Die Beziehung zwischen der älteren und der jüngeren römischen Kursivschrift: Versuch einer kulturhistorischen Deutung

Download Die Beziehung zwischen der älteren und der jüngeren römischen Kursivschrift: Versuch einer kulturhistorischen Deutung

Post on 20-Jan-2017

217 views

Category:

Documents

6 download

Embed Size (px)

TRANSCRIPT

<ul><li><p>Die Beziehung zwischen der lteren und der jngeren rmischen Kursivschrift: Versuch einerkulturhistorischen DeutungAuthor(s): Stig Hornshj-MllerSource: Aegyptus, Anno 60, No. 1/2 (gennaio-dicembre 1980), pp. 161-223Published by: Vita e Pensiero Pubblicazioni dellUniversit Cattolica del Sacro CuoreStable URL: http://www.jstor.org/stable/41216549 .Accessed: 15/06/2014 15:23</p><p>Your use of the JSTOR archive indicates your acceptance of the Terms &amp; Conditions of Use, available at .http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp</p><p> .JSTOR is a not-for-profit service that helps scholars, researchers, and students discover, use, and build upon a wide range ofcontent in a trusted digital archive. We use information technology and tools to increase productivity and facilitate new formsof scholarship. For more information about JSTOR, please contact support@jstor.org.</p><p> .</p><p>Vita e Pensiero Pubblicazioni dellUniversit Cattolica del Sacro Cuore is collaborating with JSTOR todigitize, preserve and extend access to Aegyptus.</p><p>http://www.jstor.org </p><p>This content downloaded from 91.229.229.162 on Sun, 15 Jun 2014 15:24:00 PMAll use subject to JSTOR Terms and Conditions</p><p>http://www.jstor.org/action/showPublisher?publisherCode=vitaepensierohttp://www.jstor.org/stable/41216549?origin=JSTOR-pdfhttp://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsphttp://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp</p></li><li><p>Die Beziehung zwischen der lteren </p><p>und der jngeren rmischen Kursivschrift </p><p>Versuch einer kulturhistorischen Deutung* </p><p>Ein Grundzug des Menschen ist sein Wille und seine Flligkeit, einen sinnvollen Kontakt mit anderen Menschen herzustellen. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen: man kann Gebrden ma- chen, man kann sich mndlich oder auch schriftlich mitteilen. In der Neuzeit sind diese verhltnismssig einfachen und persnlichen Kom- munikationsmglichkeiten stark erweitert worden, z.B. durch Rund- funk, Film und Fernsehen, und zugleich hat die technische Ent- wicklung zu einem zunehmenden Erkenntnisinteresse an den vom Menschen in seiner Mitteilung an die Umwelt benutzten Mitteln gefhrt. Auch wenn diese Kommunikationsforschung in erster Linie gegenwrtige Verhltnisse, besonders die Massenmedien, zum Gegenstand hat, enthlt ihre semiologische Theoriebildung wesentli- che berlegungen, die sich auch auf Bereiche der Antike anwenden lassen. </p><p>Dieser Versuch soll hier gemacht werden. Denn die Untersuchung stellt die These auf, da Entwicklung der allgemein verwendeten Be- </p><p>() Dieser Aufsatz stellt eine leicht verkrzte und berarbeitete Ausgabe der 1976 beim Historischen Institut der Universitt Kopenhagen (Universi- ttsdozent, fil. dr. Bengt Malcus) eingereichten Magisterarbeit dar. Fr un- schtzbare Anregung und Untersttzung in Verbindung mit der Umarbeitung danke ich Universittsdozent, fil. dr. Jan-Olof Tjder, Universitt Uppsala, dessen Unterricht in rmischer Palographie an der Nordischen Sommer- schule fr Forscherausbildung 1971 und 1972 mein Interesse an diesem Thema weckte. Ferner mchte ich Dr. phil. habil. Erik Moltke und cand. mag. Arne Haegstad fr wertvolle Ratschlge danken. Der Aufsatz wurde von Conny Bauer bersetzt. Fr finanzielle Untersttzung mchte ich der Dnischen Forschungsgemeinschaft danken. </p><p>Eine bersicht ber die in Hinweisen verwendeten Abkrzungen findet sich am Schlu des Aufsatzes. </p><p>This content downloaded from 91.229.229.162 on Sun, 15 Jun 2014 15:24:00 PMAll use subject to JSTOR Terms and