8 sprache und gesellschaft

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  • Prof. Dr. Ursula Weber

    Sprache und Gesellschaft

    Zusammenfassung einer Vorlesung

    Ursula Weber: Sprache und Gesellschaft 1

  • Hannover 2001 byProf. Dr. Ursula WeberLayout: Die Autorin unter Mitarbeitvon Carola Warnecke und Jens Holloch

    Ursula Weber: Sprache und Gesellschaft 2

  • Inhalt

    Einleitung 5

    I Sprache als Funktion sozialen Handelns und als Medium derWiderspiegelung soziokultureller Systeme. 7

    II Zur Funktion sprachlicher Varietten 13

    III Kritik an Vorstellungen und Vorurteilen zum Leistungswertgeschriebener Texte und gesprochener uerungen. 27

    IV. Situationsdefinitionen und Mechanismen sprachlichenHandelns im sozialen Kontext. 37

    V. Soziale Faktoren und Instruktionsverhalten. 63

    Literatur(-auswahl) 93

    Ursula Weber: Sprache und Gesellschaft 3

  • Ursula Weber: Sprache und Gesellschaft 4

  • Einleitung:

    Hinweise auf die Notwendigkeit einer interdisziplinren Betrachtung zentralerlinguistischer Probleme sind nicht neu.Ebenfalls bekannt ist die Tatsache, dass Sprache fr das Verhalten der Menschenuntereinander und damit fr gesellschaftliche Praxis von existentieller Bedeutungist.

    Es ist daher bemerkenswert, dass eine Forderung nach Zusammenarbeit zwi-schen Linguistik und Soziologie erst in jngster Zeit erhoben werden konnte. Wirfragen uns, warum dies so ist. Wir drfen zwar nicht davon ausgehen, dass die Be-trachtung von Sprache als soziales Phnomen neu ist. Diese Einschtzung findenwir bereits im 19., bestimmt aber zu Beginn des 20. Jhs.

    So schreibt Ferdinand de Saussure bereits 1916:

    Der konkrete Gegenstand unserer Wissenschaft ist also das im Gehirn eines jeden einzelnenniedergelegte soziale Produkt, d.h. die Sprache (27f).

    Das Neue in den Forschungsanstzen ist seit einigen Jahrzehnten in der Lingui-stik vielmehr die Mglichkeit, Perspektiven, Hypothesen, Theorien u... darberentwickeln zu knnen, wie sich gesellschaftliche Wirklichkeit in konkreten sprachli-chen uerungen von Individuen manifestiert und wie sprachliche uerungenwiederum menschliches Verhalten beeinflussen.

    Der Sprachsoziologe Joshua Fishman geht davon aus, dass diese Betrachtungs-weise in den letzten Jahrzehnten zu einer neuen Teildisziplin innerhalb der Lingui-sitk gefhrt habe. Er bezeichnet sie, wie den Titel seines 1975 in deutscher Spracheerschienenen Buches, als "Soziologie der Sprache".

    Fishman versucht auch die Frage zu beantworten, wie es kommt, dass sich in-nerhalb der Sprachwissenschaft erst so spt eine solche Disziplin entwickeln konn-te. Er sieht den Grund in unterschiedlichen Zielsetzungen zwischen Linguistik undSoziologie. Linguistik habe sich vorwiegend den regelmigen, vorhersagbaren Er-scheinungen sprachlichen Verhaltens zugewandt und wenig Interesse an variablenPhnomenen gezeigt. Die Soziologie habe es dagegen immer vorwiegend gerade mitden vernderbaren, spontan auftretenden, selteneren Vorkommnissen zwischen-

    Ursula Weber: Sprache und Gesellschaft 5

  • menschlichen Verhaltens zu tun gehabt.Mir scheint dagegen der Grund nicht so sehr in unterschiedlichen Intentionen der

    beiden Disziplinen zu liegen, als vielmehr in der Vernachlssigung des Aspekts,dass Sprache nicht losgelst von Bedingungen und Intentionen allgemeinmensch-li-chen Verhaltens gesehen werden darf.

    Es handelt sich daher bei dem Thema dieser Vorlesung nicht um einen Problem-bereich, in dem es vorwiegend um Sprache als Erscheinung an sich, um Sprache alsSystem etwa im Sinne Saussures geht, sondern es handelt sich um eine Betrachtungder Wechselbeziehung zwischen sprachlichem Handeln und gesellschaftlicherWirklichkeit. Und zwar geht es um die Frage, welche vorlufigen Aussagen berdiese Wechselbeziehung gemacht werden knnen und auch darum, welche For-schungsanstze bisher bekannt geworden sind, die uns diese Beziehung zwischensprachlichem Handeln und sozialer Wirklichkeit aufzeigen.

    6 Ursula Weber: Sprache und Gesellschaft

  • I. Sprache als Funktion sozialen Handelnsund als Medium der Widerspiegelungsoziokultureller Systeme:

    Hier geht es zunchst um die Darstellung der Abhngigkeit sprachlicher Erschei-nungen von den konomischen Bedingungen einer Gesellschaft einerseits und vonden sich daraus ergebenden Interaktionsnetzwerken menschlicher Kommunikationandererseits. Bei der Behandlung dieser Frage ist es notwendig, zu klren, was manunter dem Begriff "Gesellschaft" zu verstehen hat und wie in diesem Zusammen-hang "Sprache" zu definieren ist. Damit einhergehend erweist sich die Erluterungeiniger termini technici als notwendig, die in der Ausein-andersetzung mit dieserProblematik in der Fachliteratur blich sind und die fr das allgemeine Verstndnisvorausgesetzt werden mssen.

