bemessung im konstruktiven betonbau - readingsample

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Bemessung im konstruktiven Betonbau - ReadingSampleNach DIN 1045-1 (Fassung 2008) und EN 1992-1-1 (Eurocode 2)
Bearbeitet von Konrad Zilch, Gerhard Zehetmaier
2., neu bearb. u. erw. Aufl. 2010. Taschenbuch. xii, 628 S. Paperback ISBN 978 3 540 70637 3
Format (B x L): 19,3 x 26 cm Gewicht: 1312 g
Weitere Fachgebiete > Technik > Bauingenieurwesen > Normen (Bauingenieurwesen)
Zu Inhaltsverzeichnis
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1.1 Verbundbaustoff Stahlbeton
Betonbauwerke sind heute in vielfältigster Gestalt Ele- mente unseres täglichen Lebens. Zwar verfügten be- reits römische Baumeister vor zwei Jahrtausenden über grundlegende Kenntnisse zur Herstellung von Beton, aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde durch das Einlegen von stählernen Bewehrungselementen der entscheidende Schritt hin zum Verbundbaustoff Stahl- beton moderner Prägung getan. Im Vergleich mit ande- ren Baustoffen kommt dem Konstruktionsbeton – ein Begriff, der sowohl Stahlbeton als auch Spannbeton umfasst – angesichts der vielen Vorteile eine domi- nierende Stellung im Bauwesen zu. Das Verständnis der Wirkungsweise des Verbundbaustoffs ist allerdings von zentraler Bedeutung für die Bemessung und Kon- struktion von technisch und ästhetisch anspruchsvollen und zugleich ökonomischen Bauwerken.
1.1.1 Kennzeichnende Eigenschaften des Verbundbaustoffs
Der Baustoff Beton ist dank seiner hohen Druckfes- tigkeit, der in großen Mengen vorhandenen Ausgangs- stoffe und der einfachen Herstellung in idealer Weise zur Konstruktion von druckbeanspruchten Bauteilen nahezu beliebiger Form geeignet. Die fundamentale Eigenschaft des Baustoffs, die letztlich in der Ent- wicklung von bewehrtem Beton mündete, ist allerdings seine geringe Zugfestigkeit. Die i. Allg. ein Zehntel der Druckfestigkeit nicht überschreitende Zugfestig- keit führt dazu, dass zug- bzw. auch biegebeanspruchte Bauteile ausschließlich aus Beton nur in wenigen Aus- nahmefällen sinnvoll sind.
Bei bewehrten Bauteilen übernimmt der in den Beton eingebettete Stahl bei der Rissbildung die freiwerdende Betonzugkraft. Damit kann die hohe Betondruckfestigkeit gemeinsam mit der hohen Zug- festigkeit des Stahls wirtschaftlich genutzt werden. Bewehrter Beton, also Stahlbeton und Spannbeton, ist damit ein klassischer Verbundbaustoff. Die Verbund- wirkung zwischen Beton und eingebetter Bewehrung, die u. a. durch die dem Stahl aufgeprägten Rippen erreicht wird, erzwingt, dass sich Beton und Stahl bei Beanspruchung annähernd gleich verformen und ermöglicht so das statische Zusammenwirken. Die hohe Widerstandsfähigkeit bewehrten Betons gegen- über Umwelteinflüssen macht bewehrten Beton zu einem preiswerten und zugleich robusten Baustoff. Bei sachgerechter Ausführung ist der eingebettete Stahl durch die hohe Alkalität des Zementsteins zudem dauerhaft vor Korrosion geschützt.
Neben der geringen Zugfestigkeit des Betons ha- ben zwei Eigenschaften Konstruktion und Formgebung von bewehrten Betonbauteilen wesentlich geprägt und zu typischen Bauformen geführt:
• die nahezu uneingeschränkte Formbarkeit und • die monolithische Verbindung einzelner Bauteile.
Die Anpassung des Frischbetons an nahezu beliebi- ge Schalungsformen ermöglicht die Optimierung von Form oder Querschnittsabmessungen nach dem Ver- lauf der Schnittgrößen (Abb. 1.1); die eingebettete Be- wehrung kann nach dem inneren Kraftfluss orientiert werden. Durch die auch für abschnittweise hergestellte Bauteile zu erzielende monolithische Verbindung kön- nen zum einen Bauteile hergestellt werden, die mehre- re Funktionen und Tragwirkungen in sich vereinen und zum anderen durch vielfache statische Unbestimmtheit hohe Tragreserven aufweisen.