Conditions</p><p>http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp</p></li><li><p>162 STIG HORNSHJ-MLLER </p><p>darfsschrift im rmischen Kaiserreich int Licht der von der damaligen Gesellschaft gestellten wechselnden Ansprche an schriftliche Kommu- nikation zu sehen ist. </p><p>Die Untersuchung unterscheidet sich dadurch wesentlich von vie- len der bisher erschienenen Studien der rmischen Schrift. Zweck dieser Studien war es vorwiegend, die Vernderung des Schriftbilds aufzuzeigen, um dadurch brauchbare Kriterien fr eine palogra- phische Datierung von nicht-datiertem Material zu gewinnen. Nur in seltenen Fllen wurde mehr als eine rein deskriptive Behandlung des Stoffes angestrebt. Etwas hartgeurteilt knnte man sie als Pr- wissenschaft bezeichnen, auf jeden Fall mu man aber die Auffas- sung der Palographen selbst von der Rolle der Palographie als einer reinen Hilfswissenschaft fr Papyrologen, Philologen und Histo- riker hervorheben. Meist wird lediglich die deskriptive Frage : wie statt einer analysierenden : warum gestellt. Wo dies dann vor- kommt - und gerechterweise sei darauf hingewiesen, da es dank der provokativen Forschung des Franzosen Jean Malion whrend der letzten 35 Jahre immer hufiger der Fall ist (2) - handelt es sich ausschlielich um neue Schriftformen und deren Genesis. </p><p>Wenn man bedenkt, wie individuell eine Schrift sein kann, mu man sich hin und wieder wundern, wie rigoristisch Analysen von Einzeldokumenten als Ausgangspunkt fr weiterreichende Theorien verwendet werden. Besonders fr das Verhltnis zwischen der lte- ren und der jngeren rmischen Kursivschrift und ihre gegenseitige Abhngigkeit gilt, da das vorhandene Quellenmaterial als ungen- gend fr eine Aufklrung der Entwicklung bezeichnet werden mu. Das Bemerkenswerte an dieser Entwicklung ist meines Erachtens auch nicht die graphische Umformung der einzelnen Buchstaben, sondern vielmehr die Tatsache, da es der jngeren rmischen Kur- sivschrift gelungen ist, im Laufe von nur einem Jahrhundert sich als die meist verwendete Bedarfsschrift ganz und gar durchzusetzen. </p><p>(2) Die moderne Forschung innerhalb der rmischen Schrift ist weitgehend von einer Stellungnahme zu dem epochemachenden Werk Jean Mallons, Pa- lographie romaine, aus dem Jahre 1962, gekennzeichnet gewesen. Seine These einer Erneuerung der Bedarfsschrift auf grand einer Schriftwinkelvernderung der Buchschrift gilt heute als widerlegt: die jngere rmische Kursivschrift wurde innerhalb der eigentlichen Bedarfsschrift gebildet, vgl. unten S. 33. </p><p>This content downloaded from 91.229.229.162 on Sun, 15 Jun 2014 15:24:00 PMAll use subject to JSTOR Terms and Conditions</p><p>http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp</p></li><li><p>DIE RMISCHE KURSIVSCHRIFT 163 </p><p>Diese Feststellung ist Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit. Auer- dem beruht die Untersuchung auf der berzeugung, da auch eine Handschrift ein Teil des menschlichen gesellschaftlichen Universums ist und folglich durch eine tiefgreifende, sinnvolle Analyse dazu in Beziehung gesetzt werden mu (3). </p><p>Die moderne Forschungsdebatte auf dem Gebiet der rmischen Palographie hat sich zum groen Teil um die Frage gedreht, in- wieweit es eine Kontinuitt zwischen der lteren und der jngeren rmischen Kursivschrift gegeben hat. Vereinfacht kann man sagen, da die Forschung sich in zwei getrennte Lager teilt, die vorwiegend national bedingt sind. Die franzsische Schule findet, da es inner- halb der Bedarfsschrift ein Diskontinuum gibt, und da ein Zusam- menhang ber die Buchschrift gesucht werden mu (4). Die ita- lienische Schule dagegen meint, durch Einfhrung der Begriffe offizielle und private Schrift eine Kontinuitt zwischen den beiden Schrifttypen rational erklren zu knnen; was als ein Bruch erscheint, sei lediglich eine Korrektur der offiziellen Schrift ge- genber der privaten wegen der zunehmenden Verwendung von Papyrus als blichem Schreibmaterial (5). </p><p>Fr einen Historiker ist