Die Minute der Wahrheit - ?· »Ich habe keine Uhr bei mir.« »Nicht?«, sage ich. Er hat dunkle Haare,…

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<ul><li><p>Die Minute der Wahrheit</p><p>Roman ber die Liebe und die Kunst</p><p>Bearbeitet vonIna Kronenberger, Bjrn Sortland</p><p>1. Auflage 2007. Buch. 424 S. HardcoverISBN 978 3 446 20902 2</p><p>Format (B x L): 15,2 x 21,8 cmGewicht: 773 g</p><p>schnell und portofrei erhltlich bei</p><p>Die Online-Fachbuchhandlung beck-shop.de ist spezialisiert auf Fachbcher, insbesondere Recht, Steuern und Wirtschaft.Im Sortiment finden Sie alle Medien (Bcher, Zeitschriften, CDs, eBooks, etc.) aller Verlage. Ergnzt wird das Programmdurch Services wie Neuerscheinungsdienst oder Zusammenstellungen von Bchern zu Sonderpreisen. Der Shop fhrt mehr</p><p>als 8 Millionen Produkte.</p><p>http://www.beck-shop.de/Sortland-Minute-Wahrheit/productview.aspx?product=12299762&amp;utm_source=pdf&amp;utm_medium=clickthru_lp&amp;utm_campaign=pdf_12299762&amp;campaign=pdf/12299762</p></li><li><p>Bjrn Sortland</p><p>Die Minute der WahrheitRoman ber die Liebe und die Kunst</p><p>bersetzt aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger</p><p>ISBN-10: 3-446-20902-6ISBN-13: 978-3-446-20902-2</p><p>Leseprobe</p><p>Weitere Informationen oder Bestellungen unterhttp://www.hanser.de/978-3-446-20902-2</p><p>sowie im Buchhandel</p></li><li><p>Bei McDonalds ist eine lange Schlange. Ich setze mich nach oben.Steige ich einfach wieder in den Zug nach Norden und vergessediesen erbrmlichen Versuch, die Welt zu bereisen? Ja, gut mglich.Sehr gut mglich. Fast bin ich schon entschlossen, da hre ich eineStimme.Ach so, sagt die Stimme, und ich drehe mich zu ihr um. Ichdachte, du knntest vielleicht ja nein ich verstehe. Ich willerst mal was essen. Dann sehen wir weiter. Ja, ja ich sitze in einervon diesen Trattorias.Ich kann nicht anders, ich hre alles mit. Er spricht Norwegisch. Undlgt, er ist berhaupt nicht in einer Trattoria, sondern in dem weltweitvertretenen Familienrestaurant McDonalds.Vor ihm auf dem Tisch steht kein Tablett mit einem Burger darauf.Er sitzt einfach nur da. Das Handy in der Hand. In das er nicht mehrspricht. Wrde jemand einen Wettbewerb ausschreiben, wer diebraunsten Augen im ganzen Weltall hat, dann wrde er ihn gewinnen.Er legt das Handy weg und starrt eine Weile vor sich hin, dann nimmter ein Buch in die Hand, ein dickes blaues, Florenz Kunst undArchitektur. Er liest nicht sehr lange darin, legt es wieder weg undstarrt ins Leere. Er denkt offensichtlich an etwas anderes. Ich finde,er sieht ziemlich down aus. Und seine Stimme eben hatte etwasTrauriges. Unsere Hobbypsychologin, hre ich Camillas Stimmeirgendwo in meinem Hinterkopf. Wobei: down? Er ist nicht geradeam Schluchzen und am Schniefen, ihm laufen nicht die Trnen berdie Wangen. Er sitzt einfach nur reglos da. Fast wrde ich mirwnschen, es wre anders. Ihm wrde eine Trne ber die Wangelaufen, nichts hysterisch Dramatisches. Nur eine kleine Trne.Es ist schlimm, wenn man sich wnscht, dass es anderen schlechtgeht. Aber dann knnte ich zu ihm gehen und ihm ber die Wangestreichen, ihn in den Arm nehmen. Ganz vorsichtig nur. Ja, ich stellemir sogar vor, dass ich einen Typen vor mir habe, dessen Freundingerade mit ihm Schluss gemacht hat. Oder auch nicht. Ich habevielleicht einfach nur das Bedrfnis, dass es jemandem schlechtergeht als mir. Ich bin nicht ganz gesund im Kopf. Habe zu vielefranzsische Filme ge sehen. Ich kann nicht schnell genug wegsehen,schon fngt er meinen Blick auf. Seine Augen sind irre braun.