Die Seele der Demokratie: Bezahlte Bü ?· Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt…

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Ulrich BeckDie Seele der Demokratie: Bezahlte BrgerarbeitWie wird Demokratie jenseits der Erwerbsarbeitsgesellschaftmglich? Meine Teilantwort: durch die breite Frderung vonBrgerarbeit. Brgerarbeit meint: doing democracy. Man knnteauch (um Schumpeters Begriff der schpferischen Zerstrungzu variieren) von schpferischem Ungehorsam sprechen.1I. Brgerarbeit statt Arbeitslosigkeit finanzierenAusgangspunkt: Erwerbsarbeit schwindet und wirdzugleich immer wichtiger genommenDas Paradigma der Erwerbsarbeit steckt in einer doppelten Kri-se: Bezahlte Arbeit wird von der Wirtschaft seltener nachgefragt,ist im Zeitalter der Globalisierung buchstblich im grenzenlosenberangebot vorhanden, und Arbeit ist zugleich zum Wertschlechthin geworden. Eine der frhesten und radikalsten Formu-lierungen dieser das Menschsein angeblich berhaupt erst begrn-denden Arbeitsmoral findet sich in der Bibel: Denn schon alswir das letzte Mal bei euch waren, schrften wir dies euch ein. Wernicht arbeiten will, soll auch nicht essen.2 Es ist eine der ironi-schen Pointen der Weltgeschichte, da gerade dieser Satz aus dem2. Brief des Paulus aufgenommen wurde in die von Stalin entwor-fene Verfassung der Sowjetunion des Jahres 1936. Der Kommu-nismus, knnte man sagen, vollstreckte die christlich-brgerlicheArbeitsmoral, in der menschliches Sein und Arbeiten in der Wer-tung der Gesellschaft und in der Selbstwahrnehmung der Indivi-duen zu den zwei Seiten desselben verschmolzen wurden.Diese Paradoxie vor Augen einerseits schrumpft das Volumender Erwerbsarbeit3, andererseits nimmt sie eine Art Daseins-Mo-1 Vgl. U. Beck, Schne neue Arbeitswelt, Frankfurt am Main 1999.2 Zweiter Thessaloniker-Brief, 3.10.3 Im Zuge von Individualisierungsprozessen fragen immer mehr Menschen Frauen, Jugendliche, Alte Erwerbsarbeit nach. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447nopol in unserem kulturell verordneten Selbstwertgefhl ein , ltsich die Grundidee der Option Brgerarbeit einfhren. Ihr Zielist ein doppeltes: Einerseits soll Arbeit auerhalb von Staat undMarkt innerhalb des gemeinwohl-orientierten Freiwilligen-Sek-tors gesellschaftlich aufgewertet, finanziell abgesichert und inneue Rollen gegossen werden. Andererseits wird hier im flieen-den bergang auch Nicht-Arbeit in Gestalt von freiem, politi-schem Handeln4 ein- und ausgebt.Dies ist in Europa dringender als z. B. in den USA. Schon dasquantitative Ausma, in dem Amerikaner ffentlich-gemeinnt-zige Ttigkeiten volunteering bernehmen, ist beeindruckend:In einer Gallup-Umfrage von 1990 wird von 54 Prozent berich-tet, die sich regelmig freiwillig engagieren, vierzehn Prozentdavon fnf Stunden oder mehr pro Woche; vier Stunden pro Wo-che sind es im Durchschnitt (vgl. Independence Sector 1990). ZumVergleich: Im in dieser Hinsicht aktivsten Land Europas, denNiederlanden, engagieren sich 38 Prozent freiwillig.5 In der deut-schen Tradition vermischt sich der Aufruf zum brgerlichen En-gagement mit der berprfung der Arbeitsbereitschaft. In derneuerlich aufkommenden Forderung, Arbeitslosengeld und So-zialhilfe nur gegen kommunale Leistung auszuzahlen, meldet sichdie biblische Forderung wieder zu Worte: Wer nicht arbeiten will,soll auch nicht essen. Allerdings ist es umgekehrt ein historischerAnachronismus, da die entwickelten Wohlfahrtsstaaten die un-freiwillige Unttigkeit mehrerer Millionen Menschen bezahlen und die Zahlungen sogar an das Versprechen der Unttigkeitknpfen , whrend es im sozialen, kulturellen und kologischenBereich jede Menge notwendiger und sinnvoller Aufgaben gibt,die niemand anpackt.Aber das Modell Brgerarbeit greift wesentlich darber hinaus:Dem Schreckgespenst der Arbeitsgesellschaft ohne Arbeit soll eineVision entgegengestellt werden, die das, was im ungebrochenen Pa-radigma der Vollerwerbsgesellschaft als Krise und Katastro-phe erscheint, als historische Chance begreift und nutzt, gemdem Motto: Brger-Engagement statt Arbeitslosigkeit finanzieren!4 Im Sinne der Unterscheidung von Arbeit und Handeln bei Aristoteles und Han-nah Arendt, die dies in ihrem Buch Vita Activa ausgefhrt hat.5 Vgl. dazu detailliert R.G. Heinze / Chr. Strnck in diesem Band S. 171-216. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Brgerarbeit Organisierter, schpferischer UngehorsamWas meint Brgerarbeit? Wie gesagt: organisierten, schpfe-rischen Ungehorsam. Dies setzt voraus: die Ermglichung einer innovativen, experimentellen Kultur,die verbindet, was sich auszuschlieen scheint: Selbstverwirk-lichung und Dasein fr andere; in Form eines freiwilligen sozialen Engagements, das projektgebunden (und damit zeitlich begrenzt) in kooperativen,selbstorganisierten Arbeitsformen in der Initiative eines Gemeinwohl-Unternehmers durchgefhrtwird.Brgerarbeit wird nicht entlohnt, aber belohnt, und zwar mate-riell und immateriell (durch Brgergeld, Qualifikationen, dieAnerkennung von Rentenansprchen und Sozialzeiten, FavourCredits6 usw.).Materiell erhalten diejenigen ein Brgergeld, die hierauf exi-stentiell angewiesen sind. Die Mastbe sind die gleichen wie beider Gewhrung von Sozialhilfe; deshalb knnen in den ausgebau-ten Wohlfahrtsstaaten die erforderlichen Mittel aus den Haus-halten der Sozialhilfe und gegebenenfalls der Arbeitslosenhilfeentnommen werden.Jedoch, die Bezieher von Brgergeld sind bei sonst gleichenVoraussetzungen keine Empfnger von Sozial- oder Arbeits-losenhilfe, da sie in Freiwilligeninitiativen gemeinntzig ttigsind. Auch stehen sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfgung,wenn sie das nicht wnschen. Sie sind keine Arbeitslosen.Dieses Modell Brgerarbeit antwortet u. a. auf diese Fragen, imHinblick auf die es im folgenden durchdacht und konkretisiertwerden soll:(1) Die Frage nach dem Ist-Zustand: Gibt es ein Potential frderartige Ttigkeiten auerhalb der Erwerbsarbeit im Rahmenvon Brgerarbeit? Wie ist dies sozialstrukturell bestimmt (be-grenzt), wie lt es sich (politisch) aktivieren?6 Favour Credits sind Vorteile, die ein in Brgerarbeit Beschftigter aus seinerfreiwilligen Ttigkeit zieht, z. B. sein Kind gebhrenfrei in einen Kindergartenschicken zu knnen. Vgl. H. Keupp/W. Kraus/F. Straus in diesem Band S. 217-268. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447(2) Die Organisationsfrage: Wer fhrt Regie, erschliet und or-ganisiert dieses Potential im Hinblick auf welche Aufgaben?(3) Die Legitimationsfrage bzw. Schnittstellenfrage: Wer legiti-miert, welche Aufgaben im Rahmen von Brgerarbeit (zeitlichbegrenzt) angegangen werden? Wer lst mgliche Schnittstellen-fragen und -konflikte zu den sektoral konkurrierenden Beschf-tigungsformen auf (zweiter Arbeitsmarkt, Pflichtarbeit fr So-zialhilfe-Empfnger, professionelle Dienstleistungen, Zivildienstusw.)?(4) Die Finanzierungsfrage: Was kostet das? Und aus welchenTpfen wird es bezahlt?(5) Die Adressaten- und Arbeitsmarktfrage: Welche Motivati-ons- und Adressatengruppen kommen fr diese Art Brgerarbeitin Frage? Wie lt sich die Nachfrage u. U. begrenzen? WelcheAuswirkungen hat das Engagement in Brgerarbeit auf Arbeits-losigkeit und Arbeitsmarkt? Wie lassen sich Brgerarbeit undErwerbsarbeit aufeinander abstimmen, miteinander verzahnen,freinander durchlssig machen?(6) Die Demokratiefrage: Wie und in welchem Sinn kann Br-gerarbeit zur Erneuerung von gesellschaftlicher Wohlfahrt undDemokratie beitragen?Potentiale fr Brgerarbeit ausschpfenIn der Kennzeichnung von Brgerarbeit als schpferischer Unge-horsam und als freiwilliges, soziales Engagement liegt eine begriff-liche Vorentscheidung, auf die hier nur kurz hingewiesen werdenkann. Brgerarbeit ist in diesem Sinne nicht nur zu unterscheidenvon Erwerbsarbeit und Sozialarbeitszwang, sondern auch vonArbeiten im Haushalt und in Familien, Freizeitaktivitten,Schwarzarbeit u. a. m. Brgerarbeit dient nicht primr einem ko-nomischen oder subsistenzwirtschaftlichen Zweck wie Haus-haltsproduktion oder Schattenwirtschaft, sie ist verwandt dempolitischen Handeln, produziert Kollektivgter, dient dem Ge-meinwohl, anders als etwa individuelle Freizeitaktivitten. Auchdiese begriffliche Eingrenzung erffnet noch ein weites Feld, dasSelbsthilfe und mitgliedschaftliches Engagement wie ehren-amtliche Ttigkeiten (in Vereinen, Menschenrechtsorganisationen Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447oder in der Beratung und Fhrung von Wohlfahrtsverbn-den) umfat und nach Organisationsformen (formell informell,gro klein usw), Sektoren (Soziales, Gesundheit, Notfalldien-ste, Umwelt, Bildungswesen usw.) sowie Motivationsarten (tradi-tionsgeleitet, individualistisch usw.) unterschieden werden kann.7In der Beschftigung mit Zerfallsszenarien, die