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    2. Zur Auffassung von ffentlichkeit bei Jrgen Habermas

    Jrgen Habermas beschreibt in seinem Frhwerk Strukturwandel der ffentlichkeit,

    ausgehend von einer analytischen Zusammenfhrung historischer, soziologischer und

    philosophischer Elemente, den Entwicklungsprozess der modernen ffentlichkeit ihre

    Entstehung mit dem Auftauchen eines rsonierenden Publikums von Privatleuten im 17.

    Jahrhundert, ihre selbstbewusste Konsolidierung in den Epochen der Aufklrung und des

    klassischen Liberalismus sowie letztlich ihren Verfall gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Seine

    Diagnose des Verfalls der ffentlichkeit war noch von Horkheimer und Adorno beeinflusst,

    aus deren Perspektive die der Produktion eigene Rationalitt die kulturellen Rume absorbiert

    habe, in denen kritisches Rsonnement mglich war. Anhand des Konzepts der ffentlichkeit

    erarbeitete Habermas eine Analyse der modernen Gesellschaft, in der er die Beziehungen

    zwischen der wirtschaftlichen Grundlage, den politischen Formen und den kulturellen

    Phnomenen des berbaus problematisierte, ohne jedoch damals dem Pessimismus seiner

    kritischen Vorgnger entfliehen zu knnen. Erst spter, mit der Unterscheidung zweier

    sozialer Sphren, von denen eine nach den Imperativen einer instrumentellen Vernunft agiert

    und die andere eingebunden in die Normativitt einer kommunikativen Vernunft, konnte

    Habermas wieder eine Verbindung zum modernen Projekt einer rationalen Konstituierung der

    Gesellschaft knpfen. Unter der Annahme, dass Sprechen ein auf Verstndigung

    ausgerichteter Handlungstyp ist, erscheint die ffentlichkeit als Kommunikationsraum, in

    dem sich die sprechenden Individuen nur noch unter den Bedingungen von Gleichheit und

    Symmetrie treffen knnen, um Geltungsansprche zu formulieren, die offen kritisiert werden

    knnen.

    2.1 Strukturwandel der ffentlichkeit

    In Strukturwandel der ffentlichkeit beschreibt Habermas den Prozess der Herausbildung der

    modernen ffentlichkeit, indem er einen Idealtyp entwirft, der die Identifizierung von

    Gemeinsamkeiten in den unterschiedlichen Erscheinungsformen einer Sozialstruktur

    ermglicht, die in einigen westeuropischen Nationen im 18. und 19. Jahrhundert entstanden

    war. Diese Struktur hat ihren normativen Ursprung in dem Gegensatz zwischen einem

    ffentlichen Raum, der dem Handeln und dem Sprechen vorbehalten ist, und einer

    Privatsphre fr die Organisation der materiellen Reproduktion. Von dem Moment an, wo

  • 38

    dieser Gegensatz im Mittelalter verschwindet, ist der ffentliche Raum nicht lnger Sphre

    der politischen Kommunikation, sondern strmt eher eine Aura feudaler Autoritt70 aus, die

    die Wrde und Hierarchie eines sozialen Status anzeigt. Die ffentlichkeit hat im Mittelalter

    eher reprsentativen Charakter und steht nur dem Adel zu, als Vertreter von Autoritt und

    Verkrperung einer hheren Macht, die sich durch Zeremonien, Verhaltenskodizes, Insignien,

    Habitus, Gesten und rhetorische Formen darstellt und so fr die Untertanen sichtbar wird. Die

    Handlungen dieser ffentlichen Reprsentation erlangen nicht durch die Funktion des

    Handelnden aufgrund seiner Amtsstellung ihre Bedeutung, sondern sind direkt mit der

    ausfhrenden Person, die einen Status verkrpert, verbunden. Mit der Verlagerung des

    adligen Lebens an den Hof und dem Auftauchen von Amtstrgern mit spezifischen

    Verwaltungskompetenzen schwindet diese reprsentative ffentlichkeit seit dem 15.

    Jahrhundert: die ffentlichkeit stellt sich nun als staatliche Sphre dar, deren sichtbare Pfeiler

    die Verwaltung und das Heer sind; und gegenber dieser Sphre erscheinen die Untertanen als

    Publikum im Sinne von Adressaten der ffentlichen Gewalt.

    Ein zentrales Moment in der von Habermas beschriebenen Entwicklung bildet das Auftauchen

    einer literarischen ffentlichen Sphre, deren Konsolidierung sowohl mit wirtschaftlichen

    und kulturellen Vernderungen zusammenhngt, in Folge derer die familire Sphre von ihren

    produktiven Funktionen abgekoppelt und zum Hort der Intimitt und der Subjektivitt wird,

    als auch mit der technischen Entwicklung und der Verbreitung gedruckter

    Kommunikationsmedien. Bis Ende des 16. Jahrhunderts informierten von den Behrden

    reglementierte Zeitschriften, Manuskripte und Rundschreiben eine begrenzte Zahl von Lesern

    aus den gebildeten Stnden ber administrative, gewerbliche und politische Ereignisse. Die

    Verbreitung der Druckpresse verndert dieses Panorama: durch das Auftauchen von

    gedruckten Zeitungen mit diversem Inhalt und weiter Verbreitung werden die Nachrichten,

    die anfangs dem Handel von Waren dienten, selbst zu einer Ware fr eine grere Anzahl von

    Lesern. Nach der Mitte des 17. Jahrhunderts kommt dieses entstehende Publikum von

    Privatleuten in Kaffeehusern, Salons, Clubs und Lesezirkeln zusammen und rsoniert und

    diskutiert ber alles, was lesbar ist, sei es nun im Privaten oder laut vor Publikum: moralische

    Wochenschriften, Wrterbcher, Enzyklopdien und Romane sowie Briefe und Tagebcher,

    die gewhnlich schon im Moment ihrer Niederschrift fr die Publikation angelegt wurden.

