenen Stromhaushalt weitgehend automatisch mana-gen, sowie Energiebrsen, an denen Verbraucher selbst-produzierten kostrom mglichst gewinnbringend verkau-fen knnen.

    Die intelligenten Stromnetze sollen den Stromverbrauchknftig so steuern, dass extreme Spitzenlasten vermiedenwerden knnen, etwa am Morgen gegen acht Uhr, mittags,wenn Essen gekocht wird, oder abends ab 17 Uhr, wenn diemeisten Berufsttigen nach Hause kommen. Verteilt sichder Verbrauch gleichmig ber 24 Stunden, sind auch dieKraftwerke der Versorger gleichmiger ausgelastet. Lauteiner Studie des Wissenschaftlichen Instituts fr Infrastruk-tur und Kommunikationsdienste und des Fraunhofer-Ver-bunds Energie lassen sich allein durch eine Verschiebungdes Stromverbrauchs in privaten Haushalten whrend derSpitzenzeiten rund zehn Terawattstunden pro Jahr einspa-ren was der Kapazitt von zehn bis 15 groen Kohlekraft-werken entspricht.

    Es werden Testumgebungen installiert, in denen die Teil-nehmer alle Ebenen der komplexen Energiesysteme model-lieren und in der Praxis in alle Richtungen untersuchen kn-nen. Bisher floss der Strom immer nur in eine Richtung vom Kraftwerk zum Verbraucher , in Zukunft muss dasNetz einen bidirektionalen Stromfluss gewhrleisten kn-nen, sagt Peter Bretschneider vom Fraunhofer-Anwen-dungszentrum AST in Ilmenau. Und das sei fr alle Projekt-teilnehmer Neuland.

    Das Stromnetz msse eine mglichst flexible Plattformfr den freien Energiehandel bieten fr alle Marktteilneh-mer. Es msse stark fluktuierende und nur schlecht prog-

    nostizierbare regenerative Einspeisungen aufnehmen undauch bei groen Belastungen zuverlssig arbeiten, be-schreibt Bretschneider die Herausforderungen.

    Diese gestiegenen Anforderungen lassen sich nur mitdem Einsatz moderner Informations- und Kommunikati-onssysteme meistern. Experten sind sich sicher: Die intelli-genten Stromnetze werden die Stromversorgung ebensostark verndern, wie das Internet die Kommunikation um-gekrempelt hat.

    Der Aufbau solch intelligenter Netze ist Bestandteil vie-ler Konjunkturprogramme weltweit. Allein die US-Regie-rung will hier in den nchsten Jahren rund drei MilliardenEuro investieren. Die Welt braucht intelligente Strom-netze, um den wachsenden Energiebedarf auf umwelt-schonende und zuverlssige Art zu decken. Schtzungender Europischen Kommission zufolge werden bis 2030 In-vestitionen in Hhe von rund 400 Milliarden Euro frneue, intelligente Stromnetze in Europa notwendig.

    Laut IT-Experten hat sich die Technik, mit der das Ener-gienetz der Zukunft gesteuert werden kann, lngst in derPraxis bewhrt, etwa im Mobilfunk. Zahlreiche Unterneh-men der Branche stehen in den Startlchern, um ihre Soft-ware und Gerte in die neue Umgebung zu bertragen.Viele von ihnen arbeiten bereits bei den E-Energy-Projek-ten mit Stromriesen wie EnBW, RWE und Vattenfall zusam-men: Konzerne wie Cisco, Google, Hewlett-Packard (HP),Siemens, SAP und IBM.

    Whrend Deutschlands grter Softwarekonzern SAPund die IT-Riesen IBM und HP die Stromversorger bei derSpeicherung und Auswertung der riesigen Datenmengenuntersttzen, die knftig regelmig von den digitalenStromzhlern beim Verbraucher an den Energielieferan-ten geschickt werden, bietet der Siemens-Konzern dieTechnik fr die Steuerung der Netze. Im Vergleich zu denWettbewerbern haben die Mnchener das breiteste Tech-nikangebot von digitalen Stromzhlern ber Softwarefr das Datenmanagement (Smart Metering), die Netz-steuerung bis zur Informationstechnik fr die Stromver-sorger bieten sie das ganze Programm. Der Konzern rech-net bis 2014 mit Auftrgen fr die intelligenten Stromnetzevon insgesamt ber sechs Milliarden Euro. Hans Schrmann

    sich selbstFunktionWasser wird durch Elektrolyse in Sauerstoffund Wasserstoff gespalten. Dies geschiehtmit billigem Strom. Der Wasserstoff wirddann in Drucktanks gesammelt und beiBedarf in der Brennstoffzelle in Elektrizittumgewandelt. Dies kann auch in Fahrzeu-gen geschehen. Bis jetzt gibt es erste Flot-tenversuche und stationre Testanlagen;kommerziell wird die Technik noch kaumgenutzt.

    VorteileEs wird eine sehr hohe Energiedichteerreicht, das heit, in Bezug auf ihr Gewichtkann die Brennstoffzelle sehr viel Energiespeichern.