</p><p>Leseprobe Seite 1</p><p>Die Minute der Wahrheit | Bjrn Sortland</p></li><li><p>Entschuldigung, ich habe gehrt, dass du Norwegisch sprichst,platzt es aus mir heraus, whrend er immer noch meinen Blickerwidert. Weit du zufllig, wie spt es ist?Ich bin etwas berrascht ber meine zarte, brchige Stimme. Ich habein den letzten Tagen nicht viel gesprochen.Ich habe keine Uhr bei mir.Nicht?, sage ich.Er hat dunkle Haare, ist strichmnnchenhaft dnn, hat ein paarSommersprossen auf der Nase und schielt vielleicht ein winzigesbisschen. Hinter dem linken Ohr hat er eine Zigarette. Und seineHnde. Schmal. Perfekt. Sollten sie etwas machen wollen, sehen sieaus, als knnten sie genauso gut ein Instrument spielen wie ein Rehschlachten. Er riecht auch noch gut. Ein Duft, der mir nicht bekanntvorkommt. Und auch wenn ich ganz genau wei, dass es nicht so ist,habe ich das Gefhl, ihm schon begegnet zu sein.Du siehst norwegisch aus, sagt er. Das htte ich gesehen, auchwenn du mich nicht angesprochen httest.Inwiefern?Deine Turnschuhe. Keine Italienerin luft in so unsexy Schuhenherum wie Norwegerinnen. Deutsche vielleicht noch, die gehen auchgern wandern, ber Stock und Stein.Du wanderst also nicht gern ber Stock und Stein?, frage ich.Die Natur ist im Kino am schnsten, sagt der Typ.Meine Turnschuhe sind total praktisch, sage ich. Und ichversuche auch nicht, bermig sexy zu sein.[ ... ]Endlich tun seine Hnde etwas. Sie holen die Zigarette hinter demOhr hervor. Er liest nicht nur dicke Kunstbcher, er hat auch einFeuerzeug mit einem Kunstbild darauf, einer einsamen blauen Figur.Ist das ein bekanntes Bild? Keine Ahnung. Edvard Munch? Nein.Seine Hnde znden die Zigarette an. Es ist bestimmt nicht erlaubt,hier zu rauchen, er sieht etwas nervs aus. Und inhaliert den Rauchnicht richtig, er nimmt ihn nur in den Mund und stt ihn wieder aus.Reist du gern allein?, frage ich. Hallo! Was fr eine bescheuerteFrage? Habe ich mich jetzt schon als leicht verzweifelt offenbart?Einsamkeit ist leicht zu erkennen, hnlich wie Windpocken.</p><p>Leseprobe Seite 2</p><p>Die Minute der Wahrheit | Bjrn Sortland</p></li><li><p>Vielleicht reist er auch gar nicht allein.Eigentlich ist es nicht schlecht, allein zu reisen, am Tag ist es okay,am schlimmsten sind die Abende. Es ist zum Beispiel nicht so toll,allein in einem teuren Restaurant zu Abend zu essen. Eher ziemlichde.Endlich einer, der zugibt, dass er allein ist.Und was machst du am Tag?Am Tag habe ich Liebeskummer.Liebeskummer!Was macht man sonst noch, wenn man Liebeskummer hat und nichtbei McDonalds sitzt?, frage ich.Tagsber rauche ich nur oder sitze bei McDonalds, sagt er. Oderich laufe durch die Gegend und hre mir alte Lieder an, NothingCompares To You von Sinead OConnor zum Beispiel, ein klasseLiebeslied ist das. Oder ich sehe mir traurige Kinofilme