in der Debatte umGlobalisierung und Individualisierung die ffentlichkeitbewegen, ist der Tatbestand verdeckt und verdrngt worden,da das Ausma und Potential fr freiwilliges soziales Engage-ment auch in Deutschland nicht nur beachtlich und in den letztenJahren sogar noch gewachsen ist, sondern da die Art seinesStrukturwandels eine neue Mobilisierungsfigur geradezu heraus-fordert.8Umfang des EngagementsIm Jahr 1994 war fast ein Drittel der westdeutschen Bevlkerung das entspricht rund 16 Millionen Personen in einer ehrenamt-lichen Ttigkeit engagiert. Der Anteil ehrenamtlich Aktiver wardamit im Vergleich zu 1985 um 5 Prozent hher. In Ostdeutsch-land spielt ehrenamtliches Engagement eine nicht so groe Rolle,wenngleich auch hier 1994 fast ein Fnftel der Bevlkerung knapp 2,5 Millionen Personen eine ehrenamtliche Ttigkeitausbte. Bemerkenswert ist: Fr alle Altersklassen in West-deutschland ist im Vergleich zu 1985 eine Zunahme ehrenamt-licher Ttigkeit zu beobachten.Individualisierung und EngagementDie Individualisierung von Werthaltungen und Schichtenbindun-gen wirkt sich auch auf die Ttigkeiten auerhalb der Erwerbs-7 Siehe dazu im einzelnen R. G. Heinze/Chr. Strnck, in diesem Band S. 180-188.8 Dazu auch den Beitrag von Helmut Klages in diesem Band. Die von Rolf Heinzeund Mitarbeitern durchgefhrte erstmalige Auswertung der Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP) zu diesem Thema vermittelt ein anderes Bildvom Umfang der Ttigkeiten auerhalb der Erwerbsarbeit als die derzeit allent-halben zitierte Eurovol-Untersuchung zum ehrenamtlichen Engagement in Eu-ropa. Vgl. Gaskin, K. et al. (1996). Die Eurovol-Forscher haben ermittelt, dasich in Deutschland 18 Prozent freiwillig engagieren, Deutschland damit nurnoch vor dem Schlulicht Slowakei rangiere. Gleichzeitig seien jedoch ber85 Prozent davon mindestens einmal pro Monat aktiv. Die hier erstmals vorge-stellte SOEP-Analyse die den Wandel im Vergleich zu Querschnittsanalysenoffenlegt kommt zu anderen Ergebnissen. Siehe zum sozio-demographischenWandel im einzelnen R. Heinze/Chr. Strnck, in diesem Band S. 188-192. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447arbeit im Freiwilligensektor aus. Die Organisationen knnen vieleMenschen nicht mehr voraussetzungslos in ihre Arbeit einbinden,weil die Interessenten eigene Ansprche an Zeit und Dauer ent-wickeln und sich vermehrt fr thematisch gebundene Einzel-projekte einsetzen wollen. Auch die Bedeutung biographischerPassungen nimmt zu: Wichtiger als Orientierungsmarken durchdie Zugehrigkeit zu einem sozialen Milieu ist die Koppelung derfreiwilligen Ttigkeit an eigene Erfahrungen und Fhigkeiten.Dadurch wchst zugleich das Potential von Freiwilligen an, weilbrgergesellschaftliches Engagement (neue Ehrenamtlichkeit)deutlich ber das traditionelle Milieu und ber Mitgliedschafts-grenzen von Sozialverbnden hinausgeht. Alle Befunde belegen,da Individualisierung keineswegs zu einer Vereinzelung undEntsolidarisierung fhrt. Vielmehr entsteht ein neues Potentialfr Ttigkeiten auerhalb der Erwerbsarbeit, das bislang mit her-kmmlichen Begriffen nicht adquat erfat wird. Dies zu erschlie-en und in Ermglichungsformen zu binden, ist das Ziel von Br-gerarbeit.ZeitdimensionDieser Strukturwandel des freiwilligen Engagements zeigt sichauch darin, da regelmiges Engagement zurckgeht, whrenddas unregelmige Engagement stark gewachsen ist. Im Jahr 1985gaben 15,4 Prozent der Befragten an, regelmig ehrenamtlich t-tig zu sein; 8,5 Prozent waren sogar jede Woche aktiv. 1994 be-trug der Anteil der regelmig Aktiven dagegen nur 14,9 Prozentund der Anteil der wchentlich Aktiven noch 7,6 Prozent. Deut-lich zugenommen hat dagegen die seltener ausgebte ehrenamt-liche Ttigkeit, nmlich von 1985 rund 10 Prozent auf fast 15 Pro-zent im Jahre 1994.ErwerbsstatusBestimmte Gruppen von Arbeitslosen vor allem jngere, ar-beitslose Akademiker engagieren sich freiwillig in Projektenund Organisationen, um sich fr den regulren Arbeitsmarktweiterzuqualifizieren und in einer Art Arbeitsproze zu blei-ben. Demnach ist das freiwillige Engagement von arbeitslos Ge-meldeten in Westdeutschland von 16,5 Prozent im Jahr 1985 auf28,6 Prozent 1994 gestiegen. Doch gilt nach wie vor: Das frei-willige Engagement jener, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447wchst. In Westdeutschland sind Vollzeiterwerbsttige mit etwa35 Prozent im Jahre 1994 am hufigsten ehrenamtlich ttig, beiden Teilzeitbeschftigten sind es knapp 32 Prozent.AltersmerkmaleDie Entstehung neuer Altengenerationen (aktives Alter) spie-gelt sich auch in den Debatten zum Engagement in politischenOrganisationen. Von den 41-59jhrigen waren 1994 12,5 Prozentpolitisch aktiv, das entspricht einer Zunahme von ber 3 Pro-zent. Noch deutlicher ist die Zunahme bei den ber 60jhrigen,bei denen sich der Anteil von 3,8 Prozent auf 7,5 Prozent nahezuverdoppelt hat. Bemerkenswert ist jedoch, da das Engagementder Jungen in Parteien, Brgerinitiativen und in der Kommunal-politik deutlich von 9,1 Prozent im Jahre 1985 auf 6,5 Prozent imJahre 1994 zurckgegangen ist.BildungsstatusDie Umfrageergebnisse zeigen, da der durchschnittliche eh-renamtlich Ttige im mittleren Lebensabschnitt ist, eine guteAusbildung besitzt und in einer gehobenen Position erwerbs-ttig ist. Die Entwicklung in Westdeutschland von 1985 bis 1994zeigt allerdings einen berdurchschnittlichen Anstieg der ehren-amtlichen Ttigkeit bei Personen ohne Schulabschlu, undzwar von 17,5 Prozent auf 26 Prozent. Man kann von einer str-keren Annherung zwischen den Aktivitten von Menschenmit hohen und niedrigen Bildungsabschlssen sprechen, wasnach dem bisherigen Stand der Forschung nicht unbedingt zuerwarten war. Ein signifikanter Unterschied zwischen den Grup-pen mit unterschiedlichem Bildungsstatus bleibt dennoch be-stehen.HaushaltstypenBezogen auf Haushaltstypen sind Paare mit Kindern zunehmendmit der Kinderzahl am strksten freiwillig engagiert. Rund40 Prozent der Personen in Paarhaushalten mit drei und mehrKindern sind in Westdeutschland ehrenamtlich ttig. Dies istnicht nur mit kinderbezogenen Aktivitten z. B. in Vereinen zuerklren, da auch die Mitarbeit in der Politik bei dieser Gruppeam hufigsten ist. Vielmehr sind Haushalte mit mehreren Kin-dern stark in soziale Netzwerke eingebunden und spren einegrere Nhe zu Problemen. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447BerufsstatusEin deutlicher Rckgang ehrenamtlicher Aktivitten ist dagegenbei den Selbstndigen von 43 Prozent im Jahr 1985 auf nochknapp 30 Prozent im Jahr 1994 zu beobachten. Dies beruht vorallem auf dem Rckgang bei regelmiger Ttigkeit in Vereinen,Verbnden oder sozialen Diensten. Mglicherweise spiegeln sichdarin hhere zeitliche Anforderungen an selbstndige Ttigkeitenwider. Es knnte aber auch sein, da sich die Struktur der Selb-stndigen im betrachteten Zeitraum erheblich verndert hat undder Anteil sogenannter Scheinselbstndiger eine grere Rollespielt. In den neuen Bundeslndern ist die Beteiligung von Selb-stndigen an ehrenamtlichen Aktivitten hnlich hoch wie 1985im Westen. Dort bertreffen die Anteile insbesondere im Bereichder Politik die der westdeutschen Selbstndigen zum gleichenZeitpunkt deutlich. Arbeiter sind von allen Berufsgruppen amseltensten ehrenamtlich ttig, was die These sttzt, da fr einEngagement Ressourcen insbesondere in Form von Bildungund Einkommen notwendig sind, die dieser Gruppe in geringe-rem Umfang zur Verfgung stehen.Motivationen fr Brgerarbeit nutzen:Biographische PassungMit der Individualisierung steigt die Bedeutung biographischerSchnittstellen und bergnge ( Jugendliche vor der Berufsaus-bildung, Mtter nach der Erziehungsphase, ltere Menschen imbergang in den Rentenstand). In solchen Fllen suchen vieleMenschen nach gezielten Einsatzfeldern fr freiwilliges sozialesEngagement, sie wollen thematisch und situationsbezogen aktivwerden. Hierin und in neuen Ansprchen an Dauer, Inhalt, In-tensitt, Verpflichtungsgrad sowie Befristung des Engagements liegt das Motivationspotential fr Brgerarbeit.ArbeitsloseNicht jede Gruppe von Arbeitslosen ist voraussetzungslos frfreiwilliges Engagement aktivierbar. Junge Akademiker nut-zen Engagement hufig zur Weiterqualifizierung und als Brckein den ersten Arbeitsmarkt. Vor allem Personen, die bereits vorEintritt ihrer Arbeitslosigkeit in Netzwerken oder Projekten Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447aktiv waren, setzen dieses Engagement fort, wenn sie arbeitslossind.JugendlicheJugendliche engagieren sich vor allem aus zwei Motiven: Sie wol-len situationsbezogen etwas anderes machen als in Schule oderBetrieb, oder sie wollen projekt- und zielorientiert ihre eigenenFhigkeiten dazu einsetzen, ein erreichbares Ziel zu verfolgen. IhrEngagement findet nur in