K. Zilch, G. Zehetmaier, Bemessung im konstruktiven Betonbau 1 DOI 10.1007/978-3-540-70638-0, © Springer 2010
2 1 Betonbauteile – Grundlagen, Tragverhalten
Abbildung 1.1 Stahlbetondecke, Entwurf Pier Luigi Nervi (1953) – die Form folgt der Richtung der Hauptmomente (aus Nervi u. a. 1957)
Die aufgezählten Eigenschaften bringen allerdings auch einige Nachteile mit sich: Bei Tragwerken aus Beton stellt das Eigengewicht im Vergleich zu Stahltragwerken einen wesentlich größeren Anteil an der gesamten Belastung dar. Zudem weisen Betonbauten durch die monolithische Verbindung einzelner Bauglieder nur eingeschränkte Variabilität auf; Umnutzungen oder Umbauten sind unter Um- ständen mit größeren Eingriffen in das Tragwerk verbunden.
1.1.2 Tragwerke und Tragelemente des Betonbaus
Aus Stahl- und Spannbeton können die vielfältigs- ten Bauwerke – Geschossbauten, weitgespannte Hal- len, Brücken, etc. – errichtet werden. Für die Berech- nung müssen die Bauwerke allerdings auf das lastab- tragende Grundgerüst, das Tragwerk reduziert werden (Abb. 1.2). Eine Betrachtung des gesamten Tragwerks als i. Allg. räumliche Struktur repräsentiert zwar am ehesten das wirkliche Tragverhalten, ist aber mit äu- ßerst hohem Aufwand verbunden und daher nur in we- nigen Fällen vertretbar. Im Allgemeinen wird das Trag- werk in einzelne Tragelemente untergliedert, denen Randbedingungen – z. B. Lagerungsbedingungen – zu- gewiesen werden, die ihr Zusammenwirken mit dem übrigen Tragwerk abbilden sollen. Die Konzentration des Bauwerks auf das Tragwerk bzw. einzelne, mitein- ander durch Rand- oder Übergangsbedingungen ver- knüpfte Tragelemente bzw. die Überführung in ein sta-
a Isometrie
Abbildung 1.2a,b Tragwerk und Tragelemente – Stahlbe- tonskelett eines Geschossbaus
tisches System wird unter dem Begriff Modellbildung zusammengefasst.
Tragelemente werden neben ihrer Geometrie pri- mär durch die Art der Lastabtragung in Stab- und Flä- chentragwerke bzw. Stützen, Balken oder Bogen und Scheiben, Platten oder Schalen unterschieden. Eindi- mensionale, d. h. linienförmige Elemente sind Stäbe, deren Querschnittsabmessungen b und h gegenüber ih- rer Länge ` klein sind; allgemein gilt als Abgrenzung ` 2b bzw. ` 2h (Abb. 1.3a). Stützen sind überwie- gend in ihrer Achse belastete Stäbe, während Balken als dominierende Elemente des Stahlbetonbaus vor- wiegend senkrecht zu ihrer Achse, d. h. durch Biegung beansprucht werden. Einige typische Stabquerschnitte sind in Abb. 1.4 dargestellt. Durch die monolithische Verbindung können Stäbe zu Rahmen zusammenge- fügt werden. Gekrümmte Stäbe – Bögen – ermöglichen eine für Beton günstige Abtragung vertikaler Lasten durch Normaldruckkräfte bei Verminderung der Bie- gemomente gegenüber einem Balken gleicher Spann- weite. Im Idealfall wird für eine definierte Belastung
1.1 Verbundbaustoff Stahlbeton 3
h
b
bf
h
bw
hf
h
h
Abbildung 1.4a–d Typische Stabquerschnitte des Massivbaus
mit der Form einer Stützlinie die ausschließliche Be- anspruchung des Bogens durch Druckkräfte erreicht. Bögen werden u. a. für weitgespannte Tragwerke wie
Abbildung 1.5 Maintalbrücke Veitshöchheim, DB-Hochge- schwindigkeitsstrecke Würzburg-Fulda; Stahlbeton-Stabbogen, Spannbetonhohlkasten (Der im Taktschieben hergestellte Hohl- kasten wird im Bild gerade über den Bogen geschoben; der an der rechten Bogenhälfte angehängte Ballast dient zum Ausgleich der für Bogen ungünstigen exzentrischen Belastung.) (vgl. Nau- mann u. a. 1988)
Talbrücken mit aufgeständerter oder abgehängter Fahr- bahn oder für Dachtragwerke bei Hallen eingesetzt (Abb. 1.5).