    NachteileDie Technik ist sehr teuer und durchausgefhrlich. Auerdem geht bei der Umwand-lung viel Energie verloren.

    FunktionAkkumulatoren oder Batterien spei-chern elektrische Energie durch Umwand-lung in chemische. Sie enthalten in derRegel Metallverbindungen mit Blei, Nickel,Zunk, Cadmium oder Lithium. Die Akkussind in elektrischen Gerten schon heuteberall im Einsatz, auch in einigen station-ren Anlagen werden sie genutzt, etwa zurErzeugung von Notstrom.

    VorteileAkkus sind gut mobil einsetzbar.

    NachteileDie Zahl der Ladezyklen ist stark begrenzt.Ihr Preis ist noch sehr hoch, und in gre-rem Ausma sind sie nach wie vor zuschwer. Je hher die Energiedichte desAkkus, um so teurer ist er. Er entldt sichmit der Zeit selbst.

    Brennstoffzelle

    Strom speichern:Akkumulator

    In Zukunft muss das Netzeinen bidirektionalen Stromfluss

    gewhrleisten knnen.Peter Bretschneider

    Fraunhofer-Anwendungszentrum AST

    DONNERSTAG, 22. APRIL 2010www.handelsblatt.com 11

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    Beim Thema intelligente Stromnetze betre-ten nicht nur die Stromversorger Neuland.Auch deren Kundenmssen dazu lernen. Siewerden knftig nicht Strom verbrauchen,sondern selbst Energie erzeugen und diesein ihremHaus oder gar im Auto zwischenspeichern.Wie diese neue Rollenverteilung zwischen Stromliefe-

    rant und Kunde aussehen knnte, demonstrierte derZentralverband der Deutschen Elektro- und Informati-onstechnischen Handwerke (ZVEH) auf der diesjhri-gen Fachmesse Light+Building in Frankfurt. Das soge-nannte E-Haus ist ein 100 Quadratmeter groes Mo-dellwohnhaus mit Kche, Bad, Bro, Technikraum, Ga-

    PerfektesModerne Haussteuerungenmachen das Leben nicht nurkomfortabler, sie reduzierenauch den Stromverbrauchund nutzen gnstige Tarife.

    Verbrauchunter KontrolleMit neuartigen Stromzhlern sollen die Kunden Energiesparen bis zu 30 Prozent. Sptestens 2022 sollenalle alten Gerte durch solche Smart Meter ersetzt sein.

    Jrgen Rsel blickt auf sein iPhone. Auf demDis-play hat er nicht nur den Energieverbrauch sei-ner Kchengerte im Blick; er sieht auch, wieder Stromverbrauch in die Hhe schnellt,wenn er den Computer an seinem Arbeitsplatzoder den Plasmabildschirm im Wohnzimmer einschal-tet. Rsel wohnt in einem Vorort von Stuttgart undnimmt am Smart-Metering-Projekt des Energieversor-gers EnBW teil. Seit Mitte vergangenen Jahres hngt imKeller seinesWohnhauses ein digitaler Stromzhler. Die-ser misst sekundengenau den Verbrauch und bertrgtdie Daten ber das W-Lan-Netz im Haus an dasSmartphone.Rsel kann den Energiehunger der Gerte aber nicht

    nur in Echtzeit ermitteln, die Software prsentiert ihmam Ende des Tages zustzlich eine Kurve, die anzeigtwie hoch der Stromverbrauch ber den Tag verteilt war.Fr den Schwaben ist das nicht nur eine nette Spielerei,er sucht nach Mglichkeiten, seine Stromrechnung zudrcken. Nachdem EnBW in der Testregion zwei Tarifeeingefhrt hat der Nachtstrom ist drei Cent billiger alsdie ber Tag verbrauchten Kilowatt ,kann er Geld sparen, indem er beispiels-weise die Wasch- oder Splmaschineerst am spten Abend einschaltet,wenn der Strom billiger ist.So wie der badenwrttembergische

    Energieversorger versuchen inzwi-schen fast alle Stromversorger imLand, in Feldtests zusammen mit ihrenKunden Erfahrungen im Umgang mitder neuen digitalen Erfassungstechnikzu sammeln.Das ist auch dringend ntig, denn die alten Zhler mit

    der drehendenMetallscheibe sollen in den nchsten Jah-ren nach und nach aus den Kellern verschwinden. Siewerden durch die sogenannten Smart Meter ersetzt. SeitAnfang dieses Jahres knnen Huslebauer nicht mehrzwischen alter und neuer Technik whlen sie mssenden digitalen Zhler einbauen. Das gilt auch bei umfang-reicherenModernisierungen in Altbauten.Die digitalen Stromzhler sind ein wichtiger Baustein

