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  • BEITRGE

    Abwegige Absichtsrealisierung und Handlungssteuerung. Eine intentional-kausalistische Erklrung

    Von Christoph Lumer (Siena)

    I. Einleitung: Der intentionale Sinn von Handlungen, das Programm der Handlungstheorie und das Ziel dieses Artikels

    Was ist das Besondere, Wertvolle, ja Fantastische und praktisch Zentrale anHandlungen und Absichtlichkeit? Der Kern unserer Persnlichkeit, nmlich un-sere volitiven, desiderativen und doxastischen Einstellungen, insbesondere diebewusste Bildung solcher Einstellungen, steuert ein Stck weit den Verlauf die-ser Welt, zunchst unser krperliches oder mentales1 Verhalten (selbstverstndlichimmer nur einen Teil davon) und in der Folge dann auch weitere Ausschnitteder Welt. Anstatt zu sagen, unsere Einstellungen steuern das Verhalten, kannman auch sagen: Sie regeln2 das Verhalten, sie bestimmen es (wirkungsmchtig),

    1 Handlungstheoretiker behandeln meist physische Handlungen. Aber es gibt natrlichauch mentale Handlungen. Wir knnen insbesondere gezielt nachdenken ber Probleme,uns gezielt erinnern, Rechenaufgaben im Kopf lsen, gewollt tagtrumen und phantasie-ren usw. Unser mentales Handlungsrepertoire ist viel weniger erforscht als unser physi-sches. Insbesondere problemlsendes Nachdenken und das Phantasieren enthalten auchviele nur schwach kontrollierte Elemente; die Ideen zur Lsung und die Phantasien er-scheinen pltzlich aus dem Unbewussten. Aber auch bei diesen mentalen Aktivitten gibtes klare Steuerungsmechanismen: Wir mssen zwar auf die zndende Idee warten etc., aberzum einen stoen wir vorher die richtigen, das Erscheinen der Lsungsidee frdernden asso-ziativen Mechanismen an, indem wir das Problem innerlich wieder und wieder formulieren,uns vermutete Teillsungen noch einmal bewusst vorstellen u. .; und zum anderen bewertenwir die aus dem Unbewussten auftauchenden Gedanken, schenken ihnen anschlieendkeine Beachtung mehr oder vertiefen sie usw. Dies ist im Hinblick auf die Steuerung desErgebnisses nicht viel anders, als wenn jemand mit einer Fliegenklatsche ziemlich wild umsich schlagend Jagd auf eine sehr gewitzte und reaktionsschnelle Fliege macht. So wenig,wie wir den Handlungscharakter im letzten Fall bestreiten, so wenig Grund gibt es, ihn beimgezielten Nachdenken zu bestreiten.

    2 Etwas regeln ist in der kybernetischen Terminologie allgemeiner als steuern. Steue-rung ist ein besonderer Fall von Regelung, nmlich eine Regelung mit Feedback-Mechanis-men. Da die Alltagsbedeutung von regeln aber sehr von der kybernetischen abweicht, wirdhier vorzugsweise, etwas unprzise, der Ausdruck steuern verwendet. Das englische Pendant

    INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FR PHILOSOPHIE (IZPh) HEFT 1/2008

  • ist to control; das deutsche kontrollieren hat aber vorwiegend die Bedeutung berpr-fen, weswegen dieser Ausdruck hier weitgehend vermieden wird.

    legen es fest, sie sind verantwortlich fr dieses Verhalten usw. Gemeint ist damitimmer: Diese Einstellungen kulminieren in einer Absicht, mit der ein bestimm-tes Verhalten und weitere Stcke des Weltverlaufs als beabsichtigt oder gewolltausgezeichnet werden, und diese Absicht sorgt dafr, dass das beabsichtigte Ver-halten und der Weltverlauf realisiert werden. Wir realisieren auf diese Weise alsodas, was wir wollen; und das auf diese Weise realisierte Stck Weltverlauf ist indem Sinne von unserer Absicht abhngig, dass, wenn wir etwas anderes beab-sichtigt htten, auch der Weltverlauf in dieser Hinsicht anders gewesen wre.Handlungen sind deshalb Manifestationen von Handlungsfreiheit.