Flächentragwerke sind zweidimensionale Tragele- mente, deren Bauhöhen h im Vergleich zu den übrigen Abmessungen klein sind. Ebene Flächentragwerke werden abhängig von der dominierenden Tragwirkung in Scheiben und Platten unterschieden. Während Scheiben primär parallel zur Mittelfläche beansprucht werden, erfolgt die Belastung von Platten vorwiegend senkrecht dazu (Abb. 1.3b,c). Durch die schub- und biegesteife Verbindung ebener Flächentragwerke entstehen steife Faltwerke, deren Elemente sowohl Scheiben- als auch Plattenschnittgrößen abtragen. Im Stahlbetonbau werden Faltwerke angesichts der ein- fach zu realisierenden monolithischen Verbindungen häufig verwendet (Abb. 1.6). Der aus Druckplatte und Stegscheibe zusammengesetzte Plattenbalken ist zwar ein klassisches Faltwerk, für die Ermitt- lung der Schnittgrößen und Beanspruchungen wird er angesichts b; h ` i. Allg. mit ausreichender Genauigkeit als Stab betrachtet. Ähnliches gilt für Hohlkastenträger.
Schalen als Flächentragwerke mit gekrümmten Mittelflächen werden abhängig von Form und Belas- tung i. Allg. durch Schnittkräfte parallel und senkrecht zur Mittelfläche beansprucht. Ähnlich dem Bogen ist für Schalen eine Abtragung äußerer Lasten über Beanspruchungen in Schalenebene – so genannte Membranspannungen – durch die Formgebung an- zustreben; zur Aufnahme von Biegemomenten sind
4 1 Betonbauteile – Grundlagen, Tragverhalten
a Trapezfaltwerk
b Hohlkasten
c Plattenbalken
b zweifach gegensinnig gekrümmte Schale (Rotationshyperboloid)
c freie Schalenform (Hängeform nach )Isler
Abbildung 1.7a–c Schalen
Schalen angesichts ihrer geringen Dicke wenig ge- eignet. Da für Beton insbesondere Druckspannungen günstig sind, werden in Schalen auftretende Zugbean- spruchungen häufig durch Vorspannung kompensiert. Zu den mathematisch beschreibbaren Schalenformen zählen einfach gekrümmte Flächen (Zylinder- schalen) und zweifach-einsinnig bzw. sinklastisch (Kugelschalen) oder -gegensinnig bzw. antiklas- tisch (Sattelflächen, Hyperbolische Paraboloide) gekrümmte Flächen (Abb. 1.7a,b). Die Optimierung der Schalenform zur Abtragung definierter Lasten aus- schließlich über Membranspannungen erfolgte in der Vergangenheit u. a. durch experimentelle Methoden, etwa nach den von Heinz Isler entwickelten Verfahren der pneumatischen Formen oder der Hängeformen (Abb. 1.7c) (vgl. Ramm u. Schunck 1986). Heute werden numerische Methoden der Formfindung über Optimierungsalgorithmen verwendet (Bletzinger u. Ziegler 2000). Die Beanspruchung von Schalen vorwiegend durch Membranspannungen führt zu
Tragwerken mit äußerst dünnen Schalenstärken von wenigen Zentimetern.
