berlioz schumann - badisches staatstheater hector berlioz. 3. 4 benedikt ihre gegenseitige zuneigung

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    SCHUMANN BERLIOZ

    „ART & BRUT“ 4. SINFONIEKONZERT

  • Wir machen darauf aufmerksam, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer Aufführungen durch jede Art elektronischer Geräte strikt untersagt sind.

  • BERLIOZ „ART UND BRUT“ SCHUMANN 4. SINFONIEKONZERT

    12.3.17 11.00 GROSSES HAUS 13.3.17 20.00 GROSSES HAUS Dauer ca. 2 Stunden, eine Pause

    Hector Berlioz Ouvertüre zur Oper Béatrice et Bénédict op. 27 8‘ (1803 – 1869)

    Hornroh Modern Art und Brut 25‘ Alphorn Quartet Ausschnitte

    – Pause –

    Robert Schumann Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61 40‘ (1810 – 1856) 1. Sostenuto assai – Allegro ma non troppo 2. Scherzo. Allegro vivace 3. Adagio esspresivo 4. Allegro molto vivace

    HORNROH MODERN ALPHORN QUARTET Balthasar Streiff, Michael Büttler, Jennifer Tauder & Lukas Briggen Alphorn

    Daniele Squeo Dirigent BADISCHE STAATSKAPELLE

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    Die Grippewelle macht auch vor Dirigenten nicht halt, und so musste unser Gastdiri- gent Johannes Debus wegen einer Bron- chitis leider schweren Herzens die Leitung des 4. Sinfoniekonzerts absagen. Wir sind unserem 1. Kapellmeister Daniele Squeo ungemein dankbar, dass er keine 24 Stun- den vor Probenbeginn bereit war, für den Kollegen einzuspringen und das Programm zu übernehmen. Allerdings stellte sich das Solowerk des Konzerts, das concerto gros- so Nr. 1 von Georg Friedrich Haas, als der- maßen komplex und kompliziert heraus, dass die Vorbereitungszeit viel zu kurz war, um es noch einstudieren zu können. Damit die versprochenen Alphornklänge dennoch das GROSSE HAUS erfüllen, wer- den die vier Basler Musiker des Hornroh Modern Alphorn Quartet dankenswerter- weise einige Ausschnitte aus ihrem aktuel- len Soloprogramm Art und Brut präsentie- ren.

    Hector Berlioz Ouvertüre zu „Béatrice et Bénédict“

    Shakespeares Komödie Viel Lärm um nichts war die Vorlage für Berlioz‘ Oper Béatrice et Bénédict, die nach vielen Wir- ren nicht wie geplant an der Opéra co- mique in Paris, sondern am neu erbauten Theater in Baden-Baden aus der Taufe ge- hoben wurde. Als Orchester wirkte dort die Hofkapelle aus Karlsruhe, somit kehrt das Werk heute zum Uraufführungsorchester zurück. Von diesen Wirren und Berlioz‘ vor- heriger Krankheit hört man jedoch nichts, die Musik strahlt überschwängliche Fröh- lichkeit aus, nur gelegentlich von einem Hauch von Traurigkeit durchweht. In der brillanten Ouvertüre werden verschiedene Nummern der Oper miteinander verwoben, sie charakteririsiert treffend das Gesamt- werk: Sie ist flott, neckisch, flink wie die Wortgefechte, hinter denen Beatrice und

    ZUM PROGRAMM

    Hector Berlioz

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  • 4

    Benedikt ihre gegenseitige Zuneigung ver- bergen, aber auch mit Herzensgüte und ei- nem feinen Sinn fürs Phantastische geseg- net, wie in der ausdrucksvollen Melodie des langsameren Abschnitts und ihrem zauberhaften, pianissimo gehaltenen Aus- klang zu hören ist. Dominiert wird die Ouvertüre jedoch vom einleitenden Thema, einer glitzernden Figur, die überall wieder zu hören ist. Das ist das Thema, zu dem die beiden Liebenden am Schluss der Oper ihre Liebe feiern als „eine Fackel oder Flamme, ein Irrlicht gar, das kommt wer weiß woher, leuchtet auf und dann vergeht es, und uns- re Seelen treibt‘s zur Raserei.“

    Art und Brut

    Das Basler Ensemble Hornroh Modern Alp- horn Quartet präsentiert Ausschnitte aus seinem neuen Programm Art und Brut. Ausgangspunkt ist die Komposition Brut, ein mehrsätziges Werk für vier verschieden gestimmte Alphörner, Büchel, Altposaune und Stimme, das Hornroh dem Basler Kom- ponisten Lukas Langlotz in Auftrag gege- ben hat. Im Konzertprogramm wird Brut einer Auswahl traditioneller Schweizer Stücke gegenübergestellt, wodurch das Programm eine spannende Dramaturgie er- fährt: „Im traditionellen Repertoire, von Hornroh schlicht und zugleich kunstvoll in- terpretiert, wird einem bewusst, wie un- verbraucht, ja modern diese Stücke sein können und die neuen Kompositionen er- strahlen dank der ‚rohen‘ Natur der Hörner in fremdartiger Schönheit“ (Cécile Olshau- sen, Radio SRF). Dazu trägt auch der war- me, der menschlichen Stimme so nahe Klang des Alphornes bei, der immer etwas tief Verborgenes, fast Archaisches in uns anspricht. Schließlich sind auch die reine Faszination der Instrumente und der gute

    Kontakt zum Publikum Elemente, die Hornroh charakterisieren.