    der Stromnetze der Zukunft, der sogenannten SmartGrids. Sie erfassen kontinuierlich die Verbrauchsdatenund schicken diese in regelmigen Abstnden an denStromversorger. Dieser kann mit den Informationennicht nur den Verbrauch minutengenau abrechnen,sondern auch die Energieverteilung in seinemNetz bes-ser steuern. Darber hinaus machen die kleinen, farbi-gen Ksten den Stromverbrauch transparenter und hel-fen Stromkunden wie Jrgen Rsel, durch geschickteSteuerung ihrer elektrischen Gerte bares Geld zu spa-ren.Die EnBW-Tochter Yello war einer der ersten Strom-

    versorger in Deutschland, der seinen Kunden den Ein-bau eines digitalen Stromzhlers und die Nutzung einesTag-/Nachtstromtarifs angeboten hat. Bereits seit De-zember 2008 knnen Yello-Kunden ihren alten Zhlerdurch die neue Erfassungstechnik ersetzen lassen. Vo-raussetzung ist allerdings, dass der Kunde einen Inter-netanschluss mit Flatrate hat, denn der Smart Meter be-ntigt die Datenleitung, um die Zhlerinformationen anden Zentralrechner des Stromversorgers zu bertragen.Die Verknpfung des Zhlers mit dem Internet ist ein

    Kinderspiel. Die Daten werden ber die hausinterneStromleitungmit Hilfe eines Powerlinemodems, das ein-fach in die Steckdose neben dem Zhler gesteckt wird,zum Router bertragen. ber diesen Datenverteiler imKeller kann der Kunde dann auch die Daten mit seinemPC oder perW-Lan auf seinem Smartphone abrufen. Um

    die Daten zu analysieren, bietet Yello eine Software, dieder Kunde auf seinemWindows-PC installieren kann. In-zwischen gibt es aber auch von anderen Anbietern ent-sprechende Programme, so dass auch Apple-Nutzer ih-ren Energieverbrauch analysieren knnen. Die Pro-gramme knnen nicht nur den Stromverbrauch einzel-ner Gerte darstellen, sie zeigen auch, wie lange bei-spielsweise am Tag der PC angeschaltet war oder wie oftdie Khltruhe im Keller angesprungen ist.Erste Studien darber, wie sehr der Einbau der digita-

    len Stromzhler das Energiesparen untersttzen kann,klingen vielversprechend: Viele Kunden htten ihrenVerbrauch um fnf bis zehn Prozent einige sogar bis zu30 Prozent gesenkt, sagt Yello-Chef Martin Vesper.Laut dem Verband der Elektrotechnik und Elektronik(VDE) ist das nicht bertrieben. Ein Haushalt knnedurch eine bewusstere Nutzung elektronischer Gertebis zu 300 Euro pro Jahr einsparen, haben Experten desVerbandes ausgerechnet.Trotz dieser Vorteile sind Smart Meter bislang noch

    wenig verbreitet. 100 bis 200 Yello-Kunden pro Tag ha-ben laut Vesper den digitalen Strom-zhler in ihr Haus einbauen lassen. In-teressiert waren vor allem Technikfre-aks, sogenannte Early-Adopter, diegerne neue Technologien als erste aus-probieren.Das knnte sich schnell ndern. Das

    Thema Smart Meter gewinnt in die-sem Jahr deutlich an Bedeutung. Nichtnur die Versorger und Elektrover-bnde rhren auf Messen bundesweitdieWerbetrommel fr die Zukunftstech-

    nik, auch die Medien sorgen dafr, dass die Vision vomintelligenten Stromnetz bekannter wird. Experten ge-hen zudem davon aus, dass durch die Neubauten dieZahl der Smart Meter in den nchsten Jahren deutlichsteigen wird: Der Bundesverband der Energie- undWas-serwirtschaft (BDEW) rechnet mit 400 000 digitalenZhlern, die bis 2010 in Neubauten installiert werden.Sptestens 2022 sollen alle analogen Modelle aus denKellern verschwunden sein.Bis dahin mssen allerdings noch einige technische

    Probleme gelst werden. Noch fehlen Standards fr dieSmart Meter und die Weiterleitung der Daten. Zudemmahnen Datenschtzer einen sicheren Umgang mit denVerbrauchsdaten an. ber die Pilotprojekte hinaus gibtes dafr bislang keine Lsung, sagt Heike Kerber vomForum Netztechnik/Netzbetrieb im Elektrotechnik-Ver-band VDE. So sei noch nicht klar wie die vom Smart Me-ter an die Versorger weitergeleitet werden. Die VDE-Ex-pertin leitet einen Arbeitskreis, der eine internationalgltige Kommunikationsschnittstelle fr digitale Strom-zhler entwickeln will, ber die die Daten an die Strom-lieferanten bertragen werden knnen.Nicht jeder Stromkunde hat heute einen Internetan-

    schluss. Da mssen dann andere bertragungstechni-ken genutzt werden. Technische Alternativen gibt eszur Genge: Mobilfunkverbindungen, Kabel- undStromleitungen oderW-Lan-Netze, ber die Informatio-nen bertragen werden knnen. Um die Technikennutzen zu knnen, gibt es aber bislang noch keineSchnittstellen an den Zhlern, sagt Kerber. Die Interes-sen der Stromversorger, Telekommunikationsfirmenund Zhlerhersteller unter einen Hut zu bringen, seirecht schwierig.Bis diese Details geklrt sind,machen die Stromversor-

    ger weiter wie bisher. Einmal im Jahr schicken sie einenMitarbeiter zumAblesen der Zhlerstnde zum Kunden.