1.2 Verhalten eines Einfeldbalkens – Versuchsbeobachtungen
Der vorwiegend senkrecht zur Stabachse belastete Bal- ken ist eines der fundamentalen Tragelemente des Stahlbetonbaus. Anhand eines Versuchs an einem Ein- feldbalken nach Abb. 1.8 werden die Grundprinzipien des Tragverhaltens und der daraus abgeleiteten Regeln zur Bemessung und Konstruktion exemplarisch vorge- stellt. Der mit zwei Einzellasten F in den Drittelspunk- ten belastete Einfeldbalken ist – der heute üblichen Konstruktionspraxis folgend – mit einer Biegezugbe- wehrung As1 und zusätzlich zwischen Lasteinleitungs- punkten und Auflagern mit vertikalen, im Abstand sw
angeordneten geschlossenen Bügeln der Querschnitts- fläche Aw (Summe beider Schenkel) zur Aufnahme der Querkraftbeanspruchungen bewehrt. Das Eigenge- wicht des Balkens soll vernachlässigt werden.
1.2.1 Trag- und Verformungsverhalten
Solange die aus den Lasten hervorgerufenen Zugspan- nungen am unteren Bauteilrand die Betonzugfestigkeit nicht erreichen, verhält sich der Stahlbetonbalken wie ein Bauteil aus homogenem Material. In dem als Zu- stand I bezeichneten ungerissenen Zustand werden die Lasten durch Längs- und Schubspannungen x , xz
und zx abgetragen, denen an den Einleitungspunkten konzentrierter Kräfte – Lasteinleitungs- und Auflager- punkten – zusätzliche lokale Spannungen z überla- gert werden. Die in Abb. 1.8c wiedergegebene lineare Verteilung der Dehnungen und Spannungen über die Querschnittshöhe folgt der elementaren Balkenbiege- theorie; die Dehnungsnulllinie fällt mit der Schwerach- se des Verbundquerschnitts zusammen.
Deutlich anschaulicher kann die sich tatsächlich einstellende Tragwirkung allerdings durch ein System von Hauptzug- und Hauptdruckspannungen beschrie- ben werden. In Abb. 1.8c sind die Hauptspannungstra- jektorien, die in jedem Punkt die Richtung der zueinan- der senkrecht gerichteten Hauptspannungen angeben, dargestellt. Im Bereich konstanter Biegemomente ver- laufen die Zug- und Drucktrajektorien annähernd par- allel zu den Bauteilrändern; in der Nähe des Aufla-
1.2 Verhalten eines Einfeldbalkens – Versuchsbeobachtungen 5
l / 3
F.l / 3
d Auftreten erster Biegerisse (F ~ F )cr
e Ausgeprägtes Rissbild unmittelbar vor Erreichen der Bruchlast (F ~ F )u
F F
Abbildung 1.8a–e Einfeldbalken im Versuch
gers sind die Trajektorien um etwa 45 gegen die Bau- teilachse geneigt. Die Durchbiegung des Balkens in Feldmitte ist in Abhängigkeit der aufgebrachten Last F in Abb. 1.9 wiedergegeben. Im ungerissenen Zu- stand (F < Fcr) verläuft die F -w-Beziehung annä- hernd linear.
1.2.1.2 Übergang zum Zustand II – gerissene Betonzugzone
Bei Erhöhung der Last wird zunächst im Bereich M D const. am unteren Bauteilrand die Betonzugfes- tigkeit erreicht; erste Biegerisse treten also im Bereich
zwischen den Lasteinleitungspunkten auf und dringen senkrecht zur Richtung der Hauptzugspannungen in den Querschnitt vor. Der gerissene Querschnitt befin- det sich im Zustand II. Das aus den Einzellasten entste- hende Biegemoment wird im gerissenen Querschnitt durch ein inneres Kräftepaar aus der Stahlzugkraft und der Resultierenden der Betondruckspannungen aufge- nommen. Die Dehnungsnulllinie und damit der Hebel- arm zwischen den inneren Kräften stellt sich so ein, dass zwischen innerem und äußerem Moment Gleich- gewicht herrscht. Als Folge der gegenüber der Be- tonzugzone geringeren Dehnsteifigkeit der Bewehrung rückt die Dehnungsnulllinie näher an den gedrückten Rand; die Rissspitze reicht fast bis an die Dehnungs-
6 1 Betonbauteile – Grundlagen, Tragverhalten
nulllinie heran. Die Dehnungsverteilung im gerisse- nen Querschnitt kann weiterhin als linear angenom- men werden; gleiches gilt bei geringen Lasten in guter Näherung für die Verteilung der Betondruckspannun- gen in der Druckzone. Mit dem Auftreten erster Ris- se nimmt die Durchbiegung gegenüber dem Zustand I überproportional zu (Abb. 1.9).
