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  • ErErgonomiegonomiea k t u e l l

    ISSN 1616-7627 Herbst 2004 Ausgabe 005

    ErgonomieL e h r s t u h l f r E r g o n o m i e Boltzmannstr. 15 85747 Garching Tel. 089 - 289-15388 Fax 089 - 289-15389 Internet: www.ergonomie.tum.de

    EEDDIITTOORR IIAALL

    Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Leserinnen und Leser, liebe Freunde der Ergonomie,

    nach den Aufregungen unserer 111-er Jahres-feier im letzten Jahr ist nun wieder Normalitteingetreten. In der 5. Ausgabe unserer Lehr-stuhlzeitung mchten wir Ihnen einen Einblick inunsere Ttigkeiten im Umfeld ergonomischerPrf- und Bewertungsverfahren vermitteln. Diese beziehen sich auf Erfahrungen vor Ort inBetrieben, in welchen wir die Mglichkeit hatten,die ergonomische Gestaltung von Arbeitspltzenzu untersuchen und Verbesserungsvorschlge zumachen. Sie kommt aber auch in unserem Auf-wand fr die Normung und Standardisierungergonomischer Forderungen zum Ausdruck.Nicht zuletzt versuchen wir schon seit mehr als10 Jahren durch die Entwicklung von Gestal-tungs- und Bewertungswerkzeugen die Akzep-tanz und die Verwirklichung von ergonomischenForderungen zu verbessern.

    Die Zusammenarbeit mit der Industrie und damitdie Chance ergonomisches Gedankengut auchwirklich so zu realisieren, dass es im Alltag An-wendung findet, hat sich im vergangen Jahrebenfalls sehr positiv entwickelt: So konnten wirfr einen Leitfaden der Software-Ergonomie desVDMA, unser Know-how einbringen und damitwesentlich den Tenor dieses Leitfadens bestim-men. Dieser Leitfaden wurde kurz vor Redak-tionsschluss dieser Zeitung publiziert. In einemKooperationsprojekt zusammen mit BMW sindunter meiner Leitung drei weitere Lehrsthle derTUM, einer der LMU und einer der UniversittRegensburg zusammen geschlossen, um miteinem in die weitere Zukunft gerichteten Blick dieinformatorische Belastung des Autofahrers unterdem Aspekt des Komforts und der Sicherheit zuoptimieren.

    Auch in der von der Firma Audi getragenenAuenstelle INI.TUM der Technischen Universittist der Lehrstuhl fr Ergonomie mit zwei Projek-ten vertreten, welche die Nutzungshufigkeitenund die Akzeptanz von Systemkomponenten inmodernen Automobilen zum Gegenstand haben. Ein weiteres vom BMBF gefrdertes Projekt mitBosch und DaimlerChrysler befasst sich ebenfallsmit der Akzeptanz und der ergonomischenGestaltung von einer neuen die Sicherheitbeeinflussenden Informationsaufbereitung.

    Es mag nun der Eindruck entstehen, dass dieseProjekte alle den gleichen Gegenstand zur For-schung haben. Tatschlich ist aber die Art der imFahrzeug zu bewltigenden Informationen sovielfltig und teilweise auch andersartig, dass eszwischen diesen Forschungsarbeiten praktischzu keinen berschneidungen kommt.

    In der Zusammenschau all dieser Projekte aller-dings sowie der ohnedies am Lehrstuhl laufendenArbeiten, aber auch der Ergebnisse externerDissertationen wird sich unser Bild vom in techni-schen Systemen Information verarbeitendenMenschen immer mehr konkretisieren.

    Ich hoffe, dass wir dadurch dem Ziel eines auto-nomen Menschmodells immer nher kommen,mit dem man schon im CAD in der Definitions-und Konzeptphase eines Produktes oder einerProduktionsanlage quasi virtuelle Experimentemachen kann und durch Vernderung derBedingungen schon lange vor der Existenz einesbegreifbaren Prototypen deren Wirkung auf dieLeistung und das Wohlbefinden des spterenNutzers vorhersagen kann. Damit wre einwesentlicher Beitrag zu dem Schritt von der sog.korrektiven Ergonomie, die bislang immer nochdie beherrschende Praxis darstellt, zur prospekti-ven Ergonomie getan, der die Ergonomie in eineReihe mit den anderen anerkannten technischenDisziplinen stellen wrde, die ihr Gewicht geradedurch die sichere Vorausberechnung vonEigenschaften eines technischen Produkteshaben.

