Adorno, Theodor W. - Minima Moralia-1

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<ul><li><p>T. W. ADORNO</p><p>MINIMA MORALIA</p><p>Reflexionen aus dem beschdigten Leben</p><p>S U H R K A M P V E R L A GBERLIN U. FRANKFURT AM MAIN</p></li><li><p> Ausstattung von Georg A. Mathy</p><p>Erstes bis drittes TausendCopyright 1951 by Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main</p><p>Alle Rechte vorbehalten Printed in GermanyDruck: Sddeutsche Verlagsanstalt und Druckerei G.m.b.H. Ludwigsburg</p></li><li><p> FR MAX als Dank und Versprechen </p></li><li><p> Z u e i g n u n g</p><p> Die traurige "Wissenschaft, aus der ich meinemFreunde einiges darbiete, bezieht sich auf einen Be-reich, der fr undenkliche Zeiten als der eigent-liche der Philosophie galt, seit deren Verwandlungin Methode aber der intellektuellen Nichtachtung,der sententisen Willkr und am Ende der Verges-senheit verfiel: die Lehre vom richtigen Leben. Waseinmal den Philosophen Leben hie, ist zur Sphredes Privaten und dann blo noch des Konsums ge-worden, die als Anhang des materiellen Produk-tionsprozesses, ohne Autonomie und ohne eigeneSubstanz, mitgeschleift wird. Wer die Wahrheitbers unmittelbare Leben erfahren will, mu dessenentfremdeter Gestalt nachforschen, den objektivenMchten, die die individuelle Existenz bis ins Ver-borgenste bestimmen. Redet man unmittelbar vomUnmittelbaren, so verhlt man kaum sich anders alsjene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mitbilligem Schmuck mit den Imitationen der Leiden-schaft von ehedem behngen, und Personen, dienichts mehr sind als Bestandstcke der Maschinerie,handeln lassen, als ob sie berhaupt noch als Sub-</p><p>7</p></li><li><p>jekte handeln knnten, und als ob von ihrem Han-deln etwas abhinge. Der Blick aufs Leben ist ber-gegangen in die Ideologie, die darber betrgt, daes keines mehr gibt.</p><p>Aber das Verhltnis von Leben und Produktion,das jenes real herabsetzt zur ephemeren Erschei-nung von dieser, ist vollendet widersinnig. Mittelund Zweck werden vertauscht. Noch ist die Ahnungdes aberwitzigen quid pro quo aus dem Leben nichtgnzlich ausgemerzt. Das reduzierte und degradierteWesen strubt sich zh gegen seine Verzauberungin Fassade. Die nderung der Produktionsverhlt-nisse selber hngt weithin ab von dem, was sich inder Konsumsphre", der bloen Reflexionsformder Produktion und dem Zerrbild wahren Lebens,zutrgt: im Bewutsein und Unbewutsein der Ein-zelnen. Nur kraft des Gegensatzes zur Produktion,als von der Ordnung doch nicht ganz Erfate, kn-nen die Menschen eine menschenwrdigere herbei-fhren. Wird1 einmal der Schein des Lebens ganzgetilgt sein, den die Konsumsphre selbst mit soschlechten Grnden verteidigt, so wird das Un-wesen der absoluten Produktion triumphieren.</p><p>Trotzdem bleibt so viel Falsches bei Betrachtun-gen, die vom Subjekt ausgehen, wie das LebenSchein ward. Denn weil in der gegenwrtigen Phase</p><p>8</p></li><li><p>der geschichtlichen Bewegung deren berwltigendeObjektivitt einzig erst in der Auflsung des Sub-jekts besteht, ohne da ein neues schon aus ihr ent-sprungen wre, sttzt die individuelle Erfahrungnotwendig sich auf das alte Subjekt, das historischverurteilte, das fr sich noch ist, aber nicht mehran sich. Es meint seiner Autonomie noch sicher zusein, aber die Nichtigkeit, die das Konzentrations-lager den Subjekten demonstrierte, ereilt bereitsdie Form von Subjektivitt selber. Der subjektivenBetrachtung, sei sie auch kritisch gegen sich ge-schrft, haftet ein Sentimentales und Anachronisti-sches an: etwas von der Klage ber den Weltlauf,die nicht um seiner Gte willen zu verwerfen wre,sondern weil das klagende Subjekt sich in seinemSosein zu verhrten droht und damit wiederum dasGesetz des Weltlaufs zu erfllen. Die Treue zumeigenen Stand von Bewutsein und Erfahrung istallemal in Versuchung, zur Treulosigkeit zu mi-raten, indem sie die Einsicht verleugnet, welche bersIndividuum hinausgreift und dessen Substanz sel-ber beim Namen ruft.