Wird die Belastung weiter erhöht, treten auch Ris- se in den Bereichen zwischen den Auflagern und den Lasteinleitungspunkten auf. Allerdings verlaufen die so genannten Biegeschubrisse im Unterschied zu Bie- gerissen gegenüber der Stabachse geneigt, ungefähr senkrecht zu den Hauptzugspannungstrajektorien, d. h. annähernd parallel zur Richtung der Hauptdruckspan- nungen (Abb. 1.8e). Während für den betrachteten Querschnitt in Feldmitte die Dehnungen weiterhin als linear verteilt angenommen werden können, wird die Verteilung der Betonspannungen in der Druckzone mit weiterer Belastung völliger. Bei höheren Druckstau- chungen treten zunehmend plastische Verformungen des Betons auf; die Druckspannungen nehmen damit nicht mehr linear mit den Dehnungen zu.
Abhängig von der Funktion, die der Balken in ei- nem realen Tragwerk erfüllen müsste – etwa als Träger einer Deckenkonstruktion – wären ab einer bestimm- ten Höhe der Belastung die auftretenden Verformun- gen bzw. die als Rissbreiten bezeichneten, sichtbaren Öffnungen der Risse für die Nutzer des Gebäudes aus ästhetischen oder funktionalen Gründen nicht mehr to- lerierbar. Die Grenze der Gebrauchstauglichkeit des Balkens wäre damit erreicht; die auf Gebrauchslastni- veau möglichen bzw. zulässigen Beanspruchungen lie- gen daher i. Allg. deutlich unter der Tragfähigkeit des Bauteils.
Bei hoher Belastung ist mit Ausnahme der Bereiche unmittelbar an den Auflagern der Träger auf gesamter Länge gerissen. Wenn sich keine neuen Risse mehr bil- den, ist das abgeschlossene Rissbild erreicht. Die Last- Durchbiegungs-Beziehung steigt in diesem Fall wieder annähernd linear an.
1.2.1.3 Versagen
Bei weiterer Lasterhöhung erreicht die Biegezugbe- wehrung in einem Rissquerschnitt im Bereich M D const. die Streckgrenze. Eine darüber hinausgehende Lasterhöhung ist bei fließender Bewehrung nur noch in geringem Umfang durch die Stahlverfestigung und die Vergrößerung der Hebelarme zwischen Stahlzug- kraft und resultierender Betondruckkraft bei weiterer Einschnürung der Druckzone möglich, geht aber ein- her mit großen Verformungen und stark anwachsenden
EII
Rissbreiten. Mit weiterer Einschnürung weist die Be- tondruckzone zunehmend Gefügeauflockerungen auf. Bei Erreichen der Maximallast ist die Tragfähigkeit der Druckzone erschöpft. Teile einer keilförmigen Bruch- zone können abgesprengt werden und führen beim be- trachteten Versuchsbalken zu einem vollständigen Kol- laps. Je nach Konstruktion und Belastung sind andere Versagensformen möglich.
1.2.1.4 Rissbildung und Verbund zwischen Bewehrung und Beton
Das Rissbild, insbesondere der Abstand benachbar- ter Risse, weist für alle Laststufen starke Unregelmä- ßigkeiten auf, da es vor allem mit der entlang des Bauteils streuenden Zugfestigkeit verknüpft ist. Ei- ne exakte Vorhersage der Risslagen und des Riss- verlaufs ist daher i. Allg. nicht möglich, allerdings lassen sich Gesetzmäßigkeiten ableiten. Bereits an- gesprochen wurde, dass der Rissverlauf annähernd den Druckspannungstrajektorien folgt. Darüber hinaus schwankt der Rissabstand des abgeschlossenen Riss- bildes nur in engen Grenzen. Die am unteren Quer- schnittsrand durch die Wirkung der dort eingelegten Bewehrung verteilten Risse laufen zudem in Richtung des Druckrandes aufeinander zu und vereinigen sich zu Sammelrissen. In den Rissquerschnitten muss die Be- wehrung die gesamte Biegezugkraft aufnehmen; zwi- schen den gerissenen Querschnitten verbleiben aller- dings weiterhin ungerissene Bereiche der Betonzug- zone. Durch die Verbundwirkung der Bewehrung wird zwischen den Rissen ein Teil der Zugkraft wieder auf den Beton übertragen, die Betonstahldehnungen sind daher selbst im mittleren Drittel des Balkens nicht konstant, sondern nehmen zwischen den Rissen ab (Abb. 1.10).
