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  • Der Unterkiefer von Ochos.

    Ein Beitrag zur Kenntnis des altdiluvialen Menschen.

    Von Prof. A. Rzehak.

    (Mit 2 Tafeln und 5 Textfiguren).

    Unter den Hhlen des sogenannten Hadeker Thaies, welches

    im sdlichsten Theile des Brnner Devonkalkgebietes einge-

    schnitten ist und durch den Rziczka-Bach entwssert wird, istdie Ochoser Hhle die grsste und bekannteste. Ihre palon-

    tologische Bedeutung ist jedoch eine sehr geringe, da sie heute

    noch whrend der Schneeschmelze und nach jedem strkeren

    Regen von ansehnlichen Wassermassen durchstrmt wird;durch

    welche etwa vorhandene Ablagerungen immer wieder aufgewhltund theilweise entfernt werden. Als Fundsttte diluvialer Knochen

    kommt deshalb die Ochoser Hhle kaum in Betracht.Um so wichtiger sind einige andere, ihrer rumlichen Aus-

    dehnung nach sehr unbedeutende Hhlen des Hadeker Thaies.

    Eine der merkwrdigsten ist ohne Zweifel die Schwedentisch-

    grotte", die sich unweit der Ochoser Hhle nur etwa 12 m weitin den Kalksteinfelsen hineinzieht und durch (zum Theile ver-

    stopfte) Schlote mit der Oberflche in Verbindung steht. Ihren

    Namen hat diese Grotte offenbar der glatten Kalksteinflche zudanken, die sich einer Tischplatte gleich oberhalb des Eingangs

    ausbreitet. Ausser dem Hauptgange besitzt die Schwedentisch

    -

    grotte noch zwei seitliche Nebengnge ; alle Hhlenrume waren

    ursprnglich mit einer ber 4 m mchtigen Schichte von allerleiAblagerungen angefllt, die nach Dr. M. Kriz, dem eifrigen

    Erforscher unserer Hhlen, zu unterst aus Kalkschotter (etwa

    1*6 m mchtig), dann aus einer knochenfhrenden Lehmschichte(etwa 2 m mchtig), zu oberst endlich aus einem jngeren, etwashumsen Lehm bestanden.

    In der knochenfhrenden Lehmschichte waren fossile Thier-

    reste so hutig, dass Dr. M. Kriz die Schwedentischgrotte als

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    eine aus der Divulialzeit uns reservirte Schatzkammer" be-

    zeichnet. x) Vom Hhlenbren allein fanden sich ber 1000 Stcke

    :

    ihm zunchst stehen der Hufigkeit nach das wollhaarige Nashorn

    (350 Stcke), Renthier (200 Stcke) und die Hhlenhyne

    (150 Stck). In geringerer Individuenzahl wurden ausserdem noch

    folgende Thiere konstatirt: Urstier (190 Stcke), Edelhirsch

    (150 Stcke), Wildkatze (98 Stcke), Schneehase (80 Stcke),

    Moorhuhn (75 Stcke), Mammut (60 Stcke), Eisfuchs (50 Stcke),Hhlenlwe (35 Stcke), Elenthier (25 Stcke), Schwein

    (17 Stcke), Wolf (15 Stcke), Dachs (7 Stcke), Riesenhirsch

    (5 Stcke), Fischotter (5 Stcke), Biber (5 Stcke), Gemse

    (4 Stcke), Steinbock (3 Stcke), Leopard (3 Stcke), Moschusochs

    (2 Stcke) und Vielfrass (1 Stck). Das Pferd wird nicht speziell

    hervorgehoben, doch gibt Dr. Kriz (loc. cit.) an, dass er in der

    (ebenfalls im Rziczkathale gelegenen) Mokrauer Hhle (Kostelik")

    allein ber 4000 wohl erhaltene Reste des diluvialen Pferdes, in

    den brigen Hhlen deren ber 300 Stcke gefunden habe.Aus den Hhlen des Hadeker Thaies" berhaupt fhrt Dr. M.