</p><p>So hat Hegel, an dessen Methode die der MinimaMoralia sich schulte, gegen das bloe Fr sich Seinder Subjektivitt auf all ihren Stufen argumentiert.Die dialektische Theorie, abhold jeglichem Ver-</p><p>9</p></li><li><p>einzelten, kann denn auch Aphorismen als solchenicht gelten lassen. Im freundlichsten Falle drftensie, nach dem Sprachgebrauch der Vorrede der Ph-nomenologie des Geistes, toleriert werden als Kon-versation". Deren Zeit aber ist um- Gleichwohl ver-git das Buch nicht sowohl den Totalittsanspruchdes Systems, das nicht dulden mchte, da man ausihm herausspringt, als da es dagegen aufbegehrt.Hegel halt sich dem Subjekt gegenber nicht an dieForderung, die er sonst leidenschaftlich vortrgt:die, in der Sache zu sein und nicht immer darberhinaus", anstatt in den immanenten Inhalt derSache einzugehen". Verschwindet heute das Sub-jekt, so nehmen die Aphorismen es schwer, da dasVerschwindende selbst als wesentlich zu betrachten"sei. Sie insistieren in Opposition zu Hegels Verfah-ren und gleichwohl in Konsequenz seines Gedan-kens auf der Negativitt: Das Leben des Geistesgewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der abso-luten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Machtist er nicht als das Positive, welches von dem Ne-gativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen,dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig,davon weg zu irgend etwas anderem bergehen;sondern er ist diese Macht nur, indem er demNegativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt."</p><p>10</p></li><li><p>Die erledigende Gebrde, mit welcher Hegel imWiderspruch zur eigenen Einsicht stets wieder dasIndividuelle traktiert, rhrt paradox genug her vonseiner notwendigen Befangenheit in liberalistischemDenken. Die Vorstellung einer durch ihre Anta-gonismen hindurch harmonischen Totalitt ntigtihn dazu, der Individuation, mag immer er sie alstreibendes Moment des Prozesses bestimmen, in derKonstruktion des Ganzen einzig minderen Rangzuzuerkennen. Da in der Vorgeschichte die objek-tive Tendenz ber den Kpfen der Menschen, javermge der Vernichtung des Individuellen sichdurchsetzt, ohne da bis heute die im Begriff kon-struierte Vershnung von Allgemeinem undBeson-derem geschichtlich vollbracht wre, verzerrt sichbei ihm: mit berlegener Klte optiert er nochmalsfr die Liquidation des Besonderen. Nirgends wirdbei ihm der Primat des Ganzen bezweifelt. Je frag-wrdiger der bergang von der reflektierenden Ver-einzelung zur verherrlichten Totalitt wie in derGeschichte so auch in der Hegelschen Logik bleibt,desto eifriger hngt Philosophie, als Rechtfertigungdes Bestehenden, sich an den Triumphwagen derobjektiven Tendenz. Die Entfaltung eben des ge-sellschaftlichen Individuationsprinzips zum Sieg derFatalitt bietet ihr dazu Anla genug. Indem Hegel</p><p>11</p></li><li><p>sich zufrieden zu sein. Die Begriffe des Subjektivenund Objektiven haben sich vllig verkehrt. Objek-tiv heit die nicht kontroverse Seite der Erschei-nung, ihr unbefragt hingenommener Abdruck, dieaus klassifizierten Daten gefgte Fassade, also dasSubjektive; und subjektiv nennen sie, was jenedurchbricht, in die spezifische Erfahrung der Sacheeintritt, der geurteilten Convenus darber sich ent-schlgt und die Beziehung auf den Gegenstand an-stelle des Majorittsbeschlusses derer setzt, die ihnnicht einmal anschauen, geschweige denken alsodas Objektive. Wie windig der formale Einwandsubjektiver Relativitt ist, stellt sich auf desseneigentlichem Felde heraus, dem der sthetischenUrteile. Wer jemals aus der Kraft seines przisenReagierens