1.2 Verhalten eines Einfeldbalkens – Versuchsbeobachtungen 7
Betonstahldehnung
Dehnungsnulllinie
s
Abbildung 1.10 Verlauf der Betonstahldehnungen zwischen den Rissen im Bereich M D const.
1.2.2 Versagensformen
Stahlbetonbalken können je nach Geometrie, Beweh- rungsmenge und Beanspruchung verschiedene Ver- sagensmechanismen aufweisen; das anhand des Ver- suchsbalkens nach Abb. 1.8 beschriebene Versagens- bild ist nur eines der möglichen. Eine Einordnung der Versagensformen erfolgt zweckmäßig nach den versa- gensauslösenden Beanspruchungen in:
• Biegeversagen und • Querkraftversagen (Schubversagen).
Das Bauteilversagen ist dabei stets ein lokales Phä- nomen; die Versagensmechanismen laufen in einem eng begrenzten Bereich ab, während das übrige Bau- teil weitgehend intakt bleibt. Zudem sind die Versa- gensabläufe immer mit einer Überschreitung der Trag- fähigkeit von Bewehrungsstahl oder Beton verknüpft. Ein Nachweis der Tragfähigkeit muss daher zwingend auf dem Konzept der Fehlstelle aufbauen: Das Versa- gen tritt stets an einer Fehlstelle des Bauteils ein, in der die Baustoffeigenschaften aufgrund der stochastischen Streuung äußerst ungünstige Werte annehmen.
Biegeversagen
• Primäres Biegedruckversagen Der Beton der Druckzone wird zerstört, bevor die Biegezugbewehrung fließt, d. h. bevor durch große Verformungen oder breite Risse ein Versagen ange- kündigt wird (! Betonversagen, Abb. 1.11b).
• Sekundäres Biegdruckversagen Der sekundäre Biegedruckbruch entspricht dem anhand des Versuchsbalkens geschilderten Versa- gensmechanismus; nachdem die Bewehrung die Streckgrenzdehnung überschritten hat, wird durch große Verformungen die Druckzone stark einge- schnürt und schließlich zerstört (! Betonversagen, Abb. 1.11b).
• Biegezugversagen Die Betonstahlbewehrung reißt nach großen plasti- schen Verformungen, bevor der druckbeanspruchte Beton versagt. Eine Sonderform des Biegezugver- sagens kann bei sehr gering bewehrten Bauteilen auftreten, wenn die Bewehrung nicht in der Lage ist, die im Riss freiwerdende Betonzugkraft aufzuneh- men. Da das Bauteil bei Auftreten des ersten Ris- ses ohne Vorankündigung kollabiert, ist dieser Me- chanismus in jedem Fall durch die Anordnung ei- ner ausreichenden Menge an Betonstahlbewehrung, der Mindestbewehrung zu vermeiden (! Stahlver- sagen, Abb. 1.11c).
Querkraftversagen
• Biegeschubversagen Bei schwach bügelbewehrten Balken oder Bautei- len ohne Querkraftbewehrung wird durch das Vor-
l / 3 l / 3 l / 3
a Geometrie und Belastung
e Stegdruckversagen
8 1 Betonbauteile – Grundlagen, Tragverhalten
dringen eines kritischen Schubrisses und die damit einhergehende starke Einschnürung der Druckzone die Biege- und Querkrafttragfähigkeit so stark ver- mindert, dass ein schlagartiges Versagen der Druck- zone eintritt (! Betonversagen, Abb. 1.11d).
• Zugversagen der Bügelbewehrung Nach dem Fließen der Bügelbewehrung weiten sich die Schubrisse stark auf; der Balken versagt – so- fern nicht vorher die Biegeschubtragfähigkeit der Druckzone erreicht wird (Biegeschubversagen) – letztlich durch einen Zugbruch der Bügel (! Stahl- versagen, Abb. 1.11d).
