bibliografische information der - .die den einzelnen, seine selbst-, sozial- und lokalwahrnehmung,

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  • Bibliografische Information der Deutschen National bibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    2015 transcript Verlag, Bielefeld Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch fr Vervielfltigungen, bersetzungen, Mikroverfilmungen und fr die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

    HerausgeberBernd Kracke, Marc RiesHochschule fr Gestaltung OffenbachSchlossstr. 31, 63065 Offenbach am Main

    GestaltungMarina Kampka, nach dem Entwurf von Karin Rekowski fr die erste B3 Publikation EXPANDED NARRATION (2013). Mit Dank an Wolfgang Rademacher und Agnes Meyer-Wilmes.

    RedaktionMarc Ries, Mathias Windelberg

    LektoratKeonaona Peterson, Christine Taxer, Simon Cowper

    bersetzungenPhilipp Kleinmichel, Christian Kolb, Chris Michalski, Marc Ries, Alexander Schneider, Alan Shapiro, Mathias Windelberg

    Papier90/150/300g m2 Fly Design, wei

    SchriftenAkkurat, Stone Serif

    CoverabbildungVideostill aus Corporate Cannibal von Nick Hooker und Grace Jones

    ProduktionHenrich Druck + Medien GmbH, Frankfurt am Main

    Print -ISBN 978-3-8376-3362-7 PDF -ISBN 978-3-8394-3362-1

    Impressum

    Trger

    Veranstalter

    Partner

    B3 Biennale des bewegten Bildes 2015exPaNDeD SeNSeS 07.10. 11.10.2015Frankfurt Rhein Mainb3biennale.com

    Frderer Hessisches Ministerium fr Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung Europische Union

    Frderer B3 Parcours kulturfonds frankfurtrheinmain

  • exPaND

    eD SeN

    SeS

  • Neue Sinnlichkeit und Sinnesarbeit in der Sptmoderne

    Hg. Bernd Kracke, Marc Ries Unter Mitarbeit von Mathias Windelberg

  • 7 Vladimir Nabokov

    9 Marc Ries, Bernd Kracke Wahrnehmung ist die Alltagsutopie der Befriedigung.

    eINe eINFHRuNG

    20 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 1

    23 Ren Flp-Miller 25 Hans ulrich Reck PHaNTaSIeMaSCHINeN

    ein exkurs zur techno-imaginren Organisation

    mediatisierter Sinnlichkeit

    mit Hinweisen auf den vergessenen autor Ren Flp-Miller

    37 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 2

    40 Antonin Artaud 43 Vivian Sobchack WaS MeINe FINGeR WuSSTeN

    Das kinsthetische Subjekt oder die Wahrnehmung im Fleisch

    84 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 3

    88 Theodor W. Adorno 89 Karin Harrasser MIMIKRy uND BeRHRuNG

    ber Prothesen und Grimassen

    99 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 4

    104 Achille Mbembe 105 Steven Shaviro CORPORaTe CaNNIBaL

  • 134 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 5

    136 Gilles Deleuze 137 Patricia Pisters

    DexTeRS PLaSTISCHeS GeHIRN

    empathie im Film durch Mentalisierung und Spiegelung

    154 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 6

    156 Bla Balzs 157 Claire Chtelet

    DeR KRPeR aM WeRK

    Sensorisch-motorische und emotionale Partituren im Film

    172 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 7

    173 Judith Butler 175 Kathrin Peters

    THe WOMaN IN THe BLue BRa

    Dem Video folgen

    189 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 8

    192 John Brian Harley 195 Pablo abend

    DIe KaRTe aLS aKTIONSRauM

    Digitale Weltbilder zwischen Logo-, ethno- und egozentrismus

    220 Sinnlichkeit und Sinnesarbeit 9

    222 Hans Blumenberg 223 Grace Jones & Nick Hooker CORPORaTe CaNNIBaL

  • 7

    Vladimir Nabokov Anfangs merkte ich nicht, da die Zeit, die auf den ersten Blick so grenzenlos scheint, ein Gefngnis ist. Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt), sehe ich das Erwachen des Bewutseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstnde sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblcke entstehen, die dem Gedchtnis schlpfrigen Halt bieten. Zhlen und Sprechen hatte ich sehr frh und mehr oder weniger gleichzeitig gelernt, doch das innere Wissen, da ich ich war und meine Eltern meine Eltern, hat sich anscheinend erst spter eingestellt und hing unmittelbar damit zusammen, da ich ihr Alter im Verhltnis zu meinem begriff. Nach dem hellen Sonnenlicht und den ovalen Sonnenflecken unter den sich berlagernden Mustern grnen Laubes zu urteilen, die mein Gedchtnis berfluten, wenn ich an diese Offenbarung denke, war es vielleicht am Geburtstag meiner Mutter im Spt sommer auf dem Land, und ich hatte Fragen gestellt und die Antworten abgewogen. All das ist genau, wie es dem biogenetischen Grundgesetz zufolge sein soll; der Anfang reflektierenden Bewutseins im Gehirn unseres entferntesten Vorfahren ist ganz gewi mit dem Erwachen des Zeitsinns zusammengefallen.Als die mir eben enthllte, noch frische und adrette Formel meines Alters, vier, den elterlichen Formeln, dreiunddreiig und sieben-undzwanzig, entgegengehalten wurde, geschah etwas mit mir. Ich erhielt einen ungeheuer belebenden Schock. Als htte ich eine zweite Taufe hinter mir, von gttlicherer Art als die russisch- orthodoxe Tauchbung, die ein schreiender, halbertrunkener Halbviktor fnfzig Monate zuvor ber sich hatte ergehen lassen, fhlte ich mich mit einem Male in ein strahlendes und bewegliches Medium gestrzt, das nichts anderes war als das reine Element Zeit. Man teilte es genau wie erregte Schwimmer das flimmernde Meer mit Wesen, die anders waren als man selber und einem doch verbunden durch den allen gemeinsamen Strom der Zeit, eine Umgebung, die grundverschieden war von der des Raumes, welchen nicht nur der Mensch, sondern auch Affen und Schmetter-linge wahrnehmen knnen. In diesem Augenblick wurde mir deutlich bewut, da das siebenundzwanzigjhrige Wesen in