    Hans Schrmann

    400000Smart Meter sollenbis Ende 2010 in

    deutschen Neubauteninstalliert sein.

    Quelle: BDEW

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    rage und einem Wohnzimmer, in dem die neuen ener-gieeffizienten Systeme in einer intelligenten Verknp-fung erlebbar werden: neue energiesparende Beleuch-tungen, grne Fernseher und PCs, digitale Stromzh-ler (Smart Meter), Hausgerte, Photovoltaikanlagenund eine Home-Tankstelle fr das Elektroauto. AlleElektronikkomponenten sind auf der Basis des weltwei-ten Standards fr Gebudeautomation KNX miteinan-der vernetzt.Das Smart-Meter bertrgt nicht nur den individuel-

    len Verbrauch jedes einzelnen Gerts auf einen Bild-schirm, es informiert auch darber, wie viel Strom diePhotovoltaikanlage gerade produziert. Die Ladestationfr das Elektromobil ein amerikanischer SportwagenTesla Roadster ist zudem mit einer Tarifwahlfunktionausgestattet, so dass der Kunde, wenn er sich mit einerChipkarte authentifiziert hat, den gnstigsten Tarif wh-len kann.Verknpft mit dem Smart Grid der Zukunft, knnen

    die Gerte imHaus nicht nur vom Computer des Bewoh-ners, sondern auch von auen vom Stromversorger gesteuertwerden. Beispielsweise dann,wenn durch star-ken Wind so viel Energie produziert wird, dass derStrom zwischengespeichert werden muss. Dann knn-

    ten Steuerimpulse, die ber die Stromleitung bertra-gen werden, dafr sorgen, dass die Tiefkhltruhe imKeller anspringt und mit besonders billigem Stromnoch auf ein paar zustzliche Minusgrade abgekhltwird.Hausgerte-Hersteller wie Miele haben in ihre neus-

    ten Wasch- und Splmaschinen, Trockner und Khlge-rte bereits Schnittstellen eingebaut, ber die Gerte so-wohl innerhalb desHauses als auch von auen kostenef-fizient gesteuert werden knnen.Bis die Vision vom intelligenten Stromnetz und der

    Steuerung der Haushaltsgerte durch den Stromanbie-ter Realitt wird, werden sicher noch einige Jahre insLand gehen. Im Keller hngt zwar schon ein intelligen-tes Messgert, der Smart Meter wird aber nicht intelli-gent genutzt, sagt Walter Tschischka, Prsident desZentralverbands der Deutschen Elektro- und Informati-onstechnischen Handwerke (ZVEH).Die Interessensvertretung des Elektrohandwerks hat

    die intelligente Hausvernetzung als Zukunftsmarkt ent-deckt. Deren Mitglieder wrden lieber heute als mor-gen ihre Kunden mit der neuen Technik beglcken.Tschischka wnscht sich daher mehr Engagement vonden Stromlieferanten. Sie mssten Schnittstellen schaf-fen, die einen reibungslosen Datenaustausch in alleRichtungen des Netzes ermglichen, fordert der Ver-bandsprsident. Wir brauchen die Information desStromversorgers, um ein Haus energieeffizient steuernzu knnen, sagt Tschischka. Die Datenverarbeitungnach innen sei kein Problem, hier gebe es seit langemSchnittstellen, ber die die Verbrauchsdaten im Hausweiterverarbeitetwerden knnten, sagt der ZVEH-Prsi-dent.Bis dahinmuss der Kunde den Stromverbrauch selbst

    steuern. Mit Hilfe der Smart Meter, die den Verbrauchsekundengenau messen, kann er die groen Stromfres-ser ausmachen. Wenn er die kennt, kann er kostenbe-wusst den Strom einkaufen und die Gerte starten,wenn der Tarif am niedrigsten ist. Untersttzung be-kommt er von Software, die nicht nur auf dem PC lau-fen, sondern als sogenannte Apps auch auf mobilenRechnern wie dem iPhone. Solche Programme helfenden Hausbesitzern, auch die Technik intelligenter undkomfortabler zu nutzen.Damit auch ltere Gerte in die Haussteuerung ein-

    fach integriert werden knnen, hat Digitalstrom.org,eine Non-Profit-Organisation, die 2007 an der ETH Z-rich (Eidgenssisch Technische Hochschule) gegrndetwurde, eine Technik entwickelt, die schnell und einfachnachgerstet werden kann. Einmal installiert, knntemit ihr beispielsweise mit einem einfachen Taster ne-ben der Tr beim Verlassen der Wohnung mit einemSchlag Herd, Kaffeemaschine, Fernseher und andereStandby-Gerte ausgeschaltet werden, whrendKhlge-rte, das Telefon oder die Alarmanlage in Betrieb blei-ben.Mglich macht dies ein ameisengroer Chip. Nach-