die Zeit um das Jahr 300 von beson- derem Interesse, da um diesen Jahrhundertwechsel herum der Durch- bruch des Christentums im rmischen Reich erfolgte. Da bislang niemand nach einer historischen Erklrung der radikalen und durch- greifenden Vernderung der Schriftform gesucht hat, scheint es na- trlich untersuchen zu wollen, ob sich ein direkter Zusammenhang </p><p>(3) Vgl. die entsprechenden Ansichten Robert Manchais, die er in einer Polemik gegen Heikki Solin dargelegt hat. Marichal, R., Lecture, publication et interprtation dea graffiiti, Rev. t. lat., XLV (1968); Marichal 1973, bes. S. 84f. </p><p>(4) Mallon 1962; Marichal 1948, 1956 und 1963. Mallon hat spter in Verbindung mit der Publikation einer Inschrift aus Maktar seine Ansicht wiederholt. Mallon, J., Le Cippe de Beccut, Antiquits africaines , IV (1970). Weitere Anhnger der franzsischen Schule sind u.a. Morison, Muzika sowie Gieysztor, A., Zarys dziej w pisma lacinehiego, Warszawa 1973, und Stibn- non, J., Palographie du Moyen Age, Paris 1973. </p><p>(5) Cencetti 1950 und 1956, Petrucoi 1962 und 1963 sowie Tjder 1953. </p><p>This content downloaded from 91.229.229.162 on Sun, 15 Jun 2014 15:24:00 PMAll use subject to JSTOR Terms and Conditions</p><p>http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp</p></li><li><p>164 STIG HORNSHJ-MLLER </p><p>zwischen diesen beiden Ereignissen feststellen lt, oder ob sie eher beide als Symptome einer zeittypischen Entwicklung zu sehen sind. Diese Frage drngt sich umsomehr auf, als man die Bedeutung der jngeren rmischen Kursivschrift als die Grundlage unserer heutigen Bedarfsschrift evt. auf dem Hintergrund der Monopolstellung der christlichen Kirche als Vermittlerin der Schreibtradition durch die Sptantike und das Sptmittelalter hindurch erklren knnte. Kurz : Ist die jngere rmische Kursivschrift eine christliche Propaganda- Schrift? (6). </p><p>Die Zeit um das Jahr 300 bildet auch den Rahmen um die Tetra- chie und die intensiven Reformbemhungen der Kaiser Diokletian und Konstantin des Groen in Verbindung mit der Neuordnung des rmisches. Die zweite Hauptfrage der Untersuchung lautet somit: </p><p>War die Einfhrung der jngeren rmischen Kursivschrift als allge- meine Bedarfsschrift eine der Diokletianischen Reformen? (7). </p><p>Die Frage nach der Beschaffenheit des Schreibmaterials und dessen rein physischem Einflu auf die Entwicklung der Schrift nimmt seit langem einen zentralen Platz in der Forschung ein, weshalb an dieser Stelle lediglich auf die einschlgigen bersichtswerke ver- wiesen werden soll (8). Allerdings scheint es jedoch angebracht, ein paar methodische Vorbemerkungen zu machen. </p><p>Es scheint heute allgemeine Einigkeit zu bestehen, die ltere rmische Kursivschrift als Wachstafelschrift (auf Papyrus) und die jngere rmische Kursivschrift als Papyrusschrift zu charak- terisieren. Zwar gibt es Untersuchungen von anderen Arten von Be- schreibstoif, aber das Interesse sammelte sich jedoch bislang beson- ders um Papyrus. Robert Marichal hat dies einmal wie folgt formu- liert : le matriel de beaucoup le plus abondant, sinon le matriel unique, pour suivre cette triple volution de la capitale la minu- scule, du volumen au codex, du papyrus au parchemin, ce sont les papyrus (9). </p><p>(6) Vgl. unten S. 63. (7) Vgl. unten S. 54ff. (8) Z. . Cencetti 1956 und Foerster. (9) R. Marichal, Palographie prcaroline et papyrologie, Scriptorium . </p><p>I (1946-47), S. 6 (Kursivierung von Marichal). </p><p>This content downloaded from 91.229.229.162 on Sun, 15 Jun 2014 15:24:00 PMAll use subject to JSTOR Terms and Conditions</p><p>http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp</p></li><li><p>DIB RMISCHE KURSIVSCHRIFT 166 </p><p>Der Hauptteil der berlieferten lateinischen Papyri stammt aus dem mittleren und sdlichen gypten, wo das trockene Klima einen konservierenden Effekt gehabt hat; aber auch aus Dura-Europos ist eine wichtige Gruppe von Papyri aus dem sonst so sprlich