solchen Organisationen statt, mit denenaufgrund ihrer Wertorientierung eine hohe Identifikation mg-lich ist. Sehr viel hufiger engagieren sich Jugendliche in Formennicht-institutionalisierter politischer Partizipationen, d. h. punk-tuell, spontan und kurzfristig (z. B. bei Unterschriftenaktionen,Kuferboykotts usw.). Jugendliche wnschen sich einen Raum,bei sich selbst bleiben zu knnen. Sie reagieren auf Hierarchien,Routinen und Stereotypen selbstlosen Engagements mit Unbe-hagen. hnlich wie die Erwerbsarbeit immer strker mit Anspr-chen an Inhalte und Kommunikation verbunden ist, erwarten vielevon freiwilligem Engagement mehrere Qualitten: Sie sollen diePerson fordern, Spa machen, kommunikativ sein, sichtbare undauch zurechenbare Ergebnisse bringen und Anerkennung vermit-teln. Diese Grundstze sind etwa in niederlndischen Freiwilligen-organisationen, aber auch in der amerikanischen Volunteering-Kultur weitaus strker verankert als in deutschen Organisationen.II. Gemeinwohl-Unternehmer gewinnenDer gesellschaftliche Strukturwandel hat also die Potentiale frTtigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit grundlegend verndert.Auch hier haben wir es mit wachsenden Diskrepanzen zwischeneinem frei flottierenden brgergesellschaftlichen Engagement(Helmut Klages) und einer Struktur von Institutionen und(Wohlfahrts-)Organisationen zu tun, die diese unvertraute, orga-nisatorisch schwer verdauliche Verbindung von Egoismus undAltruismus nicht wirklich begreifen, nicht wirklich binden undentsprechend fr die drngenden Zukunftsaufgaben nicht mobi-lisieren knnen. Damit dies mglich wird, sind eine Reihe vonEntwicklungshemmnissen zu berwinden. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Entwicklungs-Hemmnisse vonBrgerarbeit berwindenDie Krise des WohlfahrtsstaatsWer den Wohlfahrtsstaat retten will, mu ihn verndern.9 DieFrage ist: wie? Es ist nicht mglich, die Last den Familien aufzu-brden, allein schon deswegen nicht, weil die Familien ihrerseitsin einem dramatischen Wandel begriffen sind. Die Subsidiari-ttsleistungen der Familie beruhten weitgehend auf der unbe-zahlten Hausarbeit von Frauen. In dem Mae, in dem Frauen indie Erwerbsarbeit drngen und integriert werden und die Fa-milien sich ausdifferenzieren in sehr unterschiedlichen Fami-lienformen (alleinerziehende Vter und Mtter, auerehelicheLebensformen, deine, meine, unsere Kinder usw.), ist es unrea-listisch, die Aufgaben auf die sowieso schon berstrapaziertenFamilien zurckzuverlagern. Die Konsequenz ist: Der Schls-sel zu einer neuen Qualitt von Wohlfahrt mu aus einem drit-ten Bereich kommen: neuen Formen des kooperativen Br-gersinns (Brgerarbeit), die experimentell Individualitt undSozialsinn aufeinander abstimmen und die Kluft zwischen Fa-milien und Staat berbrcken knnen. Das klassische Ehrenamt,zumeist in den Wohlfahrtsverbnden organisiert, ist dazu nicht inder Lage. Es ist noch immer stark auf die Verbandsbedrfnissezugeschnitten und vereinnahmt die Freiwilligen. Projekt- undthemenbezogene Einsatzmglichkeiten gewinnen erst langsam anGewicht. Die starke, durch das formale Subsidiarittsprinzipgefestigte Stellung der Wohlfahrtsverbnde drngt neue Organi-sationsformen wie Freiwilligenagenturen die als solche bislangschwer in die Frderlogik der ffentlichen Hand passen an denRand.Defizitorientierung der SozialpolitikDem kurativen und individualisierenden Blick der traditionellenSozialpolitik entgeht die wachsende Bedeutung von sozialenNetzwerken, die auch sozialpolitisch strker stabilisiert werdenknnten. Hier lassen sich nicht in erster Linie Defizite behandeln,sondern neue Selbsthilfe-Ressourcen mobilisieren. Statt solcheRessourcen innerhalb von Gemeinschaften zu frdern, konzen-9 Siehe dazu zusammenfassend A. Giddens (1997). Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447triert sich Sozialpolitik auf die Bereitstellung von Leistungen anindividuelle Empfnger, was im brigen die (meist berzogenkarikierte) Rolle des Wohlfahrtskonsumenten ungewollt fr-dert.Schwaches Sozial-SponsoringIn Deutschland existiert keine nennenswerte Kultur des SocialSponsoring, bei dem der Geldgeber maketingfhige Gegen-leistungen erhlt. In Lndern wie den USA liegt der Anteil derselbst erwirtschafteten Mittel von Sozialorganisationen bei rund50 Prozent ihrer Gesamteinnahmen, in Deutschland nur bei28 Prozent. Die geringe Qualitt der Darstellung und Kommuni-kation von Projekten in der ffentlichkeit spielt hierbei einegroe Rolle, aber auch die mangelnde Kenntnis und Bereitschaftin Unternehmen. In den USA gibt es in dieser Hinsicht eine ent-wickeltere Sozialkultur von Unternehmen.Fehlende Anreize und KompensationZum Beispiel weder Sozialzeiten noch Zeitspenden werden inDeutschland anders als in den Niederlanden und den USA an-erkannt, um den Anreiz fr freiwilliges Engagement zu erhhen.Die Hemmschwelle ist daher fr viele Gruppen noch zu hoch.Sozio-kulturelle BarrierenVermittelt durch Politik und einen Teil der Medien hat sich in derDiskussion der Eindruck festgesetzt, individuelle Selbstsorgeuntergrabe Gemeinsinnorientierungen. Gerade amerikanischeUntersuchungen zeigen jedoch deutlich, wie sehr in einer sichwandelnden Gesellschaft individuelle Zielverfolgung und Wahl-mglichkeiten die Grundlage fr gemeinschaftsorientiertes Han-deln bilden: In der Lage zu sein, das zu tun, was man mchte,83 Prozent derer, die sich diese Formel persnlich zu eigengemacht haben, halten es fr wichtig, sich zu engagieren, wennandere Menschen Hilfe brauchen. Da Individualisierung denwichtigen Gemeinsinnorientierungen nicht etwa den Boden ent-zieht, sondern andere Voraussetzungen dafr schafft10, ist in derpolitischen Kultur der Bundesrepublik allerdings noch nicht ver-ankert.10 Dazu auch R. Wuthnow (1997), H. Wilkinson (1997), U. Beck (1997), H. Klages(1998 ). Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Organisierte Spontaneitt ermglichenAlle rufen nach Spontaneitt, Kreativitt, Innovation, Selbstver-antwortlichkeit, aber niemand wei, wie diese neuen groen undzunchst leeren Hoffnungsworte in herstellbare Wirklichkeit zuverwandeln sind. Die allseits unbeantwortete Frage lautet: Wiewird organisierte Spontaneitt mglich?11Die Sozialwissenschaften, insbesondere im angelschsischenSprachbereich, haben sich in den letzten zehn Jahren intensiv mitdieser Frage befat und sind dabei auf das gestoen, was man dieParadoxie der organisierten Spontaneitt nennen knnte: AlleVersuche, Menschen zu ihrem Glcke organisierter Selbstverant-wortung durch staatliche Verordnungen und Erlasse zu bewegen beispielsweise indem man Wohnviertel mit sozial gemischtenNachbarschaften plant, ffentliche Rume verordnet, Rahmen-richtlinien fr soziale Frsorglichkeit erlt usw. , sind kontra-produktiv. Je mehr soziale Spontaneitt und Verantwortlichkeitvorgeschrieben werden, desto mehr wird diese verhindert.12Rechtlich-institutionell gewendet bedeutet dies, da Brgerarbeitnicht den Kommunalverwaltungen, nicht den Sozialmtern, nichtden Arbeitsmtern, nicht den Wohlfahrtsverbnden, auch nichteinem neu einzurichtenden Amt fr Brgerarbeit unterstellt wer-den sollte. Nicht nur weil damit der staatliche Kontrollzugriffetabliert wrde, sondern weil mit Brgerarbeit gerade ein Ge-genakzent zur organisierten Phantasielosigkeit der Kommunal-verwaltung, der Arbeitsmter, der Sozialfrsorge usw. gesetztwerden soll. Doch damit stellt sich verschrft die Frage: Wer or-ganisiert die Spontaneitt?11 Warum haben wir eigentlich solche Angst vor Spontaneitt?, fragt Kurt Bie-denkopf. Wir werden niemals vorweg sagen knnen, welche Ideen die Leutehaben, die wir aus welchen Grnden auch immer veranlassen, Ideen zu ha-ben; Wenn wir uns von der Frage verblffen lassen, was sollen die Leutedenn tun, ist die Debatte zu Ende. Man mu Strukturen schaffen, in denen sichSpontaneitt entwickeln kann. Aber das Ergebnis der Spontaneitt vorweg-zunehmen, ist unmglich. (Zitiert aus dem Protokoll der 5. Sitzung der Zu-kunftskommission in Tutzing am 27. 7. 1996)12 Zusammenfassend und aufgrund eigener empirischer Studien siehe z. B.B. Saunders (1993), S. 57 ff. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-44713 Allgemein wird diese Idee, neue Rollen und Lsungsmuster fr die Zweite Mo-derne zu entwickeln, indem die getrennten Verhaltens-Logiken der ersten Mo-derne berwunden und neu verbunden werden, dargelegt in U. Beck (1993),S. 193 ff.14 Lord Michael Young of Dartington, der die Open University erfunden und ge-grndet hat, verfolgt eine neue Idee: Wir mssen uns zusammenhocken, umneue Rollen fr den Freiwilligen-Sektor auszudenken, denn da gibt es brach-liegende Mglichkeiten. Der Staat ist zu stark in den brokratischen Dschungelverstrickt, die engagierten Menschen, die dort beschftigt sind, werden blockiert.Freiwillige Krperschaften dagegen mssen klein, lebendig und unternehme-risch werden. Lord Young will eine Bildungsanstalt fr Sozial-Unternehmergrnden und steht kurz davor, diese Vision zu verwirklichen, da er fr sie starkeVerbndete gefunden hat. Oxfam, Amnesty International und das Royal Na-tional Institute for the Blind sind drei der Partner, die mitmachen wollen. DieHonkong- und die Shanghai-Bank sichern die Finanzierung. Auch ein Direktorder Ausbildungssttte ist bereits gefunden und ernannt. Die Schule wird frMenschen aller Altersgruppen und Herknfte offenstehen. Lord Young will dieBesten, die Engagiertesten, die Missionarischsten fr seine Idee gewinnen undaktivieren. Wir mssen Menschen ermutigen, weder fr den Staat noch frProfit zu arbeiten, sondern fr das ffentliche Wohl. In seinem Forschungs-bericht The Rise of the Social Entrepreneurs begrt Charles Leadbeater dieSchule: Eines der groen Probleme des Wohlfahrtssystems ist, da dieses ver-sagt hat, Innovationen zu entwickeln und sich auf die neuen Umstnde, die inallen hochentwickelten Gesellschaften entstanden sind, einzustellen. Es hat imGegenteil den sozialen Zusammenhalt unterminiert und nicht den Gemein-schaftssinn gefrdert und aktiviert, den man sich von ihm erhofft hatte. Der so-Personifizierter Initiativreichtum:Der Gemeinwohl-UnternehmerEs ist die Schlsselidee des Modells Brgerarbeit, da hierfr dasUnternehmerische mit der Arbeit fr das Gemeinwohl verbun-den werden sollte und kann. Auf diese Weise entsteht der Typusdes Gemeinwohl-Unternehmers, der Sozialfigur nach sozusageneine Verbindung zwischen Mutter Theresa und Bill Gates. So-ziale oder Gemeinwohl-Unternehmer kombinieren in ihrer Per-son und in ihrem Knnen das, was sich der gngigen Logik funk-tional differenzierter Gesellschaften nach auszuschlieen scheint:Die Fertigkeiten und die Kunst des Unternehmers im empha-tischen Wortsinn werden fr soziale, gemeinntzige Zwecke ein-gesetzt.13 Da es sich dabei nicht um einen Homunkulus der Nothandelt, sondern um reale, hochaktive Personen, zeigt eine ent-sprechende Studie aus Grobritannien, deren Ergebnisse wohlauch auf Deutschland bertragbar sein drften.14 Die Figur des Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Gemeinwohl-Unternehmers bezeichnet eine personifizierbareVerdichtung von Initiativreichtum, wie sie empirisch oft genugauerhalb und in Opposition zu den traditionellen Wohlfahrts-oder staatlichen Dienstleistungsorganisationen anzutreffen ist.Was macht das Soziale des Gemeinwohl-Unternehmers aus? Gemeinwohl-Unternehmer knnen Geschichten erzhlen, Men-schen miteinander ins Gesprch bringen und anleiten, sie verfh-ren, Dinge zu tun, die sie ansonsten vielleicht gar nicht in Erw-gung gezogen htten. In diesem Sinne ist nicht nur der Charakter,auch das Ergebnis ihrer Arbeit sozial, weil hier die Wohlfahrt, dieGesundheit, die Gemeinschaft und ihre Voraussetzungen erneu-ert und befrdert werden; Gemeinwohl-Unternehmer sind visionre Pragmatiker. Sieverfolgen eine Idee, aber wissen zugleich diese in einer Politik dernchsten Schritte umzusetzen. Sie sind Spezialisten in der Schaf-fung und Nutzung sozialen Kapitals in Gestalt von Beziehun-gen, Netzwerken, Vertrauen und Kooperation. Dadurch ver-schaffen sie sich auch Zugang zu finanziellem Kapital. Die Netz-werke, die sie knpfen und pflegen, lassen sich also durchaus inGeld verwandeln.15 Die Organisationen, die sie grnden, sind gemeinwohl-orientiert in dem Sinne, da sie nicht profitorientiert sind undProbleme anpacken, deren Lsung der Entwicklung des Gemein-wesens frderlich ist. Diese Organisationen sind weder Teil desStaates noch der privaten Wirtschaft. In der Tat drckt sich ihreinnovative Kraft oft gerade darin aus, da ihre Initiativen und L-sungen fr Probleme und Krisen staatlichen Stellen und Vorstel-lungen widersprechen. Gemeinwohl-Unternehmer sind meistens zugleich Gemeinde-und Gemeinschafts-Unternehmer; sie beleben die lokalen Bio-tope der Brgergesellschaft, die Nachbarschafts-Netzwerke, ausdenen heraus sie entstehen. Das schliet nicht aus, da Gemein-ziale Unternehmer, ber den ich geschrieben habe, kombiniert die Fertigkeitendes Unternehmers mit dem sozialen Missionsgeist, um auf diese Weise bracheRessourcen zu nutzen, um neue Werte zu schaffen und nicht zuletzt das Ge-meindeleben vor Ort zu revitalisieren. Leadbeater (1997), wie berichtet in:McCgwire (1997).15 Vgl. hierzu R. G. Heinze/Chr. Strnck in diesem Band, S. 206 ff. , und H. Keuppu. a. , S. 231 ff. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447wohl-Unternehmen auch Initiativen starten und unterhalten, dienicht nur das Soziale am Ort ihrer Ttigkeit aktivieren. Sie pfle-gen auch den Austausch in internationalen und interdisziplinrenNetzwerken. Schlielich sind Gemeinwohl-Unternehmer auch Freiwilligen-Unternehmer, indem sie das, was viele Menschen offenbar ben-tigen, um aktiv zu werden, leisten: Sie rufen auf zur freiwilligenMitarbeit und betreuen, beraten, begleiten, organisieren diese. Die-se Eigenschaften machen sie leicht zu Anti-Brokraten. Sie hassenVorschriften und Paragraphen und wissen sie zu umgehen, wor-aus sich vielfltige Konflikte und Widerstnde ergeben knnen.Was macht umgekehrt das Unternehmerische des Gemeinwohl-Unternehmers aus? Ihre unternehmerische Kunst und Fertigkeit liegt darin, da sieunbefriedigte Bedrfnisse, ungelste Aufgaben identifizieren unddafr brachliegende Ressourcen mobilisieren knnen. Sie ver-mitteln also in ihrer Person und Aktivitt die Nachfrage und dieAufgaben der Brgerarbeit. In der privaten Wirtschaft ist es durchaus mglich, ein erfolg-reicher Unternehmer zu sein, ohne wirklich innovativ zu sein. ImFreiwilligen-Sektor mu der sozialunternehmerische Geist einInnovator sein, um ein wie auch immer ausgerichtetes Projekt zustarten und durchzusetzen, denn hier gibt es keine Vorbilder, kei-ne Rezepte, keine Routinen. Gemeinwohl-Unternehmer organisieren Mitgliedschaften undArbeitsformen nicht exklusiv, sondern inklusiv: Brgerarbeitschliet letztlich niemanden aus, es sei denn, er oder sie schlietsich selber aus.16 Wie die Erfahrungen in Grobritannien zeigen, haben dieProjekte, die der Gemeinwohl-Unternehmer entwirft und durch-fhrt, oft grere Erfolge mit geringeren Kosten als parallele Pro-jekte des Wohlfahrtsstaates, und zwar weil sie weniger brokra-tisch, aber sehr viel flexibler in ihren Organisationsablufen sind16 Dies ist sicherlich eine Aussage, die praktisch getestet werden mu, beispiels-weise in der Integration von (geistig) Behinderten, Kranken, Einsamen, neuenAnalphabeten etc. Das heit: Die inklusive Idee mu gegen den Verdacht desMittelschicht-Bias, der Brgerarbeit innezuwohnen scheint, in der Praxis selbstin Zukunft entfaltet und besttigt oder relativiert, widerlegt werden. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447und mit dem Stamm der Freiwilligen ber eine Art Engagementverfgen, das nur schwer oder gar nicht kaufbar, bezahlbar ist.17So kann Brgerarbeit zu einer Innovation werden, die Innovatio-nen ermglicht. Denn in dem Mae, in dem das Wohlfahrts-system durch die Einrichtung von Brgerarbeit auch inhaltlich neufundiert wird, wird es zugleich dezentralisiert, klienten- und pro-blemnher. Zugleich entsteht eine Kultur der Kreativitt, d. h. einffentlicher Raum, in dem experimentelle Vielfalt mglich wird.III. Kommunale Ausschsse fr Brgerarbeit einrichtenDie Einrichtung von Brgerarbeit mit der Initiativrolle des Ge-meinwohl-Unternehmers wirft vielfltige Fragen auf: Wie wirddiese Arbeitsform finanziert? Wer autorisiert, bert sie und legtsie auf ffentliche Belange fest? Und: Wie wird das (in der Me-tapher des Unternehmerischen angelegte) mgliche Scheitern sozusagen der Konkurs bestimmter Projekte festgestellt undverkraftbar? Insbesondere wirft Brgerarbeit auch Schnittstellen-Fragen auf, die aus mglichen berschneidungen mit bereits eta-blierten Leistungstrgern und Beschftigungsformen entstehen als da wren: Zweiter Arbeitsmarkt, kommunale Pflichtarbeit imRahmen der Sozialhilfe, professionelle Arbeit im ffentlichenDienst und den Wohlfahrtsverbnden, Zivildienst, kleine Dienste(niedrige produktive Ttigkeiten), Schwarzarbeit.Fr die Bearbeitung bzw. Beantwortung dieser Art von Fragenempfiehlt sich eine verfahrenstechnische Lsung, wie dies in ent-wickelten pluralistischen Demokratien praktiziert wird: An dieStelle inhaltlicher Vorgaben oder Abgrenzungskriterien, die beieinem dynamischen, auf Innovation und Kreativitt ausgerichte-ten Modell wie Brgerarbeit sowieso ausgeschlossen sind, tretenVerfahrensregeln, die festlegen, wie Entscheidungen getroffenund mgliche Friktionen produktiv aufgelst werden. Die Initia-tiv- und Schlsselstellung des Gemeinwohl-Unternehmers wirdauf diese Weise ergnzt durch ein weiteres Bauelement der zivi-len Infrastruktur: den Ausschu fr Brgerarbeit.17 Vgl. Leadbeater (1997). Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Viele werden auch fragen: Wo findet man in den irdischenZonen menschlicher Fehlbarkeit dies Wunderwesen des Gemein-wohl-Unternehmers? Welche Ausbildung sollte er genossen ha-ben? Welche testbaren Eigenschaften sollten ihn kennzeichnen?Diese ebenso wie alle zuvor genannten Fragen werden in demModell Brgerarbeit mit dem Verfahren beantwortet, wie dieserAusschu ins Leben gerufen, besetzt, entscheidungsfhig wirdund worin seine Aufgaben liegen.Der Brgerarbeits-Ausschu setzt sich zusammen aus Vertreterndes Gemeinderats, der Wohlfahrtsverbnde, Freiwilligenvertretern,Leistungsempfngern von Brgerarbeit, selbstverstndlich auchUnternehmensvertretern, vor allem wenn sie Patenschaften (in Ge-stalt von Social Sponsoring) fr Brgerarbeit bernommen haben.Die Mitglieder dieses Ausschusses werden auf Vorschlag des Ge-meinderates von diesem fr eine Amtszeit von vier Jahren gewhlt;Wiederwahl ist mglich. Der Ausschu selbst whlt sich seinenVorsitzenden. Der Ausschu trifft seine Entscheidungen mit einfa-cher Mehrheit. Bei Stimmengleichheit gibt die Stimme des Vorsit-zenden den Ausschlag. Der Ausschu hat eine dreifache Funktion: Politische Entscheidung und Legitimation. Der Ausschustellt die politische Legitimationsinstanz dar, die den Sozial-Un-ternehmer beauftragt und der er oder sie letztlich verantwortlichist. Als solche ist sie Teil der Belebung der sozialen Netzwerke,welche die Brgergesellschaft auszeichnen und diese fr alle ande-ren gesellschaftlichen Teilbereiche Wirtschaft, Politik, Kultur,alltgliche Lebensqualitt so unverzichtbar machen. Auswahl und Ernennung des Gemeinwohl-Unternehmers.Der Ausschu schreibt Aufgaben aus und entscheidet, wer war-um mit welchen Aufgaben Gemeinwohl-Unternehmer ist. Beratung und Konfliktregulierung. Es liegt im Auftrag diesesGremiums, mgliche Schnittstellen-Friktionen aufzulsen. Dain diesem Ausschu alle Gruppen vertreten sind, die in ihren In-teressen und Aufgaben durch die gemeinwohl-unternehmerischeBrgerarbeit tangiert werden, macht ihn zugleich neben derKonfliktregulierung zu einem Beratungsgremium fr Brger-arbeit. Der Ausschu beauftragt Gemeinwohl-Unternehmer auf-grund von Projektideen, Vorstellungsgesprchen und Beratungen;er kann aber auch selbst Auftrge ffentlich ausschreiben, um die Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447sich dann mgliche Gemeinwohl-Unternehmer bewerben kn-nen. All diese Aufgaben und Entscheidungsbefugnisse fhren alssolche schon zu einer Belebung des Gemeinsinns, weil das Was,Wer, Wie wohlfahrtsstaatlicher Fragen ffentlich errtert, ver-handelt und entschieden wird.IV. Brgerarbeit belohnen, nicht entlohnenDer Kernsatz amerikanischen volunteerings lautet: Volunteeringist not for free. Das ist nicht nur, aber auch konomisch gemeint.Nicht das Engagement selbst soll bezahlt werden, aber eine Rah-meninfrastruktur. Trotz der manifesten Krise ffentlicher Haus-halte insbesondere auf der kommunalen Ebene stehen daherdie plakativen Bekenntnisse der Politik zur Aufwertung der Frei-willigen-Arbeit in einem merkwrdigen Kontrast zur ebensohufigen Weigerung, zweckgebundene Mittel fr die Frderungder Freiwilligen-Arbeit loszueisen.Den konomischen Nutzen von Brgerarbeit erschlieenDabei vervielfacht sich jede DM, die in Brgerarbeit investiertwird, auf keineswegs mysterise Weise. Denn in Freiwilligen-Ar-beit wird nicht nach den Prinzipien des quivalenten-Aus-tausches verfahren, sondern genau im Widerspruch dazu dieWunderfrage beantwortet: Wie kann man aus Wenigem viel ma-chen, mglicherweise ffentliche Armut sogar in ffentlichenReichtum verwandeln? Es lassen sich drei Effekte des kono-mischen Nutzens von Brgerarbeit unterscheiden18: Das fr Brgerarbeit ausgegebene Geld fliet zu einem groenTeil wieder zurck und frdert damit das Bruttosozialprodukt.Es lassen sich am Beispiel der Stadt Mnchen und ihrer Selbsthilfe-Frderung deutlich Rckflueffekte feststellen (z. B. in Form vonRe-Investitionen im ffentlichen Sektor), so da die Nettoausga-ben im Vergleich zum Frderungsbetrag deutlich niedriger sind.1918 Vgl. R. G. Heinze/Chr. Strnck, in diesem Band, S. 209 ff.19 Eine Pauschalrechnung zeigt dieses Phnomen: Pro 100 DM ffentlicher Zu-schsse werden weitere 50 DM private Ausgaben bei den Selbsthilfe-Initiativen Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447 Das fr Selbsthilfeinitiativen ausgegebene Geld frdert En-gagement in unbezahlten, produktiven Stunden. Die darausentstehenden Nutzeneffekte bedeuten eine relevante finanzielleEntlastung fr den Staat (z. B. Vermeidung von zustzlichen Ko-sten im Gesundheitssystem). Hier geht es um die von Brgerar-beit erbrachten Leistungen fr Dritte, d. h. fr Personen, die sichberaten lassen, aber selbst keiner Brgerarbeit nachgehen.20 Hinzu kommen Effekte, die durch die Brgerarbeit bei denTeilnehmern selbst bewirkt werden, z. B. Rckgang der Erkran-kungen, geringere Medikamenteneinnahme, Verminderung derInanspruchnahme ambulanter und stationrer Dienste mit dementsprechenden Nutzen fr Krankenkassen und Arbeitgeber.21Die Wertschpfung, die durch Brgerarbeit erbracht wird, liegtin der Bereicherung der demokratischen Kultur und der Erschlie-ung von Kreativitt und Spontaneitt zur Lsung der anstehen-den Zukunftsaufgaben. Dennoch mag ein Blick auf die Schtzun-gen des materiellen Wertes von Brgerarbeit interessant sein. Die1994 verffentlichten Ergebnisse der Zeitbudget-Studie des Stati-stischen Bundesamtes ergaben fr 1992 ein Jahresvolumen von 60Milliarden Stunden bezahlter Erwerbsarbeit in Deutschland.22Dem stand ein Jahresvolumen von 95 Milliarden Stunden unbe-zahlter Arbeit gegenber.23 Darin sind ehrenamtliche Ttigkeitund soziale Hilfe smtlich unbezahlte Arbeit mit 3,8 Milliar-angestoen. Die somit von den Selbsthilfe-Inititiativen ausgegebenen 150 DMfhren zu einer Staatsquote am Bruttosozialprodukt von rund 50 Prozent, zuEinnahmen der ffentlichen Hand von 75 Prozent, so da die Nettoausgabennur 25 Prozent der Bruttoausgaben betragen. Kandler (1995), S. 81; Vgl. auchEngelhardt (1995), S. 80.20 Die Autoren der Mnchner Studie haben vier verschiedene Bereiche (Eltern/Kind, Wohnen, Frauen/Mnner, Gesundheit/Behinderung) analysiert. Nimmtman als Beispiel den Bereich Gesundheit/Behinderung, so wurden im Jahr1992 185 000 produktive Stunden geleistet (= Zeit zum Nutzen fr Dritte undnicht zur Befriedigung eigener Bedrfnisse). Umgelegt auf ein Personal-kostenquivalent (BAT Vb) fr professionelle Helfer bedeutet dies, da 100 DMFrdersumme 587 DM Gegenwert erbringen. Vgl. Kandler (1995), S. 84 f.21 Eine Modellrechung am Beispiel der Mnchner Angst Selbsthilfe (MASH) er-gibt Einsparungen in einer geschtzten Hhe von 1,8 Millionen DM fr dieffentliche Hand und ca. 400 000 DM fr die Arbeitgeber. Pro 100 DM Zuschuergibt sich ein Effekt fr die ffentliche Hand von 1i500 DM. Vgl. Kandler(1995), S. 102.22 Vgl. Blanke/Ehling/Schwarz (1996), S. 42.23 Vgl. Schwarz (1996), S. 265. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447den Stunden enthalten. Das Statistische Bundesamt schtzt denWert dieser ehrenamtlich erbrachten Arbeit auf knapp 80 Milliar-den DM, einen Nettostundenlohn von 23 DM in Westdeutsch-land zugrunde gelegt.24 Damit entspricht der Schtzwert fr dieNettolohnsumme ehrenamtlicher Ttigkeit etwa 8 Prozent derNettolohn- und -gehaltssumme fr Deutschland, die 1992 rund954 Milliarden DM betrug.25Brgerarbeit immateriell belohnenBrgerarbeit verfgt durchaus auch in Konkurrenz zu der Er-werbsarbeit ber wichtige immaterielle Belohnungsarten:FreiwilligkeitEine Belohnung ist sicherlich zunchst die Unbezahlbarkeit, aus-schlielich freiwillig zu arbeiten, und zwar in den Formen, die aufder (meist durchaus kooperativ eingestimmten) Eigeninitiativedes einzelnen beruhen.berwindung von StagnationMan darf Freiwilligen-Arbeit auch nicht idealisieren gerade weildies in der Falle der leeren Kassen, in der staatliche Politik sichverrannt hat, so leicht und gern geschieht. Denn es ist keineswegsso, da Freiwilligen-Organisationen automatisch flexibel, sensi-bel, innovativ und kostengnstig arbeiten. Im Gegenteil ist es oftso, da auch im Freiwilligen-Sektor die Dinge festgefahren sind,da amateurhaft, schlecht ausgestattet und in Abwehr gegenberneuen Ideen vor sich hin gewurstelt wird. Wenn der Freiwilligen-Sektor fr kompetente Innovationen geffnet werden soll, dannwird dies im wesentlichen der Initiative und Umsicht des Ge-meinwohl-Unternehmers zuzuschreiben sein. Er sucht und gehtneue Wege, packt Fragen an, die andere verdrngen oder liegen-lassen (mssen), und verbindet Anstze, die in der staatlich-bro-kratisierten Amtsteilung nur getrennt verfolgt werden knnen.Diese Kreativitt ist allerdings eines jener unbezahlbaren Gter,24 Vgl. Schwarz (1996), S. 266, der Werte fr Westdeutschland nennt und den Wertfr Ostdeutschland auf 5 Prozent des Wertes fr Westdeutschland schtzt.25 Solche Berechnungen zeigen die Fragwrdigkeit der Berechenbarkeit vonLeistungen der Brgerarbeit auf und knnen zu der Schlufolgerung fhren,da sie, weil nicht berechenbar, unbezahlbar ist. Dies schliet aber andere For-men, sie anzuerkennen, nicht aus. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447welche die Brgerarbeit im Vergleich zur routinisierten Erwerbs-arbeit auszeichnet sicherlich gerade fr Jugendliche.ProfessionalisierungObwohl sich Brgerarbeit gegen Verregelung und Vereinnah-mung sperrt, kann der Gemeinwohl-Unternehmer zugleich einebestimmte Art von Professionalisierung von Brgerarbeit be-treiben und auf diese Weise Freiwilligen-Arbeit entstauben undeine neue Attraktivitt verleihen. Professionalisierung im Rah-men von Brgerarbeit heit nicht: Diplome, Examina, Curricula,sondern klare Aufgabenbeschreibungen, kooperative Betreuungenund Einzelarbeitszeiten, gezielte Problem- und Konfliktverar-beitung. So werden den Freiwilligen eigene Aufgaben eingerumtund ihre Aktivitten in einen organisierten Rahmen gestellt. ImKern heit das: Die Grundlagen fr ein selbstbewutes En-gagement schaffen. Professionalisierung in diesem Sinne istkeineswegs identisch mit einer strkeren Inpflichtnahme vonFreiwilligen, im Gegenteil: Eine solche Form der Professiona-lisierung verkrpert das institutionelle Pendant zum Wandel derMotive.26Ttigkeiten ber soziale Grenzen hinwegBrgerarbeit verbindet einmal mehr, was sich auszuschlieenscheint: Freiwilligkeit, flache Organisationsformen und Profes-sionalitt. Die Freiwilligen, die hier zur Mitwirkung angeworbenwerden, sehen sich so eingebunden in Ttigkeitszentren ber dieGrenzen von Sozialmilieus, Altersgruppen usw. hinweg.WeiterbildungAuf derselben Linie liegt, da Brgerarbeit den Erwerb von Qua-lifikation ermglicht, nicht nur im Sinne der Selbsterfahrung,Selbst-Bildung in selbstbestimmten Kooperationszusammenhn-gen, sondern auch fr die Rckkehr in Erwerbsarbeit. In diesemSinne bilden die Arenen und Projekte der Brgerarbeit Ttig-keitsfelder fr lebenslanges Lernen, die durchaus mit anderenWeiterbildungsinstitutionen konkurrieren knnen und insofernauch von den Tpfen und finanziellen Mitteln profitieren sollten,die fr diese Zwecke (ffentlich und privat) zur Verfgung stehen.Warum sollten z. B. Unternehmen die Foren der Brgerarbeitnicht nutzen und finanziell untersttzen, um ihre auch lei-26 Vgl. R.G. Heinze/Chr. Strnck in diesem Band S. 204 f. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447tenden! Mitarbeiter durch unkonventionelles praktisches Tunweiterzubilden? Warum sollten nicht die Mittel fr Umschu-lungsmanahmen und Arbeitsfrderungsprogramme, die derBundesanstalt fr Arbeit zur Verfgung stehen, in diesem Sinnefr Projekte der Brgerarbeit geffnet werden?AnerkennungJungen Menschen sollte Brgerarbeit Punkte im Numerus-Clau-sus-Verfahren um Studienpltze bringen. Wenn sie nach Abschluihrer Ausbildung, bevor sie eine Stelle gefunden haben, sich zurBrgerarbeit verpflichten, knnten die Leistungen, die sie dabeierbringen, auch bei den Rckzahlungsverpflichtungen des Bafg-Darlehens bercksichtigt werden.EhrungenSelbstverstndlich knnen und mssen die Aktivitten und Er-folge der Brgerarbeit auch durch ffentliche Auszeichnungengewrdigt werden. Diese Belohnung durch Ehrungen kann wie-derum auf vielfltige Weise geschehen. Zum einen sicherlich da-durch, da Brgermeister, Ministerprsidenten, Staatsoberhupterentsprechende Titel und Orden fr zivilgesellschaftliches Engage-ment verleihen. Zum anderen liegt eine wichtige Wrdigung ge-wi darin, da die Herkunft und Stellung derjenigen, die sich undihr Engagement der Brgerarbeit widmen, mglichst sozial viel-fltig ist, also auch angesehene, hochgestellte, gutbezahlte Perso-nen und Gruppen mit der gleichen Selbstverstndlichkeit sich undihr Sozialkapital einbringen. Gerade transnationale Unterneh-men, die um rtliche Legitimation bemht sein mssen, knnendurch ihr Unternehmensprestige Brgerarbeit aufwerten, indemsie ihre hochdotierten Bereichsleiter, Abteilungsleiter oder Di-rektoren fr derartige Aktivitten an die Zivilgesellschaft auslei-hen. Im Unternehmen wird dann eine groe Tafel errichtet, aufder steht: Fr herausragende Leistungen in der Brgergesell-schaft, und dann kommen die Namen. Der Wert, den diese Belo-bigungen haben das mag paradox klingen , ergibt sich daraus,da man sich in unserer Gesellschaft inzwischen alles kaufenkann, aber eben gerade diese Art der ffentlichen Wrdigungnicht! Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Brgerarbeit materiell belohnenDoch alle immateriellen Belohnungen in und durch Brgerarbeitknnen nicht darber hinwegtuschen, da Brgerarbeit auch er-hebliche Kosten verursacht seien es Sachkosten, seien es Perso-nalkosten. So setzt Brgerarbeit eine elementare materielle Exi-stenzsicherung voraus, die nicht aus Brgerarbeit bezogen werdenkann. Sie mu in Form von Erwerbsarbeit erwirtschaftet werden.Auf diese Weise ruht Brgerarbeit auf Erwerbsarbeit auf undkann diese niemals ersetzen. Brgerarbeit bleibt also in der einenoder anderen Form auf Transfereinkommen angewiesen. Es gibtnun allerdings derartige Transferleistungen zumindest in Deutsch-land (und in anderen kontinentaleuropischen Lndern) lngst ineinem erheblichen Ausma. In Deutschland mu niemand ein-kommenslos sein, wenn er nachweist, da er ohne Geld nicht le-ben kann. Die beiden wichtigsten Einkommensquellen in diesemSinne sind (wenn man von der Alterssicherung und der Erwerbs-unfhigkeit absieht) die Sozialhilfe sowie das Arbeitslosengeldund die Arbeitslosenhilfe. Man kann sich nun die Frage stellen, obdie Sozialhilfe nicht als existenzsichernde Grundlage fr ein En-gagement in der Brgerarbeit dienlich sein kann. Auf diese Artund Weise werden zwei Grundprinzipien zugleich erfllt: Zumeinen entstehen durch Brgerarbeit keine Mehrkosten; die Sum-me der bisherigen Transfereinkommen bildete die absolute Ober-grenze eines ffentlichen Haushaltes fr Brgerarbeit, der ver-waltet durch den Ausschu fr Brgerarbeit und die beauftragtenGemeinwohl-Unternehmer zur existenzsichernden Grund-finanzierung der mitwirkenden Freiwilligen zur Verfgung stnde(andere Tpfe, wie Mittel der Wohlfahrtsverbnde, der Bundes-anstalt fr Arbeit, Social Sponsoring, zunchst gar nicht berck-sichtigt). Zum anderen wre auf diese Weise zugleich eine wesent-liche Bedingung organisierter Spontaneitt erfllt, nmlich die,da der in der Zivilgesellschaft aktive Freiwillige ber eine mini-male Existenzsicherung verfgt.Was unter den Vorzeichen der ausschlielich auf Erwerbsarbeitzentrierten Gesellschaft als Sozialhilfe oder Arbeitslosenhilfeausgegeben wird, wird unter den Bedingungen der Brgerarbeitdann allerdings zum Brgergeld. Brgerarbeiter sind keine je- Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447denfalls wenn sie es nicht ausdrcklich wollen Arbeitslose. Daswrde diese gemeinntzig Ttigen im Widerspruch zu ihrem En-gagement und ihren Leistungen fr die Zivilgesellschaft abwerten.Sie stehen also auch nicht jedenfalls nicht fr die Zeitspanne ih-res brgergesellschaftlichen Engagements dem Arbeitsmarktzur Verfgung. Sie sind zivilgesellschaftlich beschftigt.27 DiesesBrgergeld, das in der Regel Arbeitslosen- und Sozialhilfe nichtbersteigen sollte und auch nur in einem begrenzten Ausma fi-nanziert werden kann, stellt mit der Basissicherung der Existenzzugleich eine solche finanzielle Anerkennung fr Brgerarbeit dar.In diesem Zusammenhang wird meist lebhaft darber diskutiert,ob man einen Sozialhilfeempfnger zu bestimmten Arbeiten ver-pflichten kann. Weniger hufig wird gesehen, da ein Groteil derSozialhilfeempfnger nichts sehnlicher wnscht, als etwas fr ihnChancenreiches, Sozialanerkanntes zu tun, was aber oft an der in-neren Logik oder Unlogik des sozialen Netzes scheitert.2827 Zu den Arbeitsmarkt-Effekten siehe unten S. 444.28 Dazu ein Beispiel: In Nrnberg beanspruchen die Kosten fr Sozialhilfe inzwi-schen ein Fnftel des stdtischen Haushalts; 34 000 Menschen in der Stadt lebenvon Sozialhilfe, jeder zwlfte Nrnberger. Diese Zahl fchert sich grob ge-sprochen folgendermaen auf: Ein Drittel dieser 34 000 Menschen sind Kin-der und Jugendliche; ein weiteres Drittel hat sich wie die zustndige Referen-tin sagt in der Sozialhilfe eingerichtet. Auf diese richtet sich der ffentlich im-mer wieder geuerte Verdacht des Schmarotzertums. Niemand aber redet berdas dritte Drittel: ber die Sozialhilfeempfnger, die wieder arbeiten wollen,aber nicht knnen, denen offenbar jede Chance genommen wird, im Arbeitsall-tag wieder Fu zu fassen. Allein in Nrnberg also mindestens 10 000 Menschen.Die Hindernisse, die das Arbeitsfrderungsgesetz (AFG) dafr aufstellt, sindvielfltig. Fr einen Sozialhilfeempfnger ist es heute unmglich, zum Beispieleine ABM-Stelle zu bekommen. Nicht nur weil die Mittel insgesamt gekrztwurden, vor allem weil die Anforderungen fr die Bewilligung der Mittel sogestrickt sind, da Sozialhilfeempfnger, die zu alt oder in aussichtslosen Beru-fen qualifiziert sind usw. , praktisch keine Chance bekommen selbst wenn die-se sich tatschlich (z. B. im Rahmen bestimmter Beschftigungsgesellschaften)bietet. Zu guter Letzt mu die Entdeckung neuer Ttigkeitsfelder, die durch dasAFG berhaupt finanzierbar sind, die Hindernisse kodifizierter Einspruchs-rechte von Firmen und Verbandsvertretern nehmen, die im Genehmigungsver-fahren gehrt werden mssen, sich aber oft lstige Konkurrenz vom Leibe hal-ten wollen. Auf diese Weise ist das soziale Netz in Deutschland inzwischen sogewirkt, da es viele gar nicht mehr herauslt, so sehr sie auch wollen und sichabzappeln. Die Devise lautet: keine Experimente und das bei 32 000 Arbeits-losen und 34 000 Sozialhilfeabhngigen allein in Nrnberg. Das aber heit: Umdie Tpfe fr Sozialhilfe fr Brgerarbeit und Brgergeld zu ffnen, bedarf eseiner Reform des AFG, die genau dies ermglicht. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Sozialstaatliche RegelungenArbeitslosen mu erlaubt werden, sich fr Brgerarbeit zu ent-schlieen und zu engagieren, ohne da dies ihren Anspruch aufLeistungen der Bundesanstalt fr Arbeit gefhrdet. Hier verbirgtsich (langfristig) die Notwendigkeit, das Arbeitsfrderungsgesetzzu reformieren im Sinne einer ffnung fr Brgerarbeit; zu-gleich auch die Arbeitsmter zu ffnen, also aus ihrer ausschlie-lichen Festlegung auf Erwerbsarbeit herauszulsen und auf eineFrderung auch der Brgerarbeit auszurichten. Dies kollidiert si-cherlich mit der Grundforderung des AFG, da ein Arbeitslo-ser dem Arbeitsmarkt uneingeschrnkt zur Verfgung stehenmu ( 103 AFG). Umgekehrt hlt die Arbeitslosenversicherungauch fr Ehrenamtliche, die nach lngerem zustzlichem Engage-ment erwerbsarbeitslos werden, keine ausreichende Sicherung be-reit. Auch fr eine eventuelle Rckkehr ins Erwerbsleben, fr diedas Engagement in der Brgerarbeit womglich eine Vorberei-tung war, sind bislang keine besonderen Regelungen vorhanden.Mit anderen Worten: Arbeitsamt und Arbeitsfrderungsgesetzmten zweigleisig ausgelegt, also auch fr Brgerarbeit sowiedie Mobilitt zwischen diesen gesellschaftlichen Ttigkeitsfeldernim Lebenslauf geffnet werden.SozialpolitikEntsprechendes gilt fr die Einbeziehung der Brgerarbeit in dieSozialpolitik. Einen ersten kleinen Schritt zur Aufweichung derLohnarbeits- und Beitragsbezogenheit der Sozialversicherung hatdas Pflegeversicherungsgesetz markiert, das Pflegezeiten wieKindererziehungszeiten behandelt und entsprechend als Beitrags-jahre zur Rentenversicherung verrechnet (19 SGB XI). Wennjedoch zugleich mit Recht gefordert wird, versicherungsfremde also nicht lohnarbeitsgesttzte Leistungen mittels Steuern zufinanzieren, so stellt sich einmal mehr die Frage nach einer steuer-finanzierten Grundabsicherung, anstatt jeweils den Bundeszu-schu zu erhhen. Offenkundig ist, da eine Kombination ausTeilzeit-Erwerbsarbeit und freiwilliger Brgerarbeit in Deutsch-land weniger attraktiv ist als etwa in den Niederlanden, wo es einsolches Grundsicherungssystem gibt. Die Debatte um ein Alter-nativsystem zur Sozialhilfe erhlt damit auch im Kontext der Br-gerarbeit neuen Auftrieb. Biographien, in denen Kombinationen Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447von Erwerbs- und Brgerarbeit nicht zu einer konomischen Be-lastung werden, sind in Deutschland typischerweise in der gut-verdienenden Mittelschicht prsent.SteuerrechtDas Steuerrecht zeigt eine Reihe von Einseitigkeiten zugunstenetablierter Trger. So werden etwa Aufwandsentschdigungen frdie nebenberufliche Pflege alter, kranker oder behinderter Men-schen nur dann steuerfrei gestellt, wenn die Personen bei einemverbandsorientierten Trger arbeiten (3 Nr. 25 EStG), nicht, wenndie Gruppe selbstorganisiert ist. Zugleich ist die Einschrnkungauf den engen Bereich der Pflege ein Beispiel fr die Ausrichtungstaatlicher Frderung auf das Sozial- und Gesundheitswesen. An-dere Regelungen im Pflegebereich, wie die Pauschalbetrge frPflegepersonen ( 33B Abs. 6 EStG), sind recht niedrig angesetztund reichen kaum aus, um Pflegeausgaben zu finanzieren. Im all-gemeinen gilt: Geldspenden sind steuerlich absetzbar, Zeitspen-den dagegen nicht. Auch hier ist gesetzgeberische Kreativittgefragt, um die Sozialzeit, die Personen im Rahmen der Brger-arbeit gemeinwohlorientiert spenden, analog steuerrechtlichabsetzen zu knnen.Wohlfahrtsverbnde und WohlfahrtskassenWer verteilt hier was an wen? Und wie knnen diese Ressourcendurchsichtiger und fr die Finanzierung der Brgerarbeit geff-net werden? Da Wohlfahrtsverbnde ihren Handlungsbedarf undihre finanziellen Ressourcen staatlicher Delegation verdanken, istes erforderlich, die subsidir zu erbringenden Leistungen an einemneuen Leitbild auszurichten und an ffentlich berprfbareKriterien zu binden. Solche Kriterien knnten sein: Partizipa-tions- und Mitgestaltungsmglichkeiten fr Freiwillige; Ausbil-dungs- und Supervisionsangebote fr Freiwillige; Sicherung einesspezifischen Budgetanteiles fr die Frderung von Selbsthilfe undBrgerarbeit; Nutzung von infrastrukturellen Ressourcen frsolche Aktivitten usw.29Und woher sollen zustzliche Gelder in Zeiten leerer Kassenkommen? Es fhrt kein Weg daran vorbei: Die transnationalenKonzerne, die zu virtuellen Steuerzahlern geworden sind, ms-sen ihren Beitrag zur Demokratie leisten. Dieser kann wohl auf29 Vgl. Heinze/Keupp, S. 120 f. Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Dauer kaum darin liegen, keine Steuern zu zahlen und Arbeits-pltze in Billiglohnlnder auszulagern. Warum sollen Unterneh-men nicht auch finanzielle Verpflichtungen fr konkrete Vor-haben der Brgerarbeit bernehmen und auf diese Weise fr sichwerben?Nachfrage nach BrgerarbeitVieles spricht dafr, da die Zeit fr die Idee der Brgerarbeit reifist: brachliegende, gemeinwohlorientierte Handlungsbereitschaf-ten finden keine geeigneten Kristallisationspunkte im ffentlichenRaum. Der Gemeinwohl-Unternehmer fragt diese Bereitschaftenab, bindet sie ein in Aufgaben und in partizipatorische Organisa-tionsstrukturen, die Freiwilligkeit und Professionalitt miteinanderverbinden und auf diese Weise die kleinen Netze der Gesellschaftrevitalisieren. Lt sich das Ausma der Nachfrage vorhersehen,vielleicht sogar quantifizieren? Darauf gibt es keine leichte, schnel-le Antwort, da die Nachfrage u. a. von der Attraktivitt der Brger-arbeit und der Aktivitt des Gemeinwohl-Unternehmers abhngt.Zwei Extrem-Szenarien lassen sich gegenberstellen: (1) Minima-le Nachfrage: Danach findet das Modell Brgerarbeit wenig An-klang; es kann sich gegenber den jetzt vorherrschenden Formender Verbands-, Vereins- und ehrenamtlichen Ttigkeiten letztlichnicht durchsetzen. (2) Maximale Nachfrage: Brgerarbeit drohtvon ihrem Erfolg berrannt zu werden. Dieses Extrem-Szenarioist krisentrchtig, da man nicht ausschlieen kann, da Finan-zierungsengpsse entstehen. Welche gesellschaftlichen Gruppenknnten hohe Aktivitt vorausgesetzt Brgerarbeit whlen? Arbeitslose, insbesondere die groe Gruppe der vorber-gehend Arbeitslosen (dynamische Arbeitslosigkeit) sowie er-werbsfhige Sozialhilfeempfnger; Hausfrauen (bzw. Hausmnner), insbesondere in der so-genannten Phase des leeren Nestes (nachdem die Kinder denHaushalt verlassen haben); Rentner und Rentnerinnen, die aus dem Erwerbsleben aus-geschieden sind und eine neue, ihre bisherigen Erfahrungen underworbenen Kenntnisse herausfordernde Ttigkeit suchen; Jugendliche vor, neben und nach der Berufsausbildung; Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447 Teilzeit-Erwerbsttige, die sich in Teilzeit-Brgerarbeit enga-gieren wollen; sowie schlielich Berufsttige, die eine Aus-Zeit nehmen, also vorber-gehend aus der Berufsarbeit nach dem Muster des Sabbatical aus-steigen wollen.Wie also wird im Falle des Falles Selbstbegrenzung mglich?Einer bernachfrage kann durch Differenzierungen im Modellder Brgerarbeit begegnet werden: Projektbindung. Ein Schlssel zur Selbstbegrenzung liegt inder Bindung der Brgerarbeit an eine inhaltliche Projektaufgabe.Sie erlaubt es, zeitlich, sachlich und sozial nur eine begrenzteZahl von Brgerarbeitspltzen einzurichten. ber die Vergabe die-ser Arbeitspltze sowie deren sachlichen und zeitlichen Rahmenentscheidet der Gemeinwohl-Unternehmer auf der Grundlageseines autorisierten Auftrages, also in Absprache mit dem kom-munalen Brgerarbeits-Ausschu. Es gibt kein automatischesAnrecht auf die Beteiligung an Brgerarbeit. Auch Brgerarbeitsetzt Qualifikationen, d. h. Auswahl aufgrund von Eignung, vor-aus. Die