im Ernst der Disziplin eines Kunstwerks,dessen immanentem Formgesetz, dem Zwang sei-ner Gestaltung sich unterwirft, dem zergeht derVorbehalt des blo Subjektiven seiner Erfahrungwie ein armseliger Schein, und jeder Schritt, den ervermge seiner extrem subjektiven Innervation indie Sache hineinmacht, hat unvergleichlich viel gr-ere objektive Gewalt als die umfassenden undwohlbesttigten Begeriffsbildungen etwa des Stils",deren wissenschaftlicher Anspruch auf Kosten sol-cher Erfahrung geht. Das ist doppelt wahr in der</p><p>12</p></li><li><p>ebensoviel gewonnen, wie es andererseits von derVergesellschaftung der Gesellschaft geschwcht undausgehhlt wurde. Im Zeitalter seines Zerfalls trgtdie -Erfahrung des Individuums von sich und dem,was ihm widerfhrt, nochmals zu einer Erkenntnisbei, die von ihm blo verdeckt war, solange es alsherrschende Kategorie ungebrochen positiv sich aus-legte. Angesichts der totalitren Einigkeit, welchedie Ausmerzung der Differenz unmittelbar als Sinnausschreit, mag temporr etwas sogar von der be-freienden gesellschaftlichen Kraft in die Sphre desIndividuellen sich zusammengezogen haben. In ihrverweilt die kritische Theorie nicht nur mit schlech-tem Gewissen.</p><p>All das soll das Anfechtbare des Versuchs nichtverleugnen. Ich habe das Buch groenteils nochwhrend des Krieges geschrieben, unter Bedingun-gen der Kontemplation. Die Gewalt, die mich ver-trieben hatte, verwehrte mir zugleich ihre volle Er-kenntnis. Ich gestand mir noch nicht die Mitschuldzu, in deren Bannkreis gert, wer angesichts desUnsglichen, das kollektiv geschah, von Individuel-lem berhaupt redet.</p><p>In den drei Teilen wird jeweils ausgegangen vomengsten privaten Bereich, dem des Intellektuellen inder Emigration. Daran schlieen sich Erwgungen</p><p>13</p></li><li><p>weiteren gesellschaftlichen und anthropologischenUmfangs: sie betreffen Psychologie, sthetik, Wis-senschaft in ihrem Verhltnis zum Subjekt. DieabschlieendenAphorismen jeden Teils fhren auchthematisch auf die Philosophie, ohne je als abge-schlossen und definitiv sich zu behaupten: alle wol-len Einsatzstellen markieren oder Modelle abgebenfr kommende Anstrengung des Begriffs.</p><p>Den unmittelbaren Anla zur Niederschrift botder fnfzigste Geburtstag Max Horkheimers am14. Februar 1945. Die Ausfhrung fiel in eine Phase,in der wir, ueren Umstanden Rechnung tragend,die gemeinsame Arbeit unterbrechen muten. Dankund Treue will das Buch bekunden, indem es ctieUnterbrechung nicht anerkennt. Es ist Zeugnis einesdialogue interieur: kein Motiv findet sich darin, dasnicht Horkheimer ebenso zugehrte wie dem, derdie Zeit zur Formulierung fand, whrend der an-dere all seine Kraft an den Beitrag zur gesellschaft-lichen Praxis wandte, den das Institut fr Sozial-forschung zu leisten fr notwendig hielt. Hork-heimer organisierte und leitete die weitschichtigenUntersuchungen ber Rassenha, die uns lnger alsfnf Jahre beschftigten. Ihr Niederschlag ist diejngst in Amerika verffentlichte Buchreihe Stu-dies in Prejudice".</p><p>14</p></li><li><p>Der spezifische Ansatz der Minima Moralia, ebender Versuch, Momente der gemeinsamen Philosophievon subjektiver Erfahrung her darzustellen, be-dingt es, da die Stcke nicht durchaus vor derPhilosophie bestehen, von der sie doch selber einStck sind. Das will das Lose und Unverbindlicheder Form, der Verzicht auf expliziten theoretischenZusammenhang mit ausdrcken. Zugleich mchtesolche Askese etwas von dem Unrecht wieder gut-machen, da einer allein an dem weiterarbeitete,was doch nur von beiden vollbracht werden kann,und wovon wir nicht ablassen.