• Stegdruckversagen Bei Balken mit sehr starker Bügelbewehrung kann der Beton im Bereich des Steges zerstört wer- den. Allerdings tritt dieser Versagensmechanismus eher bei stark profilierten Bauteilen, z. B. Platten- balken mit dünnen Stegen, auf (! Betonversagen, Abb. 1.11e).
Neben den vorgestellten Mechanismen können wei- tere, sekundäre Versagensformen, z. B. ein Veranke- rungsversagen der Biegezugbewehrung, auftreten.
1.2.3 Prinzip der Vorspannung
Wie am Beispiel des Einfeldbalkens beschrieben, ist die im Vergleich zur Druckfestigkeit geringe Zugfes- tigkeit von Beton dafür verantwortlich, dass bereits bei geringer Belastung Risse auftreten, die die Steifigkeit deutlich vermindern und damit größere Verformungen nach sich ziehen. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhun- derts wurde daher der Gedanke verfolgt, in der Zug- zone der Betonbauteile durch Vorspannen Druckspan- nungen zu erzeugen, die den Zugspannungen aus äu- ßeren Lasten entgegenwirken. Durch die Lastspannun- gen muss zunächst der Druck abgebaut werden, bis schließlich Zug auftreten kann.
Um das der Vorspannung zugrunde liegende Prin- zip zu erläutern, sei wieder der aus Abb. 1.8 be- kannte Stahlbetonbalken betrachtet. In ein einbeto- niertes Leerrohr wird nach dem Erhärten des Betons ein Spannstahlstab eingeführt, der an beiden Enden mit Ankerplatte, Gewinde und Mutter versehen ist (Abb. 1.12a). Wird der Stab mit Hilfe der Muttern ge- gen den Beton gespannt, wird über die Ankerplatten eine exzentrische Vorspannkraft P (engl. Prestressing force) ähnlich einer äußeren Last auf den Beton über- tragen, die neben einer Normalkraft Np D P ein entlang des Balkens konstantes Biegemoment Mp D P zp erzeugt. In jedem Querschnitt des Balkens steht die Zugkraft des Spannstahlstabes mit der Beton- druckkraft im Gleichgewicht. Durch Vorspannen wird
daher in statisch bestimmt gelagerten Bauteilen ein reiner Eigenspannungszustand hervorgerufen; es ent- stehen keine Auflagerreaktionen. Die Vorspannung al- lein ruft am unteren Querschnittsrand Druckspannun- gen hervor, am oberen Rand gleichzeitig geringe Zug- spannungen, wenn der Stahlstab mit zp > h=6 außer- halb des Kernquerschnitts liegt. Durch das Vorspannen entsteht neben einer Verkürzung eine Verkrümmung des Balkens (Abb. 1.12b).
Wirken neben der Vorspannung das Eigengewicht und die beiden Einzellasten F , überlagern sich die Bie- gespannungen dem aus Vorspannung erzeugten Span- nungszustand. Die Druckspannungen am unteren und die Zugspannungen am oberen Querschnittsrand wer- den reduziert. Die hohe Druckfestigkeit des Betons wird damit ökonomischer ausgenutzt. Wenn sich am Zugrand die Spannungen aus Vorspannung und Las- ten gerade aufheben, beginnt die Dekompression des Querschnitts (Abb. 1.12c). Wird bei weiterer Laststei- gerung die Betonzugfestigkeit am unteren Rand er- reicht, treten wie bei einem Stahlbetonquerschnitt Ris- se auf. Bei ausreichend hoher Last beginnen die Be- tonstahlbewehrung und auch der zusätzlich eingelegte Spannstahlstab zu fließen. Im bruchnahen Lastbereich wird sich damit das Tragverhalten eines Spannbeton- balkens nicht wesentlich von dem eines Stahlbeton- balkens unterscheiden; die Versagensmechanismen des vorgespannten Balkens sind mit denen des nicht vor- gespannten identisch. Für den Versagenszustand ist im Spannstahl – im Unterschied zum Betonstahl – aller- dings ein Teil der gesamten Dehnung als Vordehnung bereits vorweggenommen.
Im Vergleich mit einem Stahlbetonbalken verbleibt…