an oder laufedurch die Gegend und beobachte Tauben und Verliebte, die in dieserflippigen Stadt so unglaublich glcklich sind. So was halt.Das klingt fast richtig nett, sage ich.Er sieht mich nur an. Vielleicht hat er wirklich Liebeskummer?Sorry, sage ich. So war es nicht gemeint.Schon klar, sagt er und fhrt sich durch den kurzen Pony, einfachum irgendwas zu machen, glaube ich. Ich mime nur wieder denCoolen. Sage das nur, um mich interessant zu machen.Ganz schn feige, ber so was Witze zu machen, sage ich.Und du?, fragt er.[ ... ]Ich suche nach meinem Vater, der abgehauen ist, hre ich michpltzlich sagen. Und das sage ich nicht, um mich interessant zumachen, lge ich.Ist dein Vater wirklich abgehauen?Ich hstele kurz.Ja. Schon. Er ist immer wieder abgehauen. Ein typischerTrumertyp. Jemand, der vielleicht gern Knstler wre. Er istzweiundvierzig. Ich glaube, das ist der Grund, warum er Mama undmich verlassen hat. Und diesmal glaube ich nicht, dass er wiederzurckkommt. Das sage ich zum ersten Mal laut.</p><p>Leseprobe Seite 3</p><p>Die Minute der Wahrheit | Bjrn Sortland</p></li><li><p>Was fr ein Knstler?Er stellt die falsche Frage. Er sollte mit einem Mdchen wie mirfrsorglicher und mitfhlender umgehen.Keine Ahnung. Ich wei auch nicht, ob er berhaupt Knstler seinwill. Er will einfach nur etwas machen, was knstlerischer ist, glaubeich. Eigentlich leitet er ein kleines Grafikbro, die machenBroschren und Jahresberichte und alles Mgliche. Aber er maltnebenbei Aquarelle, so Sachen, die allen gefallen. Ich glaube nicht,dass professionelle Knstler ihn fr einen Knstler halten wrden,wenn du verstehst, was ich meine. Rikard Riis, schon mal von ihmgehrt? Und wie gesagt, ich wei auch nicht, ob er das berhauptwill. See, what I mean?Ja vielleicht, sagt der Typ, einfach so.Aber mir ist klar, dass er nichts kapiert. Ich wei wirklich nicht, wasPapa will. Ich hatte vielleicht geglaubt, es zu wissen. Ich habepltzlich sogar Lust, ihn zu verteidigen. Er ist auch kein Idiot. Er istnicht schlecht, er malt halt nur keine richtige Kunst. Jedenfalls nichtlnger. Aber ich habe mir seine alten Skizzenblcke auf demDachboden angeschaut. Dort gibt es vieles, was ich fr weitausbesser halte als die Stadtbilder und Blumenwiesen undKindergesichter mit den groen Augen, die er zurzeit malt. Dort gabes auch ein paar Bilder von Mama. Sie war nackt. Etwas peinlich derAnblick. Und toll.Bestimmt wollen alle gern Knstler sein, sage ich. Etwas aus sichherausholen etwas Wichtiges. Ich wei nur nicht, ob sichgengend Leute dafr interessieren, ob das Publikum gro genugist.Tja mglicherweise nicht, sagt derMglicherweise-glcklich-oder-unglcklich-verliebte-Liebeskummer-Typ. Heute gehen Kunst und Design oft ineinander ber. Manchehalten sogar den Kunstbegriff fr Quatsch, wenn so viele Knstler inWerbeagenturen arbeiten.Wieso denn das?, frage ich.Ich bin ein ziemlich auskunftsfreudiger Typ, wenn ich erst malanfange, aber im Moment bin ich vllig ausgehungert, sagt der Typ.Hast du Lust, mit mir essen zu gehen?