    Die gerade gelieferten Beschreibungen sind vage. Sie sollten nur eine allge-meine Idee vom besonderen Wert von Handlungen und von Absichtlichkeit aus-drcken und dabei mglichst theorieneutral sein. So wurde in diesen Beschrei-bungen insbesondere auf jegliche Art von Kausalittsbegriff verzichtet. Einezentrale Aufgabe der Handlungstheorie ist, diese Art der Verhaltens- und Welt-steuerung, ihr Funktionieren und ihren Wert fr uns zu erklren bzw. zu be-grnden. Im Rahmen dieser Erklrung mssen auch die Begriffe Handlung,Absicht, absichtlich oder auch das Subjekt s tut A mit dem Ziel z expliziertwerden. Im Gegensatz zu manchen Vorstellungen von philosophischer Begriffs-analyse, sollten diese Explikationen aber weder willkrlich sein noch einfach dieBedeutung der alltagssprachlichen Begriffe erfassen letztere sind trotz allerFeinheiten noch viel zu ungenau und gehen nicht ber die im vorigen Absatz be-schriebenen vagen Ideen hinaus. Handlungstheoretische Begriffsexplikationensollten vielmehr den grundlegenderen Erklrungsabsichten der Theorie unter-worfen werden (wie alle theoretischen Begriffsexplikationen) und insbesonderedas Wertvolle, Bedeutsame von Handlungen, Absichten etc. erfassen. Der Sinneiner solchen Erklrung ist zunchst ganz allgemein die Selbstaufklrung berunser praktisches Wesen: Wie funktioniert unser Handeln? Sodann ist sie aberauch und vor allem eminent praktisch. Zum einen hilft sie, den Einflussbereichgesteuerter Vernderung der Welt zu sondieren, sowohl der von uns selbst alsauch der von anderen gesteuerten Vernderung. Die Aufklrung der Absicht-lichkeit und des Handlungscharakters ist zum anderen die Grundlage fr die Zu-schreibung von (faktischen oder mglichen) Verhaltensresultaten an Personen,die dann eventuell fr jene verantwortlich gemacht werden knnen retrospek-tiv im Sinne von zur Rechenschaft ziehen, aber auch prospektiv im Sinne vondamit beauftragen, verpflichten zu oder die als Kooperationspartner zurRealisierung solcher Verhaltensresultate in Frage kommen. (Ereignisse undZustnde in der Welt, die nicht absichtliche Verhaltensresultate sind oder sein

    10 Christoph Lumer

  • knnen, mssen wir ganz anderes behandeln; wir knnen sie letztlich nur zurKenntnis nehmen.) Und schlielich ist die Erklrung der Art und der Entste-hung von Absichten entscheidend fr das Verstndnis praktischer Grnde undfr die Rationalisierung unserer Deliberationen und Entscheidungen.3