    Zunchst mssen wir davon ausgehen, dass es so etwas wie "die" Sprache oder"die" Gesellschaft nicht gibt. Sondern es gibt ganz bestimmte Formationen von Ge-sellschaften, d.h. es gibt verschiedene soziale Gruppen, genau so wie es verschie-dene Einzelsprachen und innerhalb der Einzelsprachen verschiedene Varietten gibt.

    Grere soziale Gruppen, welche unter hnlichen konomischen und politischenBedingungen existieren und zugleich eine gemeinsame Sprache sprechen, knnen indiesem Zusammenhang als "Sprachgemeinschaft" bezeichnet werden.Wie lsst sich nun eine solche Sprachgemeinschaft beschreiben?. Der Sprachsozio-loge J.Gumperz definiert in: "Die Konzeptionen der linguistischen Gemeinschaf-ten" den Begriff "Sprachgemeinschaft" ebenso wie den Begriff "Sprachbereich" als:

    eine soziale Gruppe, die entweder monolingual oder multilingual sein kann, durch die Hufig-keit sozialer Interaktionsmuster zusammengehalten wird und durch schwache Kommunikati-onsverbindungen von den umgebenden Bereichen abgegrenzt ist. (322)

    Entscheidend fr die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft ist demnach die ge-meinsame soziale Umgebung und nicht etwa die Verwendung einer Einzelsprache.Gumperz erlutert dies am Beispiel des Englischen:

    Wir stellen uns das Englische als ein Ganzes vor, obgleich ein typischer Korpus Texte umfas-sen kann aus dem lndlichen England, aus Stdten der Vereinigten Staaten, aus Australien odersogar aus frheren Kolonialgebieten in Asien oder Afrika stammend. (318)

    Eine Sprachgemeinschaft beschreiben heit also zugleich die Art der Sprachver-teilung von Einzelsprachen, Varietten und Codes eines bestimmten sozialen undgeographischen Raumes darstellen (Auf die Begriffe "Variett", "Code" u.a. werdeich spter noch eingehen). Und zwar werden bei der Beschreibung solcher Sprach-gemeinschaften auersprachliche Kriterien verwendet, z.B. Markt- und Verkehrs-

    Ursula Weber: Sprache und Gesellschaft 7

  • strukturen, die Verbreitung von Gegenstnden der materiellen Kultur (wie Material,Werkzeug, Maschinen) sowie Gebrauchsgut verschiedenster Art und die Produkti-onsbedingungen desselben. Vor allem aber ist das in einer Kulturgemeinschaft zubeobachtende Rollenverhalten der Individuen gleicher Interaktionsnetzwerke ent-scheidend. Daraus ergibt sich eine weitgehende bereinstimmung zwischen denBegriffen "Sprachgemeinschaft", "Kulturregion" und "Gesellschaft"; demnach be-zieht sich der Begriff "Gesellschaft" auf eine nher zu charakterisierende bestimmtesoziale Gruppe. Die bereinstimmung der Begriffe "Sprachgemeinschaft" und"Gesellschaft" enthlt die Annahme, dass Sprache und soziales Han-deln und um-gekehrt sprachliches Handeln und soziale Wirklichkeit einander bedingen.

    Kriterien, die dazu fhren, dass sich Individuen zu einer sozialen Gruppe, zueinem Gesellschaftstyp und damit zu einer Sprachgemeinschaft zusammenschlie-en, wurden bereits genannt. Ich fasse die wesentlichen Punkte zusammen: es wa-ren die Markt- und Verkehrsstrukturen, die Verbreitung der Gebrauchsgter, dieProduktionsbedingungen derselben und das Rollenverhalten der Individuen.

    Nunmehr msste festgestellt werden, welche Unterscheidungsmerkmale denkbarsind, die den einen Gesellschaftstyp gegen einen anderen abgrenzen. D.h., wir be-ntigen Kriterien dafr, wie eine Gesellschaftsstruktur grundstzlich beschaffensein kann, um im einzelnen darzustellen, wie diese oder jene Gesellschaft struktu-riert ist. Gumperz geht von 4 Unterscheidungsmerkmalen aus:

    1. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal besteht in den Rollen und den damitverbundenen Handlungsformen, die den einzelnen Individuen einer sozialenGruppe zugewiesen sind. Da gibt es zum Beispiel die Rolle der Mutter; dieserRolle zugeordnet sind alle Handlungsformen, die im Dienste der physischenund psychischen Bedrfnisbefriedigung eines Kindes wirksam werden kn-nen.

    2. Ein zweites Unterscheidungsmerkmal wre dann die Art der Verbindung undMobilitt solcher Rollen. Bleiben wir bei dem Beispiel der Mutterrolle, um dieszu erlutern, so ist es denkbar, dass die Mutter zwar alle oben genannten Hand-lungsformen zugewiesen bekommt, darber hinaus aber Handlungsformenbernimmt, die mit ihrer Mutterrolle als solcher nicht unbedingt in Beziehungstehen. Dieser Fall tritt ein, wenn etwa die Mutter berufsttig ist und neben derMutterrolle z.B. die Rolle der Lehrerin oder der rztin bernimmt und damitauch Handlungsformen zugewiesen bekommt, die diesen Rollen gem sind.Dies zu der Art der Rollenverbindung. Und nun noch ein Zitat von Gumperz,das uns die mgliche Mobilitt von Rollen aufzeigt:

    Im lndlichen Indien ist die Rolle des religisen Priesters eng mit der des Sozialreformers ver-knpft, whrend wir die beiden in der amerikanischen Gesellschaft als gnzlich getrennt be-trachten wrden. (324)

    Dieses Beispiel weist darauf hin, dass in den einzelnen sozialen Gruppen bzw.in den verschiedenen Gesellschaftstypen Verbindung und Mobilitt von

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