    Kriz noch folgende Thiere an : Pfeifhase, Steppenhamster, Steppen-

    ziesel, Saiga-Antilope, Zwiebelmaus und Halsbandlemming. Vondem letzteren fanden sich in den verschiedenen Hhlen rund

    500 Stcke.

    Bei seinen Grabungsarbeiten in der Schwedentischgrotte hat

    Dr. M. Kriz nicht die ganze Ablagerangsmasse weggerumt,

    sondern einen Rest derselben in der Hhle unberhrt zurck-

    gelassen. In diesem Ueberrest hat .der in Billowitz wohnhafte

    Realschler K. Kubasek von Zeit zu Zeit eine Nachlese gehalten

    und hiebei nicht nur gut erhaltene Reste der meisten oben ge-

    nannten Thierformen, sondern auch zwei aus der Schwedentisch-

    grotte bisher nicht bekannt gewesene Arten gefunden, nmlich

    den gemeinen Fuchs und das Steppenmurmelthier (Bobak").

    In dieser formenreichen Fauna dominieren wenn wir zunchstvom Renthier absehen der Individuenzahl nach die Vertretereines milden, prglacialen oder interglacialen Klimas. Ich be-

    trachte es als ausgeschlossen, dass alle die genannten Thierformen

    gleichzeitig das Hadeker Thal und seine Umgebung bewohnthaben. Edelhirsch und Moschusochse schliessen sich wohl ebenso

    aus wie etwa Pferd und Eisfuchs, so dass mag auch die*) Dr. M. KHz: Die Quartrzeit in Mhren, S. 422.

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    knochenfhrende Ablagerung noch so ungestrt" erscheinen in der Schwedentischgrotte eine Vermengung verschiede n-altriger Faunen anzunehmen ist. Eine Andeutung hiefrbietet schon der Erhaltungszustand der einzelnen Thierreste.

    Whrend z. B. die Kiefer des gemeinen Fuchses, der Wildkatze

    und anderer kleiner Ruber hellgelb gefrbt sind und in ihrem

    Erhaltungszustand mit den Resten des Hhlenbren, der

    Hyne, des Wildpferdes und anderer Vertreter der durch ein

    mildes Klima ausgezeichneten Phasen der lteren Diluvialzeit

    genau bereinstimmen, sind z. B. die Reste des Steppenmurmel-

    thiers oder des Halsbandlemmings von durchaus andererBeschaffenheit. Sie sind dunkelgrau bis dunkelbraun gefrbt und

    mgen daher ursprnglich einer anderen Schichte des Hhlen-lehms angehrt haben als derjenigen, in welcher sie, gemengt

    mit allerlei fremdartigen Typen, wieder an das Tageslicht ge-

    langten. Speziell in Hhlen, die ja durch Schlote, Spalten und

    sonstige Diskontinuitten des Gesteins das Wasser nur zu leicht

    eindringen lassen, muss man wohl immmer mit der Mglich-keit einer stattgehabten Umlagerung rechnen, selbst dann,

    wenn das betreffende Gebilde durchaus intakt zu sein scheint.

    Es lsst sich ja in der That das bei uns in Mhren so hufig

    beobachtete Zusammenvorkommen von Thierformen eines mildenKlimas mit solchen von arktisch -glacialem Typus kaumanders erklren.

    Infolge dieser Verhltnisse lassen sich in unseren Hhlen

    einzelne altersverschiedene Horizonte des knochenfhrenden Hhlen-

    lehms 1) in der Regel nicht nachweisen. Weniger schwierig ist

    die Unterscheidung des diluvialen Hhlenlehms von hnlichen,aber jngeren Ablagerungen, da die letzteren zumeist auchschon Reste von Haustieren enthalten, die den diluvialen Abla-

    gerungen gnzlich mangeln. Was den Knochenlehm" der Schweden-tischgrotte anbelangt, so kann man mit voller Sicherheit behaupten,das er eine typische Diluvialfauna enthlt, die vorwiegend aufden lteren Ab schnitt der Diluvialzeit hinweist.