  • 8

    weichem Wei und Rosa, das meine linke Hand hielt, meine Mutter war, und das dreiunddreiigjhrige in hartem Wei und Gold, das meine Rechte hielt, mein Vater. [...] Ja, von meinem jetzigen Hhenzug entlegener, isolierter, fast unbewohnter Zeit aus sehe ich mein diminutives Selbst an jenem Augusttag im Jahre 1903 die Geburt eines fhlenden Lebens feiern [...], und auf mehrere Jahre hinaus blieb mein Interesse am Alter meiner Eltern lebendig, hielt mich darber auf dem laufenden, wie ein nervser Passagier, der nach der Zeit fragt, weil er einer neuen Uhr nicht traut.

    Vladimir Nabokov: ERINNERUNG, SPRICH. Wiedersehen mit einer Autobiographie. Reinbek 1999, S. 22-24. bersetzung: Dieter E. Zimmer

    Vladimir Nabokov

  • Marc Ries, Bernd Kracke

    Wahrnehmung ist die Alltagsutopie der Befriedigung.*

    eINe eINFHRuNG

    *Dieter Hoffmann-Axthelm: Sinnesarbeit. Nachdenken ber Wahrnehmung. Frankfurt am Main, New York 1984, S. 19.

    Die konzeptuelle Arbeit an dieser Publikation wurde stark beeinflusst durch dieses mittlerweile kaum noch wahrgenommene Buch von Dieter Hoffmann-Axthelm.

  • 10

    Bernd Kracke, Marc Ries

    Dieser Band ist das theoretische Gegenstck zur Biennale des Bewegten Bildes B3 in Frankfurt/Rhein-Main 2015 und ihrer thematischen Formel Expanded Senses. Am Jetztpunkt des Bewegungsbildes ist die Biennale Schauplatz und vielfltiger Austragungsort fr die in Kunst und Medienindustrie ent wickelten, experimentell erprobten, massenhaft wahrgenommenen und benutzten Bewegtbildanwendungen.

    Analog zur Vernderung aktueller Daseinsweisen in mitten post-industrieller, globalisierter, neoliberaler Lebens verhlt nisse, die hier mit dem Ausdruck Sptmoderne ihre Umschreibung finden, transformieren unsere Sinneswahrnehmungen an und durch Kommunikationstechnologien, Computerspiele, sthetische Innovationen der Kino- und TV-Dispositive. Ihr Wirkfeld ver-grert sich, alte sinnliche Qualitten werden abgebaut, whrend neue sich ausgestalten. Die akustischen, optischen und zuneh-mend auch taktilen Sinnesleistungen, ihre Sinnesdaten, verndern sich in ungewhn lichem Ausmae, sie vermgen vieles und mehr, bisher Unge sehenes und anderes wahrzunehmen, sie arbeiten und partizipieren intensiv mit den technischen Bildern, Tnen und Daten, und sie tun dies schneller und komplexer, vielleicht auch willkr licher und indifferenter als zuvor. Der aktuelle Wandel lsst sich medientechnisch in zwei Richtungen darstellen. Zum einen erzeugen softwarebasierte Simulations- und Animationstechniken in Kino- und Fernseh- Postproduktionen (VFX, Morphing bis 3D), Games, Videomapping oder der Werbung neue sthetische und immersive Qualitten. Die (kollektive) Wahrnehmung der Filme und Videos wird zum sinnlichen Spektakel, zum entgrenzenden Ereignis im Dienste von Affektkonomien.

    Eine andere Art der Anwendung zeigen jene Techniken, die den Einzelnen, seine Selbst-, Sozial- und Lokalwahrnehmung, zum mitunter kreativen (Co-)Akteur medialer Prozesse machen. Sie manifestieren sich in cross- und hypermedialen Projekten im Verbund einzelner Medien, in den Self Tracking-Systemen der Selbsvermessung (mit dem so genannten Quantified Self als Ziel), in der Games-Entwicklung, in vernetzten mobilen Geomedien, in Augmented Reality-Tools und ganz umfassend in der

  • 11

    EinE Einfhrung

    Noosphre sozialer Medien. Hier koppeln sich Technoimagi-nationen und informative Qualitten mit der Bildung von neuem Sozialkapital. Jedenfalls demonstriert die oftmals obsessive Nutzung neuer Medien die Nhe zu einer Alltagsutopie der Befriedigung durch Technik. Dies gilt es zu befragen.

    Die Neue Sinnlichkeit und Sinnesarbeit in der Sptmoderne, als Arbeitsformel fr die hier versammelten Texte, wird mit Analysen aus Forschungen assoziiert, die das Bewegtbild in seiner Wirkmacht auf unsere sinnliche Vermgen beobachten, in Reflexion berfhren, in systematischen Zusammenhngen weiterdenken. Das Nachdenken ber Wahrnehmung verhlt sich dabei wie ein zeitgeschichtliches Zgern, vergleichbar dem einer gelingenden Bildw

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