    Art und Brut: Bezug nehmend auf die vom Maler Jean Dubuffet geprägte Kunstgat- tung Art brut, die Kunst und Rohheit zuein- ander in Beziehung setzt, trifft im neuen Hornroh-Programm reine Alphornharmo- nik, schlicht und zugleich kunstvoll inter- pretiert, auf archaische Klangkraft ver- schieden gestimmter Naturtonreihen. Das Alphorn kann, ganz im Sinne Dubuffets, als unakademisch bezeichnet werden – das Er- lernen ist oft autodidaktisch – naiv ist die Musik von Hornroh, wie auch die Komposi- tion von Lukas Langlotz, aber keinesfalls. Sie lässt vielmehr vergessene Klangwelten aufblühen und bereichert unsere gewohn- ten Hörerfahrungen nachhaltig.

    Robert Schumann: 2. Sinfonie

    Eigentlich schien alles geklärt und auf eine prosperierende Zukunft ausgerichtet: Die Ehe mit Clara endlich vom Schwiegervater Wieck anerkannt, ein erster großer, ja weltweiter Erfolg mit dem lyrischen Orato- rium Das Paradies und die Peri perfekt, regelmäßige Einnahmen durch Claras er- folgreiche Konzerttätigkeit sowie die Ver- bindung in das reiche Musikleben Leipzigs mitsamt der Freundschaft zu Mendelssohn sollten den fruchtbaren Boden für ein glückliches und produktives Komponisten- leben ergeben. Doch Robert Schumann verstrickt sich immer stärker in seine De- pressionen und Angstzustände, das scheinbar Positive wird zur Belastung, der Komponist zieht sich immer weiter in seine eigene Welt zurück. Clara berichtet 1844 „von einer gänzlichen Abspannung der Nerven“, die „ihm jede Arbeit unmöglich machte“. Eine zur Heilung geplante Erho-

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    lungsreise in den Harz verschlimmert den Zustand, statt ihn zu verbessern, Schu- mann wird immer schwerfälliger und apa- thischer und verbringt die meiste Zeit im Bett – wenn er nicht in der Kneipe dem Al- kohol zuspricht, der noch als letzte Rettung erscheint. Wie häufiger in seinem Leben erscheint nun ein Wohnortwechsel als ein- zige Chance, dem tiefen Loch zu entfliehen, und das Paar übersiedelt nach Dresden. Am 5. Dezember tritt Clara ein letztes Mal mit Beethovens 5. Klavierkonzert im Ge- wandhaus auf, eine Woche später erfolgt der Umzug, „nicht ohne Tränen“, wie Clara dem Tagebuch anvertraut.

    Bereits in Leipzig hatte sich Schumann fast gänzlich aus dem öffentlichen Leben zu- rückgezogen und auch kaum mehr den Um- gang mit Freunden und Bekannten ge- pflegt. In Dresden nun kannten sie kaum jemanden, und die Verfasstheit Roberts sprach nicht dafür, an diesem Umstand schnell etwas zu ändern. Außer zu Richard Wagner, Kapellmeister an der Hofoper, gibt es kaum Kontakte in die Musikwelt, und diese gestalten sich wegen der diametra- len Unterschiedlichkeit der beiden Typen als extrem schwierig. „Schumann ist ein hochbegabter Musiker, aber ein unmögli- cher Mensch. Als ich von Paris hierher kam, besuchte ich Schumann, erzählte ihm von meinen Pariser Erlebnissen, sprach von den französischen Musikverhältnissen, dann von den deutschen, sprach von Lite- ratur und Politik – er aber blieb so gut wie stumm fast eine Stunde lang. Ja, man kann doch nicht immer allein reden. Ein unmögli- cher Mensch.“ So notierte Wagner nach einem Treffen bereits in Leipzig, und Schu- mann stand dieser Einschätzung nicht nach: „Er besitzt eine enorme Suade, steckt voller sich erdrückender Gedanken; man kann ihm nicht lange zuhören.“ Noch

    dazu war aber das kulturelle Leben viel är- mer als in Leipzig, viel konservativer und ehr auf Repräsentation ausgerichtet. Für den jungen Komponisten und seine Frau in- teressierte sich erst einmal niemand.

    Der Gesundheitszustand bessert sich mit vielen Rückfällen nur ganz allmählich, „Ro- berts Nervenübel will immer noch nicht weichen“, notiert Clara im Mai 1845. Doch endlich ist wieder an kreative Arbeit zu denken, wie er dem holländischen Dirigen- ten Johannes Verhulst berichtet: „Die Zeit, wo Du nicht von mir gehört hast, war eine schlimme für mich. Ich war oft sehr krank. Finstere Dämonen beherrschten mich. Jetzt geht es etwas besser, auch zur Arbeit komme ich wieder, was mir Monate lang ganz unmöglich war.“ Die neue Schaffens- kraft geht einher mit einer neuen Inspirati- on: Schumann „entdeckt“ Johann Sebasti- an Bach. Er studiert das Wohltemperierte Klavier und beginnt selbst, Fugen zu schreiben, gerät in eine wahre „Fugenpas- sion“, wie Clara schreibt. Die Entdeckung der strengen Form und die obsessive Pfle- ge des „Handwerks“ wird für Robert zu ei- ner Art Therapie, die ihn aber auch von der vormals gepflegten romantischen Ästhetik entfernt. Er beginnt eine neue Art des Komponierens, bei dem die formale Ge- schlossenheit und die Beherrschung der Technik im Vordergrund stehen: „Vom Jahr 1845 an, wo ich anfing, im Kopf zu erfinden und auszuarbeiten, hat sich eine ganz an- dere Art zu komponieren zu entwickeln be- gonnen.“

    Dermaßen gestärkt und gefestigt, komplet- tiert Schumann im Frühsommer sein bis dato erst einsätziges Klavierkonzert, das Ende des Jahres als erstes größeres Werk in der neuen Heimat Dresden zur (Ur-)Auf- führung kommen wird. Phasen des kreati-

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