    trglich in die Gerte eingebaut oder in einemZwischen-stecker untergebracht, sorgt er dafr, dass die Kaffee-maschine, der Toaster oder die Mikrowelle mit derHaussteuerung kommunizieren knnen. Das funktio-niert ber das bestehende 230-V-Stromnetz. Die Installa-tion erfolgt mit wenigen Handgriffen. Als zentrale Steu-ereinheit dient ein im Sicherungskasten neben demSmart Meter angebrachter Netzknoten, der die Steuer-signale ber das Stromnetz im Haus zu den einzelnenGerten leitet.Die Technik der Schweizer hilft sogar beim Energie-

    sparen. Der Chip sorgt dafr, dass die Gerte nur dannmit Strom versorgt werden, wenn es wirklich notwen-dig ist. Er senkt so den Standby-Verbrauch elektrischerGerte automatisch von herkmmlichen drei bis fnfauf unter 0,3 Watt. Gleichzeitig wird der Stromver-brauch der einzelnenGerte sichtbar. Ein einfaches Am-pelsystem am Sicherungskasten weist auf einen unge-whnlich hohen Stromverbrauch hin. Leuchtet daskleine rote Lmpchen auf, ist das ein Hinweis auf einenDefekt bei einem der Gerte etwa eine abgenutzteKhlschrankdichtung, die man ohne diese Anzeige soschnell nicht erkannt htte. Hans Schrmann

    Timing

    FunktionDie Energie wird in einem elektrischen Feldgespeichert, das sich wie in einemAkkuzwischen einer Elektrode und einem Elektro-lyten bildet. Als Kurzzeitspeicher werdensie bereits genutzt. Sie eignen sich alsErsatz fr Akkumulatoren, wenn eine hoheZuverlssigkeit und ein hufiges Laden undEntladen gefordert wird.

    VorteileDer Kondensator ist sehr schnell ladbar undentladbar. Der Speicher hat eine hoheKapazitt und einen hohenWirkungsgrad,das heit, es geht wenig Energie verloren.Auerdem nutzt er sich nicht ab.

    NachteileDie Elektronik ist sehr aufwendig, dieKosten sind hoch.

    FunktionIn einer tiefgekhlten supraleitenden Spulewirdmit Hilfe von Gleichstrom ein sehrstarkes Magnetfeld erzeugt. Das bewirkt,dass die Spannung in der geladenen Spuleber lngere Zeit bestehen bleibt. Bisherfunktioniert die Technik nur in Laborexperi-menten.

    VorteileDer gespeicherte Strom ist sofort verfg-bar, whrend etwa Pumpspeicherkraft-werke mehrere Minuten brauchen, bis sielaufen. Die supraleitende Spule hat einesehr hohe Leistungsdichte. Wenn sie ein-mal geladen ist, nimmt der Strom nicht ab.Nur zwei bis drei Prozent der Energie gehtbei Ladung und Entladung alsWrme verlo-ren.

    NachteileDie Kosten sind noch sehr hoch. Das Sys-temmuss sehr weit heruntergekhlt wer-den und ist unter anderem dadurch sehrwartungsintensiv. Die Khlung verbrauchtEnergie.

    Supraleitende Spule

    Strom speichern:Doppelschicht-kondensator

    Im Keller hngt zwar einintelligentes Messgert, es wird aber

    nicht intelligent genutzt.Walter TschischkaPrsident des ZVEH

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    Es fhrt sauber, es wirkt grn und es ist beschlos-sen: Wenn Anfang Mai die Spitze der Deut-schenWirtschaft zum Autogipfel ins Kanzler-amt kommt, steht das Ergebnis eigentlichschon fest. Das E-Mobil kommt. Mit Milliardenwird die Einfhrung der stromgetriebenen Autos inDeutschland vorangetrieben. Die Industrie wird ppigeFrdergelder erhalten, die Kufer hoffen auf mehreretausend Euro Kaufprmie. Das Ziel: Deutschland will einLeitmarkt fr Elektromobilitt werden, sagt die Bun-desregierung. Nicht weniger als eine Million Elektroau-tos sollen bis 2020 auf deutschen Straen fahren.Industrie und Politik ben einen engen Schulter-

    schluss beim Thema Elektroauto. Denn die Einstze sindhoch, die Ertrge ungewiss. Die Autohersteller mssenviel Geld investieren, sie drohen ihre herkmmlicheTechnik fr Verbrennungsmotoren schrittweise zu ent-werten. Die Energieversorger mssenein enges Netz von Ladestationen schaf-fen undmglichst viel grnen Stromvor-halten. Die Politik muss nachweisbareErfolge im Klimaschutz erzielen, darfaber nicht einen Subventionswettlaufmit anderen Volkswirtschaften anhei-zen.Dabei ist der schon lngst im Gange:

    Frankreich zahlt Kufern von Elektroau-tos 5 000 Euro Zuschuss, in China sindes bis zu 7 000. Nochmauert die Bundes-regierung offiziell. Whrend WinfriedHerrmann, Verkehrsexperte der Grnen, ebenfalls5 000 Euro fordert, will Verkehrsminister Peter Rams-auer erst einmal abwarten. Es sei gar nicht klar, welcheTechnik sich durchsetzen werde, begrndet Ramsauerseine zgerliche Haltung.Das Dilemma liegt auf der Hand: Whrend Mitsubishi,

    Peugeot und Citron bereits Ende 2010 mit ersten Ange-boten auf den deutschen Markt kommen, werden Daim-ler, BMW und Volkswagen nicht vor 2013 serienreifeElektroautos anbieten. Spt sind die Deutschen auf denZug aufgesprungen. Jetzt werden Milliarden in Stuttgart,Wolfsburg und Mnchen mobilisiert, um das Feld nichtFranzosen, Amerikanern und Chinesen zu berlassen.Kein Weg fhrt am Elektroauto mehr vorbei, sagen mitt-lerweile VW-Chef Martin Winterkorn, BMW-Chef Nor-bert Reithofer und Daimler-Chef Dieter Zetsche. Allmh-lich kommt auch in Deutschland Begeisterung auf, auchwenn die Kalkulationen ernchternd sind: Vielleichtzehn Prozent des Absatzes im Jahr 2020 knnten Elektro-autos sein, heit es etwa bei BMW.Warum aber dieser Hype? Die Antwort steckt in einem

    sich abzeichnenden Ressourcenmangel, der Klimade-batte, einer neuen Batterietechnik und der beispiellosenWirtschaftskrise. Es ist diese einmalige Konstellation ausUmweltschutz, technischem Fortschritt und wirtschaftli-chem Umbruch, der die Einfhrung des Elektroautosschon fast zwingend erscheinen lsst.Das Ende des lzeitalters ist oft beschrieben worden,

    auch wenn die derzeitigen Preissteigerungen fr Benzinmehr spekulativen Charakter haben, als dass einwirklicherMangel an den Weltmrkten vorliegt. Doch tendenziellwird Sprit in Zukunft knapp und damit teurer, vor allem,wenndasWirtschaftswachstum in Chinaweiter anhlt.Noch gravierender wirken die verschrften Emissions-

    anforderungen. Mitte des kommenden Jahrzehnts dr-

    fen diemeisten Autos, sowie sie heute gebaut werden, invielen Regionen der Welt nur noch unter Auflagen ver-kauft werden. In Europa beispielsweise soll der Ausstoder Neuwagenflotte bis 2020 auf 95 Gramm pro gefahre-nen Kilometer sinken, das schaffen heute nur die sau-bersten Kleinwagen. Wer dann trotzdem noch grereAutos verkaufen will, braucht zum Ausgleich Fahrzeuge,die am besten gar nichts mehr ausstoen. Das Elektro-auto scheint die Lsung.Der Stand der Technik sind Lithium-Ionen-Batte-

    rien, die vor wenigen Jahren Laptops und Handies er-obert haben. Es ist diese Speichertechnik, die es erst-mals seit 130 Jahren geschafft hat, Benzin als Energie-trger fr Autos Konkurrenz zu machen. Noch magman von einem Durchbruch kaum sprechen: Die ers-ten Elektroautos fahren immer noch mit Batterie-packs, die mehrere hundert Kilo schwer sind. So hat

    beispielsweise der Mini E, von demzur Zeit mehrere hundert Exemplareim Testbetrieb fahren, statt einerRckbank Batterien auf der Hinter-achse. 1,5 Tonnen wiegt der Kleinwa-gen, die Reichweite ist auf 200Kilome-ter begrenzt. Auch die Kosten spre-chen gegen eine schnelle Einfhrung:Ein Elektrokleinwagen ist noch dop-pelt so teuer wie sein benzinbetriebe-nes Pendant.Dass einwirtschaftlich sowaghalsiges

    Projekt dennoch eine gute Chance zumDurchbruch hat, liegt ausgerechnet an der Wirtschafts-flaute. Die Absatzkrise 2008/2009 hat die US-Autoindus-trie faktisch in die Pleite fahren lassen. General Motorsbekommt einen Neustart von der Regierung in Washing-ton finanziert. Doch die Regierung von Barack Obamahat lngst erkannt, dass ein echter Neuanfang her muss.Da GM mit herkmmlichen Autos auch nach einem Neu-start weiter hoffnungslos der Konkurrenz hinterherfah-ren wrde, spendiert Washington seine Milliarden frdas Elektroauto.Das Beispiel macht Schule: Frankreichs Autoindustrie,

    ebenfalls in einer schwierigen Situation, bekommt p-pige Frderungen aus Paris fr die Elektromobilitt;Staatsprsident Nicolas Sarkozy will Post und Verwal-tung in Frankreich dazu verdonnern, die Elektroautosvon Peugeot, Citron und Renault bevorzugt in die Flot-ten aufzunehmen. Und in China sollen in den Metropo-len von Peking bis Shanghai bald massenhaft Stromfahr-zeuge zum Einsatz kommen; Peking will seinen strategi-schen Vorsprung in der Batterietechnik nutzen, um dietraditionellen Machtverhltnisse in der Autoindustrie zubrechen.Vor diesem Hintergrund wird der Autogipfel im