</p><p>Leseprobe Seite 4</p><p>Die Minute der Wahrheit | Bjrn Sortland</p></li><li><p>In eine von diesen Trattorias?, frage ich.Du hast gelauscht, sagt er und drckt die Zigarette in einen leerenColabecher auf dem Nachbartisch.Das lie sich nicht vermeiden.Er steht auf, sieht mich an und lchelt etwas schief. Letztendlich ist ergar nicht so obercool, wie er vorgibt.Ich habe nicht viel Geld, sage ich. Wir sind ja nicht umsonst beiMcDonalds.Ich kenne eine Kneipe, wo sie gute Baguettes haben. Und billige.Jedenfalls so billig, wie das hier in Florenz mglich ist. EineBaguette-Bar. Weit du, wie spt es ist?Ich schaue auf meinen Arm, an dem sich zum Glck keine Uhrbefindet. Er wollte mich reinlegen. Ich werde rot.Ich sollte vielleicht nicht so viel Interesse zeigen, aber mir istschnurzegal, ob ich total verzweifelt wirke. So bleibt es mirwenigstens erspart, allein zu Abend zu essen. Zum ersten Mal aufdieser Reise habe ich keine Ahnung, wie spt es ist. Das war wohlder Grund, weshalb ich gefragt hatte. Auerdem bin ich ein bisschenverloren und verzweifelt.Du wolltest also nicht in einen Zug steigen?, frage ich, als wir denBahnhof verlassen.Nein, sagt der Typ.Warum bist du dann hier im Bahnhof? Sitzt du nur hier rum, um denCoolen zu spielen und verbotenerweise bei McDonalds zu rauchen?Der Bahnhof hier ist eine absolute Bauhaus-Perle, reinarchitektonisch gesehen. Ich wollte ihn mir einfach anschauen. Undauerdem natrlich bei McDonalds sitzen und den Coolen spielen.Okay, sage ich und wei, dass ich ziemlich ratlos aussehe.Bauhaus-Perle. Das hrt sich an, als htte er es in einer Broschreoder einem Reisefhrer gelesen.Der Bauhausstil ist eine Richtung in der Architektur. Dreiigerjahreetwa. Aber auch wenn Florenz nicht unbedingt fr den Bauhausstilbekannt ist, ist zumindest der Bahnhof hier sehr bekannt. Die Erbauerwollten anscheinend etwas vllig anderes machen als sptenNeoklassizismus oder reine Mogel-Renaissance so viele Jahrhundertenach </p><p>Leseprobe Seite 5</p><p>Die Minute der Wahrheit | Bjrn Sortland</p></li><li><p>Mein Blick ist jetzt so ratlos, dass ich die Sonnenbrille wirklichbrauche, um mich vor der Welt zu schtzen.Okay, sage ich. Es gibt bestimmt ziemlich viel Kunst und so. Hierin Florenz, meine ich.Was sage ich da? Kunst und so. Selbstmord an meiner Intel ligenz.Das stimmt. Hier in Florenz gibt es ziemlich viel Kunst und so.Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt keine andere Stadt, in deres so viel Kunst und so gibt. Ich glaube, es ist nicht bertrieben, zusagen, Florenz sei die Wiege der westlichen Kunstgeschichte. NichtsGeringeres.Er sieht mich an. Grinst er?Okay, sage ich und spre, wie ich immer mehr zum Suppenhuhnwerde, das einen guten Eindruck machen mchte. Papa ist, wiegesagt sehr kunstinteressiert. Wahrscheinlich ist das der Grund,weshalb er hierher gekommen ist.Jetzt bin ich ganz sicher, dass er grinst.Ich heie brigens Jakob, sagt der Typ und gibt mir die Hand. Einfester, warmer Hndedruck.Frida, sage ich.Eine der besten und interessantesten Knstlerinnen der Welt heitFrida, sagt Jakob. Frida Kahlo.Okay, sage ich.Was ist nur mit mir los? Warum habe ich pltzlich so groe Lust, anseinem Hals zu riechen, dass ich mich fast nicht zurckhalten kann?</p><p>Leseprobe Seite 6</p><p>Die Minute der Wahrheit | Bjrn Sortland</p></li></ul>

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