    Diese Formen der entstehenden Belletristik verbreiten neue psychologische Erfahrungen aus

    dem Schoe der Familien und werden Fenster zur Betrachtung des Intimen; durch sie werden

    70

    Habermas (1990: 62ff.).

  • 39

    die Umrisse einer Subjektivitt immer sichtbarer, die mit dem Idealbild der Menschheit

    gleichgesetzt wird.

    Cafs und Salons sind die Institutionen dieser ffentlichkeit, wo Literatur, Musik und Kunst

    bisher klerikalen und hfischen Minderheiten vorbehaltene Kulturgter verweltlicht und

    Gegenstand permanenter Diskussion werden. Diese Lokale sind Schauplatz einer neuen Form

    sozialer Interaktion, die erstens geprgt ist von der Konversation zwischen Privatpersonen,

    die sich als ebenbrtig ansehen (eine Ebenbrtigkeit, die nur auerhalb des Staates vorstellbar

    ist): hier findet also ein sozialer Umgang ohne Statusunterschiede statt, bei dem die

    Rangzeremonien der Ebenbrtigkeit und Paritt weichen, ber die sich anstelle von sozialen

    Hierarchien nur die Autoritt der Argumente erhebt. Zweitens kann hier jedes beliebige

    Thema errtert werden, anfangs literarische und knstlerische Themen, spter auch

    gesellschaftliche und politische; und in den sich um diese Themen rankenden Diskussionen

    wird nach rationaler Verstndigung gesucht. Drittens gibt es fr das beteiligte Publikum im

    Grunde genommen keine Einschrnkungen: die Anwesenden verstehen sich als Teil des

    allgemeinen Publikums, dem im Prinzip jedermann angehren kann, so dass sie das Gefhl

    haben, ihre Interessen - private Autonomie, Freiheit, Bildung und die Verwirklichung der in

    der Intimitt der Kleinfamilie kultivierten Ideale von Liebe - seien identisch mit den geistigen

    Interessen der gesamten Menschheit, des homme im Allgemeinen: Die diskutablen Fragen

    werden allgemein nicht nur im Sinne ihrer Bedeutsamkeit, sondern auch der Zugnglichkeit:

    alle mssen dazugehren knnen.71

    Das spezifisch politische Moment der habermasschen Beschreibung der Entwicklung der

    ffentlichkeit entsteht, wenn das im ffentlichen Gebrauch der Vernunft gebte Publikum ein

    Selbstbewusstsein erlangt, das es dazu bringt, seine diskursiven Fhigkeiten auch auerhalb

    des rein sthetischen einzusetzen und seine Kritik auf die Strukturen der gesellschaftlichen

    Organisation zu richten, indem es vom Staat Anerkennung als legitimer Trger einer

    ffentlichen Meinung sowie Teilhabe an der Einrichtung der rechtlichen und politischen

    Ordnung einfordert. Dieser Prozess, erklrt Habermas, in dem die obrigkeitlich

    reglementierte ffentlichkeit vom Publikum der rsonierenden Privatleute angeeignet und als

    eine Sphre der Kritik an der ffentlichen Gewalt etabliert wird, vollzieht sich als

    Umfunktionierung der Einrichtungen und Diskussionsplattformen der literarischen

    ffentlichkeit:

    71

    Habermas (1990: 98).

  • 40

    Durch diese vermittelt, geht der Erfahrungszusammenhang der publikumsbezogenen Privatheit

    auch in die politische ffentlichkeit ein. Die Vertretung der Interessen einer privatisierten

    Sphre der Verkehrswirtschaft wird mit Hilfe von Ideen interpretiert, die auf dem Boden

    kleinfamilirer Identitt gewachsen sind. Humanitt hat hier ihren genuinen Ort und nicht []

    in der ffentlichkeit selbst. 72

    Unter Abkopplung von produktiven Funktionen etabliert sich, als eine Art Selbstzweck, die

    Thematisierung von subjektiven Gefhlsstimmungen sowie von Erfahrungen aus der Intimitt

    des Familienlebens. Dadurch wird der Boden bereitet fr die Wahrnehmung einer auf

    Privateigentum basierenden Subjektivitt. Der Brger als homme weicht dem Brger als

    bourgeois, der nun, als Eigentmer, nach Autonomie bei der Regulierung seiner Privatsphre

    trachtet:

    Sobald sich die Privatleute nicht nur qua Menschen ber ihre Subjektivitt verstndigen,

    sondern qua Eigentmer die ffentliche Gewalt in ihrem gemeinsamen Interesse bestimmen

    mchten, dient die Humanitt der literarischen ffentlichkeit der Effektivitt der politischen

    zur Vermittlung. Die entfaltete brgerliche ffentlichkeit beruht auf der fiktiven Identitt der

    zum Publikum versammelten Privatleute in ihren beiden Rollen als Eigentmer und als

    Menschen schlechthin.73

    Das politische Pub

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