    Ich wnsche Ihnen Spa bei der Lektre dieserZeitung und hoffe, dass Sie den einen oder ande-ren Gedanken herauspicken knnen, der Ihnen inIhrem beruflichen Alltag ntzlich sein kann.

    Prof. Dr. Heiner BubbOrdinarius

    Schwerpunkt: Ergonomische Prf- undBewertungsverfahren

    Ergonomische Gestaltung von Produktionsarbeits-pltzen- nur eine Frage der Unternehmenskultur?Heinzpeter Rhmann

    Europische Anstze zur Bewertung von Arbeitspltzenund Produkten- genial oder schitzophren? Peter Schfer

    Bewertungsverfahren im Gestrpp der europischen(CEN) und der internationalen (ISO) Ergonomie -neue Anstze aus der Mnchner Werkstatt Peter Schfer

    Was bringt die Modellierung des Menschen? Thomas Seitz

    Mit welchen Bewertungsverfahren ist der Sitzkomfortim Auto zu ermitteln? Christian Mergl

    Prfung und Bewertung im Gestaltungsprozess leichtgemacht durch EKIDES Iwona Jastrzebska-Fraczek

    Kommunikation als Bewertung von Ergonomie-Wissenschaft verstndlich? Stephan Hummel

    Die Qualitt der Lehrerbildung kommt nicht von alleine- Evaluation der Lehrer-Fort- und -WeiterbildungHerbert Rausch

    Evaluation von Software am Bespiel einer eLearning-Anwendung Rolf Zllner

    Wie gut entspricht eine eLearning-Anwendung ergono-mischen Kriterien? Die Checklisten zur Produktanalyse inEKIDES Rolf Zllner

    Ergonomie kommunizieren, ergonomisch kommunizieren! Rolf Zllner & Werner Zopf

    Das neue Raumgefhl am LfE eine Verwandlungs-Geschichte Martin Haberzettl

    Verffentlichungen

    Vermischtes aus dem Lehrstuhl / PersonaliaPromotionen, neue Mitarbeiter, Verabschiedungen, Gste,Ehrungen, Nachruf Prof. Dr. med. Dr.-Ing. W. Diebschlag

    Layout1.qxd 17.12.2004 09:39 Seite 1

  • Ergonomische Bewertung und Gestaltung von Produktionsarbeits-pltzen- nur eine Frage der Unternehmenskultur?

    Heinzpeter Rhmann

    "Wir wollen keine roten Arbeitspltze" war der Tenor eines Roundtable-Gesprchs,das im Anschluss an eine Lehrstuhlfhrung fr Betriebsrzte der BMW AG am 22.September 2003 stattfand. Und einer unserer Gste fgte hinzu: "Das ist fester Be-standteil unserer Unternehmenskultur". "Rote Arbeitspltze" sind nach der bei derBMW Group eingefhrten ABA-Methode Arbeitspltze, die aus ergonomischer Sichtals unzulssig zu bewerten sind, fr den Mitarbeiter ein erhhtes Verletzungs- und/oder Erkrankungsrisiko bedeuten und nderungsmanahmen dringend erforderlichmachen.Die Anforderungs- und Belastbarkeits-Analyse (ABA) wurde im Rahmen des vomBundesministerium fr Forschung und Technologie gefrderten Vorhabens "Humani-sierung der Arbeitswelt" bei der BMW AG entwickelt und wird heute flchendeckendin allen Werken eingesetzt. Die ABA-Methode besteht aus zwei Teilen: Mit ABA-Techwerden vorhandene oder zu planende Produktionsarbeitspltze ergonomisch bewer-tet, whrend ABA-Med die standardisierte Bewertung rztlicher Atteste von Mitarbei-tern mit Leistungseinschrnkungen ermglicht, um fr Leistungsgewandelte einenadquaten Arbeitsplatz zu finden.

