detlev claussen - herbert marcuse als cia-agent

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01/10/12

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08.02.2011 3 KommentareKRITISCHE THEORIE & USA

01 10 2012DIE AKTUELLE AUSGABE DER TAZ

Herbert Marcuse als CIA-AgentLange hielt sich das Gercht von Herbert Marcuse als CIA-Agent. Tim B. Mllers "Krieger und Gelehrte" erzhlt die Geschichte von Linksintellektuellen und Geheimdiensten neu.VON DETLEV CLAUSSEN

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Tabubrecher unter sichVERWAHRLOSUNG DER GEISTESWISSENSCHAFTEN

Einstrzende NeubautenAuf dem Hhepunkt von 1968 hatte die parteikommunistische Presse Herbert Marcuse als CIA-Agenten denunziert. Bild: dpaJUST ANOTHER DAVID-LYNCH-KONFERENZ

Der Schizo-BlickSYMPOSIUM FIKTION OKZIDENT IN BERLIN

Der Kalte Krieg ist vorbei; die Aktenschrnke ffnen sich. Am reizvollsten lesen sich noch immer Geheimdienstgeschichten. Im Gefolge von 9/11 wurde vor allem die CIA zum Objekt voyeuristischer Begierde. Wer sie fr das inkarnierte "Reich des Bsen" hlt, kann sich, mit ihrer Entstehungsgeschichte konfrontiert, nur wundern. Dieses berraschungsmoment nutzt Tim B. Mller geschickt, um das Interesse seiner Leser auf die geheimdienstlichen Aktivitten Herbert Marcuses und seines Freundes Franz Neumann in den Vierzigerjahren zu lenken. Auf dem Hhepunkt von 1968 hatte die parteikommunistische Presse, kolportiert vom Spiegel, Herbert Marcuse als CIA-Agenten denunziert, spekulierend auf die allgemeine Ahnungslosigkeit. Wer wusste damals schon, dass die Grndung der amerikanischen Geheimdienste ein War Effort war, um den kaum bekannten Feinden Deutschland und Japan Paroli bieten zu knnen? Auch von den Wissenschaftlern wurde ein Beitrag zur Kriegsfhrung verlangt. Viele meldeten sich freiwillig, um der Regierung ihr Wissen zur Verfgung zu stellen. Progressive amerikanische Sozialwissenschaftler hatten sich schon vorher mit dem New Deal Roosevelts verbndet, um die USA aus der Existenzkrise von 1929 zu ziehen. Viele trafen sich nach 1941 in Washington DC, wieder, um das Office for Strategic Services aufzubauen. Nach der Auflsung dieses ersten US-Geheimdienstes 1945 kehrten einige an die Universitt zurck, andere wurden 1947 zum Aufbau der CIA herangezogen oder fanden Unterschlupf im immer noch liberalen State Department. Sie wurden nun neben Hollywood ein bevorzugtes Hassobjekt McCarthys. Die deutschen Emigranten Herbert Marcuse und Franz Neumann waren immer dabei. Die Gerchte berlebten sie. Noch 1999 behaupteten Allen Weinstein und Alexander Vassilev, Neumann sei ein KGB-Maulwurf gewesen, auch die FAZ stellte es so dar. Von diesem geheimdienstlichen Haut gout zehrt auch der spannende erste Teil dieses Buches, das ein eigenes htte werden knnen. Mller arbeitet die Geheimdienst-Papiere der Research & Analysis Branch (R&A) auf, die schon zum Teil als Herbert Marcuses "Feindanalysen" publiziert wurden. Aber Mller stellt Marcuses Texte in Zusammenhang mit den Arbeiten seiner Freunde in der Abteilung, Stuart Hughes, Hans Meyerhoff und Carl Schorske, die bisher nur Spezialisten bekannt waren. Auf diese Weise erhlt man ein lebendiges Bild der recht genauen Deutschland- und Mitteleuropavorstellungen, die fr die psychologische Kriegfhrung wie fr die Nachkriegspolitik den USamerikanischen Administrationen zur Verfgung standen. Mller mchte nun den bergang der Wissenschaft im Dienste der Geheimdienste in die akademische Wissenschaft, finanziert vom philanthropisch-politischen Komplex der groen Stiftungen, aufzeigen. Die institutionellen Verflechtungen von Rockefeller Foundation, Eliteuniversitten und Regierung in der ra des Mc Carthyismus, die es Marcuse ermglichte mit Rulandforschungen vom State Department in die Columbia University berzuwechseln, lesen sich spannend wie www.taz.de/!65543/

