1982 Dresden - Aufruf zum 13. Februar 1982

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Staatskritische Friedensbewegung im Staate des Friedens - Der Dresdner Aufruf zum 13. Februar 1982. + 5. Januar 1982, Ministerium fuer Staatssicherheit der DDR, Bezirksverwaltung Dresden, an Genossen Hans Modrow (Sekretaer der Bezirksleitung der SED): Information ueber die Durchfuehrung einer geplanten Gedenkveranstaltung am 13. 2. 1982 an der Ruine der Frauenkirche in Dresden (AKG PI 2/ 82). [8 Seiten aus dem BStU-Archiv der Aussenstelle Dresden] + Kolumne von Heinz Eggert in der Dresdner Morgenpost 2012.

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<p>O L I V E R K L O S S [+49 (0)157 75 72 34 64]</p> <p>Der Dresdner Aufruf zum 13. Februar 1982In: Forum Politikunterricht, Heft 1 (2013). Hrsg. von der Deutschen Vereinigung fr Politische Bildung Landesverband Bayern, ISSN 0941-5874, S. 41 f.</p> <p>Der Aufruf zum 13. Februar 1982 wurde von drei Jugendlichen, Annett Ebischbach, Torsten Schenk und Oliver Klo, in Dresden verfasst. Nach dem Vorbilde des erfolgreichen Kettenbriefes zum Sozialen Friedensdienst (SoFd) von Christoph Wonneberger wurde der Aufruf ebenfalls als Kettenbrief verbreitet. Das heit, er wurde mit der Aufforderung versehen, er mge abgeschrieben und weiter gegeben werden. Elke Schanz, eine beraus mutige Auszubildende in der Dresdner Zeitungsdruckerei, druckte das Flugblatt sogar illegal in den Pausen auf brige Papier-Rollen. Schnell fand sich ein Kreis von Jugendlichen, zuerst Niels Reifenstein, Jan Schmidt, Mac Scholz und Ulrike Stephan. Sie verbreiteten den Text in verschiedenen Stdten im Sden der einstigen DDR bis Berlin. Im November und Dezember kamen weitere Jugendliche hinzu und beteiligten sich an der Verbreitung des Aufrufes: Annett Eiselt, Thomas Just, Daniel Ludewig, Susanne und Eckehard Mller, Katrin Maria Rtze, Michael Schmidt, Tobias Schmidt und andere besonders aus der Szene um die Dresdner Mokkastube am Altmarkt und aus der Dresdner Neustadt. Mit ca. 5.000 Besuchern allein zum Friedensforum in der Kreuzkirche fhrte der Aufruf trotz der Kontrolle der Zufahrtsstraen und der Bahnhfe Dresdens zur grten Veranstaltung der staatskritischen Friedensbewegung in der DDR. An der Spitze des staats-offiziellen Propaganda-Friedenskampfes marschierte dereinst die SED-Fhrung und forderte die Abrstung im Westen. In der staatlichen Propaganda korrespondierte Ende der 70er/ Anfang der 80er Jahre die Polemik gegen die NATO der Irenik bezglich der progressiven Friedensbewegung in Westeuropa. Derweil sank sogar in den Reihen der SED-Genossen angesichts zunehmend deutlicher Militarisierung der DDR-ffentlichkeit (Wehrerziehung in den Schulen, paramilitrische GST etc.) die Glaubensbereitschaft an das Ideologem von der vermeintlich wesensmigen Friedfertigkeit des Sozialismus. Als in Polen 1981 die Miliz unter Kriegsrecht auf Streikende geschossen hatte, regierte danach Jaruzelski, ein General mit Sonnenbrille. Ein Bild, wie es Jugendliche in der DDR bislang nur mit dem chilenischen Faschismus unter General Augusto Pinochet zu assoziieren gewohnt waren.</p> <p>Bei vielen und besonders bei Jugendlichen wuchs die Einsicht, die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarno habe zumindest erreicht, dass dem Sozialismus die Maske vom Gesicht des Staatsterrors gefallen sei, sobald die vermeintlich herrschende Klasse im Arbeiter-Staate sich unabhngig zu organisieren begonnen und angesichts des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus den grundstrzenden Vorwurf der Ausbeutung durch Ineffizienz an den Sozialismus sich zu erheben erkhnt hatte. Die Initiativgruppe des</p> <p>Aufrufes zum 13. Februar 1982 unternahm ein</p> <p>ordnungspolitisches Experiment mit dem Staate, das ihn vor ein Legitimationsproblem stellen sollte. Angesichts des in der Verfassung verbrgten, aber faktisch nicht vorhandenen Rechtes der Versammlungsfreiheit war der Aufruf zur Versammlung eine klare Provokation. Der schwer diffamierbare und zugleich massenwirksame Inhalt Frieden hingegen erschwerte offenen staatlichen Gewalt-Einsatz. Kurz: Die Initiativgruppe betrieb bewusst die Subversion des offiziellen Feindbildes und stellte auf diese Weise die Staatsideologie selbst in Frage. Wenngleich die Intention letztlich weitgehend und angesichts des</p> <p>Verfolgungsdrucks auch mit berwiegender Zustimmung der Initiatoren