vertre- tenen dritten Jahrhundert berliefert (10). Fr beide Gebiete gilt, da die Papyri in lateinischer Sprache nur einen Bruchteil der vor- wiegend griechischsprachigen Funde ausmachen. </p><p>Eine ganz zentrale Frage, die es zu klren gilt, ist, inwiefern diese ziemlich geringe Zahl lateinischer Papyri die graphische Reali- tt des gesamten rmischen Reiches kennzeichnet, zumal laut Gu- glielmo Cavallo vor der Reorganisation unter Diokletian um das Jahr 300 keine einheitlich geprgte Schrift (bzw. Schriftentwicklung) im griechisch-schreibenden Gebiet festgestellt werden kann (11). Ver- schiedene Indizien scheinen jedoch die Reprsentativitt der ber- lieferten gyptischen Papyri zu untersttzen. Vor allem aufgrund der Sonderstellung gyptens in administrativer Hinsicht haben nur wenige die lateinische Sprache benutzt, und zwar waren es entweder importierte Rmer oder Leute mit engen Beziehungen zu Rom (12). Theoretisch ist es somit wahrscheinlich, da die erhaltenen Papyri die reale Situation in Rom direkt spiegeln. Untersttzt wird diese Annahme einerseits durch einzelne Beispiele von anderen Fundor- ten (13), andererseits durch die vorwiegend epigraphischen Analysen Malions, aus denen hervorgeht, da die alltgliche Schrift anschei- nend verblffend einheitlich gewesen ist (14). </p><p>Eine bibliographische bersicht lt sich sehr schwer erstellen, u.a. weil ein Groteil entweder noch unverffentlicht oder auch - vom Gesichtspunkt eines Palographen - unvollstndig verf- fentlicht ist, weil lediglich eine Transkription jedoch ohne Repro- duktion herausgegeben ist. Es wird nun versucht, diesen Mangel zu beheben, u.a. durch die Arbeit Albert Bruckners und Robert Mari- </p><p>(10) Duba-Eubopos. (11) G. Cavallo, Unit e particularismo grafico nella scrittura greca dei </p><p>papiri. American Studies in Papyrology, VII, Toronto 1970 (= Proceedings of the Twelfth International Congress of Papyrology). </p><p>(12) Wilcken, besonders S. llf. Vgl. Stein S. 132ff, bes. S. 149f. und 158f. </p><p>(13) Cencetti I960 S. 31, Anm. (14) Mallon 1963. Vgl. Mabical 1973 S. 86. </p><p>This content downloaded from 91.229.229.162 on Sun, 15 Jun 2014 15:24:00 PMAll use subject to JSTOR Terms and Conditions</p><p>http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp</p></li><li><p>166 STIG HORNSHJ-MLLER </p><p>chais Chartae Latines Antiquiores (15), die folglich auch die Basis der unten vorgenommenen primren palographischen Analysen bil- den mu (16). </p><p>Neben dem Papyrus ist auch das Pergament in die Diskussion der Beziehung zwischen der lteren und der jngeren rmischen Kursivschrift einbezogen gewesen. Whrend der hier behandelten Epoche wurde das Pergament vorwiegend fr Codices verwendet, bei denen mehrere einzelne Stcke von derselben Gre zusammen- gebunden wurden. Der bergang zur Codexform als einer blicheren Buchform ist in Verbindung mit der Diskussion der Schriftwinkel- vernderung errtert worden (17). Hier ist es angebracht, die von Hans Widmann vorgenommene Untersuchung von dem Verhltnis zwischen Codices und Volumina zu erwhnen (18). Die Untersuchung notiert - aufgrund einer Zhlung der erhaltenen Fragmente - zwar eine markant zunehmende Bevorzugung von Pergament gegenber Papyrus, aber noch whrend der Epoche 4/5. Jahrhundert macht die Zahl der Codices nur 3/4 der erhaltenen Volumina aus. Den un- terschiedlichen berliefererungsverhltnissen zufolge drften die Zahlen kaum die tatschliche Situation lckenlos erfassen, u.a. weil die Bedeutung des Pergaments unterschtzt wird, allerdings kaum genug, um unser Bild in Verbindung mit der Schriftwinkeldiskussion zu verndern. Als ein weiteres Argument gegen eine berbewertung der Bedeutung von Pergament kann die Tatsache gesehen werden, da bis zum vierten Jahrhundert n. Chr. das Bcherlesen in der Kunst fast ausschlielich als Lesen einer Buchrolle dargestellt wird (19), whrend die Schriftentwicklung sich bereits im dritten Jahrhundert n....</p></li></ul>

Recommended

View more >