Nachfrage bleibt also durch die Projekt- und Aufgaben-bindung der Brgerarbeit politisch beeinflubar (je nach Erfah-rungen vor Ort). Finanzierbarkeit. Ein zentraler Hebel zur Selbstbegrenzungliegt in der politisch vernderbaren Finanzierbarkeitsprmisse.Die Zahl der Brgergeldarbeitspltze wird das Prinzip der Ko-stenneutralitt vorausgesetzt die ffentlichen Haushalte immernur bis zu der selbstgesetzten Grenze belasten, bis zu der heuteschon Transfereinkommen in die Sozialhilfe und die Arbeitslo-senhilfe geleistet werden. Anders gesagt: Nicht die potentielleNachfrage nach Brgerarbeit, sondern die politisch zu entscheiden-den und zu legitimierenden Belastungsgrenzen der ffentlichenHaushalte und Kommunen bestimmen das Volumen, in dembrgergeldfinanzierte Arbeitspltze berhaupt verfgbar sind. Karrieren. Damit entsteht eine soziale Differenzierung, nm-lich die zwischen nur immateriell und auch materiell belohn-ten Brgergeldarbeitspltzen. In diesen beiden Kategorien kn-nen noch einmal verschiedene Formen des Teilzeit-Engagementsvorgesehen werden. So ergibt sich ein differenziertes System vonBrgerarbeitspltzen, die entsprechende Qualifikationsforderun- Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447gen stellen und so etwas wie innere Karrieren zwischen diesenzulassen. Da Freiwilligen-Organisationen hohe Beratungs- undBetreuungsaktivitten voraussetzen, kann auf diese Weise einegroe Anzahl von Personen eingebunden werden.V. Erwerbsarbeit und Brgerarbeit verzahnen Arbeitslosigkeit senkenWelche Rckwirkungen auf den Arbeitsmarkt sind zu erwarten,wenn Brgerarbeit eingerichtet wird? Brgerarbeit, haben wirgesagt, ergnzt Erwerbsarbeit, ersetzt diese aber nicht; sie ist ad-ditiv, nicht substitutiv. Das heit: Mit der Brgerarbeit wird nichtdas Ende der Erwerbsarbeitsgesellschaft eingelutet, sondern derbergang von einer Nur-Erwerbsarbeitsgesellschaft zu einer ge-mischten Ttigkeitsgesellschaft: Jenseits von Staat und Wirtschaftentstehen unternehmerische Rollen und Organisationsformeneiner ffentlichen Selbstfrsorge. Darber hinaus stellt Brger-arbeit auch einen wesentlichen Beitrag zur Beseitigung der Ar-beitslosigkeit dar. Warum?In demselben Ma, in dem Brgerarbeit attraktiv wird (z. B.durch Zeitspenden-Modelle, wie sie in den USA im Zusammen-wirken von Unternehmen und Beschftigten erprobt werden),sinkt die Nachfrage nach Erwerbsarbeit. Brgerarbeit baut denArbeitswahn ab. Denn es entsteht eine ffentliche Nische, inder die Menschen die schnen Seiten eines begrenzten Arbeits-drogenentzugs erfahren knnen. Brgerarbeit beseitigt aber auchArbeitslosigkeit. Wenn Brgerarbeit als Option selbstverstnd-lich wird, hat dies zur Folge, da jemand nicht erwerbsttig, abersehr wohl sinnvoll beschftigt sein kann. Es entsteht eine neueIdentitt: Man ist Brgerarbeiter in diesem oder jenem Projektund mu sich damit nicht mehr als arbeitslos etikettieren unddiskriminieren (lassen).Damit entsteht eine duale Beschftigungsgesellschaft, in dersich vielfltige Kombinationen von Erwerbs- und Brgerarbeit er-geben (fr verschiedene Lebensabschnitte, -lagen usw.): Erwerbs-und Brgerarbeit sind ergnzend anzulegen, z. B. als gleichzeitigeTeilzeitarbeit im Erwerbs- und Freiwilligen-Sektor. Der Wechsel Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447in die Brgerarbeit ist insbesondere fr die groe Gruppe dervorbergehend Arbeitslosen (ein bis zwei Jahre) attraktiv. Dennfr einen wachsenden Teil der Menschen ist Arbeitslosigkeit einbekanntes, deswegen aber nicht vertrautes Ereignis geworden. IhrErwerbsverlauf ist durch hufige Arbeitslosigkeit fragmentiert.Sie sind aus arbeitsmarktpolitischer Sicht die neue Problemgrup-pe unter den Arbeitslosen nicht nur, weil sie eine ungewisse Zu-kunft haben, sondern weil die Gefahr besteht, da sie aus demArbeitsmarkt ausgegrenzt werden.30 Fr diese Bevlkerungs-gruppe ist Brgerarbeit, insbesondere wenn sie berufsnah undweiterqualifizierend organisiert ist, ein attraktives Angebot, dennsie ermglicht es, Arbeitslosigkeit (auch fr sptere Arbeitgebernachweisbar) sinnvoll zu berbrcken. Diese Sprungbrett- undberbrckungsfunktion der Brgerarbeit wird dabei nicht nurbei den Individuen wichtig, welche die typischen Negativ-merkmale aufweisen (gesundheitlich Eingeschrnkte, ltere odergering Qualifizierte), sondern in Zukunft gerade auch bei Hoch-qualifizierten, Hochmotivierten und Leistungsfhigen.Auf diese Weise verndern sich zugleich die Rahmenbedingun-gen und Ziele der Politik: Arbeitslosigkeit kann nun nicht mehrnur indirekt, durch die Frderung des Wirtschaftswachstums,sondern auch direkt durch die Frderung der Brgerarbeit abge-baut werden. Whrend sich im Zeitalter der Globalisierung dieEinflumglichkeiten nationalstaatlicher Politik auf die Schaf-fung von Arbeitspltzen immer weiter einschrnken (schon heutewird die Wertschpfung der ganzen Welt zu 53 Prozent vontransnationalen Konzernen wahrgenommen), erschliet sich diePolitik mit der Einrichtung von Brgerarbeit eine neue Quelleihrer Legitimation: Sie kann das Wohl ihrer Brger mehren mitrelativ geringen Mitteln und in der paradoxen Form aktiverSelbstzurcknahme des Staates.Diejenigen, die in Erwerbsarbeit engagiert sind, sind auch imFreiwilligen-Sektor aktiv. Umgekehrt gilt, da diejenigen, die amlngsten und damit weitgehend hoffnungslos aus der Erwerbs-arbeit herausgefallen sind, sich zugleich am seltensten in den klas-sischen Ehrenmtern engagieren. Daraus ergibt sich eine offene,schwierige Frage: Inwieweit gelingt es, Brgerarbeit zu einem30 Vgl. Mutz (1997). Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Integrationsangebot fr die aus dem Arbeitsmarkt Herausgefalle-nen Langzeit-Arbeitslosen zu machen?VI. Ausblick: VerwirklichungschancenHat das so verstandene und in seinem Anspruch begrenzte Mo-dell Brgerarbeit Chancen, politisch umgesetzt zu werden? DieVerwirklichungschancen der Brgerarbeit liegen in folgendem:Es handelt sich um einen Vorschlag, der das Wohlfahrtssystem er-neuert und die Brgergesellschaft revitalisiert, ohne da zustz-liche Kosten entstehen; in der Vertrauenskrise der Institutionen,der auf diese Weise entgegengewirkt werden kann; zugleich wirdder neuen Bedeutung von Individuen als Trgern gesellschaft-licher Verantwortung Rechnung getragen, werden die chronischberlasteten ffentlichen Haushalte entlastet, die erhrtete Kritikan dem entmndigenden Wohlfahrtsstaat umgesetzt sowieAufgaben von der zentralen, nationalen auf die kommunale, de-zentrale Ebene verlagert.Nicht zuletzt liegen die politischen Durchsetzungschancen derBrgerarbeit in einem noch latenten Allparteien-Konsens.Alle politischen Gruppierungen suchen nach Lsungen, die dieQuadratur des Kreises ermglichen: Sozialkosten zu sparen, abergleichzeitig soziale Leistungen zu verbessern. Es liegt nahe, dadabei berall der Blick auf den Freiwilligen-Sektor fllt. Das br-gerliche Lager gehrt zu den schrfsten Kritikern der unbe-zahlbar gewordenen Leistungsangebote des Wohlfahrtsstaates.Gleichzeitig besinnt sich der zivilgesellschaftliche Konservativis-mus auf die in im enthaltene Tradition einer aktiven Brgerschaft.Die Liberalen haben, wenigstens in ihrem brgergesellschaft-lichen Flgel, immer die Belebung rtlicher Brgerinitiativenpolitisch in Grobuchstaben geschrieben. Dies gilt auch fr dieGrnen (in Deutschland und Europa). Selbst die sozialdemokra-tischen und Arbeiterparteien Europas, die aus vielen Grnden amnachhaltigsten das existierende Sozialsystem verteidigen, begin-nen die Innovationskraft eines finanziell abgesicherten und ge-sellschaftlich aufgewerteten Freiwilligen-Sektors fr die Lsungzuknftiger Gesellschaftsaufgaben zu entdecken. Das bedeutet: Onlinequelle: Demokratiezentrum.org - www.demokratiezentrum.org Printquelle: Beck, Ulrich (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 416-447Eine groe Koalition zur Durchsetzung von Brgerarbeit ltsich sehr wohl schmieden. Die ffentliche Debatte ber Brger-arbeit kann sogar den Konsens stiften, der sie wirklich macht.Fr erforderlich halte ich eine politische Initiative, welche dieGrundidee der Brgerarbeit vermittelt. Sie soll auch helfen, dieDenk-, Motivations- und Identittsblockaden zu berwinden,die in der Fixierung auf Erwerbsarbeit begrndet liegen und be-stehen bleiben, solange die Erwerbsarbeit alternativlos die Iden-tifikation bindet. Meine Hoffnung ist, da Brgerarbeit, einevita activa jenseits der Erwerbsarbeit fr viele wnschenswert,erfahrbar, ja verfhrerisch wird.LiteraturBeck, U., Die Erfindung des Politischen, Frankfurt am Main 1993.Beck, U., Was ist Globalisierung?, Frankfurt am Main 1997.Beck, U., Kinder der Freiheit, in: ders. (Hg.), Kinder der Freiheit, Frankfurtam Main 1997.Beck, U., Schne neue Arbeitswelt, Frankfurt am Main 1999.Egelhardt, H. 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