    Kanzleramt wegweisend. BMW, Daimler und VW kn-nen den Einstieg in die neue Technologie allein kaumstemmen, sie brauchen Kooperationspartner und staatli-che Hilfen. Daimler verbndet sich mit Renault, und holtsich frisches Kapital aus Abu Dhabi. VW sucht die Nhezu Build Your Dreams, dem chinesischen Batteriespe-zialisten. Und die BMW-Groaktionrin Susanne Klattensteigt beim Chemiekonzern SGL Carbon ein, um Zugriffauf Leichtbau-Materialien und Kohlefaserfertiung zu be-kommen eine Schlsseltechnik fr Elektroautos.Jetzt muss die Bundesregierung entscheiden, wie viel

    ihr das Abenteuer Elektroauto wert ist. Markus Fasse

    AbenteuerElektroautoPolitik und Industrie haben sich festgelegt: Dem E-Mobilgehrt die Zukunft. Wirklich berzeugt ist Deutschlandaber noch nicht von den schnurrenden Autos.

    DasEndeImmer mehr Kundenproduzieren Strom selbst.Um im Markt mitzuspielen,sind sie aber zu klein.Deshalb schlieen sie sich zuvirtuellen Kraftwerkenzusammen.

    Zwei Kinder spielen am Kchentisch Karten.Pltzlich fllt das Licht aus. In derWohnung.Im gesamten Huserblock. In der ganzenStadt. Ein blauer Lastwagen des technischenHilfswerks rckt mit Sirenengeheul aus, um

    die Notversorgung mit Strom sicherzustellen. Geht beiuns bald das Licht aus?Mit dieser dsteren Szene startet einWerbefilm von En-

    ercon, Solarworld und Schmack Biogas. Die drei Unter-nehmen beschwren den Atomausstieg und das Endeder Kohlefrderung. Gleichzeitig setzen sie ihr Netzwerkaus Wind-, Solar-, Biogas- undWasserkraftanlagen als Al-ternative dagegen.Dieses Pilotprojekt ist eines von vielen, die fr den

    neuen Trend zu virtuellen Kraftwerken stehen. Virtuell,weil viele kleine Einzelkraftwerke an verschiedenen Or-ten sich zusammenschlieen und ihren Strom gemein-sam anbieten. An solchen Projekten arbeiten groe Ener-giekonzernewie RWEund Eon, aber auch alternative An-bieter wie die Hamburger Unternehmen Lichtblick undEnversum.Was treibt sie an? Wir mssen zum Beispiel die vielen

    neuenWindkraft- und Solaranlagen in Deutschland intel-ligent ins Stromnetz integrieren, sagt Martin Kramer,Projektmanager fr dezentrale Energiesysteme derRWE-Tochter Rheinland Westfalen Netz AG. Die einzel-nen dezentralen Anlagen seien oft zu klein, um ihre Leis-tung an die groen Netzbetreiber als Regelenergie oderan der Strombrse zu verkaufen. Auerdem frdert die

    1,5Tonnen wiegt der Mini Ewegen der schwerenBatterien, die an Stelleeiner Rckbank auf derHinterachse liegen.

    Quelle: BMW

    Davids/Jakuba

    szek

    TOPIC

    FunktionStromwird benutzt, um zwei Salzlsungen sogenannte Elektrolyte zu einer chemi-schen Reaktion zu bringen. So wird Energiechemisch gespeichert und kann durch Um-kehrung der Reaktion wieder abgegebenwerden. Entscheidend ist die Zahl der Lade-und Entlade-Zyklen, die das System ohnenennenswerten Leistungsverlust bersteht.Am geeignetsten erscheinen derzeit Vana-dium-Redox-Batterien, deren Umweltrisi-kenmoderat sind und fr die die Rohstofferelativ gut verfgbar sind.

    KapazittDie Leistung hngt von der Gre der Reak-tionskammern und der Gre der Speicher-behlter ab. An dem Systemwird intensivgeforscht, derzeit gibt es weltweit nur einenHersteller.

    VorteileDie Selbstentladung dieser Systeme ist sehrgering, die Energie kann also ber lngereZeitrume gespeichert werden. Seine Eigen-schaften knnen aber durch Verwendungunterschiedlicher Chemikalien flexibel ge-staltet werden.