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01/10/12

Kritische Theorie & USA: Herbert Marcuse als CIA-Agent - taz.de ein Krimi. Auch die Diskussionen um das Begreifen des Totalitarismus erscheinen in einem viel komplexeren Zusammenhang, als ahnungslose Befrworter und Verchter einer angeblichen Totalitarismustheorie es sich trumen lassen. Aber Tim B. Mller wollte mehr. Seine Darstellung ist ambitioniert: Nicht nur ein neues Marcusebild sollte gezeichnet werden, sondern eine neue Perspektive, den Kalten Krieg zu verstehen, sollte mithilfe einer nach Deutschland transferierten "Intellectual History" aufgezeigt werden. Das akademische Innovationsgebot an Doktorarbeiten und Habilitationsschriften wird in diesem Buch vielfach bererfllt und wie so oft leiden bei Planbererfllungen Genauigkeit und Qualitt. Mller kann gut schreiben; aber er verwechselt of die Textsorten. Journalistisches und Erzhlerisches werden mit langen Belegen aus theoretischen Texten und privaten Briefen vermischt. Auch die beste Intellectual History hat damit zu kmpfen, Theorien in ihrer Eigenstndigkeit zu erfassen, ohne sie im gesellschaftsgeschichtlichen Kontext zu paraphrasieren. Selbst Thomas Wheatlands bahnbrechende, leider immer noch nicht bersetzte Studie der "The Frankfurt School in Exile", hat mit diesem Problem zu kmpfen, das der "Ideengeschichtler" Tim B. Mller schlicht verleugnet. Schon seine bertragung von Begriffen ins Deutsche verzerrt absichtsvoll. Weder Marcuse noch Hughes und Schorske waren "Krieger" und daher auch keine "Kriegskameraden", wie er nicht mde wird, sie zu nennen, sondern Freunde. Politisch entstammten sie dem linken, sozialistisch-liberalen Teil der New Dealer, der eben nicht "sozialdemokratisch" war und ist, whrend Herbert Marcuse politisch aus der deutschen Rtebewegung hervorgegangen ist und sein New Yorker Freund Franz Neumann aus der der linken klassenkmpferischreformistischen Weimarer SPD kam. Im War Effort fanden sie alle eine gemeinsame antifaschistische Aktivitt. Aber theoretisch divergierten sie; Marcuse und Neumann waren als Kritische Theoretiker nach Amerika gekommen; sie waren in einer berindividuellen gemeinsamen Sache mit Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Leo Lwenthal an der Columbia verbunden geblieben. Dort, also vor seiner Geheimdienstzeit, ist auch Marcuses bahnbrechende Arbeit "Some Social Implications of Modern Technology" ("Einige gesellschaftliche Folgen moderner Technologie") 1941 erschienen, in der alle Aspekte, die spter in seinen Studien "Soviet Marxism" ("Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus") und "One-Dimensional Man" ("Der eindimensionale Mensch") entfaltet wurden, keimhaft angelegt sind. Seine Unempfindlichkeit fr theoretische Begriffsarbeit lsst Tim B. Mller bestimmte Sachverhalte verkennen. So fuchtelt er wild mit dem Ideologiebegriff herum, der in einer kritischen Gesellschaftstheorie eine genaue Bedeutung hat, in der Alltagssprache nur eine vage. Auch seine Attribuierungen wie "marxistisch" haben keine Przision. Die Kategorie der "immanenten Kritik", ein Kernstck kritischer Theorie, wird zur verflachten Antragsfloskel. Seine bonmothafte Umformulierung der "Dialektik der Aufklrung" zu einer geheimdienstwissenschaftlichen Erkenntniskategorie im Gegensatz zur theoretischen Spekulation ist eine irrefhrender Gag. Fr Tim B. Mller zhlen aber nicht die Worte und ihr Sinn, sondern die Aktenlage. Die "Kriegskameradschaft" aus R&A und Auftragsforschung im Kalten Krieg soll einen engeren Zusammenhang stiften als die Gemeinsamkeit der Kritischen Theoretiker. Um diese kontrafaktische Behauptung plausibel erscheinen zu lassen, scheut er sich nicht einen optimistischen, empirisch guten Marcuse gegen einen pessimistischen, praxislosen Theoretiker Adorno auszuspielen. Er behauptet gegen die Tatsachen, Marcuse habe in den 60er Jahren die Studenten fr das neue revolutionre Subjekt gehalten. Sein Briefwechsel mit Adorno, den Tim B. Mller als Beleg heranzieht, spricht eine andere Sprache, die Mller schlicht fehlinterpretiert. Marcuse und Adorno stritten 1969 um eine gemeinsame "Sache", nmlich die der Kritischen Theorie, die fr eine emanzipatorische Praxis, das richtige Leben, die Tr offenhalten sollte. Mit Praxis war hier weder die akademische Lehre noch die Geheimdienstprosa gemeint, sondern Marxs "Thesen ber Feuerbach". Marcuse wollte noch in den 50er und 60er Jahren mit Horkheimer und Adorno zusammenarbeiten, egal wo. Seine akademische Existenz in den USA war gerade, als er weltberhmt geworden war, keineswegs ungefhrdet. Seine Ttigkeit in amerikanischen Institutionen hat Marcuse keineswegs verherrlicht, sondern sie fand unter der Maxime statt, "to play the rules of the game, while still maintaining our intellectual integrity". Herausgearbeitet zu haben, was Marcuse

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