von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens integriert und von der Frauenkirche in die Kreuzkirche kanalisiert worden war, wuchs in der DDR sowohl in der Kirche wie in deren Umfeld eine staatskritische Friedensbewegung heran, deren Akteure sie spter in eine Brger- und Menschenrechtsbewegung auszuweiten vermochten. Annett Ebischbach begrndete spter in Dresden die Gruppe Wolfspelz. Oliver Klo gehrte in Leipzig 1986 zu den Mitbegrndern der Arbeitsgruppe Menschenrechte, einer der subversiven Gruppen, die auf Massendemonstrationen hingewirkt und den</p> <p>Appell zum 9. Oktober 1989</p> <p>mit verfasst haben. Fr die Herausbildung des</p> <p>organisierten Widerstandes gegen den Staatssozialismus war der Aufruf zur illegalen Versammlung an der Frauenkirche zum 13. Februar 1982 in Dresden als massenwirksames Experiment ein wichtiger Schritt. Erst mit der gelungenen Massendemonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig war die Befreiung vom Staatssozialismus unumkehrbar vollbracht.</p> <p>Staatskritische Friedensbewegung im Staate des FriedensIm Mitteldeutschen Rundfunk wurde drei Jahrzehnte danach im Jahre 2012 ein Beitrag zum Geschehen von 1981/ 82 mit Annett Ebischbach (alias Johanna, verehelichte Kalex), Elke Schanz und Oliver Klo gesendet: Jugendopposition sorgte 1982 fr Aufruhr in Dresden</p> <p>http://www.mdr.de/geschichte-mitteldeutschlands/magazin/video81406.html</p> <p>Dresdner Morgenpost vom 19. Februar 2012 Kolumne von Heinz Eggert, Staatsminister a. D. Wie es begannSelbst in den Oybiner Bergen habe ich mich darber gefreut wie friedlich der 13. Februar in Dresden verlaufen ist. Dabei konnte ich die vielen ideologisierenden Diskussionen, zwischen denen angemessene Trauer und schon erfolgte Vershnung zerrieben wurde, nicht mehr hren. Erfrischend dagegen war mein Gesprch mit Oliver Klo. Zu Unrecht unbekannt, denn zusammen mit Annett Ebischbach und Torsten Schenk hat er 1981 den Aufruf zum 13. Februar 1982 verfasst. Damals waren sie zwischen 17 und 20 Jahre alt. Sie luden in dem Aufruf zu einer kleinen Gedenkfeier an die Ruine der Frauenkirche ein, wo in Ruhe und mit Singen Blumen und brennende Kerzen beim Luten der Glocken um 22 Uhr niedergelegt werden sollten. Sie wollten zum Nachdenken ber den Frieden anregen. Anregen in einer Zeit, in der in Polen eine Arbeiterregierung auf Arbeiter schieen lie und in der die zunehmende Militarisierung der DDR-ffentlichkeit und die Zementierung des offiziellen Feindbildes nicht mehr mit der wesensmigen Friedfertigkeit des Sozialismus bereinstimmten. So mancher Schler, dem in dieser Zeit sein auf dem Anorak genhtes Abzeichen Schwerter zu Pflugscharen in der Schule herausgeschnitten wurde, kann darber Geschichten erzhlen. Was sie wollten, war also klar: Um des Friedens willen die Staatsideologie selbst in Frage stellen. Aber wie verbreitet man einen solchen Aufruf, wenn es Facebook noch nicht gab und in der DDR fr alles eine staatliche Druckgenehmigung notwendig war? Hilfe kam von Elke Schanz, Lehrling in der Dresdner Zeitungsdruckerei, die das Flugblatt illegal in den Pausen druckte. Dann fanden sich genug Sympathisanten, die es mit der Schreibmaschine weiter vervielfltigten und bis nach Berlin hin verteilten. Natrlich brachten sich alle damit in Gefahr. Das war klar, als die Staatssicherheit erst einmal den kleinen, aber harten Kern zufhrte und stundenlang verhrte. Die vorgeworfene Rdelsfhrerschaft konnte mit 8 Jahren Haft bestraft werden. Nur und das machte auch die Genossen nachdenklich der Aufruf war schon zu bekannt geworden und die feindliche Westpresse wusste auch davon. Wie geht man vor der Weltffentlichkeit mit Jugendlichen um, die ber den Frieden sprechen wollen? Besonders, wenn man selbst mit bis zu 20.000 Teilnehmern rechnete. Also sprach Modrow mit dem Bischof und die Kirche ffnete schtzend fr alle die Kreuzkirche fr den 13. Februar 1982 zum Friedensforum. Polizeilich gut kontrolliert kamen fast 6000 Jugendliche zur grten Veranstaltung der staatskritischen Friedensbewegung in der DDR. Das war der Anfang! Allerdings htte die Fantasie aller damals nicht ausgereicht, sich vorzustellen, dass 30 Jahre spter der Jenaer Pfarrer Knig im Talar und mit Totenkopfmtze die Teilnehmer der Trauerkundgebung zum 13. Februar provokativ verhhnt und die Kirchenleitungen dazu schweigen. Da waren wir im Nachdenken ber Frieden und Vershnung Dank des Einsatzes dieser jungen Menschen 1982 schon weiter. Oder?</p>