    NachteileDie Batterie ist nur stationr einsetzbar undsehr teuer.

    der EinbahnstraeStrom speichern:Redox-Flow-Batterie

    Bundesregierung die dezentrale Energieerzeugung, umdie CO2-Bilanz zu verbessern.Eine groe Herausforderung fr die gesamte Branche,

    die ein Eon-Sprecher in Mnchen so beschreibt: Bisherwird Strom von greren Kraftwerken erzeugt und anVerbraucher verteilt, eine klassische Einbahnstrae.Doch immer mehr werde aus den Einbahnstraen einkomplexes Autobahnsystem mit mehrspurigem Verkehrin beide Richtungen. Denn die Kunden, Privathaushalteund Unternehmen, nutzen zwar den Strom der Energie-versorger, werden aber mit eigenen Solaranlagen gleich-zeitig zu Stromanbietern.Damit die neue Vielfalt auch praktisch funktioniert,

    schlieen verschiedene Energiekonzerne die Minikraft-werke zu virtuellen greren Einheiten zusammen. Dafrmssen zahlreiche Probleme gelst werden. Sie mssendie kleinen Kraftwerke ber eine Zentrale so steuern,dass sie zusammen rund um die Uhr Strom in der geplan-ten Menge liefern knnen, sagt Heinrich Bartelt, Ge-schftsfhrer der Regenerativkraftwerke Harz. Das Unter-nehmen ist einer von 19 Partnern des groen Modellver-suchs im Harz, wo verschiedene Energieerzeuger derzeitdas Zusammenspiel von Solar-, Wind-, Biogas- und Was-serkraftwerken testen. Wenn zum Beispiel die Windrder

    bei einem lauen Lftchen stillstehen, die Solaranlagenwe-gen einer Wolkendecke keinen Strom produzieren, dannfllen Biogas- undWasserkraftwerke die Lcke.Undwas geschieht, wenn dieWindrder zu schnell lau-

    fen undmehr Stromproduzieren als erforderlich? Dannspeichern wir ihn in Pumpspeicherkraftwerken, sagtBartelt. Das geht so: Mit der berschssigen Energie wirdWasser ber Rohrleitungen in ein hochgelegenes Spei-cherbecken gepumpt. Bei Bedarf lsst man das Wasserwieder ins untere Becken laufen und treibt damit Turbi-

    nen an, die Strom erzeugen. Auerdem setzt er auf neueBatterien, um Strom zu speichern. 2013 soll das virtuelleKraftwerk im Harz nach einem Testlauf ans Netz gehen.RWE ist da schon weiter zumindest in den Niederlan-

    den. Die Tochter Essent hat dort sogenannte Blockheiz-kraftwerke von Hunderten Gewchshusern zusammen-geschaltet und verkauft den berschssigen Strom an ex-terne Kunden. Blockheizkraftwerke erzeugen, meist an-getrieben durch Gasmotoren, Strom und nutzen die da-bei entstehendeWrme zumHeizen.Auch in Deutschland bereiten verschiedene Unterneh-

    men solche Projekte vor. Wir wollen ab September die-ses Jahres Energie anbieten, das aus mehr als 100 Block-heizkraftwerken kommt, kndigt Erich Ogilvie, Ge-schftsfhrer des Hamburger Energiehndlers Enver-sum an. Sein Ziel ist es, insgesamt eine Leistung von min-destens 15 Megawatt zu bndeln, denn dann wird er zumHandel an der Strombrse zugelassen.Noch ehrgeizigere Ziele hat der Hamburger kostrom-

    anbieter Lichtblick zusammen mit VW. Er testet derzeitMini-Kraftwerke des Wolfsburger Autokonzerns, dieebenfalls die sogenannte Kraftwrmekopplung nutzen,also Heizen und gleichzeitig Strom erzeugen. Lichtblickplant, ab Sommer die ersten Kunden anzuschlieen. Ins-gesamt wollen die Hamburger 100 000 Anlagen verkau-fen und zu einem Kraftwerk mit einer Leistung von2 000Megawatt vernetzen. Das entspricht in etwa der Ka-pazitt von zwei Atomkraftwerken.Doch das Vernetzen bleibt nicht die einzige Herausfor-

    derung fr virtuelle Kraftwerke. Es ist sehr wichtig, dassauch der Energieverbrauch intelligent gesteuert wird,merkt Kramer von RWE an. Es geht darum, dass der Pri-vatkunde zum Beispiel dann seine Wasch- oder Splma-schine einschaltet, wenn der Wind stark weht also vielStrom zur Verfgung steht.BeimModellprojekt imHarz soll das Bemi Bidirektio-

    nales Energiemanagement-Interface beim Kunden da-fr sorgen, dass er solche gnstigen Zeiten nutzt. Das Ge-rt schaltet dann die Waschmaschine ein. Ein Schritt indiese Richtung ist auch das Smart Meter, das Eon heuteschon als intelligenten Stromzhler nutzt.Ob Smart Meter, Bemi, ob Solar- oder Windenergie

    virtuelle Kraftwerkewerden in Zukunft immermehr zumgesamten Stromverbrauch beitragen.

    Es ist sehr wichtig, dass auchder Energieverbrauch intelligent

    gesteuert wird.Martin Kramer

    Projektmanager fr dezentrale Energiesysteme, Rhl.-Westfalen Netz AG

    DONNERSTAG, 22. APRIL 2010www.handelsblatt.com 15

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    TopicNr. 77 Donnerstag 22. April 2010

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