    Ich hoffe und nehme an, die gerade gegebene vage Beschreibung des Inhaltsund Sinns (eines Teils) eines handlungstheoretischen Erklrungsprogramms istrelativ unkontrovers4 auch wenn sie fast nie explizit gemacht wird. Diese Be-schreibung nimmt auch zentrale Ideen intentionalistischer Handlungstheorienauf, insbesondere die Betonung der Zielgerichtetheit und Zweckhaftigkeit unse-res Handelns. ber die Ausfhrung dieses Programms gab und gibt es hingegen wie in der Philosophie kaum anders zu erwarten viele Kontroversen, insbeson-dere zwischen den beiden Grundrichtungen der Handlungstheorie, dem Inten-tionalismus, der zur Handlungserklrung insbesondere spezielle und irreduzibleteleologische Erklrungen vorsieht (z. B. Dray, v. Wright, Stoutland, Wilson,Sehon), und dem Kausalismus (z. B. von Aristoteles ber Hume, Davidson,Goldman zu Bratman), der zur Handlungserklrung normale kausale Erklrun-gen heranzieht und eventuelle teleologische Erklrungen auf kausale zurckfhrt.Die Diskussion wird z. T. erstaunlich emotional gefhrt; und auf Seiten der In-tentionalisten spielen oftmals diffuse Hintergrundmotive mit z. B. eine Kritikan der technischen, instrumentalistischen, kausalistischen Kultur oder die Vertei-digung der Autonomie der Geisteswissenschaften , die im Rahmen einer Hand-lungstheorie aber irrelevant oder zumindest nicht einschlgig relevant sind. Gibtes handlungstheoretisch intrinsisch relevante und fr ein intentionalistisches Er-klrungsprogramm wesentliche Leitvorstellungen, Ideale, Werte und Wnschean die Theorie, die in der soeben gelieferten Skizze des Sinns und Erklrungsziels

    11Abwegige Absichtsrealisierung und Handlungssteuerung

    3 Vgl. Christoph Lumer, Rationaler Altruismus. Eine prudentielle Theorie der Rationa-litt und des Altruismus, Osnabrck 2000, Kapitel 3 und 5; ders., An Empirical Theoryof Practical Reasons and its Use for Practical Philosophy, in: Christoph Lumer/SandroNannini (Hrsg.), Intentionality, Deliberation and Autonomy. The Action-Theoretic Basis ofPractical Philosophy, Aldershot 2007, 157186; ders., The Action-Theoretic Basis of Prac-tical Philosophy, in: Lumer/Nannini (Hrsg.), Intentionality, Deliberation and Autonomy(Anm. 3.), 113.

    4 Eine wichtige Gruppe von Intentionalisten bestreitet allerdings diese Charakterisierungvon Handlungen: die sog. Neuen Dualisten, d. h. diejenigen (Neo-)Wittgensteinianer, diedas Besondere von Handlungen ohne Rekurs auf als mentale Zustnde verstandene Absich-ten erklren wollen, nmlich insbesondere als eine andere Beschreibungsweise des Verhaltens(z. B. Ryle, Winch, Waismann, Melden, Stoutland). Dieser Ansatz ist jedoch von einer be-havioristischen Furcht vor der Annahme angeblich ontologisch und wissenschaftlich ob-soleter mentaler Zustnde geprgt, die inzwischen wissenschaftlich berholt ist, zunchstdurch die kognitive Wende in der Psychologie und anschlieend durch die neurophysiolo-gische Untermauerung der Psychologie. Entsprechend kann man die Motive fr diesen An-satz getrost als widerlegt ansehen.

  • (des mit dem Handlungsbegriff und der Absichtlichkeit befassten Teils) derHandlungstheorie nicht erfasst sind? Wenn nicht, dann sollte auch ein Intentio-nalist mit einer gelungenen Erfllung dieses Erklrungsprogramms zufriedensein selbst wenn sie nachher kausalistisch ausfllt. Bislang bin ich in der Lite-ratur nicht auf nennenswerte derartigen Werte und Ideale gestoen; der grteTeil der Grnde fr den Intentionalismus besteht eigentlich in Kritiken am(angeblichen) Scheitern des Kausalismus. Dies gibt mir Hoffnung, dass die imFolgenden skizzierte intentional-kausalistische Theorie auch bei IntentionalistenAnklang finden knnte.

    In den folgenden Abschnitten dieses Aufsatzes soll ein zentrales Stck einer in-tentional-kausalistischen Handlungstheorie entwickelt werden. Unter intentio-nalem Kausalismus wird dabei eine Handlungstheorie verstanden, die die obenskizzierte intentionale Struktur von Handlungen und Absichtlichkeit rein kau-sal zu er

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