    Mit 19 Merkmalen wie z. B. Heben und Tragen, Arbeiten ber Schulterhhe, Beweg-lichkeit des Rumpfes und des Hftgelenkes, Lrm, Beleuchtung usw. wird der Ar-beitsplatz in seiner Anforderungsstruktur beschrieben. Eine Bewertung der Anforde-rungshhe (Hhe der Belastung in Kombination mit der Dauer der Belastung) erfolgtber ein Ampel-System mit den Abstufungen: grngrn (vernachlssigbares Risiko, keineManahmen) - gelbgelb (geringes Risiko, baldige Manahmen erforderlich) - rotrot (hohesRisiko, Manahmen dringend erforderlich).Ergonomische Prfverfahren mit Bewertungen in Form von Ampelsystemen sind weitverbreitet, z.B. die OWAS-Methode (Ovako Working Posture Analysing System) zurBewertung der bei der Arbeit eingenommenen Krperhaltungen oder das an unse-rem Lehrstuhl entwickelte Ergonomische Datenbanksystem mit Rechner gesttztemPrfverfahren EKIDES (Ergonomics Knowledge and Intelligent Design System) undallgemein akzeptiert, weil sie das Bewertungsergebnis in einem plausiblen Code dar-stellen.

    MotiveDie Motive fr die Einrichtung ergonomisch gnstig gestalteter Produktionsarbeits-pltze bzw. fr die ergonomische Bewertung vorhandener Arbeitspltze sind vielfltig.

    Rechtliche Aspekte: Anfang der 70er Jahre sind in Deutschland Gesetze undVerordnungen erlassen worden, die dem Arbeitgeber die Bercksichtigung der "gesi-cherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse" bei der Gestaltung menschlicherArbeit zwingend vorschreiben. Von Bedeutung sind hier das Betriebsverfassungsge-setz (BetrVG), die Arbeitsstttenverordnung (ArbStttV), die Gefahrstoffverordnung(GefStoffV) und das Gesetz ber Betriebsrzte, Sicherheitsingenieure und andereFachkrfte fr Arbeitssicherheit (ASiG).Der Artikel 6 der Arbeitsschutzrahmenrichtlinie (89/391/EWG) schreibt dem Arbeitge-ber die Bercksichtigung des Faktors "Mensch" bei der Arbeit vor. Dies gilt insbeson-dere fr die Gestaltung von Arbeitspltzen sowie fr die Auswahl von Arbeitsmitteln,Arbeits- und Fertigungsverfahren, vor allem im Hinblick auf eine Erleichterung beieintniger Arbeit und bei maschinenbestimmtem Arbeitsrhythmus sowie auf eine Ab-schwchung ihrer gesundheitsschdigenden Auswirkungen.Whrend Artikel 6 den Arbeitgeber zu Manahmen der "Verhltnisergonomie" ver-pflichtet (Schaffung Menschen wrdiger Verhltnisse am Arbeitsplatz) richtet sich Ar-tikel 13 (89/391/EWG) an den Arbeitnehmer und verpflichtet ihn nach seinen Mg-lichkeiten fr seine eigene Sicherheit und Gesundheit Sorge zu tragen. Damit wirdder Mitarbeiter unter Bercksichtigung der situativen Arbeitsplatzfaktoren zur "Verhal-tensergonomie" angehalten (dem gesundheitsgerechten Verhalten am Ar-beitsplatz).

    Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Verhaltensergonomie oft die einzige Mglichkeitdarstellt, mit der sich der Mitarbeiter vor einem erhhten Gesundheitsrisiko schtzen kann, undnicht immer stellen derartige Manahmen eine Bankrotterklrung der Verhltnisergonomie dar.Hufig sind die Arbeitsbedingungen durch eingefhrte Arbeitsmittel und Arbeitsablufe so, wiesie schon immer waren und auch bleiben werden, weil technische nderungen an den Arbeits-pltzen zwar prinzipiell mglich, aber oft wirtschaftlich nicht vertretbar sind. Ma