    J) Dr. M. KHz bezeichnet in seinen verschiedenen Schriften solche

    Hhlenablagerungen, die keine Thierreste enthalten, als azoisch". DieseBezeichnung ist zwar sprachlich richtig, dennoch aber zu verwerfen, weil

    ihr eine ganz bestimmte geologische Bedeutung zukommt, die sienicht auf jede beliebige fossilleere Ablagerung anzuwendengestattet

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    Unter den unzweifelhaft diluvialen Thierknochenfand sich auch ein leider beschdigter menschlicher Unterkiefer^

    den ich hier der Krze halber nach dem der Schwedentischgrottenchstgelegenen Orte Ochos als den Unterkiefer von Ochos"bezeichnen will'. Der Erhaltungszustand desselben stimmt mit

    jenem der grsseren Thierknochen (Hyne, Lwe, Pferd etc.)

    genau berein, eine Thatsache, auf die ich ein ganz besonderes

    Gewicht lege, die Grundfarbe des Kieferknochens ist gelblich,

    erscheint jedoch durch zahlreiche blulichgraue Flecke mehr

    graugelb. Die Wurzeln der Zhne haben, wie bei den Kiefern

    der grossen Raubthiere, eine hochgelbe Farbe, whrend das

    Email weiss und etwas durchscheinend ist; wie die Zhne der

    diluvialen Thiere haben auch die Zhne des vorliegenden Unter-

    kiefers die Tendenz, an trockener Luft der Lnge nach zu bersten.

    Der Krper des Unterkiefers fehlt fast vollstndig, so dass

    hauptschlich nur der Alveolarteil vorhanden ist; es sieht aus,

    als ob der Krper nicht von Raubthieren abgebissen, sondern

    von Menschenhand abgeschlagen worden wre, da der Bruchrand

    ziemlich glatt und eine Bissspur nirgends zu sehen ist. An denehemals scharfen Rndern ist der Knochen schwach, aber deutlich

    abgerollt. Die aufsteigenden Aeste fehlen ebenfalls, dagegen sind

    mit Ausnahme des rechtsseitigen Weisheitszahnes alle Zhnein situ vorhanden. ' Ein auch nur flchtiger Blick auf diese

    Zhne zeigt uns, dass wir es hier mit einem ausserordentlich

    krftigen Gebiss zu thun haben, auf dessen Eigenthmlichkeiten

    wir spter noch zurckkommen werden. Viel merkwrdiger und

    wichtiger als die Grsse der Zhne, die allerdings dem Laienganz besonders imponieren drfte, ist die mchtige Ent-wicklung der inneren (lingualen) Kiefer platte, die unsdurch den unmittelbaren Vergleich mit dem Unterkiefer desrecenten Menschen sofort klar gemacht wird. Man betrachteeinmal die Fig. 1 a und Fig. 2 a auf Tafel I und man wirdsofort erkennen, dass das Wachsthum des Kieferknochens bei

    dem diluvialen Kiefer in ganz anderer Weise vor sichgegangen ist wie bei dem in annhernd gleichem Lebensalterstehenden Individuum der Jetztzeit. 1) Statt nahezu senkrecht

    1) Der in Fig. 2 abgebildete Unterkiefer stammt von einem Skelet,

    welches mit noch einigen anderen Skeletten beim Neubau eines Hausesin der Adlergasse in Brnn gefunden wurde. Beigaben wurden bei diesen

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    abzufallen und sich in der Gegend der Molaren sogar etwas nach

    auswrts zu wenden;

    wie dies beim recenten Europerkiefer der

    Fall ist;

    neigt sich bei dem Unterkiefer von Ochos die linguale

    Kieferplatte allseitig nach inn

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