</p><p>15</p></li><li><p> MINIMA MORALIA</p><p> Erster Teil</p><p> 1944</p><p> Das Leben lebt nichtFerdinand Krnbirger</p></li><li><p> 1</p><p>Fr Marcel Proust. Der Sohn wohl-habender Eltern, der, gleichgltig ob aus Talentoder Schwche, einen sogenannten intellektuellenBeruf, als Knstler oder Gelehrter, ergreift, hat esunter denen, die den degoutanten Namen des Kol-legen tragen, besonders schwer. Nicht blo, daihm die Unabhngigkeit geneidet wird, da mandem Ernst seiner Absicht mitraut und in ihm einenheimlichen Abgesandten der etablierten Mchte ver-mutet. Solches Mitrauen zeugt zwar von Ressen-timent, wrde aber meist seine Besttigung finden.Jedoch die eigentlichen Widerstnde liegen anders-wo. Die Beschftigung mit geistigen Dingen istmittlerweile selber praktisch", zu einem Geschftmit strenger Arbeitsteilung, mit Branchen und nume-rus clausus geworden. Der materiell Unabhngige,der sie aus Widerwillen gegen die Schmach des Geld-verdienens whlt, wird nicht geneigt sein, das an-zuerkennen. Dafr wird er bestraft. Er ist keinProfessional", rangiert in der Hierarchie der Kon-kurrenten als Dilettant, gleichgltig wieviel er sach-lich versteht, und mu, wenn er Karriere machen</p><p>19</p></li><li><p>will, den stursten Fachmann an entschlossener Bor-niertheit womglich noch bertrumpfen. Die Sus-pension der Arbeitsteilung, zu der es ihn treibt, unddie in einigen Grenzen seine konomische Lage zuverwirklichen ihn befhigt, gilt als besonders an-rchig: sie verrt die Abneigung, den von der Ge-sellschaft anbefohlenen Betrieb zu sanktionieren,und die auftrumpfende Kompetenz lt solche Idio-synkrasien nicht zu. Die Departementalisierung desGeistes ist ein Mittel, diesen dort abzuschaffen, woer nicht ex officio, im Auftrag betrieben wird. Estut seine Dienste um so zuverlssiger, als stets der-jenige, der die Arbeitsteilung kndigt wre esauch nur, indem seine Arbeit ihm Lust bereitet ,nach deren eigenem Ma Blen sich gibt, die von denMomenten seiner berlegenheit untrennbar sind.So ist fr die Ordnung gesorgt: die einen mssenmitmachen, weil sie sonst nicht leben knnen, unddie sonst leben knnten, werden drauen gehalten,weil sie nicht mitmachen wollen. Es ist, als rchtesich die Klasse, von der die unabhngigen Intellek-tuellen desertiert sind, indem zwangshaft ihre For-derungen dort sich durchsetzen, wo der DeserteurZuflucht sucht.</p><p>20</p></li><li><p>2Rasenbank. Das Verhltnis zu den Elternbeginnt traurig, schattenhaft sich zu verwandeln.Durch ihre konomische Ohnmacht haben sie ihreSchrecken verloren. Einmal rebellierten -wir gegenihre Insistenz auf dem Realittsprinzip, die Nch-ternheit, die stets bereit war, in "Wut gegen denNicht-Entsagenden umzuschlagen. Heute aber fin-den wir uns einer angeblich jungen Generation ge-genber, die in jeder ihrer Regungen unertrglichviel erwachsener ist, als je die Eltern es waren; dieentsagt hat, schon ehe es zum Konflikt berhauptkam, und daraus ihre Macht zieht, verbissen auto-ritr und unerschtterlich. Vielleicht hat man zuallen Zeiten die Generation der Eltern als harmlosund entmchtigt erfahren, wenn ihrephy sischeKraf tnachlie, whrend die eigene selber schon von derJugend bedroht schien: in der antagonistischen Ge-sellschaft ist auch das Generationsverhltnis einesvon Konkurrenz, hinter der die nackte Gewalt steht.Heute aber beginnt es auf einen Zustand zu regre-dieren, der zwar keinen dipuskomplex kennt, aberden Vatermord. Es gehrt zu den symbolischenUntaten der Nazis, uralte Leute umzubringen. Insolchem Klima stellt ein sptes und wissendes Ein-</p><p>21</p></li><li><p>Verstndnis mit den Eltern sich her, das von Ver-urteilten untereinander, gestrt nur von der Angst,wir mchten, selber ohnmchtig, einmal nichtfhig sein, so gut fr sie zu sorgen, wie sie fr unssorgten, als sie etwas besaen. Die Gewalt, die ihnenangetan wird, macht die Gewalt vergessen, die siebten. Noch ihre Rationalisierungen, die ehemalsverhaten Lgen, mit denen sie ihr partikularesInteresse als al...</p></li></ul>